Verschärfte Gedanken I

(Und wieder rotierts im Köpfchen. Form und Inhalt, das rechte Maß, die dicken und die dünnen Krimis. Verschärft Gedanken machen heißt die Nummer, ja, aber mehr als diese verschärften Gedanken kriege ich momentan nicht zustande. Ein paar besonders abwegige gibt es in nächster Zeit hier zu bestaunen. Der erste pöbelt gegen Pieke Biermann – die Strafe folgt auf dem Fuß.]

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Wieder was gelernt

Und wieder geht eine gesicherte Wahrheit den Bach runter. Wer liest eigentlich Krimis? Bisher antwortete man ohne Zögern: Na, linke Vögel, sexuell frustrierte Hausfrauen, alkoholisierte Arbeitslose, von Minderwertigkeitsgefühlen geplagte Angestellte des Öffentlichen Dienstes, durchgeknallte akademische Schreckensmänner, bei denen es für Kafka nicht gereicht und – „imbezile Couch-Potatoes!“, gröhlt vom Redaktionsdiwan der soeben vom „Raven“ eingetroffene, nun „outchillende“ Azubi Jochen. Jetzt aber muss auch die Geschichte der Krimilesersoziologie neu geschrieben werden, der „Westfälischen Rundschau“ sei Dank.

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Die dicken Krimis

In Mailand, habe ich gehört, dürfen jetzt Models, die aussehen wie mit Haut umspannte Kleiderständer, nicht mehr auf den Laufsteg. Weg mit den Hungerhaken, mehr Form, mehr Inhalt, bitte. Gut so. In Deutschland, lese ich gerade, will man übergewichtige Kriminalromane abspecken lassen. So jedenfalls steht es →hier und →hier, ja sogar →dort regt sich Unmut über die Wabbelkrimis und eigentlich ist das so wie in Mailand: mehr Form, mehr Inhalt, weniger Füllstoff.

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Carl Albert Loosli: Die Schattmattbauern

Im vorgeblichen Dunkel der Geschichte des deutschsprachigen Kriminalromans blitzen zwei Werke aus schweizer Federn: Friedrich Glausers „Wachtmeister Studer“ (auch als „Schlumpf Erwin Mord“ bekannt) aus dem Jahr 1935 und „Der Richter und sein Henker“ von Friedrich Dürrenmatt, 1950. Wüssten wir es nicht besser, wüssten vor allem nicht, dass die Leerstellen vor und zwischen diesen Marksteinen keine wirklichen Leerstellen sind, sondern einzig und allein der jahrzehntelangen betrieblichen Blindheit der Forschung geschuldetes Übersehen, dann also könnten wir uns den Spaß erlauben, neben die beiden Menhire, die da aus kriminalliterarischem Flachland wachsen, einen dritten eidgenössischen zu stellen: Carl Albert Looslis „Die Schattmattbauern“ von 1932.

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Friedrich Friedrich

So heißt der wirklich. Friedrich Friedrich, Vielschreiber, Gründungsmitglied des „Allgemeinen Deutschen Schriftstellerverbandes“ und einige Jahre dessen Präsident. Mit der Kriminalerzählung „Im Hause des Fährmanns“ betritt er die →„Criminalbibliothek des 19. Jahrhunderts“, treten auch Sie ein und erleben Sie Serienkiller und sprechende Goldfische, nymphomanische Gerichtsmedizinerinnen und von ihrer Stasi-Vergangenheit traumatisierte Ermittler, die nicht nur Körpersäfte, sondern auch Kochrezepte austauschen. Womit wir gleich wieder 5000 Seitenaufrufe mehr hätten. Wer ne Bude auf’m Markt hat, muss eben schreien, auch wenn alles erlogen ist.

Eleanor Taylor Bland: Fatal Remains

Marty MacAlister, Protagonistin der Bücher Eleanor Taylor Blands, verfügt über etwas, das im Allgemeinen in Krimis keine nennenswerte Rolle spielt: Über ein intaktes Familienleben. Nach dem gewaltsamen Tod ihres Mannes hat sie wieder häuslichen Frieden gefunden und kann, wenn auch die polizeiliche Arbeit ihr dieses nicht leicht macht, ihrer Verantwortung als Mutter gerecht werden.

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Das Perutz-Dilemma

(Wochenanfang. Ihr seid erholt und könnt auch mal einen längeren, etwas komplexeren Text vertragen. Vier Din A 4 – Seiten, die doch nichts weiter sind als Gedankennotiz und vielleicht, vielleicht eines Tages Teil eines längeren, aus Aufsätzen zusammengewürften längeren Textes sein könnten. „Was ist Krimi“, ohne Fragezeichen, ein Gang durch die Historie des Genres in kleinen Schritten. Aber das ist Zukunftsmusik. )

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Dominique Sylvain: Schöne der Nacht

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Es ist eine bewährte Mischung, die Dominique Sylvain in „Schöne der Nacht“ zusammengerührt hat. Eine junge Frau wird grausam ermordet, ein ehemaliger Kriegsfotograf, dessen japanische Frau, eine Künstlerin, vor Jahren auf ähnliche Weise getötet wurde, gerät unter Verdacht, eine Bande junger Männer aus den Banlieues will sich die Träume mit Raubüberfällen wahrmachen, dazu viel Beziehungszauber und ein originelles Ermittlerpärchen: die Ex-Kommissarin Lola Jost und die amerikanische Masseuse Ingrid Diesel, die nebenbei strippt.

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Pykomanie

… ist die zwanghaft auftretende Vorstellung, alles von Pyke Biermann lesen und hören zu müssen. Was man ja verstehen kann (in diesem Zusammenhang sei auch vor der artverwandten Astridis gewarnt!). Alle vier Wochen sonnabends etwa MENSCHEN-ORTE-KRIMINALITÄT im →RBBinfoRADIO 93,1, diesmal also am 6.Januar 2007 um 11:45 Uhr (für alle Extrempykomanen: Wiederholungen um 16:45 und 22:45 und in der folgenden Nacht um 03:45). Diesmal geht es um Mario Gaede, er „bringt Brisantes von Berliner Straßen“, aber nicht Pyke-, sondern Pyro-Produkte, erstere gibt es naturalement im Krimijahrbuch 2007, welches hier zum Vorzugspreis von 16 Euronen geordert werden kann, womit wir das auch mal wieder untergebracht hätten.

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Leif GW Persson: Zwischen der Sehnsucht des Sommers und der Kälte des Winters

Kleiner Krimiwissenstest. Woran erinnert uns das? Zwei Polizisten, verfressen / rassistisch / dumm wie Brot fahren Streife. Genau: Sjöwall / Wahlöö. Und weiter: Die schwedische Polizei ist korrupt, paramilitärisch, neonazistisch, frauen- und ausländerfeindlich. Jetzt wird’s langweilig: schon wieder Sjöwall / Wahlöö. Hat Leif GW Persson eigentlich auch etwas Eigenes zu bieten?
Gute Frage. Doch, hat er, und die S/W-Zitate sind nicht Indiz für schlecht geklaute Einzelteile aus dem klassischen schwedischen Krimimuseum, sie sind grimmige Referenz und nicht weniger grimmiges Abnicken der vom Meisterduo diagnostizierten Gesellschaftsverhältnisse. Wie in den Sechzigern und Siebzigern, so ist es immer noch.

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