Einst bei My Bloody Valentine kamen die Leute und wollten diese Platte umtauschen, weil die CD leiern würde (den Kassenzettel hatten sie natürlich dabei). Erst nach stundenlangen technischen Ausführungen konnten die Timingschwankungen als Stilmittel entlarft werden. Desweiteren gingen die Käufer mit der melancholisch anmutenden Erkenntnis nach Hause, daß es im CD Zeitalter ein Leiern nicht mehr geben kann.
WeiterlesenPat Thomas – New Directions In Music By Pat Thomas: Valium
Irgendjemand hat mir gesteckt, daß der gute Pat Thomas vor den Aufnahmen zum Album „New Directions In Music By Pat Thomas: Valium“ unsanft von seiner Freundin abserviert wurde und sie nun Ex nennen darf. Ob dies der entscheidende Einfluß war oder ob er sowieso neue Wege im Rahmen der Pat Thomas Musik gehen wollte, am Ende steht ein Brocken von Album, an dem man erst einmal zu würgen hat. Da ist nichts mehr von dem Etikett „Neo-Folk“ und den damit verbundenen sanften Harmonien, sondern Pat zeigt uns seine schmutzigen Straßen von San Francisco.
WeiterlesenI could live in a tipi
Wolfgang Schirra und Frank Wagner im Gespräch mit Eleventh Dream Day
Wir treffen Eleventh Dream Day auf ihrer Tour durch Deutschland in einem dieser sozialdemokratischen Kulturzentren der Bundesrepublik, die entweder mit viel Holz und/oder mit viel geschweißtem Eisen gestaltet sind, aber immer doch einen melancholischen Eindruck der Welt vermitteln. Zur Ehrenrettung des Veranstaltungsortes muß jedoch gesagt werden, daß der Konzertraum toll und geschmackvoll ist und der Kaffee heiß und stark ist.
Eleventh Dream Day sitzen hinter uns am Tisch und verspeisen mit der Vorgruppe Freakwater die obligaten Pastagerichte in solchen Café-Restaurant-Bistro Einrichtungen. Na ja, wollen wir sie mal noch zu Ende essen lassen und setzen uns an die Theke. Würden sie am Tisch nicht englisch reden, würden sie in diesem Post-Hippie, Post-Grunge und Post-BritPop Ambiente nicht auffallen. Nach : „Noch drei Expresso für die Band“ trollen wir uns an den Tisch, wo mittlerweile nur noch Dough McCombs (Bass) und Janet Beveridge Bean (Schlagzeug, Gesang) von EDD sitzen. „Klar könnt ihr ein Interview haben“, sagt der blonde Sonnenschein Janet Beveridge Bean von der anderen Seite des Tisches und auch Dough McCombs rückt näher. Mr. McCombs übrigens mit buntem Tatoo auf dem rechten Arm, was gar nicht arty wirkt, eher Rock´n Roll statt Kunstakademie.
Eleventh Dream Day sollten 1995 zusammen mit Sea and The Cake und Tortoise im Dreierpacket in Deutschland spielen, was dann allerdings krankheitsbedingt abgesagt werden mußte. 1997 kommen die sie nun mit dem neuen Album „Eighth“ (City Slang/EFA) im Rücken zusammen mit Freakwater auf Tour. Freakwater ist eine schnuckelige Countryband bei der Janet Beveridge Bean Gitarre spielt und singt.
Wie läuft die Tour?
Janet: Ja es läuft ganz gut, es macht eine Menge Spaß nach 4 Jahren wieder mit EDD auf Tour zu gehen. Die Besucherzahlen variieren stark. Mal sind es viele, mal weniger. In den größen Städten haben wir mehr Zuschauer. Vor allem für Rick (Rick Rizzo – Sänger, Gitarrist und Songschreiber bei Eleventh Dream Day) ist es wichtig mal wieder live zu spielen, Dough und ich waren ja mit Tortoise und Freakwater unterwegs. Vor allem Ricks Gitarrenspiel lebt von der Live-Atmospähre, weil er sehr emotional spielt. Er ist niemand, der sich im Studio einsperrt und rumtüfftelt.
Was werden wir heute abend von euch hören? Wollt ihr den Leute eine Party bieten oder geht es euch mehr darum das neue Album zu promoten?
Janet: Es ist gar nicht so die Sache die neue Platte zu promoten, uns kommt es vor allem darauf an seit Jahren mal wieder live zu spielen, vor allem Rick braucht das. Dough: Also ich hab total viel Lust heut abend zu spielen.
Arrangiert ihr eure alten Songs neu oder spielt ihr sie immer gleich?
Dough: Wie gesagt Rick spielt ziemlich emotional und improvisiert auch, aber wir haben schon ein festgelegtes Schema nach dem wir die Songs spielen.
Ich (Frank) hab zuletzt ein Interview mit Yo La Tengo gemacht, die haben auf ihrer neuen LP einen Song der heißt „We´re An American Band“. Im Gegensatz zu dem Grand Funk Railroad – Song beschreiben sie ihr Tourleben mit „langweilig, ständig im Tourbus rumhocken, nichts passiert“. Sieht das bei euch auch so aus?
Janet: Also wir finden es ganz nett so durch die Gegend zu fahren, heute waren wir spazieren, nach drei Tagen Regenwetter hat ja heute mal wieder die Sonne geschienen, wir waren auch einkaufen. Und zu dem Grand Funk Railroad Song – es ist nicht so mein Ding Dope zu rauchen…..
Dough: …und Hühner abzuschleppen
Janet: …. du sprichst hier nur für dich! Na ja wir werden auch älter, wenn man jünger ist, ist das was anderes. Also das sehen wir dann eher so wie Yo La Tengo.
Dough, du hast doch die Yo La Tengo Remix CD gemacht!
Dough: Ja, hab ich. Wie ist denn übrigens deren neues Album („I can hear the heart beating as one“)?
Also ich (Frank) finde halt , die können gar nichts schlechtes rausbringen, die Platte erinnert mich auch sehr an eure Scheibe, die ja auch viele unterschiedliche Stimmungen hat.
Janet: Wir haben ja schon häufig mit Yo La Tengo zusammen gespielt, ich finde allerdings das Gitarrenspiel von Ira (Kaplan) und Rick unterscheiden sich doch stark. Rick spielt viel emotionaler als Ira, Rick hält sich gar nicht an normale Akkorde. Er spielt z.B. ein G-Dur immer anders, wie dies normale Leute tun. Ira spielt da eher vom Kopf her.
„Eighth“ das Album – Nach diversen Trennungsgerüchten war es schon eine Überraschung, als die neue Platte von Eleventh Dream Day in den Regalen stand. Die Qualität des Albums war natürlich, was nicht überraschte, gut. Eine gewisse düstere Zerissenheit präsentierend, spiegelt das Album sowohl den inneren Zustand der Band wieder und ist gleichzeitig Ausdruck der musikalischen Suche einer älter werdenden amerikanischen College-Rock-Band. Während Dough McCombs bei Tortoise und Janet Beveridge Bean bei Freakwater ihre Standbeine und Seelenheil wohl gefunden haben, ist Rick Rizzo musikalisch stärker festgefahren. Dazu ein interessantes Zitat von Rick Rizzo (aus dem Heft des örtlichen Veranstalters), den wir leider nicht persönlich sprechen konnten.
Rick Rizzo : „Eighth is the end of a line, fini, insult , intolerance, ignorance, frustration – and coming to terms with it all. I figure the next record has to be about rebirth and EDD goes back to being a garage band. Or not.“
Wie ist eure Meinung über das neue Album?
Janet: Es sind halt immer Erlebnisse die man da so verarbeitet. Ein Konzept hat es da nicht gegeben. Jeder hat so seinen Teil dazu beigetragen. Dough hat z.B. den 2. Song auf dem Album („Writes A Letter Home“) hauptsächlich gemacht, Rick hat dann einen Gitarrenriff dazugespielt, den er seit 2 Jahren ständig im Schlafzimmer spielt.
Wir haben in unserer Radiosendung von eurer neuen Platte den Titel „Two smart cookies“ gespielt, haben wir da eurer Meinung nach den richtigen Titel gewählt?
Janet: Wenn wir eine Band wären, die einen Hit haben könnten, dann wäre wahrscheinlich „Two smart cookies“ so ein Hit. Aber ich glaube wir sind keine Band, die überhaupt einen Hit haben können (Ha Ha Ha).
Ich (Frank) finde eure Platten kann man sehr gut am Stück hören weil sich langsame Nummern mit härteren abwechseln und auch mal ein Instrumentalstück kommt.
Dough: Ja sehe ich genauso, ich finde es macht am meisten Sinn die Platte am Stück zu hören.
Wie wichtig ist für euch eine eine feste Band? Ron Wood von den Rolling Stones hat mal gesagt, daß sie zunächst einmal ein Rolling Stone sind und erst dann Mr. Wood, Mr. Jagger, Mr. Richards und Mr. Watts. Was bedeutet es für euch in einer festen Band zu spielen, was bedeutet speziell EDD für euch.
Janet: Ich glaub der Vergleich mit den Stones ist etwas unpassend, die Stones arbeiten ständig, während wir mit anderen Dingen unser Geld verdienen müssen. Nein wir sind zuerst Individuen und erst dann irgendwann einmal EDD.
Das Buisness-1990 wurden Eleventh Dream Day von Atlantic Records unter Vertrag genommen, also bei dem Label, wo sowohl Ray Charles und John Coltrane Musikgeschichte schrieben und mit AC/DC und Led Zeppelin in den 70 ern so richtig Geld verdient wurde. Eleventh Dream Day machten mit „Bleet“ 1990 und „El Moodio“ 1993 ihren Job und schrieben klasse Rockhymnen, kommerziell kam weniger raus. Atlantic brachten es anscheinend nicht fertig sie an dem gewachsenen Alternativkuchen zu beteiligen, der spätestens mit Nirvanas „Nevermind“ 1991 für viele Bands aus dem College-Rock-Bereich erreichbar wurde. Mit den beiden Alben „Ursa Major“ (1994) und zuletzt „Eighth“ (1997) kehrten sie mit City Slang zu einem kleineren Plattenlabel zurück, wo sie weiterhin Insider erfreuen und dem großen Publikum verschlossen bleiben.
Ihr ward bei Atlantic Records einem Major-Label und seit jetzt City Slang einem kleineren Label. Die Alben, die bei Atlantic Records erschienen sind, waren meiner Meinung (Wolfgang) nach rockiger mehr auf einen Hit hin arrangiert. Die Alben bei City Slang sind demgegenüber experimenteller. Welchen Einfluß haben Plattenlabels auf das Resultat, also auf die Platte, die dann aufgenommen wird?
Dough: Also eine Plattenfirma schreibt ja keinen Song. Ich mag an EDD gerade die Unabhängigkeit gegenüber der Plattenfirma und allem anderen. Für uns spielt es musikalisch keine Rolle bei welcher Plattenfirma wir sind. Ansonsten sind wir schon froh daß wir von Atlantic weg sind, wir hatten da zwar ein größeres Budget um eine Platte zu machen, aber auch viel Scherereien.
Findet ihr nicht auch , daß die Platten die auf Atlantic rauskamen doch recht unterschiedlich zu den Platten auf City Slang sind?
Janet: Ja findest du, find ich gar nicht. So ist z.B. beim letzten Song der Platte – heißt der „Last Call“ … ?
Dough: … ja!
Janet: … der Gitarrenriff dergleiche, wie bei „Figure it Out“ (von der Platte El Moodio). Also für mich unterscheiden sich die Platten bei den unterschiedlichen Plattenfirmen nicht so sehr.
Könnt ihr überhaupt ein bißchen Geld mit eurer Musik verdienen? (Ha Ha Ha ziemlich unnötige Frage!)
Janet: Ja ich könnte davon in einem Tipi leben. Also wir machen die Musik nicht wegen des Geldes, da ist nicht viel zu verdienen. Rick hat zum Beispiel noch drei andere Jobs neben Eleventh Dream Day.
Dough: Ich lebe zur Zeit hauptsächlich von den Sachen mit Tortoise, das geht ganz gut.
Janet: Also ich hab ziemlich viel Zeit, bin natürlich zunächst einmal Mutter und Hausfrau und koch jeden Tag das Essen. Wir mußten Rick geradezu überreden auf Tour zugehen. Ich hab dann gesagt es ist doch egal, du verdienst in den drei Wochen Europa mindestens genausoviel wie in Amerika und den Europatrip gibt´s kostenlos dazu.
Spielt ihr vielleicht deswegen in mehreren Bands um dadurch etwas mehr Geld zu verdienen?
Dough: Nein auf gar keinen Fall, wir machen die Sachen weil sie uns Spaß machen.
Janet: Bei mir ist es halt so, daß ich es toll finde zu den Songs von Catherine (von Freakwater) zu singen. Das macht mir übrigens viel mehr Spaß als bei EDD Schlagzeug zu spielen, weil ich beim Singen ständig Fortschritte mache, während beim Schlagzeugspielen eher ein Stillstand festzustellen ist. Diese Rock´n Roll Attitude ist im Alter von 20, 25 in Ordnung gerade, wenn man sich von seinen Eltern und von deren Generation abgrenzen will. So langsam krieg ich mit dieser Haltung allein vom Alter her meine Probleme, das Schlagzeugspielen macht deswegen immer weniger Spaß. Ich hab von den Rolling Stones ein Video gesehen „Rock and a Hard Place“ da ist Keith Richards in einer furchtbaren Lederjacke zu sehen, sonst ist er ja eher gut gekleidet, aber das wirkte schon merkwürdig. Western und Country Musik kann man dagegen sein ganzes Leben lang machen. Wenn man z.B. Jonny Cash nimmt, der steht da oben mit seinem schwarzen Anzug und seine Gitarre und spielt seine Songs, das kann man dann auch noch mit 80 machen.
Bei Mo Tucker funktioniert das aber mit dem Schlagzeugspielen mit knapp 50 Jahren noch ganz gut.
Janet: Ja die ist ja auch eine Legende bzw. Teil einer Legende namens Velvet Underground, das zählt nicht. Wir waren gestern abend bei den alten Männern von The Who und haben Quadrophenia gesehen. Sagt mal einen Satz zu den Who, sollten die das besser lassen oder findet ihr das o.k.?
Janet: Ja Rick ist ein großer Who Fan, ich hab dazu keine Meinung.
Dough: Es ist ein Problem einen Song wie „My Generation“ am Leben zu halten, weil man sich doch weiterentwickelt und das Lebensgefühl der 60er und 70er eben nicht mehr hat.
* * *
Diskographie :
- Eleventh Dream Day (Amoeba Records, 1987)
- Prairie School Freakout (Amoeba Records, 1988)
- Beet (Atlantic Records, 1989)
- Borscht (Atlantic Records, 1990)
- Lived to Tell (Atlantic Records, 1991)
- El Moodio (Atlantic Records, 1993)
- Ursa Major (Atavistic Records/City Slang Records,1994)
- Eighth (City Slang Records, 1997)
* * * * *
Mark Eitzel: West
Zur Beruhigung vorneweg: Obwohl Mark Eitzel bei seinem zweiten Soloalbum eng mit R.E.M.-Gitarrist Peter Buck zusammenarbeitete, klingt die Platte nicht nach Michael Stipe und Konsorten. Trotz Eitzels Aussage, er habe mit der Musik auf „West“ praktisch nichts zu tun gehabt und sei qasi nur der Sänger, ist die CD ein unverkennbar typisches Eitzel-Werk geworden. Die Einflüsse der Gastmusiker sind zwar zu erkennen, dennoch bleibt sich der Sänger und Songschreiber des American Music Club treu.
Dies gilt in erster Linie für die von ihm verfaßten Lyrics, trifft aber auch auf die Musik zu, was zeigt, daß Peter Buck sensibel genug war, Mark Eitzel nicht mit Songs zu überschütten, die seinem künstlerischen Charakter entgegenlaufen.
WeiterlesenMystery Double Feature
In Sachen Mystery tut sich 1997 eine ganze Menge. Nachdem Pro7 mit Akte X den Boden bereitet hat, versuchen die restlichen Privaten mit ähnlichgearteten Serien aufzutrumpfen und auch themengleiche Talkshows zu lancieren: Profiler, Sentinel, Talk X, usw. – mit recht unterschiedlichem Erfolg. Die X-Files haben einfach Maßstäbe gesetzt, die andere erstmal erfüllen müssen.
WeiterlesenGo West, Old Man!
Ein Interview mit Mark Eitzel; von Mike Lehecka und Kai Martin
„It’s the end of the world as we know it“, dachten sicher die meisten treuen Fans von Mark Eitzel, als sie hörten, daß R.E.M.-Gitarrist Peter Buck der musikalische Partner auf dem zweiten Solo-Album ihres melancholischen Lieblingssängers sein würde.
Was ist wohl zu erwarten von der Kooperation eines zwar brillanten, aber düsteren und spröden Singer/Songwriters mit einem notorischen Gastmusiker, der mit seiner megaerfolgreichen Band mal einen Superhit mit Namen „Shiny Happy People“ hatte?
Wer beeinflußt da wen, und vor allem: wie? Verliert Eitzel seine ernste und pessimistische Aura? Wird er so peinlich wie Michael Stipe, der Sänger von R.E.M, und kippt den Sinn seiner Texte zugunsten bedeutungsschwangerer Symbolik über Bord? Ist Peter Buck am Ende der Aufnahme-Sessions so frustiert, daß er sich eine seiner 25.000 E-Gitarren in den Bauch rammt und daran verblutet?
WeiterlesenTosca: Opera
Bei Tosca handelt es sich um ein Side-Projekt von den mittlerweile wohl hinlänglich bekannten Secret-Agents aus Wien, Peter Kruder und Richard Dorfmeister. Letzterer versüßt uns jetzt das Warten auf den ersten Kruder und Dorfmeister Longplayer mit einer Zusammenarbeit mit einem gewissen Rupert Huber. Konnte man nach den beiden Maxis „Fuck Dub“ und „Chocolate Elvis“ schon auf Großes hoffen, fällt das Ganze auf LP-Länge schon ein wenig ab. Was nicht bedeutet, daß hier langweilige konventionelle Hausmannskost geboten wird! Nein, vielmehr wird hier einfach „nur“ der hohe Kruder + Dorfmeister Standard gehalten. Vielleicht war man einfach nur zu verwöhnt, denn den beiden gelang es ja fast schon mit jeder Veröffentlichung noch eins draufzusetzten. Gerade Richard Dorfmeister wußte mit seinen letzten Veröffentlichungen auf Sabotage „The 12.000 feet EP“ und der darauf enthaltenen Neudefinition von Big-City-Soul („Jetlag“) extrem zu begeistern. Die Latte lag also doch schon sehr hoch.
WeiterlesenNobody’s Listenin‘
Zum Tod von Ronnie Lane
Bis in die frühen 1990er Jahre hinein schien ein Song seines Albums „One For The Road“ unabwendbare Gültigkeit zu besitzen: Nobody’s Listenin‘. In seiner englischen Heimat hatte man den kleinen Sänger, Songwriter und Bassisten mit dem verschmitzten Grinsen eigentlich längst vergessen. Ronnie Lane war 1984 in die USA übergesiedelt, um (klimatisch) angenehmere Bedingungen für sein Leiden – er erkankte in den späten 70ern an Multipler Sklerose – zu finden.
In der texanischen Musikszene blieb er sogar – trotz seines Handicaps – recht aktiv, und er genoß die Wertschätzung, die ihm, dem Gründer der legendären britischen Modband THE SMALL FACES und den daraus hervorgegangenen Party-Rockern THE FACES, ausgerechnet hier von vielen Musikern entgegengebracht wurde.
WeiterlesenMaxim Biller – Land der Väter und Verräter
Die Tempojahre sind vorbei für Maxim Biller, das klang bereits 1990 an, als seine Erzählungen ‚Wenn ich einmal reich und tot bin‘ erschienen sind, spätestens jedoch 1991, als eine Reprise seiner Texte aus TEMPO unter dem Titel ‚Die Tempojahre‘ erschienen ist, war es offenkundig geworden. Inzwischen ist TEMPO tot – Maxim Biller lebt. Das stellt er unzweifelhaft klar in seinem Buch Land Der Väter Und Verräter, das mit dreijähriger Verzögerung nun seinen Weg als Paperback über die Ladentheken antritt.
Was ist nun aus dem zynischen jungen Autor mit der großen Klappe geworden, der inzwischen, mit 37, die wilden Jahre hinter sich und die Midlife-Crisis vor sich haben müßte? Schwer zu sagen. Gerüchten zufolge schreibt er in Richtung Klagenfurt. Das Wesen von Gerüchten ist allerdings auch, daß sie eindimensionale ‚Wahrheiten‘ beinhalten, daß ihre Aussage solange stimmt, bis man länger darüber nachdenkt und ein „aber . . .“ dranhängt. Aber, so einfach wie die Autoren von Gerüchten macht es sich Biller nicht. So wie er sich bereits als Temporedakteur ständig zwischen die Stühle der Popfraktion und der etablierten Kultur-Intelligenzia gesetzt hat, so setzt er sich jetzt, da er sich seiner Situation als deutscher Jude immer bewußter wird, immer noch zwischen die Stühle. Nur die, die nun rechts und links von ihm sitzen, haben sich verändert. Seine Geschichten drehen sich jetzt um Opfer und Überlebende, um Sieger und Besiegte, um Deutsche und Juden. Weil er ein waches Auge hat, schreibt er von Begebenheiten, wie sie im täglichen Leben anzutreffen sind, ohne Gebrauchsanleitung für Gut und Böse. Weil er dazu auch noch schreiben kann, tut er dies auf die ihm eigene Art: entlarvend, manchmal zynisch und immer faszinierend.
Maxim Biller ist von einem Redakteur zu einem Autor geworden, dem es gelingt, schwerverdauliche Themen anzugehen, und lebensnah zu schildern, ohne in hermetischen Innenwelten gegen Wände zu laufen oder sich in affektierte Klugscheißerei zu ergehen. Endlich mal wieder ein Beweis, daß anspruchsvolle Literatur nicht wehtun muß.
Maxim Biller
Land der Väter und Verräter
dtv 19,90 DM
ISBN 3-423-12356-7
Interview: Die Krupps
…auf dem Weg ins Paradies?
„Paradise Now“mit diesem euphorischen Schlachtruf ziehen „Die Krupps“ zur Zeit zu Felde! Bei allen kritischen und engagierten Tönen haben sie sich ihren Optimismus bewahrt – zu recht: nach 17 Jahren und 10 Alben drückt sich ihr konstantes Wirken inwischen auch in ansehnlichen Verkaufszahlen aus, der wahre Wert der Band läßt sich daran natürlich nicht ermessen! Katja Preißner sprach mit Jürgen Engler
WeiterlesenWallace & Gromit – Unter Schafen
Nick Parks Karriere als Regisseur begann still und heimlich. Zuerst drehte er Werbespots für britische Energieversorgungsunternehmen, dann einen Videoclip für Peter Gabriel und erst danach entstand sein erster längerer (46min) Film „A Grand Day Out“ (dt. „Alles Käse“), der prompt einen Oskar gewann. Zu verdanken hatte Nick Park dies vor allem seinen Hauptdarstellern Wallace & Gromit, zwei, mit verlaub, sehr britischen Knetfiguren.
Für alle, die nicht genug bekommen können, die den Wallace&Gromit Radiowecker, das T-Shirt und den Teapot schon haben, gibt es nun auch das Buch. Es gibt zwar keine neuen Einsichten in den Plastilinkosmos der beiden Lebenskünstler und Käseliebhaber, dafür werden aber die bewegensten Momente aus den Filmen „Unter Schafen“ und „Die TechnoHose“ noch einmal vor Augen geführt. Es lindert die grausame Wartezeit auf das hoffentlich kommende nächste Filmabenteuer der beiden.
Nick Park WALLACE & GROMIT Unter Schafen und andere Abenteuer Ehapa 19,90 Mark ISBN 3-7704-0213-8
D-Age – Smalltown Boy
Bronski Beat mochte ich eigentlich nie, und die Kastraten-Stimme von Jimmy Somerville habe ich sogar regelrecht gehaßt. Darum habe ich auch erwartet, daß eine Coverversion von „Small Town Boy“, dem Riesen-Hit von Bronski Beat, zumindest um diesen Faktor besser sein muß.
Ist aber nicht so. D-Age aus Berlin ersetzen die Quietschstimme durch einen dramatischen Heuler und machen auch sonst nichts richtig. Dunkel und pathetisch, so muß er sein, der Hauptstadt-Beat. Für alle, die mal wieder richtig deprimiert werden wollen.
Die Single-Connection II
Im Zeitalter der digitalen Tonerzeugung und Tonverarbeitung hat die CD das Vinyl massenmäßig längst verdrängt. Ein Relikt der vergangenen Zeit ist demzufolge auch die Single (Übers.: kl. Schallplatte). Trotzdem hat sich der Begriff aus der Vinylzeit auch in das CD-Zeitalter gerettet. War die Vinyl-Single ganz klar eine Scheibe mit zwei Liedern und auf 45 abzuspielen, so werden unter dem Begriff CD-Single ganz unterschiedliche Formate und Produkte zusammengefaßt. Gemeinsam ist ihnen die Größe, die der eines CD-Albums entspricht, dies aber auch nur, weil sich die 3-Inch-Mini-Single auf CD nicht durgesetzt hat. Die Singles von Rockers Hi-Fi, Blur, Fun Lovin´Criminals, Dinosaur Jr. und den Radar Bros. zeigen wie bunt die Single-Welt sein kann.
WeiterlesenNo Way Sis – I’d like to teach the world to sing
Sie sehen aus wie OASIS (oder auch nicht), gucken genauso arrogant gelangweilt in die Kamera und klingen auch genauso wie ihe Vorbilder (Hut ab vor dem Produzenten!). NO WAY SIS sind vornehmlich eine OASIS-Coverband und füllen derzeit ohne große Mühe jede students union in Großbritannien.
WeiterlesenBlur – Beetlebum

„Beetlebum“ ist kein Knaller á la „Parklife“ oder „Boys and Girls“ und ist auch nicht so bombastisch (brit)poppig wie „Country House“. Der Song hätte problemlos auf der „Parklife“-Vorgänger „Life is rubbish“ gepaßt. Er ist viel gitarrenlastiger als die drei obengenannten Songs, poppig, aber charmant spinnert. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werden BLUR mit „Beetlebum“ nicht die britischen Chart-Spitzen erobern. Vielleicht gelingt es ihnen aber durch ihren „neuen“, etwas verschrobenen Weg, eine „Class of it’s own“ zu werden.
WeiterlesenMore Rockers – 1,2,3 Break / Dis Ya One
Auch wenn der ein oder andere Snaredrum-Sound schon ein wenig verstaubt klingt: die neuen Breakbeats von den More Rockers aus Bristol hüpfen, sind fett produziert und erzählen von einer Leidenschaft beim Produzieren, die niemals zu einem Sich-zu-ernst-nehmen der Produzierenden führt. Deshalb eine willkommene Pause von den apokalyptischen Techstep-Sachen (für die mein Puls auch freudig schlägt). Das hier ist eben mehr so Party im älteren Sinne.
Gus Gus – Believe
Junge, gutgekleidete Menschen aus Island machen Funk mit viel Distanz zum Funk. Das schwingt und schickt anschauliche Sounds her; manchmal wirkt es auch schon wieder zu besserwisserisch und ausgedacht. Wie zum Beispiel der unterkühlte Gesang, der schlichtweg langweilig ist.
WeiterlesenCrustation – Purple
Streifzug durch den Wald im Frühjahr: die Baume schlagen aus, und Crustation trällern ein hübsches Liedchen Pop mit Dub-Bearbeitung dazu. Wer das am 1.Mai auswendig kann, wird allen ein harmonisches Picknick bescheren. Für den B-Boy ist ein schon schlapper A Tribe Called Quest-Remix dabei.
Photek – Ni-Ten-Ichi-Ryu
Wie haben Sie das gemacht, Herr Photek? Obwohl dieser Mann ganz offensichtlich an den Brüchen und Pausen interessiert ist und man gerade bei ihm schon lange nicht mehr von „Mustern“ reden kann, sind diese beiden neuen Stücke so zwingend tänzerisch wie die bewegendsten Jump Up-Maxis aus Bristol. Genauso aber kann sie jemand in Anspruch nehmen, der/die sich schon immer ein tiefgründiges Wissen über Rhythmik aneignen und sich eigentlich ein Buch darüber kaufen wollte. Hier erfahren Sie mehr.
Laika – Breather
Ah, Laika, ah, Atmen. Und zwar Atmen wie bei den Fischen: die ganze Welt wie ein verführerischer Strudel reinziehen, wieder rauslassen, und das alles so schnell, daß es keiner mitkriegt. Dabei blicken Laika wie Fisch teilnahmslos in die Welt, als würde nichts weiter passieren bei diesem ungemein energetischen Treiben. Das machen sie aber extra, um sich selbst mit der Einbildung zu trügen, alles sei ganz entspannt und nicht der Rede wert. So ist Breather also eine hervorragende Selbsterklärung Laikas, und verdammt gute Musik sowieso. (Die Süddeutsche Zeitung würde nicht um die Beschreibung „…die Lunge Laikas…“ umhin kommen.)
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