Ich drücke mich ja selten vor einer Besprechung, aber diese hier macht mir zu schaffen. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende eines großen Energiekonzerns schreibt einen Krimi über die neue Vorstandsvorsitzende eines großen Energiekonzerns. Der Verlag nennt das Buch einen „Wirtschaftskrimi“, was korrekt ist, aber ein „Krimi“ ist dieses Buch dennoch nicht. Es geht um Verbrechen, auch um Mord, es geht um Intrigen und die vielen sonstigen Sauereien, von denen man auch dann zu wissen glaubt, wenn man kein ehemaliger Vorstandsvorsitzender ist. Und genau da liegt mein Problem: Ich bin nach der Lektüre des Buches genauso schlau oder dumm wie zuvor. Es stand genau das drin, was ich erwartet habe und das kann nur bedeuten: Ich hätte dieses Buch erst gar nicht zu lesen brauchen oder aber: Der Autor bestätigt nur meine Vorurteile, warum auch immer.
Manfred Wieninger: 223 oder Das Faustpfand
223. Eine Zahl, hinter der sich alles verstecken kann. 223 „Likes“ bei Facebook, 223 Versuche, die Eurokrise zu bewältigen, 223 saftige Leichen in einem hammerharten Krimi. Oder auch, bleiben wir beim Kriminellen: 223 Menschen, Frauen wie Männer wie Kinder wie Alte, nachts durch eine österreichische Ortschaft getrieben, zu einem Graben, in einen Graben, dann hallen Schüsse durch die Nacht, dann gießt man Benzin über die Toten und Sterbenden, dann ziehen Brand- und Leichengeruch durch die Ritzen der Häuser. Es ist Anfang Mai 1945. Die Russen sind nur noch wenige Kilometer entfernt, man hört schon die Kanonen, man sieht die „Christbäume“, mit denen alliierte Kampfbomber sich die besten Plätze für ihre tödliche Fracht aussuchen. Sonst geht das Leben irgendwie weiter. Auch für den Revierinspektor Franz Winkler aus Persenbeug an der Donau. Doch als er an diesem Morgen nach dem Massaker an 223 Juden erwacht und zum Tatort kommt, ändert sich alles. – Und gleichzeitig ändert sich nichts.
Die Großen, die Kleinen und das Knirschen im Gebälk
Die Welt ist inzwischen so kompliziert geworden, dass man nicht mehr über sie reden kann. Natürlich redet man über sie, mehr als je zuvor. Es sind Kamingespräche von selbsternannten Universalisten, Durchblickern und empörten Aufrufern, die, schaut man genauer hin, vielleicht Koryphäen der Geschichte des deutschen Postwesens im 17. Jahrhundert sind, sich aber aufführen, als beanspruche das gesamte Weltwissen nur ein moderates Kämmerchen in ihren gigantischen Gehirnen, wo lockere Themen wie Finanzkrise, Urheberrecht und Klimawandel ebenso locker verhandelt werden, um hernach als handliche Gebrauchsanweisungen in die Welt zu eruptieren. Aber das nur nebenbei. Es ist der Rahmen, in dem sich die Geschichten, ob Tragödien oder Komödien, abspielen, die großen wie die kleinen, und von einer kleinen wollen wir kurz berichten: dem Krimi.
WeiterlesenEin Buchprojekt im Geist der Zeit
Liebe Verlage, dieser Plot wird euch interessieren! Guido Menke, führendes Mitglied der PIRATEN, engagiert sich leidenschaftlich gegen das Urheberrecht, seit er auch im 65. Anlauf, ein Buch zu schreiben, gescheitert ist. Eines Tages wird der streitbare Politiker tot zwischen seinen Laptops aufgefunden. Mit einem WagenHEBER erschlagen, im Popo des Toten findet sich ein altes chinesisches UHRwerk… Kommissar Fallzu ermittelt… Ich kann Ihnen dieses Werk in den Lektürefarben „Regio“, „Noir“, „gesellschaftsrelevant“ sowie „literarisch“ (gegen Aufpreis) anbieten sowie alternativ für „beginning readers“, „advanced readers“ und „Realschüler“.
WeiterlesenWas nicht gesagt werden muss, aber halt mal gesagt wird
Ach, nur mal en passant, und keine Angst, ich verlinke den Käse auch gar nicht. Eigentlich ist es an dieser Stelle zudem überflüssig darauf hinzuweisen, dass es Krimiblogs gibt, diesen hier seit über sieben Jahren (und dabei ist er, hallo Ludger, nicht einmal der älteste), aber mag sein, dass sie Bekannte oder Kinder haben, die nach Lektüre angedeuteten Käses glauben, mit deutschen Krimiblogs im Netz sei es nicht weit her, nur weil dieser Mann, der seit Jahren wie Falschgeld durchs Digitale rollt, das behauptet hat.
WeiterlesenZu keiner Zeit wissen, was los ist
Doch, der Herr Klingenmaier von der „Stuttgarter Zeitung“ weiß schon, was mit dem „Boten“ und seinem Autor los ist: „Rudolph hält nicht nur ein Kabel der historischen Kriminalerzählung an ein Kabel der Science-Fiction und freut sich über den Funkenflug. Er stellt noch einen anderen literarischen Kurzschluss her. „Der Bote“ ist wohl die bisher konsequenteste Hommage an die Provinzgeschichten Arno Schmidts diesseits der Satire.“ Hui, wenn das Schmidt hört, krieg ich demnächst im Elysium was zu hören… Und den Schluss der Rezension noch, weil er so schön ist und sowieso nicht im Netz steht: „Rudolph unterminiert die Gewissheit, ein Krimi bewege sich vom Rätsel zur Aufklärung. Je mehr er aufklärt, desto rätselhafter wird alles, bis die Erzählung im Surrealen angekommen ist, als sei diese einfache Welt die Schleife eines Computerspiels. Was nun abstrakt klingen mag, aber höchst vergnüglich zu lesen ist.“
Alles umsonst!
So langsam wird es Zeit, mal all die Zettel und Aufsätze und den sonstigen Krempel zum Krimi ein wenig zu ordnen. Ganz modern natürlich in schönen E-Book-Ausgaben, als PDF und / oder EPUB. In seiner ersten Lieferung versammelt der Autor die 150 Haupt- und zahlreichen Nebenzettel des Was-ist-Krimi-Projekts sowie alle weiterführenden Texte, darunter ein längeres, ansonsten nicht mehr zugängliches Elaborat („Schlechter Krimi Wirklichkeit“) sowie eine launige, bislang unveröffentlichte Erzählung zu William Turner und seinen merkwürdigen Bildern. Alles in allem über 80 Druckseiten, ab sofort verfügbar als PDF und EPUB (bei letzterer Ausgabe machen die eingebundenen Bilder je nach Lesegerät ein paar Schwierigkeiten, ist eben ne altertümliche Technik, bitte Erfahrungsberichte), natürlich völlig kostenlos und unverbindlich, wird einem hier ja sowieso alles geklaut im Netz. Ich bitte um →kurze Nachricht, schon kommt das gewünschte Teil.
Christine Lehmann: Totensteige
Vorweg: Das ist kein Roman über die Finanzkrise, das Eurorettungskarussell oder einen zu lockeren Bundespräsidenten, der waidgerecht zur Strecke gebracht wird. Und weil er das nicht ist, ist er genau das: Ein Roman über den Mechanismus, der solchen Dingen innewohnt, sie antreibt, manchmal erst erschafft. Sagen wir also: Christine Lehmanns „Totensteige“ ist ein fundamentaler Roman, in einigem sogar ein fundamentalistischer, der keine literarische Ideologie neben der kriminalliterarischen duldet. Und diese Ideologie zugleich gnadenlos vorführt. 537 Seiten lang.
Es werde Licht
So. In wenigen Stunden wird bei Amazon der erste Titel der Reihe „Criminalbibliothek des 19. und frühen 20. Jahrhunderts“ für moderate 99 Cent (ungefähr…) verfügbar sein. „Das wandernde Licht“ von Ernst von Wildenbruch ist eine 1893 erschienene Novelle und eines der ganz frühen Beispiele für „psychologische Krimis“. Der Text wurde zeichengetreu neu gesetzt und vom Herausgeber mit einem Glossar sowie einem ausführlichen, auch die historischen Umstände erklärenden Nachwort versehen. Ich hätte den Titel gerne kostenlos abgegeben, das funktioniert aber leider nicht, weil Amazon das für sog. „gemeinfreie Titel“ nicht vorsieht.
Kalenderblatt. Beinahe ein Prosagedicht
Tag des Urheberrechts. Heute erwacht Marie-Luise Herzogenbroich-Krempscheid voller Tatendrang und Kampfeslust. Sie wird sich artikulieren, die Finger in sämtliche Wunden legen, den Pharisäern die Leviten lesen, den zum ewigen Fegefeuer Verdammten zurufen: TUT ES NICHT, LASST AB! BLEIBT SAUBER! BEZAHLT! Ja, sie wird es tun voller Inbrunst, denn: In ihren Albträumen hat sie das Armageddon erblickt, die Maginotlinie des Copy & Paste, die Killing Fields des Kreativen, den Schlachthof der Träume von Reibach und Ruhm. Millionen von Dieben, die Raubfinger am klickbereiten missbrauchten Tier, der unschuldigen Maus, nur eines im Sinn: für umme downloaden. Und was, oh Zeus? Natürlich IHREN Roman! Klebebindung, kein Lesebändchen, Erstauflage 300 Stück: „Bitterlich sollst du mir büßen – ein Iserlohn Krimi“. Oh, welch schreckliche Vision! Millionen von Dieben! Die sich in ihr intellektuelles Verderben stürzen, nur einen Mausklick entfernt und doch ein Abgrund der gerechten Strafe.
Tag 114
Ja, das waren die analogen 80er (I suppose). Da schickt eine Band clevererweise einen Gruß auf Band auf dass der Sender ihn spiele und dadurch den Bekanntheitsgrad der Grüßenden mehre. Gut gedacht, aber leider nicht gut genug. Dadurch, dass sie nicht die einzig gute Musik spielende Sendung grüssten, sondern gleich den ganzen Sender hatten wir von der tollen Sendung mit der guten Musik auch gar kein Interesse daran, diese Grüße zu senden. Und die anderen Wellen und Sendungen hatten schlicht kein Interesse an Musik a la Invisible Limits. Dumm gelaufen. Oder eben nicht.
Sternenbote
Schön, wenn Sonntagnachmittage so enden: „Fazit: Sehr spannender und ungewöhnlicher Krimi, weitab vom Mainstream. Ich bin begeistert.“ – Schreibt Claudia Junger über „Der Bote“ und, hm, ich glaube, sie vollkommen Recht. Die Rezension findet man →hier, die Seite sei auch allgemein empfohlen. „Ich vergebe überzeugte 4/4 Punkten. Mit Sternchen.“ Dabei kann ich gut leben…
Tag 111
Auch das gehört zu meiner Vergangenheit: Datenbankrogrammierung. Damals, in der finsteren Zeit, als alle darauf warteten, dass Tim Berners-Lee endlich das World Wide Web erfindet. Zuerst mit dBase und dann – wie hier zu sehen ist – mit Borlands Paradox:
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Tag 109
Fachliteratur aus den dunklen Zeiten des Internets (prä-Web 2.0).
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Stunde der Wahrheit
Ist Ihnen dieser Blog 1,02 Euro wert? Das möchte ich jetzt doch mal wissen. Seit 2005 gibt es WTD kostenlos, was auch so bleiben soll. Tausende von Artikeln, soeben wieder einer, siehe unten. Gleichzeitig habe ich bei Amazon →ein kleines E-Book veröffentlicht, dessen Inhalt in anderer Form ebenfalls kostenlos zugänglich ist. Aber das ist eine gute Gelegenheit, einmal festzustellen, was Ihnen dieser Blog wert ist. Kaufen Sie das E-Book und bekunden Sie damit: Yap, die siebenjährige Arbeit des Bloggers, dafür leg ich auch gerne mal bares Geld auf den Tisch! Ich jedenfalls bin mal gespannt, was jetzt passiert…
Diebsgesindel
Die Geschichte der Literatur ist die Geschichte der Urheberrechtsverletzungen. Ein Krimi ohne Täterfrage, denn Täter sind wir alle ausnahmslos. Keine Widerrede! Ja, auch SIE sind schuldig, SIE verstoßen permanent gegen das Urheberrecht, SIE sind ein Schwarzleser oder, noch schlimmer, ein brutaler Zuhälter wehrloser geistiger Ergüsse!
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