Das Ende des Krimis

Neulich fragte mich jemand, wann es denn endlich mit dem Krimi vorbei sei. – Wie bitte? Vorbei mit dem Krimi? Wie, was, aber warum denn? Na, antwortete dieser Jemand, es sei doch jetzt langsam genug mit dem ganzen Morden und Zittern, dem Raten und Schlachten. „Versteh mich nicht falsch: Aber der Krimi ist ja schließlich kaum mehr als eine Modeerscheinung. Den braucht der denkende Mensch nicht, so wie man etwa die Tragödie braucht und deshalb schon in der Antike gehabt hat, ein literarisches Lebensmittel, sozusagen. Aber der Krimi? Ist er 150 Jahre alt? 200? Ein Furz der belletristischen Haute Couture, mehr nicht. Machs Fenster auf und er verzieht sich. Wird auch Zeit, dass er endlich verschwindet.“

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Der Krimi der Zukunft

Der Krimi der Zukunft ist eine Datei auf einem USB-Stick. Dessen Besitzer – nennen wir ihn Gustav – hat sich vorige Woche, wie stets, wenn ihn das Leben furchtbar anödet, in „Kerstin’s geiles Krimiforum“ eingeloggt und ist dort die Rezensionen seiner Kumpels durchgegangen, die nur deshalb seine Kumpels sind, weil sie Gustavs Geschmack „aber voll und ganz, ey“ teilen.

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Atemlos

Na gut, die Frau [Senna] kann vielleicht singen. Moderieren aber kann sie nicht – es sei denn, moderieren wird neuerdings dadurch definiert, jemanden so schnell sprechen und nach jedem Satz so hörbar nach Luft schnappen zu lassen, dass der Notarzt im Studio schon ganz nervös auf seinem Stuhl herumrutscht.

Peer Schader in der FAZ über die neue ProSieben-Show „Singing Bee“: ↑Schiefer die Töne nie klingen

Schicksalswege eines Autors: Ein fragwürdiges Frauenbild

Das hat man nun davon. Eine schlichte Übergangsszene ist zu schreiben, nichts Besonderes, geht schnell von der Hand. Korrekturlesen: Eine Änderung hier, ein Tippfehlerchen da. Und plötzlich überrieselt es einen, eiskalt oder glühendheiß, ich weiß es nicht mehr. Mensch, was ist denn das für ein Frauenbild! Und wo kommt das her? Steckt es in dir drin oder ist es doch nur der Handlung geschuldet, weil es jetzt eben so zu sein hat und nicht anders? Andererseits, ganz objektiv betrachtet: Wenn ich eine Frau wäre… Na und? Dann wärs immer noch so. Oder? Weiß nicht. Jedenfalls: Zur Ablenkung mal kurz in den Garten, nach den Äpfeln schauen. Auf dem Pfad die Kätzin von nebenan. Wartet seit Stunden auf die Maus, die inzwischen mindestens fünfmal an ihr vorbeigehuscht ist. Weiber! Wenn ich da an mein Katerchen denke… Hm. Schon wieder. Ein fragwürdiges Frauenbild. Urteilen Sie selbst.

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Reginald Hill als Krimikünstler

Kürzlich hat der hiesige Rezensent Reginald Hills →„Ins Leben zurückgerufen“ („Recalled to Life“, 1992) ein wenig bedauernd den schwächeren Werken des geschätzten Meisters zugeschlagen. Vor allem die letzten 50 Seiten… Aber man kann das auch anders sehen, wie es Joachim Feldmann, der →„Am Erker“ die vorbeiflanierende Kriminalliteratur betrachtende ständige Mitarbeiter des Krimijahrbuchs, getan hat. Und zwar schon 2006 anlässlich der Tagung →„Zur Ästhetik der Kriminalliteratur“ in Schwerte, zu der er just über „Recalled to Life“ einige analytische Bemerkungen beisteuerte. Erfreulicherweise können wir diesen Aufsatz im Folgenden abdrucken. Danke, Joachim.

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Sportexperte Kahn

taz: Nun arbeitet Kahn demnächst als Sportexperte neben Johannes B. Kerner im ZDF. An- oder ausschalten?
Küppersbusch: Einige meiner Fußballfreunde sagen, neben Johannes B. Kerner wäre ein Schirmständer ein Sportexperte. Eine faire Chance für Kahn.

[hier]

Österreichisches Krimievent

Ja, sie haben schon so ihre Ideen, unsere lieben Verwandten weiter südlich. Frau Krimi aus Österreich liest jetzt „Menschenfreunde“ live. Das heißt: Sie notiert ihre Leseeindrücke blogmäßig – und zwar →hier (der Pfeil zeigt übrigens an: Das ist ein Link, da klickt man drauf – und hui ist man schon in Österreich). Bisher fühlt sie sich gut weitergebildet.

Kampf der Giganten

Wer jetzt jenes eine →„Menschenfreunde“-Exemplar kauft, das Amazon gerade noch „am Lager“ hat, bringt das Werk nicht nur vom aktuellen Rang 155.672 um mindestens 120.000 Plätze nach vorne. Nein, er oder sie trifft auch eine krimipolitische Entscheidung. Auf Platz 133.961 rangiert nämlich das noch gar nicht erschienene Bändchen →„Das Mörderische neben dem Leben“ von Thomas Wörtche. Er hat also EIN EXEMPLAR mehr verkauft als dpr. Nur, wer will so etwas eigentlich lesen? Ist doch nur Sekundärliteratur! Also jetzt keinesfalls den Fehler machen und auf den Wörtche-Link klicken! Sondern auf den dpr-Link! Und bestellen! Damit der Wörtche nur noch meine Rücklichter sieht!

Jetzt auch in Stuttgart

Die mediale Aufmerksamkeit für die „Menschenfreunde“ wird mir langsam unheimlich. Heute bespricht Thomas Klingenmaier das Buch für die „Stuttgarter Zeitung“: „Rudolph biegt jedes X, das zum U gemacht wurde, wieder zurück, er entlarvt die soziale Mimikry der Beutegreifer, er veräppelt Sprachregelungen, lässt Denkschablonen hohl aneinander scheppern und klinkt sich beständig in jene Gefühls- und Gedankenströme seiner Figuren ein, die selbige voreinander tunlichst abschirmen möchten, mit Phrasen, Attitüden und Fertiggrimassen.“ Schön gesagt. Leider nicht online, aber mit Dank an den →Patzerschorsch, der diese Qualitätszeitung abonniert hat.

Nachtrag: Den Artikel kann man DOCH online lesen. →Hier nämlich. Wegen der irritierenden Informationspolitik vom Patzerschorsch ist es leider zu Missverständnissen gekommen.

Und zur Abwechslung: Produktwerbung

„Was bleibt, stiften die Krimiautoren“. Über dieses weise Dichterwort wollte ich an dieser Stelle reflektieren, über zeitgenössische Krimierzählkunst als sinnstiftende Instanz in unserer unüberschaubaren Welt. Doch da stand plötzlich ER vor mir: Detlef Pinglig-Rühhoff, Chef der Hinternet-Marketingabteilung, ein Papier schwenkend, ausrufend: „So kriegst du deinen Krimi auf die Bestsellerlisten!“ – Und vorbei wars mit der hehren Kunst. Ich lehne solche profanen Kampagnen zur Profitmaximierung zwar ab, doch was soll man tun? Lesen Sie also im folgenden, was unser PR-Spezialist Ihnen zu sagen hat…
Liebe Krimikonsumentin, lieber Krimikonsument!

Heute ist Freitag. Das Wochenende naht. Die Zeit mithin, in der Sie mit den MitgliederInnen Ihrer Wohn-, Lebens- oder Bedarfsgemeinschaft um den Küchentisch herumsitzen und wichtige Investitionsentscheidungen treffen. Sollen wir uns nun den neuen Kühlschrank kaufen oder nicht? Was spricht dafür, was dagegen? Hat er auch ein großzügiges Gemüsefach?

Mit Dieter Paul Rudolphs fulminantem Kriminalroman „Menschenfreunde“ verhält es sich genauso. Ein Buch wie ein Kühlschrank. Schlägt man es auf, geht das Licht an. Das helle Licht der Erkenntnis, das wärmende Licht angenehmer Unterhaltung, das brennende Licht gleißender Gesellschaftskritik. Dieses Buch wird in manchen Haushalten die Bibel ersetzen – oder wenigstens die „999 legalen Steuertricks“, die seit Jahren dafür sorgen, dass der Küchentisch, an dem Sie just sitzen, nicht wackelt wie ein Kuhschwanz.

Um Ihnen die Entscheidungsfindung ein wenig zu erleichtern, hier Kurzauszüge aus den von anerkannten Fachgremien zu „Menschenfreunde“ erstellten wissenschaftlichen Gutachten:

„Insgesamt erzählt das Buch nicht nur eine interessante Geschichte, etwas was ein guter Krimi schon bieten muss, sondern erzählt diese auch noch auf sehr gelungene Art und Weise.“ (Jens Fleischhauer, roterdorn.de)

„Kein Pech, sondern echtes Glück ist es, Dieter Paul Rudolphs Erstling „Menschenfreunde“ (Shayol, Berlin 2008, 214 Seiten, 12,90 Euro) zu lesen. Jedenfalls wenn man Freude an raffiniertem Plotting, stilsicher platzierter Schnodderigkeit und beißender Gesellschaftskritik hat.“ (Ulrich Kroeger, Nordsee-Zeitung)

„Menschenfreunde ist fein – oder sagen wir ruhig: raffiniert – erzählt. Es profitiert vom galligen Humor seines Autors, der sich auf der Klaviatur von Scherz, Satire, Ironie und bitterem Sarkasmus gut auskennt.“ (Dietmar Jacobsen, Text & Web)

„Rudolph hat eine elegante, schmiegsame, prägnante und pointierte Sprache, mit der er sicher und gewandt eine tolle und leider auch banale Geschichte erzählt. Es ist eine frische, freche, oft ungewohnte Sprache (so gibt es einmal einen schönen Arno-Schmidt’schen Zeilensprung ohne Punkte), eine Stimme, die in der allzu langatmig erklärenden, umständlichen und humorlosen Krimiszene Deutschlands lange vermisst wurde.“ (Georg Patzer, literaturkritik.de)

„Dieter Paul Rudolph findet mit seinem Buch Anschluss an die zeitgenössische Erzählweise.“ (Bernd Kochanowski, Internationale Krimis)

„Diesen Krimi kaufen.“ (Silvia Staude, Frankfurter Rundschau)

„Wohltuend heutig“ (Winzerkrimiliteratin Anobella, überall im Netz)

„Das hat gar Gerhart Hauptmann’sche Qualitäten“ (Thomas Wörtche, Plärrer)
(Anmerkung: Gerhart Hauptmann, 1862-1949, deutscher Dichter des Naturalismus, Literaturnobelpreis 1912. Sein „Biberpelz“ wurde mit Inge Meysel in der Hauptrolle verfilmt! „Menschenfreunde“ wird mit Angelina Jolie in der Hauptrolle ebenfalls verfilmt!)

Wir könnten noch seitenlang so weiter machen, aber es dürfte genügen, um spätestens am Montag die Buchhandlung Ihres Vertrauens um die Lieferung von „Menschenfreunde“ zu bitten. Oder bestellen Sie gleich beim →Verlag. Oder bei einem der zahlreichen Online-Händler, →dem da etwa. Sie werden nicht enttäuscht sein! „Menschenfreunde“ funktioniert zuverlässig wie ein guter Kühlschrank – und wird selbstverständlich mit großzügigem Gemüsefach und Frischeierablage ausgeliefert.

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Reginald Hill: Ins Leben zurückgerufen

Es gibt ja Autoren (und Autorinnen), die können selbst dann, wenn sie schlecht drauf sind, keine wirklich schlechten Bücher schreiben. Reginald Hill ist so einer. Als er sich mit „Ins Leben zurückgerufen“ beschäftigte, war er offensichtlich nicht gut drauf. Das ist schon eine Weile her, denn das Buch ist bereits 1992 im Original erschienen. Und es ist nicht schlecht. Es ist nur um einiges schwächer als der Hill-Standard.

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Und jetzt rezensiert auch noch der Altpapst

Will sagen: Ich liege hiermit auf dem →„Leichenberg“. Sehr komfortabel gebettet von unserem Altvorderen, wenn man vom „Whodunit-Gedöns“ absieht, aber okay, mit Krimi hats halt nicht jeder. Immerhin hat mich noch niemand mit Gerhart Hauptmann verglichen. Ist mir eine Ehre. Vom Naturalismus versteht der Wörtche nämlich was, das muss man ihm lassen. – Äh, könnte zur Abwechslung mal wer eine negative Rezi schreiben? Ludger?

Noch ne Rezi

„roterdorn.de“ bespricht die „Menschenfreunde“. Natürlich positiv. Herzlich gelacht habe ich aber über die Sternchen-Wertung in der rechten Kolumne. „Erotik“: 1 Stern von 5. Das wird Ludger „Sexy“ Menke gar nicht freuen. „Gefühl“: 2 Sterne. Das wiederum freut Fräulein Anobella nicht, die immer mit einer griffbereiten Packung Papiertaschentücher liest.

Ihr gebt ja doch keine Ruhe

Also. Gestern trafen sich die HerausgeberInnen des Krimijahrbuchs 2009 in einer größeren westdeutschen Stadt, um über das neue Projekt zu sprechen. Auch die HerausgeberInnen werden zum Teil neue sein. Anstelle von Ulrich Noller wird nun seine Zwillingsschwester Ulrike (links) mitarbeiten. Christina Bacher hat auch keine Lust mehr und schickt ihren Schwippschwager Chris Bacher (rechts) in den Ring. Dpr (Fotograf) fungiert fortan als elder crime fiction yearbook man und weist die Praktikantinnen ein. Näheres später.

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Control

Anton Corbijn hat mit seinem ersten Kinofilm gleich ein Meisterwerk abgeliefert. „Control“ ist die mithin bekannte Geschichte von Ian Curtis, dem einstigen Frontmann von Joy Division. Es ist aber keine Filmbiographie der Band, wie Corbijn im „Making Of“ der just erschienen Doppel-DVD-Ausgabe des Films gesteht. „Control“ ist hingegen ein wichtiges Puzzlesteinchen, um die Geschichte und auch die Musik der Band und das tragische Ende von Curtis besser verstehen zu können. Denn das Schicksal von Joy Division kann nicht von dem von Curtis getrennt betrachtet werden. Was zugegebenermaßen keine neue Erkenntnis ist.

Dass Corbijn den Film in schwarz-weiß drehte, passt nur zu perfekt zu dem Film und dessen düsterem Plot. Er, der Film, skizziert den Werdegang von Curtis zwischen 1973 und 1980 – vor der Gründung der Band, die 1977 ja noch Warsaw hieß und sich erst von 1978 an Joy Division nannte, bis hin zu Curtis‘ tragischen Abgang am 18. Mai 1980, als er sich in seinem Haus in Macclesfield einsam erhängte.


„Ich fand, es war eine menschliche Geschichte eines Jungen, der einem Traum folgt, und am Ende sehr enttäuscht ist“, gibt Corbijn in einem Interview, das auf der Bonus-DVD zu finden ist, zu Protokoll. Zudem sei es „eine tragische Liebesgeschichte“. Denn Curtis war hin- und her gerissen zwischen seiner Ehefrau Deborah Curtis (geb. Woodruff), die am 16. April 1979 die gemeinsame Tochter Natalie zur Welt brachte, und der belgischen Fanzine-Journalistin Annik Honoré, in die sich Curtis verliebte.


Am 2. Mai 1980 stand er zum letzten Mal auf einer Bühne, auf der der Birmingham University um genau zu sein. Kurz darauf trat er für immer ab und hinterließ nicht nur viele ungeklärte Fragen, sondern auch eine bis heute klaffende Lücke in der Musikgeschichte. Dass sein Schaffen bis in die heutige Zeit hinein wirkt, das zeigt nicht nur das große Interesse an „Control“, das belegen auch die vielen Bands, die heute noch auf den Spuren von Joy Division wandeln (siehe Editors oder Interpol).


Wer Joy Division liebt, und das sind ja nicht wenige, der sollte sich unbedingt diesen packenden und stimmungsvollen Film ansehen, dessen DVD-Ausgabe mit reichlich Bonusmaterial in Form von „Making Of“, „Hinter den Kulissen“, Musikvideo zu „Atmosphere“ und drei ungekürzten Auftritten der Filmband („Leaders Of Men“, „Transmission“ und „Candidate“) gespickt ist.

Und eins noch zum Abschluss: Sam Riley, der Ian Curtis verkörpert, liefert in „Control“ eine ebenso beeindruckende Vorstellung ab wie Alexandra Maria Lara (Annik), die seit den Dreharbeiten mit Riley liiert ist, und Samantha Morton (Deborah).

Control
Regie: Anton Corbijn
D.: Sam Riley, Alexandra Maria Lara, Samantha Morton
Capelight Pictures/Alive AG