Ob jetzt „The Madman´s Tale“ die Geschichte eines Wahnsinnigen, eines Verrückten oder doch die von Macbeths Idioten erzählt, soll dahingestellt bleiben. Auf jeden Fall aber entführt John Katzenbach den Leser in die Abgründe einer Welt, wie sie sich Dante kaum anders hätte ausdenken können. Das „Great Western Hospital“ ist eine Verwahranstalt für seelisch Kranke. Wer hier landet, ist den Angestellten ausgeliefert und kann sich, im Gegensatz zu einem Strafgefangenen im Gefängnis, nie sicher sein, ob und wann er wieder ’raus, zurück in die Welt kommt.
WeiterlesenSchlagwort: Krimi
Stefano Massaron: Die toten Kinder
(2006 war ein gutes Jahr für unseren Juniorkritiker Jochen König: Ausbildungsplatz bei Hinternet ergattert (über Beziehungen), Mofa-Führerscheinprüfung bestanden (beim dritten Anlauf), rausgekriegt, dass Mädchen doch nicht so doof sind wie sie aussehen (Gerda!). Und jetzt die Krönung: Azubi Jochen darf auf dem heiligen Donnerstagsplatz des rezensierenden Platzhirschen seine Kritik an Stefano Massaron anbringen! Tatsächlich: ein gutes Jahr!)
Don’t trust him when he turns his back:
He looks at you.
Don’t trust him When his eyes are closed:
He still looks at you.Devil Doll “The Girl Who Was…Death”
Tim O’Brien: Geheimnisse und Lügen

John Wade ist am Ende seines amerikanischen Traums angelangt. Seine politische Karriere wurde jäh gestoppt, als herauskam, dass er an der Auslöschung des Dorfes Thuan Yen beteiligt war, besser bekannt als das My Lai Massaker, bei dem Hunderte vietnamesischer Zivilisten von amerikanischen GIs misshandelt, gefoltert und gnadenlos getötet wurden. John Wade „der Zauberer“ sieht alles mit an, lässt sich beinahe zufällig hineinziehen ins Morden. Später fälscht er zwar die Stammrollen der entsprechenden Einheit, wird aber trotzdem von seiner Vergangenheit eingeholt, in der vielleicht wichtigsten Phase seines Lebens, zur Zeit der Wahlen um einen Senatorenposten.
WeiterlesenJess Walter: Citizen Vince
Zwei Bürgerrechte sind es, so Vince Camden in Jess Walters Buch „Citizen Vince“, auf die verurteilte Straftäter in den USA verzichten müssen. Das Recht eine Waffe erwerben und tragen zu dürfen und das Recht zu wählen. Als er eine Woche vor der US-Präsidentenwahl 1980 die erste Wahlkarte seinen Lebens erhält, geht durch den 36 jährigen ein Ruck … vielleicht, so ahnt er in diesem Moment, hat er doch eine Chance, in der bürgerlichen Gesellschaft anzukommen.
WeiterlesenJeffrey Ford: The Girl in the Glass
(Dieses ist die fünfte und letzte Besprechung eines der diesjährigen Kandidaten für den Edgar, Kategorie „Bestes Taschenbuch“.)
WeiterlesenLaura Lippman: Gefährliche Engel
Laura Lippman, so schrieb der Rezensent anlässlich des letzten Abenteuers ihrer Protagonistin Tess Monaghan, gehöre „zu den Lieferantinnen solider Spannungsware“. Dieses Urteil muss nach der Lektüre von „Gefährliche Engel“ revidiert werden: Denn nicht nur solide Spannungsware beschert uns die Autorin, auch fein ausgedachte Beobachtungen psychischer und weltlicher Kalamitäten hat sie im Programm.
Wobei das einzig leicht Ärgerliche an „Gefährliche Engel“ eben dieser deutsche Titel ist. Engel sind Alice und Ronnie, die beiden elfjährigen Mädchen nämlich nicht, gefährlich schon, denn sie entführen einen Säugling und töten ihn anschließend. Für diese Tat sperrt man sie sieben Jahre weg, Elfjährige, wohlgemerkt. Als junge Frauen werden sie in die Freiheit entlassen, doch als wiederum ein Kleinkind gekidnappt wird und sich herausstellt, dass sich die beiden Mädchen ganz in der Nähe des Tatorts aufgehalten haben, holt sie die Vergangenheit ein.
Ken Bruen: The Killing of the Tinkers
Mit „The Killing of the Tinkers“, dem zweiten Band der Jack Taylor Reihe schreibt Ken Bruen die Darstellung eines Alkoholikerlebens am Rande des Abgrunds (und manchmal darüber hinaus) fort. Bestand am Ende von’The Guards’, dem ersten Buch der Jack Taylor Reihe, noch Hoffnung auf Rettung, da Taylor nach einer harten Entziehung trocken nach London zog, erfahren wir nun, dass er dort auf Dauer nicht zurecht kam. Die Schuld die er meint, auf sich geladen zu haben, sie lastete zu schwer auf ihm. Und als er ein Jahr später nach Galway zurückkommt, ist er nun auch noch kokainabhängig.
WeiterlesenDomenic Stansberry: Chasing the Dragon
Auch für den amerikanischen Autor Domenic Stansberry gilt wohl, dass gute Arbeit nicht unbedingt Gewähr dafür ist , von einer größeren Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Als letztes Jahr sein Buch „The Confession“ den Edgar, Kategorie „Bestes Taschenbuch“ gewann, löste dieses zwar, da einige Kritiker das Buch gröblich missverstanden, einige Diskussionen aus. Solche zugespitzten Diskussionen zwängen jedoch häufig Autoren in Schablonen, die Ihnen nicht entsprechen. Auch bei Domenic Stansberry ist es so, dass Ton und Stil von „The Confession“ sich mit jenem Buch erschöpft hatten und nicht typisch für den Autor sind.
WeiterlesenJeffery Deaver: Hard News
Nehmen wir mal an, ein Konditor soll uns einen Kuchen backen. Wir schauen ihm über die Schulter und stellen entsetzt fest, dass der Bursche die falschen Zutaten verwendet. Eier Wochen über dem Verfallsdatum, klumpendes Mehl, Tabakkrümel statt Schokostreusel. Essen wir diesen Kuchen? Bestimmt nicht. Auch Krimis, die aus falschen Zutaten zusammengerührt wurden, wollen wir eigentlich nicht lesen. Heißt ihr Autor allerdings Jeffery Deaver, sollten wir es dennoch versuchen.
WeiterlesenHarlan Coben: Keine Friede den Toten
Nachwuchskritiker Jochen König, dessen trauriges Schicksal – seit Monaten wegen fortgeschrittener Harlancobenphobie in psychiatrischer Behandlung – wir an dieser Stelle schon beklagten, hat uns nun ein weiteres Indiz für seine schwere Erkrankung zukommen lassen. Eine Rezension wie aus dem Ärmel der Zwangsjacke geschüttelt – die Ausbildung bei „watching the detectives“ lässt sich nicht verleugnen. Jochen, wir halten zu dir!)
WeiterlesenAllan Guthrie: Kiss her Goodbye
Dieses ist die vierte Besprechung eines der diesjährigen Kandidaten für den Edgar, Kategorie „Bestes Taschenbuch“.
WeiterlesenJake Lamar: Rendezvous Eighteenth
Leser der Marseille-Trilogie von Jean-Claude Izzo hatte der Zorn und die Wut, die sich in den Krawallen der unterprivilegierten Einwanderer in den französischen Banlieues letztes Jahr artikulierten, nur wenig überrascht. Rickie Jenks aus Jack Lamars Buch „Rendezvous Eighteenth“, jedoch, seit Jahren in Paris lebender Afroamerikaner, hatte nie Rassismus in Paris erlebt. Was wohl daran läge, so meint seine afro-marokkanische Freundin, dass sein Gang, sein Auftreten und sein Akzent ihn als US-Amerikaner identifizieren und diese seien halt, im Gegensatz zu den afrikanischen Brüdern, auch schwarz noch hoch willkommen.
WeiterlesenSebastian Fitzek: Die Therapie
(Unser Rezensenten-Auszubildender Jochen König steckt noch voller Enthusiasmus. Er bevorzugt das kritische method acting, das Sich-Hineinversetzen in einen Text, bis er ihn vollständig durchdrungen und verinnerlicht hat. Beispiel: Sebastian Fitzeks Psychothriller „Die Therapie“. Wir konnten den jungen wilden König nicht davon abbringen, sich bezwecks Milieustudie für zwei Wochen in eine psychiatrische Klinik zu begeben. Heute, drei Monate später, ist er immer noch drin, es könne noch etwas dauern, schreibt er uns und schickt seine Rezension, die wir an dieser Stelle abdrucken. Wir hoffen, Herrn König zur Weihnachtsfeier 2007 wieder wohlauf in unserer Mitte begrüßen zu können.)
„Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält“, spottete Karl Kraus schon 1913. „Die Therapie“ liest sich wie ein Beleg dieses Zitates.
Don Winslow: The power of the dog
Mexikanische Drogenbosse, die Lieferungen ihrer Waren nach America im großen Maßstab organisieren, ein Mitarbeiter der amerikanischen Drogenpolizei von der Obsession getrieben, eben jenen Drogenbosse das Handwerk zu legen, eine kalifornische Edelnutte, welche die Liebe ihres Lebens verliert, New Yorker Mafia Mitglieder und die Geheimen Dienste Amerikas mit ihren (un)heimlichen Missionen in Mittelamerika.
WeiterlesenAlan Furst: The Polish Officer
OK, geplant war es nicht, und das aktuelle Buch des Autors ist es auch nicht, aber solange wir auf die Taschenbuchausgabe von Alan Fursts „The Foreign Correspondent“ warten, erlauben wir uns einen Hinweis auf sein 1995 erschienenes „The Polish Officer“. Auch wenn Furst einer der wenigen Autoren ist, dessen neueren (seit 2000 erschienenen) Bücher recht zeitnah übersetzt vorliegen, steht zu erwarten, dass dieses Buch nur dann noch in deutscher Übersetzung erscheint, wenn die Verkaufszahlen der aktuelleren Bücher hoch genug sind (was immer das bedeuten mag).
WeiterlesenAnne McLean Matthews: The Cave

Dieses Buch ist ein Phänomen. Out of print überspringt es bei Auktionen regelmäßig die 20 Euro Marke. Es scheint also recht begehrt zu sein. Die Frage, ob der Limes-Verlag ein Geschäft verschläft, oder eine Minderheit Allesleser sich sehnsüchtig nach diesem Psycho-Kammerspiel verzehrt, ist vermutlich spannender, als der Schmöker selbst.
WeiterlesenTess Gerritsen: Vanish
Dieses ist die dritte Besprechung eines der diesjährigen Kandidaten für den Edgar, Kategorie „Bestes Buch“.
WeiterlesenHorst Eckert: Der Absprung

Eigentlich ist das Zugfahren ein schönes Bild, mit dem man das Lesen erklären kann. Man sitzt in einem Wagen, der einen, mehr oder weniger gleichmäßig sich bewegend, von A über B und C nach D transportiert, man schaut aus dem Fenster in eine Landschaft, man ist in dieser Landschaft und ist doch nicht drin. Man sieht, was man sehen kann. Ein noch schöneres Bild wäre das: Man fährt, man sieht – und kann den Zug anhalten, sich etwas durch die Landschaft bewegen, sich manches angucken, das man durch die Fensterscheibe gar nicht sehen konnte – und dann nimmt man wieder im Abteil Platz und die Fahrt geht weiter.
WeiterlesenChristopher Brookmyre: A tale etched in blood and hard black pencil
Es ist ein Anfang, wie er den Erwartungen der Leser Christopher Brookmyres entspricht: Zwei Tölpel stehen da und wissen nicht wohin mit der Leiche. Bleichlauge zumindest, so mussten sie lernen, ist untauglich, diese zum Verschwinden zu bringen. Dann jedoch folgt eine der Überraschungen, für die gute Autoren stehen.
WeiterlesenLaura Lippman: Charm City
Mit ihren Kriminalromanen um die Privatermittlerin Tess Monaghan zählt die Amerikanerin Laura Lippman nun schon seit geraumer Zeit zu den Lieferantinnen solider Spannungsware. Perfekte, globaltaugliche Mischungen aus privaten Irrungen und kriminellen Wirrungen, im überschaubaren Milieu Baltimores lokalisiert, einer Stadt, die sich selbst „Charm City“ nennt, aber natürlich en détail so charmant nicht ist.
Eine amerikanische Mittelstadt, sportliche Provinz. Da trifft es sich gut, dass der reiche Geschäftsmann Gerard „Wink“ Wynkowski eine komplette Basketballmannschaft kaufen und für Baltimore in die Profiliga schicken will. Großes Tamtam, doch, wir ahnen es schon, so schnörkellos geht die Sache nicht über die Bühne.
