D.B. Blettenberg: Harte Schnitte

Obwohl in diesem Roman vier Menschen gewaltsam zu Tode kommen, fällt es schwer, ihn einen Krimi nennen. Das kann Gutes oder Schlechtes bedeuten. Kann, beginnen wir mit dem Schlechten, einfach heißen, hier habe ein Autor mit böser Absicht Elemente aus der Krimikiste gemopst, um einen vielleicht zu spannungsarmen Text aufzumotzen. Kann aber auch (jetzt sind wir beim Guten) bedeuten, dass wir uns einer ungewohnten Form von Kriminalroman gegenübersehen, die uns zunächst einmal verleugnen lässt, was nicht offensichtlich ist.

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Provinziell und provinziell

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Die Provinzialität des neueren deutschen Kriminalromans sei, so hört man, sprichwörtlich. Stimmt doch, oder? Durch die Krähwinkel ihrer deutschen Lande stapfen Autor und Held, deutsches Denken in den deutschen Köpfen, Kölsch in den Kehlen, und wer das liest, der achtet peinlich auf das Korrekte der Recherche, der weiß genau, dass im Eifelland im Dorfe X. die erste Straße rechts, wenn man von Y. kommt, „Hauptstraße“ heißt und nicht anders. Der deutsche Krimi, so kommt’s einem vor, spielt sich unter Zipfelmützen ab.

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Rebecca Pawel: Death of a nationalist

(Ob wir Rebecca Pawels Erstling jemals auf Deutsch werden lesen können? Der Rezensent zumindest hätte nichts dagegen.)

Der spanische Bürgerkrieg 1936-1939, die Zeit von Hemingways „For whom the bell tolls“, selten war die Selbstzerfleischung eines Volkes so groß wie in diesem Krieg. „Death of a nationalist“ von Rebecca Pawel handelt von der Zeit danach, der Zeit des Übergangs. Ende März 1939. Franco wird dieser Tage dem Volk und der Welt seinen Sieg verkünden. Die Falangisten (Nationalisten) begeben sich an die Aufräumarbeiten und verhaften Kommunisten und Republikaner, die sich überall verstecken, zu Tausenden. Die Sieger sind wohl mehr mit ihrer Rache als mit dem Wiederaufbau des Landes beschäftigt.

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Revisiting: Das rote U

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Jaja, Ludger und sein →Fragebogen. Mein erster Krimi? Klar: „Das rote U“. Verfasser unbekannt, Eindruck: nich so dolle. Aber es lässt einem ja keine Ruhe. Mal schnell bei Amazon vorbeigucken – und siehe da: noch lieferbar! Wilhelm Matthießen heißt der Autor, und das Cover ist noch genau das wie vor … ach, hunderten von Jahren, kommt es mir vor. Natürlich sofort bestellt…

Sommerkrimi -1-

Leicht verdaulich sollen sie sein. Sonnentauglich und so vergänglich wie die Jahreszeit. Eine schöne Erinnerung, wenn es wieder kälter wird, mehr nicht. Sommerkrimis. Wir beginnen unsere kleine Urlaubsfahrt im aktuellen Russland.

Was man über „Blind ist die Nacht“ von Tatjana Ustinowa“ vorab wissen sollte, passt in einen Satz: Vor der Haustür der Moskauer Journalistin Kira Jatt wird ihr Chef erschossen aufgefunden. Alles andere folgt zwangsläufig: Kira gerät unter Verdacht, ihre Lage wird von Seite zu Seite heikler, falsche Spuren werden gelegt, Intrigen gesponnen, Missverständnisse provoziert und aufgeklärt – und das Ende ist so happy wie erwartet.

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John Le Carré: The Spy who came in from the cold

(Ein Klassiker noch einmal gelesen. Überholt oder aktuell? Und was die Originalausgabe der Übersetzung voraus hat.)

„The Spy who came in from the cold“, das Verb im Imperfekt, und anders als im Titel der deutschen Übersetzung („Der Spion der aus der Kälte kam“), im englischen Original mit der Betonung auf dem kleinen Wort „in“: Der kalte Krieg und die Gefühlskälte, mit der die Agenten an der „Front“ umgehen müssen. Schließlich erwarten die Geheimdienste nicht nur Ergebnisse, sondern auch absolute Verschwiegenheit. Ein vom Gegner enttarnter Agent, der stirbt, ist da allemal eine gute Lösung.

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David Peace: 1974

David Peaces „1974“ gehört in mancherlei Hinsicht zu den erfreulichsten Erscheinungen des bisherigen Krimijahres. Schon dass damit ein kleiner, gar nicht auf Krimis spezialisierter Verlag mehr als einen Achtungserfolg erringen konnte, stimmt optimistisch. Das Buch wurde hinreichend rezensiert, dominierte die →„Krimi-Bestenliste“, was wiederum die Notwendigkeit und den Nutzen eines solchen Instrumentes beweist.

Die Geschichte von Edward Dunford, Gerichtsreporter für das nördliche England, nimmt keine Rücksicht auf die sensiblen und durch jahrelanges Lesen höherer Literatur domestizierten Geschmacksnerven seiner Leser. Kleine Mädchen werden brutal ermordet, ein Bau- und Korruptionsskandal scheint damit verknüpft, Leeds und Umgebung sind trostlos, seine Einwohner verzweifelt oder zynisch, brutal oder hilflos, wahrscheinlich alles zusammen. Gewalt regiert, die Säfte fließen, unser Held ist so weit entfernt von einem Helden, wie es weiter nicht sein kann, am Ende überschlagen sich die Ereignisse, alles wird gut, das heißt: Alles wird noch schlechter.

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Kurze Sätze für die Unsterblichkeit

Man lebt so lange, wie man zitiert wird. Nachzulesen bei Hallgrimur Helgason und Arno Schmidt. Alas, dann aber ranhalten!
„Wer liest, sollte nach drei Dingen nicht suchen: der Wahrheit, der Botschaft, dem Nutzen.“

(kurzer Satz, anlässlich einiger Vorüberlegungen zur „Schule der Rezensenten“ gedacht und für tiefschürfend befunden, 7 Kohleschaufeln auf der Zehnerskala)

dpr

Summer Camp -8-

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Zeit für eine kleine Ablaufdramaturgie. Sie wird uns später hoffentlich gute Dienste bei der Feinarbeit der Personenzeichnung und dem Aufbau der Spannungsbögen leisten.

Ganz grob habe ich schon die Kameraführung („Erzählperspektiven“) erwähnt, dieses Zoomen aus der Totalen des Erzählers zu den handelnden fünf Personen und gewissermaßen in sie hinein. Wir können jetzt, bezogen auf die Handlung, weiter differenzieren.

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Vargas, Stein, Rezension(3)

Vorweg: Liest man „Der vierzehnte Stein“ als herkömmlichen Krimi, fokussiert auf Handlungsführung und Plausibilität auf, funktioniert er wie die übliche Dutzendware aus Autorenwillkür und Unlogik.

Zwei Beispiele: Während eines Lehrgangs in Kanada lernt Adamsberg ein junges, etwas seltsames Mädchen kennen und schläft mit ihm. Einige Tage darauf ist das Mädchen tot, erstochen mit einem Dreizack, der Mordwaffe des diabolischen Richters. Er ist, so die einzige logische Folgerung, Adamsberg nach Kanada gefolgt, und hat das Mädchen getötet, um Adamsberg zu belasten.

Logisch? Also ich weiß nicht. Woher wusste er, dass Adamsberg ein Mädchen kennenlernen würde? Warum setzt er sich überhaupt der Gefahr aus, den Kommissar auf diese Weise auszuschalten? Weil er ihm auf der Spur wäre? Ist er doch gar nicht! Keiner glaubt ihm!

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Das unterirdische Zitat

… stammt heute aus einer →Mitteilung der „Sisters In Crime“ zur Wahl ihrer neuen Präsidentin, Beatrix Kramlovsky, und lautet:

Tatsache ist, dass Autorinnen trotz einzelner Ausnahmen nicht so oft rezensiert werden wie ihre männlichen Kollegen. So empfiehlt die KrimiWelt-Bestenliste von Welt und Arte TV im Juli von acht Titeln nur einen Kriminalroman von einer Frau; in den Vormonaten sah das ähnlich aus.

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