Buchmesse 2010

Willkommen zu unserem jährlichen Buchmesse-Krimireport. Wie stets das Wichtigste zuerst: schwarze Strumpfhosen. Sie sind der offensichtliche Modetrend der Saison, schwarze Strumpfhosen, die in ebenso schwarzen Stiefeln – auch apart mit Stulpen – enden, dazu kurze bis mittellange Röcke in, man staune, Schwarz oder allen Varianten von Grau. Nebentrends: Damenhosen haben wieder Schlag, die zahlreich auf der Messe herumlungernden Fernsehregisseure – „Bring ma Stativ!“ – tragen die letzten Reste des ergrauten Haares nicht mehr pferdeschwänzig, sondern haben es zu einer Art Königsberger Klops im Nacken zusammengeknotet.

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Dominique Manotti: Letzte Schicht

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Wir leben in herrlichen Zeiten. Wells’sche Maschinen transportieren uns einer Zukunft entgegen, in der man mit dem Vokabular der Vergangenheit hantieren wird, mit Klassen und Klassenkampf, mit Ausbeutung und sozialkritischer Literatur. Es gab eine Zeit, da hielten wir dies für überwunden wie überhaupt alles Dichotomische, alles Schwarzweiße, das Leben wurde, was gute Kriminalliteratur immer schon war, nämlich differenzierter.

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Paul Freeman: Laster und Tugend

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Klar, es ist der Schauplatz, der zunächst auf Paul Freemans Krimi „Laster und Tugend“ neugierig macht. Saudi-Arabien. Enger Verbündeter der USA, mit Erdöl gesegnet, dankbarer Abnehmer westlicher Luxusgüter – einerseits. Aber auch die Heimat von Herrn Bin Laden und den meisten der 0911-Attentäter, mit strengen islamischen Gesetzen, die u.a. das Verbot alkoholischer Getränke regeln. Wir wissen eine Menge über Saudi-Arabien oder glauben es zumindest. Wie wird es nach der Lektüre von „Laster und Tugend“ sein?

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Definition ist das Gegenteil von Definition

Nun, da ich Spannungsliteratur-Deutschland bis locker ins Jahr 2012 hinein mit amateurhaften Krimis versorgt habe (noch nicht veröffentlicht, aber das kommt noch), wäre es an der Zeit, sich konzentriert und ausführlich der theoretischen Seite des Sujets zu widmen. „2368 Einträge zu Watching The Detectives“ zeigt mir die Blogsoftware gerade an, eine Menge spontan gefälltes Holz, das es jetzt zu durchmustern gilt.

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Der Skandal der Saison

Noch hat die diesjährige Buchmesse ihre Tore nicht geöffnet, da steht das beherrschende Thema – jedenfalls für das Produktsegment Krimi – schon fest: der im Rabiat Verlag Wolfsburg pünktlich zum Messebeginn angekündigte Roman „Der Schrei der Edelfeder“ von Elsa Land (Pseudonym). Doch warum erregt dieses Buch die Gemüter? Weil es, wie der Topkritiker P. Zürn beklagt, „einfach doof“ ist oder, so der Verleger Erasmus Schmidt, „der letzte mögliche Tabubruch des Genres“? wtd sprach mit Schmidt über das Buch, den Verfasser und das Thema.

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Garry Disher: Rostmond

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Garry Disher hat seine Verdienste. Die Reihe um den Gangster Wyatt (bei Pulpmaster erschienen) ist mehr als eine Variation des „irgendwie guter Gangster“-Schemas, mit den Romanen um den Polizisten Hal Challis (beim Unionsverlag) sind ihm in der Vergangenheit nicht nur spannende Krimis, sondern auch geschickt verzahnte Psychogramme der australischen Gesellschaft gelungen. Keine Selbstverständlichkeit; und wie schnell man damit scheitern kann, zeigt Disher fatalerweise in seinem neuen Roman „Rostmond“ höchstselbst.

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Merkwürdige Gedanken an einem merkwürdigen Samstag

Lesen bildet und Denken erweitert den Horizont? Das sind, sorry, die verbalen Tricks, mit denen sie uns in die Schulbänke locken. In Wirklichkeit, das wissen die Kindsverderber ganz genau, verhält es sich andersrum. Wer liest und denkt, verliert seine Überzeugungen, seine Definitionen, seinen Halt. Am allerschlimmsten aber ist dran, wer Krimis liest und sich Gedanken darüber macht. Denn was ein Krimi IST, weiß nur, wer nie einen gelesen hat. Worum es in einem Krimi geht, erschließt sich allein in völliger Gedankenlosigkeit.

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Eine dringende Bitte

Liebe Krimischaffende, hört das auch irgend wann wieder auf? Und zwar möglichst bald, wenn’s geht, am liebsten jetzt gleich? Menschen, die plötzlich ihr Gedächtnis verlieren oder glauben, ganz andere zu sein, Menschen, die von ihrer Umwelt nicht mehr erkannt werden und Spielbälle finsterer Mächte und übler Halunken sind?

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Frank Göhre: Der Auserwählte

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Frank Göhres „Der Auserwählte“ ist die Höchststrafe für einen Krimikritiker. Denn nichts will passen, nichts erfüllt die Erwartungen. Die Koordinatensysteme des Genres ächzen, im Prokrustesbett der Versatzstücke passt es hinten und vorne nicht, klarer Fall von versemmeltem Krimi, denkt man – und liest dennoch weiter, von Enttäuschung zu Enttäuschung, und am Ende legt man das Buch zufrieden aus der Hand und ärgert sich darüber, dass man sich nicht ärgert.

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1. Deutscher Atomkrimi-Preis

Der Krimi ist DER Gesellschaftsroman. Sagt man. Doch wo, bitte schön, ist dann der Atomkrimi? Es gibt ihn einfach nicht, und das ist ein Skandal. Ist es doch die Atomenergie, die uns billigen Strom liefert, die Lebenshaltungskosten niedrig hält und so für sozialen Frieden sorgt. Außerdem besteht jeder Mensch aus Atomen, die einen mehr, die anderen weniger. Atom heißt Kraft – und Atomkraft heißt Lebensfreude – und Lebensfreude heißt: Krimis lesen.

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Hansjörg Schneider: Hunkeler und die Augen des Ödipus

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Ein Krimi, in dem über Sophokles und Adorno räsonniert wird, kann nur bei Diogenes erscheinen, erspart es doch Patricia Highsmith und Georges Simenon, den Friedhof zu wechseln, wenn sie sich in ihren Gräbern wälzen. Eine Art Bildungsbürgerkrimi ist das, überraschenderweise, denn vielleicht hatte man geglaubt, der sei nur eine Schimäre, es gebe ihn gar nicht. Aber es gibt ihn wie etwa die Menschen, die ihre Kinder nicht mit „Unterprivilegierten“ allzu lange die Schulbänke drücken lassen wollen, liberal-asoziales Pack eben, doch pardon: Das passt jetzt nicht zu Hansjörg Schneiders „Hunkeler“-Roman, das ist eine spontane Assoziation des Kritikers, der die Gemüter durch die Versicherung zu beruhigen versucht, dass sie in „Hunkeler und die Augen des Ödipus“ kein bisschen in Gefahr schweben werden, irgend etwas assoziieren zu müssen.

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Australische Blogschelte

„Challis sinnierte eine Weile über die Idee von Blogs nach, vor allem in Dirk Roes Fall. Es schien ganz so, als hätten Privatsphäre, Würde und Zurückhaltung für die Cyberspace-Generation keinerlei Bedeutung mehr. Man konnte meinen, dass es heute vollkommen in Ordnung war, jeden halb ausgegorenen, langweiligen oder bösartigen Gedanken, jedes Gefühl, jeden verletzten Stolz hinauszuposaunen.“ ( Garry Disher, „Rostmond“, Unionsverlag 2010, S. 67/68)

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Sozialer Profit

Deutschland verarmt. Woran liegt das? An der Globalisierung! Weil Asiaten und Afrikaner sich nicht entblöden, für einen Sack Reis oder Maniok zu arbeiten, müssen wir es auch! Das ist doof, aber nicht zu ändern. Nicht zu ändern? Doch! Durch unternehmerische Mildtätigkeit! Man nehme nur den Saarbrücker Conte Verlag und sich an diesem ein Beispiel.

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Nii Parkes: Die Spur des Bienenfressers

Beginnen wir mit einer Falschmeldung: Der Afrikakrimi boomt. Oje. Natürlich nicht. Was fröhlich hypt, ist der Südafrikakrimi und auch das ist wohl schon passé, nachdem es sich fußball- und trötenmäßig ausgehypt hat. Und Afrikakrimi? Nun ja. Der moderne Kriminalroman, wie man ihn allerorten mehr oder weniger routiniert runterschreibt. Also kein Afrikakrimi. Dafür, wenigstens in kleinen Dosen gereicht, eine Art Abkehr vom amerikanisch-europäisch geprägten Ratiokrimi. Nach Vamba Sherifs →„Geheimauftrag in Wologizi“ jetzt Nii Parkes mit „Die Spur des Blenenfressers“.

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