Declan Burke gibt auf

Zwei Bücher hat der irische Krimiautor Declan Burke herausgebracht. Hochgelobt in den angloamerikanischen Landen, noch nicht ins Deutsche übersetzt, von Bernd Kochanowski indes auch hierzulande gepriesen. Burke führt zudem einen feinen Blog mit dem hintersinnigen Namen →Crime Always Pays, und auf diesem teilte er nun seiner bestürzten Leserschaft mit, er gebe das Schreiben von Krimis auf. Er müsse eine Familie ernähren, was ihm mit journalistischen Arbeiten besser gelinge als dem mühseligen Zusammenbosseln von „fiction“, dieser zeitraubenden und schlechtbezahlten Tätigkeit. Wir soll man sich eines gutes Gewissens erfreuen, wenn man seine Familie vernachlässigt, sie in ökonomische Nöte stürzt – und das werte Publikum, aller Jubelarien zum Trotz, dann doch lieber zum üblichen Massenfroufrou greift?

Weiterlesen

Ross Thomas: Voodoo, LTD.

Der Stein, der alles ins Rollen bringt, ist ein Kieselchen, wenn überhaupt. Das erfahren wir natürlich erst zum Ende des Romans, aber gedacht haben wir uns das schon früher. Denn irgend etwas an „Voodoo, LTD.“, dem abschließenden Teil von Ross Thomas‘ Wu/Durant-Trilogie, ist von Anfang an merkwürdig, nein, die ganze Story ist es. Völlig unglaubwürdig, überkandidelt – man kann es nennen wie man will. Also: ein Fehlgriff?

Weiterlesen

Jochen Schmidt: Gangster, Opfer, Detektive (erster Eindruck)

Ein Ziegelstein? Eher ein Backstein. Unhandlich und kiloschwer, kein Schnäppchen aus der Krabbelkiste: Jochen Schmidts „Gangster, Opfer, Detektive“ in überarbeiteter, aktualisierter und stark erweiterter Neuausgabe der Erstveröffentlichung von 1989 bei Ullstein. 1127 Seiten, Großformat. Ein Buch, über dessen Existenzberechtigung nicht zu streiten ist, ein Buch aber auch, das nur dann wertvoll wird, wenn man sich MIT IHM streitet.

Weiterlesen

Das allerletzte Tabu

Frauen. Sie denken anders, lieben anders, schreiben anders und fahren anders Auto. Anders als die, aus deren Rippen sie entstanden sind. Daran hat man sich im Laufe der Evolution gewöhnen müssen und eigentlich klappt das Zusammenleben trotz aller Widrigkeiten recht gut, manchmal jedenfalls. Aber jetzt: Könnte es sein, dass Frauen auch anders Krimis lesen? Und, natürliche Konsequenz, auch anders rezensieren?

Weiterlesen

2059: ein Blick in die Zukunft

Das „Syndikat“ als Vereinigung deutschsprachiger Kriminalautorinnen und –autoren sowie die Jurorenschaft der „KrimiWelt-Bestenliste“, federführend in Sachen Krimikritik, baten mich, meine anerkannten spirituellen Fähigkeiten zu bemühen, um einen Blick auf die Krimikultur 2059 zu werfen. Meine unbestreitbaren Erfolge der jüngeren Vergangenheit (eine Frau im Kanzleramt, Wolfsburg deutscher Fußballmeister und das Auftauchen autistischer Floristinnen als Ermittler in Kriminalromanen – alles exakt vorhergesagt!) lassen uns in guter Hoffnung, dass sich auch die folgenden Prognosen in fünfzig Jahren als schnöde Wirklichkeit besichtigen lassen.

Weiterlesen

Harri Nykänen: Ariel. Mord vor Jom Kippur

Harri Nykänen hat die Seiten gewechselt. Wanderten wir bisher mit seinem Serienhelden Raid, einem ausgewiesenen Gangster, durch die finnische Normal- und Unterwelt, tun wir dies nun mit dem Polizisten Ariel Kafka. Die sofort fällige Namensassoziation spielt keine Rolle; wohl aber das, was dahintersteht. Denn Ariel Kafka ist Mitglied der kleinen jüdischen Gemeinde von Helsinki und die wird in „Mord vor Jom Kippur“ kräftig durcheinander gewirbelt.

Weiterlesen

Die Couch liest

– und wer „Arme Leute“ noch nicht gelesen, ja, nicht einmal im Bücherregal stehen hat, der verkneife es sich bitte, an der →Leserunde zu partizipieren (statt dessen: kaufen, lesen, weiterempfehlen. Nur so kommt Deutschland aus der Krimikrise). Aber erfahren, wie es den Teilnehmern bisher gefällt, sollt ihr dennoch…

Weiterlesen

Herbstalibis

alibis32.jpg

Die 32. Nummer von „Alibis“, dem frankokanadischen Krimimagazin, ist soeben erschienen. Wie immer mit Kriminalerzählungen, Neuheiten und Rezensionen, dazu eine längere Abhandlung von Norbert Spehner über Nikola Tesla und sein Auftreten in diversen Thrillern. Nikola Tesla? Genau, →der berühmte Erfinder. Ein idealer Kandidat für Verschwörungstheorien, wie es scheint. Mehr zur Herbstausgabe der „Alibis“ und Bonusmaterial gibt es →hier.

SKI -2-

SKI – Serie Krimi International: Eine Reihe von Story- und Figurenvorgaben und fünf Versuche, sie in jeweils einstündigen Kriminalhörspielen weiterzuentwickeln. Über das tragfähige Konzept und die Arbeiten von Merle Kröger und Norbert Horst wurde →im ersten Teil unserer kleinen Studie berichtet. Fehlen noch die Hörspiele von Sabina Altermatt, Nathan Markov und Pieke Biermann sowie das abschließende Resümee.

Weiterlesen

Seid doch endlich nett zueinander!

Die Welt der Spannungsliteratur schlägt Alarm. In Großbritannien verweigert →eine Kritikerin das Besprechen von Kriminalromanen mit der Begründung, diese seien frauenfeindlich (via →Menkes Twitter-Kriminaldauerdienst). Aus Deutschland erreichen uns Gerüchte, ein sensibler Großkritiker ziehe sich mit dem Argument, Krimis seien männerfeindlich, aus dem Geschäft zurück. Da dem Genre auch eine generelle Mörderfeindlichkeit nicht abgesprochen werden kann, dürfte hier ebenfalls noch einiges an Konfliktpotential vor der Eruption stehen. Der Krimi am Ende? Wir müssen handeln…

Weiterlesen

A.A. Milne: Das Geheimnis des roten Hauses

Es gibt gleich drei gute Gründe, dieses Buch zu lesen. Einmal, weil es der einzige Krimi von A.A. Milne geblieben ist, dessen ewiger Ruhm sich seiner Schöpfung Winnie-the-Pooh verdankt. Und wer immer noch nicht weiß, was einen „Landhauskrimi“ charakterisiert, findet hier ein ideales Beispiel dafür. Drittens: Gerade weil „Das Geheimnis des roten Hauses“ alle Versatzstücke dieser Variante des Rätselkrimis verarbeitet, dient der Text in Raymonds Chandlers berühmtem Essay „The simple art of murder“ als Belegstück für die letztliche Belanglosigkeit dieser Sorte Spannungsliteratur.

Weiterlesen

Krimijahrbuch?

Um die wachsende Nachfrage – „Wann kommt denn das KJB 2010?“ – öffentlich zu befriedigen: Nein, es wird kein Krimijahrbuch 2010 geben. Jedenfalls nicht mit den bisherigen HerausgeberInnen Bacher / Noller / Rudolph. Wenn sich andere fänden, wärs recht. Und warum werfen wir das Handtuch?

Weiterlesen

John Grisham: Der Anwalt

AV2_banner.jpg

Was kann man von einem System, das Recht sprechen soll, erwarten, wenn es sich als durch und durch korrupt erweist? Geld regiert das business um Gerechtigkeit, macht gefügig und folgt seinen ganz eigenen Gesetzen. John Grisham gewährt in Der Anwalt spannende Einblicke hinter die Fassaden der Haifisch-Wall-Street-Kanzleien, steuert wie gewohnt tief durch Klischees, wandelt teilweise auf dünner Logik und erzählt – so könnte man fast den Eindruck gewinnen – eine leider flach ausgefallene, aber böse Variante seines eigenen Romans Die Firma (1990).

Weiterlesen