Freitagskommentar

Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mir das momentane „Tannöd“-Geplänkel auf den Geist… nein, den erwähnen wir in diesem Zusammenhang lieber nicht – auf den Sack geht. Da wird die Einsetzung einer Wörterpolizei indirekt angeregt, deren Aufgabe es dann wäre, nach identischen Adjektiven oder Bildern zu suchen, da feiert aber auch der Standesdünkel fröhliche Urständ, ist von „gewissen Gestaltungshöhen“ die Rede, welche ein „Werk“ erreichen müsse, um nicht der „Gemeinfreiheit“ anheim zu fallen, die nichts anderes mehr ist als eine Umschreibung von „Schund“ oder „Kolportage“. Kein Wunder also, dass „Soll die Kolportage siegen?“ getitelt wird, worauf man nur mit einem kräftigen „JA!“ antworten kann. Wo leben wir? Vor allem aber: wann? Ende 19. Jahrhundert, und die Welt ist eine Gelehrtenstube, aber in die Gelehrtenstuben hat die Welt noch nicht Einzug gehalten? Meine Fresse, was für eine unterirdische Diskussion. Keine Verlinkungen an dieser Stelle, Schluss.

Ehrenglauser 2008

„Der Friedrich-Glauser-Ehrenpreis 2008 wird der Dortmunder Kriminalschriftstellerin Sabine Deitmer für ihre Verdienste um die deutschsprachige Kriminalliteratur zuerkannt.“

Berichtet heute das Syndikat. Wir gratulieren Frau Deitmer und verweisen bescheiden auf ein großes Interview mit der Autorin im Krimijahrbuch 2008. Auch die Nominierten für die sonstigen Preise stehen nun fest. Und da gibts Überraschungen. Aber schaut selbst. →Hier.

Tom Rob Smith: Kind 44

Dass sich aktuell gleich zwei Herren Smith auf der Krimiwelt Bestenliste tummeln und Stalins (Un)Geist beschwören, ist sicher Zufall. Der eine, Martin Cruz Smith, lässt den Diktator durch das heutige Russland irrlichtern; beeindruckend, wie man es von diesem Routinier erwarten darf. Der andere führt uns zurück in die Zeit des noch lebenden resp. soeben verstorbenen Stalin; ein Bürschlein in seinen zarten Zwanzigern ist dieser Tom Rob Smith und beinahe wäre auch ihm ein großartiges Buch gelungen. Beinahe…

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Volksbloggen -18-

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Jeden Mittwoch, wenn dieses formschöne Logo aus dem Hause Menke on top of wtd zu sehen ist, wissen die versierten LeserInnen: Aha, heute herrscht wieder die Volksfront bei Hinternet. Es darf nach Herzenslust kommentiert und geschimpft, gelobt und gedacht werden. Richtig. Aber die LeserInnen wissen auch: Hinternet ist der wahre Demokratiepionier im Netz. Jetzt lassen die ihre KonsumentInnen sogar schon rezensieren! Nicht nur die Männer, nein! Auch die Frauen dürfen!

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Ach so, ach ja: und das noch

Alain Robbe-Grillet ist tot. Ob er als „Krimiautor“ durchgeht, weiß ich nicht. „Die Wiederholung“ jedenfalls war fast ein Krimi oder auch ein Krimi oder… Wie alle großen AutorInnen nehmen wir Robbe-Grillet aber ehrenhalber in die Ehrengalerie des Genres auf. Doch. Er war einer. Ich lege das jetzt mal einfach so fest. Und sollte sich jemand gewundert haben, dass die Nachricht von Robbe-Grillets Tod gestern Abend nicht in der „Tagesschau“ vermeldet wurde… nein, so weltfremd ist hier keiner.

Gedanken für eine Woche

KrimileserInnen sind wie kleine Eisbären. Irgendwie süüüüß (man lebt ja auch von ihnen), aber doch auch irgendwie unberechenbar; besonders, wenn sie größer werden. Und sind sie dann ganz groß, werden sie einem gar gefährlich, vor allem, wenn sie aus ihrem Käfig der privaten Meinungen und Vorlieben ausbrechen und diese ihre Meinungen und Vorlieben öffentlich kundtun. Als Blogger beispielsweise.

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Einladung zum Kritikerstammtisch

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Georg, treuer und begeisterter wtd-Leser, hat vor einigen Tagen eine alte Idee des Blogbetreibers wieder aufgenommen. Warum, so der passionierte wtd-Freak, besprechen nicht verschiedene KritikerInnen ein bestimmtes Buch und veröffentlichen ihre Erzeugnisse dann gebündelt bei wtd? Kein schlechter Gedanke, den der wtd-süchtige Afficionado da gehabt hat. Wir greifen ihn natürlich auf und geben ihm den Namen „Kritikerstammtisch“.

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Pieke arbeitet schwarz

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Wenn wir den Respekt, den wir den Kriminalreportagen Pieke Biermanns zollen, auch noch verzollen müssten… nicht auszudenken! Nichts auszudenken braucht sie sich auch diesmal, d.i. am Freitag, 15. Februar 2008 im RBB-Inforadio 93,1 um 10:27 und 13:27 Uhr (Wiederholungen Sonntag 13:45 und 18:45 und Montagnacht 04:45 Uhr) und am Sonnabend, 16. Februar 2008 in DER TAGESSPIEGEL. Dann nämlich geht sie gemeinsam mit dem Zoll zur „Gastrokritik im Einsatzanzug“. Und wer schwarz Buletten brät, hat nichts zu lachen. Wer aber auf Piekes Radio drückt, was zu hören.

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Armselig

„Mehr noch als in der avancierten Literatur scheint die Beurteilung eines Kriminalromans eine Frage persönlicher Vorlieben, des Temperaments, des Geschmacks und nicht zuletzt des Zeitgeistes zu sein. Objektivierbar ist – schaut man sich die Kritiken oder auch nur die Reflexe der Leser an – offenbar fast nichts.“

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Die Woche der Erzähltheorie des Kriminalromans -3-

… mit einer Kritik von Mordecai Richlers „Cocksure“ und einem Rückgriff auf James Sallis‘ „Driver“

Statt der gewohnten Donnerstagskritik heute ein umfangreicher letzter Teil unseres Wochenthemas – mit eingebetteter Rezension. Eigentlich sollte die Rezension für sich stehen und der eher allgemein-theoretische Teil morgen folgen. Es ist natürlich anders gekommen… „Cocksure“ jedenfalls ist Klasse – nachfolgender Text zumindestens „komplex“ – und letztlich nicht mehr als eine nach Ausarbeitung schreiende Anfangsthese.

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Volksbloggen -17-

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Heute mal ohne Vorgaben. Bloggt einfach, indem ihr die Kommentarfunktion fleißig malträtiert. Macht mal hemmungslos Werbung für ir-gend-et-was, ein Buch, einen Autor / Autorin, einen Verlag, euch selbst… oder eine demnächst erscheinende Krimi-Anthologie, die neben den üblichen Verdächtigen (Heiland! Albertsen!) auch wirklich interessante, junge, gutaussehende, talentierte Debütanten zu bieten hat.

Die Woche der Erzähltheorie des Kriminalromans -2-

Bilder einer Lesung

Hörbücher kommen mir nicht ins Haus. Ich will nicht die Stimme eines anderen hören und schon gar nicht seinem Vorlesetempo folgen müssen. Und was sind Autorenlesungen anderes als Hörbücher, nur mit dem Unterschied, dass letztere durch Tastendruck zum Schweigen gebracht werden können, was bei leibhaftigen AutorInnen aber selten funktioniert und nur durch schleunige Flucht simuliert werden kann? Die aber wiederum ziemlich aussichtslos ist, wenn man, von seinesgleichen ziemlich eingekeilt, in engen Stuhlreihen sitzt.

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Die Woche der Erzähltheorie des Kriminalromans -1-

Seltsam. Irgendwie drängt sich das Thema seit gestern in den Vordergrund. Angefangen hat alles mit meinem vorletzten Lektüredoppel, Jan Seghers‘ „Partitur des Todes“ und Morchai Richlers „Cocksure“. Zwei „Krimis“ (man beachte die Anführungszeichen), zwei unterschiedliche Arten des Erzählens. Gestern dann berichtete Blogbeobachter →Bernd über „die Bedeutung des Geschichtenerzählens beim Schreiben eines Buches“ und heute schließlich macht sich auch →Jan Seghers (Eintrag vom 12.2.08) so seine Gedanken: „Aber verglichen mit den Arbeiten von Dujardin, Joyce, Kafka, Proust, Babel, Beckett und Céline oder gar mit den Arbeiten des literarischen Dadaismus und des nouveau roman, gehören selbst die vermeintlich „modernsten“ Kriminalromane zutiefst der Vormoderne an.“

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Krimispam

Der Wortschatz der oder des gemeinen Krimischaffenden ist naturgemäß begrenzt. Da feixen die „inneren Dämonen“, laufen „Schauder“ wie Gletscher über den Rücken oder korrigiert sich in jedem zweiten Krimi die Frau des Ermordeten: „Mein Mann ist – ich meine: war…“. Immer die gleichen Schablonen, die ewigen abgestandenen Begriffe. Da lob ich mir die Penisverlängerer.

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Kerstin Rech: Schenselo

Krimischreiben ist Turnen auf dem Schwebebalken. Eleganten Schritts über dem Abgrund, tut man so, als sei alles ganz einfach und hält doch nur mit Mühe die Balance. Und als sei das nicht schwer genug, macht man allerhand akrobatische Verrenkungen, düpiert für Momente die Schwerkraft und fürchtet sich vor dem Abgang auf den Boden der Tatsachen. Der geht nicht selten schief, vor allem, wenn man etwas riskiert.
Kerstin Rech gehört zu den AutorInnen, die etwas riskieren. Ihre Krimis wachsen aus dem Mystisch-Übersinnlichen, dem unsicheren Grund von Sagen und Legenden, da gibt es manchen Salto – auch manchen Wackler -, als Leser zittert man mit, glaubt manchmal, jetzt passiere der brutale Absturz – und atmet auf, wenn sich die Autorin fängt. „Schenselo“ macht hier keine Ausnahme.

Die Geschichte spielt im unweit vom Speyer gelegenen kleinen Ort Neuweiler, einem Kaff, in das sich nicht einmal die Sonne verirrt. Einst gab es hier ein Kloster, auch einen Grafen, den titelgebenden „Schenselo“, das ist lange her, doch die alte Zeit lebt weiter im Geraune der Bewohner. Wir lernen einen kleinen Jungen kennen, der seinen verstorbenen Vater vermisst und seine Mutter hasst. Dann begegnen uns der Chef eines Garten- und Landschaftsbauunternehmens, der seinen Vater fürchtet, und seine Schwester, Berit Schock, die diesem Vater zu sehr ähnelt und sich in eine andere, eine neutrale Vergangenheit geflüchtet hat. Sie leitet das Heimatmuseum von Neuweiler.

Als die Gartenbaufirma den kleinen Park saniert, stößt der Bagger auf eine Kiste. Darin ein Schenkungsvertrag aus dem 16. Jahrhundert, der aber eine Transaktion des Schenselo aus dem 14. fixiert. Ein willkommenes Exponat für Berit Schocks Heimatmuseum, doch lange kann sie sich nicht daran erfreuen, das wertvolle Stück wird ihr gestohlen, der Dieb ist ein Angestellter der Firma, das findet man schnell heraus, doch den Bösewicht selbst findet man tot, die Hände ans Bett genagelt. Kommissar Hoppe ermittelt.

Bald ist die Rede von einem Schatz, von den Tempelrittern und der Wiederkehr einer längst versunkenen Bruderschaft, tja, und damit könnte auch der Roman irgendwo zwischen Fantasy und Dan Brown versinken, würde er denn weiter an der Oberfläche geplottet werden. Aber Kerstin Rech hat von Anfang an eine andere Ebene im Visier. Wo wir glauben, die Autorin beschwöre die Vergangenheit, tun die Personen das genaue Gegenteil. Sie flüchten vor dem Vergangenen in teils anrührende, teils bizarre Phantasie- und Wahnwelten. Der kleine Junge zum Beispiel, der seinen Vater vermisst, erschafft ihn sich im Traum neu. Berit Schock widmet sich der Heimatkunde, um die Zeit zu vergessen, da sie ihr Vater mental zu erdrücken schien. Ihr Bruder hat diesen Fluchtpunkt nicht; er stolpert in die Psychose. Und auch im Leben des Kommissars gibt es eine, mit der Geschichte eng verzahnte Begebenheit aus dem Vergangenen, die er verdrängen muss – und doch nicht kann.

Es sind also im Grunde zwei Geschichten, die hier parallel laufen und doch einander brauchen ein „Täterkrimi“ und ein „Opferkrimi“. Dafür benötigt Kerstin Rech nicht einmal 200 Seiten, für einen „total überraschenden Schluss“ auch , der, hätte man die zweite, die innere Geschichte eher in den Blick bekommen, so überraschend nicht gewesen wäre. Man mag nun einwenden, die Athletin auf dem Schwebebalken übertreibe es ein wenig mit den Kunststückchen. Das ist richtig. Die Einbeziehung des Kommissars ins dramatische Szenario kommt ein wenig zu gewollt daher, obwohl sie für die Schlussszene gebraucht wird, die wiederum auf die Eröffnungsszene zurückweist. Ohne diesen zusätzlichen Abgrund bekäme man die anderen Tiefen etwas besser in den Blick.

Aber abstürzen tut die Autorin nicht. Sie hat ein intelligent geplottetes Buch vorgelegt, in dem mehr angedeutet als ausgeplappert wird, was für die Wertschätzung spricht, die Kerstin Rech der Leserintelligenz entgegenbringt. Hoffen wir, dass diese LeserInnen es zu honorieren wissen.

Kerstin Rech: Schenselo. 
Conte 2007. 186 Seiten. 19,90 €

Volksbloggen -16-

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Auch am Aschermittwoch gilt: Volk, blogge! Über was auch immer. Zum Beispiel über eine Merkwürdigkeit, die mir beim Studium der letzten →„Befragung“ einer Krimiautorin namens Eva Lirot (schüttle die Buchstaben und es kommt „Voltaire“ heraus) aufgefallen ist. Auf die Frage „Welchen Kriminalroman hätten Sie selber gerne geschrieben?“ antwortet die Autorin: „“Sakrileg“. Und zwar mit allen von der Kritik konstatierten, vermeintlichen Schwächen. Denn die Metaaussage des Romans kam exakt rüber – und darauf kommt es in der Literatur an.“

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