Ihr, die euch die Gnade der späten Geburt vor so manchem bewahrt hat, werdet euch nicht erinnern können. Aber glaubt mir: Es gab eine Zeit, da jeder Rentner, der etwas auf sich hielt, hierzulande beim Anblick eines Langhaarigen schöne Visionen bekam. In ihm dräute dann die 1000jährige Sehnsucht nach einer freundlich im frühen Morgenlicht blitzenden Guillotine im propperen Hof eines wohlorganisierten Konzentrationslagers. Und er dachte (meistens still in sich hinein, manchmal laut aus sich heraus): Hei, wäre das nicht schön, wenn jetzt dieser langhaarige Kopf, der so arg voll ist von verseuchter Beatmusik, unterm Fallbeil=da zu liegen käme und – schwupp – abgeschlagen würde, auf daß er in ein weiches Auffangnest aus druckfrischen BILD-Zeitungen plumpsete? (Unsere ehemaligen Rentner beherrschten noch den altertümlichen Konjunktiv!)
WeiterlesenKategorie: Buch
Maxim Biller – Land der Väter und Verräter
Die Tempojahre sind vorbei für Maxim Biller, das klang bereits 1990 an, als seine Erzählungen ‚Wenn ich einmal reich und tot bin‘ erschienen sind, spätestens jedoch 1991, als eine Reprise seiner Texte aus TEMPO unter dem Titel ‚Die Tempojahre‘ erschienen ist, war es offenkundig geworden. Inzwischen ist TEMPO tot – Maxim Biller lebt. Das stellt er unzweifelhaft klar in seinem Buch Land Der Väter Und Verräter, das mit dreijähriger Verzögerung nun seinen Weg als Paperback über die Ladentheken antritt.
Was ist nun aus dem zynischen jungen Autor mit der großen Klappe geworden, der inzwischen, mit 37, die wilden Jahre hinter sich und die Midlife-Crisis vor sich haben müßte? Schwer zu sagen. Gerüchten zufolge schreibt er in Richtung Klagenfurt. Das Wesen von Gerüchten ist allerdings auch, daß sie eindimensionale ‚Wahrheiten‘ beinhalten, daß ihre Aussage solange stimmt, bis man länger darüber nachdenkt und ein „aber . . .“ dranhängt. Aber, so einfach wie die Autoren von Gerüchten macht es sich Biller nicht. So wie er sich bereits als Temporedakteur ständig zwischen die Stühle der Popfraktion und der etablierten Kultur-Intelligenzia gesetzt hat, so setzt er sich jetzt, da er sich seiner Situation als deutscher Jude immer bewußter wird, immer noch zwischen die Stühle. Nur die, die nun rechts und links von ihm sitzen, haben sich verändert. Seine Geschichten drehen sich jetzt um Opfer und Überlebende, um Sieger und Besiegte, um Deutsche und Juden. Weil er ein waches Auge hat, schreibt er von Begebenheiten, wie sie im täglichen Leben anzutreffen sind, ohne Gebrauchsanleitung für Gut und Böse. Weil er dazu auch noch schreiben kann, tut er dies auf die ihm eigene Art: entlarvend, manchmal zynisch und immer faszinierend.
Maxim Biller ist von einem Redakteur zu einem Autor geworden, dem es gelingt, schwerverdauliche Themen anzugehen, und lebensnah zu schildern, ohne in hermetischen Innenwelten gegen Wände zu laufen oder sich in affektierte Klugscheißerei zu ergehen. Endlich mal wieder ein Beweis, daß anspruchsvolle Literatur nicht wehtun muß.
Maxim Biller
Land der Väter und Verräter
dtv 19,90 DM
ISBN 3-423-12356-7
William Gibson – Idoru
William Gibson, laut Spiegel, „wohl der einzige Science-Fiction-Autor der Welt, dessen Werke eine unmittelbare Wirkung auf die Gegenwart haben“. William Gibson, der mit seiner Neuromancer-Trilogie den Begriff des „Cyberspace“ kreierte, hat jetzt mit IDORU seinen neuen Roman abgeliefert, sehnsüchtig erwartet von einer treuen Leserschar, sicherlich aber auch von den Verlegern – zwecks Säckelfüllen. Wie sonst ist das geradezu parallele Erscheinen in den USA und in Deutschland zu erklären – beim Plattwalzen von Mia Farrows Seelenleben, John Hewitts Liebesleben, etc gang und gäbe, bei einem SF-Roman bisher wohl nicht für möglich gehalten.
WeiterlesenDie Scheibenwelt von A-Z
Den Menschen, die noch nie etwas von Pratchett´s Scheibenwelt gehört oder gelesen haben, sei vorausgeschickt: Terry Pratchett ist der, der wo Bücher schreibt, die auch die Leute lesen, die wo sonst keine Bücher lesen. Aber Spaß beiseite, denjenigen die noch keine Scheibenwelt-Romane gelesen haben, ist nichts entgangen, außer Lachkrämpfen, entlarvenden Darstellungen der menschlichen Natur und Gesellschaft, Nachdenkliches und Amüsantes über den Charakter von Gevatter Tod. Sie haben also nichts geringeres verpaßt außer das, was allgemein als Lesevergnügen bezeichnet wird. Zugeben sie werden seltener das Mittagessen verpaßt haben und über kein Schlafdefizit klagen, aber jetzt mal ehrlich: Wer braucht das schon?
WeiterlesenSven Böttcher – Wal im Netz
Die Zukunft ist einfach nicht mehr das, was sie einmal war, bevor William Gibson den Cyberspace erfunden hat. In naher Zukunft hängt alles am Netz, Stadtwerke, Post, Pornokanal, einfach alles. Und, wer das Netz kontrolliert, sitzt am Drücker.
Das muß auch Inspector Victor Sherman feststellen, als irgendwann im nächsten Jahrhundert in seiner Dienststelle die Meldung eintrudelt, daß ein Irrer namens Moby Dick in totsichere Systeme eingebrochen ist. Der Spaß hört auf, als Moby Dick seine virtuellen Muskeln spielen läßt und die Wasserversorgung der Stadt lahmlegt.
Der dicke Meeressäuger erweist sich als übermächtiger Gegner für Sherman und seine Crew. Jede Spur endet in einer Sackgasse. Es gibt Ärger mit fliegenden Pizzadrohnen, brutalen Kindergangs und religiösen Massenmördern. Als ob das noch nicht genug wäre will Shermans Freundin auch noch Sex. So richtig körperlich wie früher und nicht virtuell. Es sieht zunächst also gar nicht rosig aus. Doch Shermans neuer Mitarbeiter, der computerbegeisterte Scapegood, bringt virtuelles Licht ins Dunkel und die Verfolgung beginnt. . .
Sven Böttcher, vielen bekannt als Übersetzer von Douglas Adams, schickt mit „Wal im Netz“ bereits zum dritten Mal Inspector Sherman auf Verbrecherjagd. Die Stärke des Romans liegt eindeutig darin, daß man jetzt schon nachlesen kann, wie sich das Neunzigerjahre-Revival im nächsten Jahrhundert anlassen wird: mit lustigen Gerichten wie „Serbische Schlachtplatte“ und „Geschnetzeltes Gorazde“.
Sven Böttcher Wal im Netz Goldmann ISBN 3442435218
Terry Pratchett: Echt zauberhaft
Jeder weiß von der Existenz und den Taten der Götter. Aber auch Götter sind schließlich nur Menschen und langweilen sich ab und zu. Wenn dieser Zustand eintritt spielen sie Spiele mit dem Schicksal der Sterblichen. Das neueste Spiel heißt ‚Mächtige Reiche‘. Die Spieler: das ‚Schicksal‘ und die ‚Lady‘.
WeiterlesenMartha Grimes – Freier Eintritt
Der 15jährige Sammy lebt mit seiner Familie in einem schicken New Yorker Appartement. Sein Vater ist erfolgreicher Banker, und seine Mutter verbringt ihre Zeit vorzugsweise vor dem Spiegel – wenn sie nicht gerade auf Beutezügen durch teure Boutiquen ist.
Eines Tages hört Sammy seine Eltern in der Küche über „Die Toten“ reden. Für ihn steht fest, daß es sich um die gleichnamige James Joyce-Geschichte handeln muß oder deren Verfilmung durch John Houston. Erst als ihm eine Reihe zerknitterter Photos in die Hände fällt, dämmert es ihm: „Die Toten“ sind nichts anderes als „The Dead“ – so die liebevolle Abkürzung der Hippie-Band „Grateful Dead“! Und es scheint so, als wären seine Eltern ihre größten Fans gewesen.
WeiterlesenGiuseppe Culicchia – Knapp daneben
Walter ist 21, hat sein Abitur in der Tasche und keine Ahnung, was er in der italienischen Gesellschaft verloren hat. Sicher ist nur, daß er weder den Militärdienst ableisten möchte, noch ein Lohnsklave bei Fiat werden will. Also verweigert er erst mal und schreibt sich in der Wartezeit an der Uni für ein paar Philosophiekurse ein. Zuhause geht ihm sein Vater auf die Nerven. Ständig von dumpfen Gameshows zugedröhnt schnautzt der Walter an, endlich etwas aus seinem Leben zu machen, beispielweise eine Karriere bei Fiat.
WeiterlesenMichel Birbæk – Was mich fertig macht ist nicht das LEBEN, sondern die Tage dazwischen
Tacheles ist Sänger in der Band MOM (Männer oder Mäuse, gibts wirklich!). Tacheles hat einige Probleme. Und das macht ihn sympathisch. Die Toureinnahmen reichen gerade mal aus, um die Kosten für Sprit, Verpflegung, Unterkunft, Strafzettel und Bier zu decken. Damit nicht genug wird sein Leben um einige Stufen komplizierter, als seine Ex wieder in der Stadt auftaucht. Diese ließ ihn vor einem Jahr sitzen. Nach einem gemeinsamen intensiven Sexnachmittag ist es wieder um Tacheles geschehen. Alle guten Vorsätze sind vergessen. Das Problem ist nur, daß er nicht genau weiß, ob sie ähnlich fühlt. Eigentlich war das schon immer die große Frage zwischen ihnen. Außerdem gibt es da noch Britta, seine beste Freundin, die ihn liebt.
Das Ganze wäre vielleicht noch zu ertragen, wenn Tacheles‘ Mitbewohnerin mit ihrer dezenten Nymphomanie ihn nicht zu Wahnsinn treiben würde. Oder eine alte Feindin der Bandkarriere ständig Steine in den Weg legte. Klingt nach Chaos, ist Chaos. Kurz, es muß sich etwas ändern. Aber dazu muß Tacheles erstmal herausfinden, warum ihn sein Vater früher immer mit zum Fischen nahm.
Der Roman ist wie ein gutes Rockstück geschrieben: schnell, hektisch, übertrieben, laut, voller Lebensgefühl, aber auch mit leisen nachdenklichen Zwischentönen. Im weitesten Sinn ist es die moderne Version von der Suche nach dem Gral. Ideal zu lesen, wenn man unterwegs ist oder an verregneten Sonntagnachmittagen.
Michel Birbæk
Was mich fertig macht ist nicht das LEBEN,
sondern die Tage dazwischen
Rütten und Loening 29,90 Deutschmark
ISBN 3-352-00531-1
Chuck Hogan – Hornissennest
Videotheken scheinen die rechten Startrampen für eine Karriere zu sein. Quentin Tarantino gelang von dort aus der Sprung in die erste Reihe der Kult-Regisseure und bei Chuck Hogan könnte sich eine ähnliche Entwicklung abzeichnen. Bis zur Annahme seines Manuskripts „The Standoff“ hat er auch seine Brötchen mit dem Verleih von Schmuddelfilmen verdient.
The Standoff, deutscher Titel „Hornissennest“ ist die Geschichte einer Belagerung in Montana, der Hochburg der Militia, Survivalists, Verschwörungsparanoiker, Separatisten und Waffennarren, kurz, allderjeniger, die sich von der niggerfreundlichen jüdisch durchsetzten linken Regierung im fernen Washington lossagen wollen.
WeiterlesenGerd Gerken/Michael Konitzer – Trends 2015
Die Zukunft ist ja nicht unbedingt nur das Arbeitsgebiet von Science Fiction Autoren, sondern auch von Marktforschern und Trendscouts. Zwei von ihnen, Gerd Gerken und Michael Konitzer, haben sich dazu hinreißen lassen, ihre Erkenntnissen und Prognosen dem schnöden Volk in Buchform nahezubringen, einem Medium, dem sie in ihrem eigenen Werk auf Seite 84 keine Chance mehr einräumen. Sei’s drum.
Was die beiden Zukunftsprofis in TRENDS 2015 bieten liest sich so wie der Abschlußbericht aus dem Muppet-Labor wo die Zukunft von morgen schon heute gemacht wird.
Tom Sharpe: Ein dicker Hund
Tom Sharpe, der Grandseigneur des britischen Humors in seiner schwärzesten Färbung, hat sich mit einem neuen Roman zurückgemeldet. Ähnlich wie bei EINE FEINE FAMILIE geht es wiedermal um die Irrungen und Wirrungen der feinen britischen Gesellschaft.
WeiterlesenSimone Borowiak – Ein Zug durch die Gemeinde
Simone Borowiak hat es geschafft. Souverän hat sie ihre härtesten Konkurrentinnen Hannelore Kohl und Hella von Sinnen auf der linken Spur überholt und gilt inzwischen als die Nummer 1 der Frauen, mit denen sich ein Mann niemals verabreden würde. Nicht einmal wegen einer verlorenen Wette – von wegen Ehrenschulden und so.
Das hat seine Gründe. Erstens, sie ist über dreißig. Zweitens, sie schreibt Artikel für die Titanic und manchmal auch ganze Bücher. Und genau das ist gerade wieder passiert.
WeiterlesenBruce Dickinson – Lord Iffy und die Spitzen der Gesellschaft
Bruce Dickinson, der pensionierte Sänger von Iron Maiden, ist bereits in jungen Jahren für seinen überentwickelten Sinn für Humor bekannt gewesen. Der hatte ihm seinerzeit einen Rausschmiß aus einer staatlichen Schule beschert. Ein Verlust von dem er sich bis heute scheinbar nicht erholt hat. Seine Rache für diese Schmach sieht so aus, daß er als Vergeltung für den entgangenen Unterricht eigene Bücher schreibt, deren Hauptfigur Lord Iffy ein Inzuchtprodukt der Oberschicht ist.
WeiterlesenIdole in verschiedenen Aggregatzuständen
Interview mit Thomas C. Breuer
HINTER-NET!: Wenn ich die verstreuten Informationen zu Deiner Person richtig zusammengesetzt habe, dann erschien Dein erstes Buch bereits 1977, als in der deutschen Provinz die letzten Blumenkinder die Grünanlagen unsicher machten. Wie gings weiter?
TC: Hmm, (lutscht versonnen auf einem Bonbon herum) hmm; was hat sich getan? Nun, daß ich halt hauptsächlich einen Bühnenberuf habe, der das Geld bringt und der deshalb das Geld bringt, weil ich dabei gerade die Bücher verkaufe, die ich zum Teil selbst verlegt habe. Was ich im übrigen niemand empfehlen kann, Bücher selber herauszubringen, wenn derjenige nicht selber tingelt. Das kann bitter werden.
Ich habe halt meinen Weg gemacht als sogenannter literarischer Kabarettist als ich irgendwann gemerkt habe, daß ich einfach der beste Interpret meiner Werke bin. Nebenher habe ich mit dem Radio angefangen. Ich habe also drei Standbeine und es erweist sich in solchen Zeiten wie diesen, wo es kulturell überall enger wird, als Vorteil. Es wackelt nur eins – oder zwei aber nicht unbedingt alle drei Beine. So kann ich immer noch ein bischen springen und sagen: „Eigentlich mache ich ja doch eher. . .“
HINTER-NET!: Läufst Du damit nicht auch Gefahr als Universaldilettant durchzugehen?
TC.: Stimmt schon. Es steht der Sache manchmal auch ein bischen im Weg, daß ich mich nicht rückhaltlos für eines entscheiden kann. Ich würde jetzt gern wieder einen neuen Roman schreiben und die anderen Sachen auf Eis legen. Aber, ich hab´ die Zeit nicht; ich kanns mir finanziell nicht erlauben, weil ich Familie habe und deshalb muß ich die anderen Berufe auch noch machen.
HINTER-NET!: Seit deinen Anfängen sind ja immerhin fast 20 Jahre vergangen, Dein letztes Buch Sekt in der Wasserleitung ist ja stark autobiographisch, das war nach eigenen Worten das erste ja auch schon. Schließt sich jetzt der Kreis? Ist es Zeit, ein Resüme zu halten oder hat Dich das Alter mit Reife überzuckert?
TC: Nääää. Sekt in der Wasserleitung ist nur bedingt autobiographisch. Das Setting stimmt. Viele Personen sind der Wirklichkeit entnommen, ansonsten sind viele Begebenheiten erfunden, zusammengemischt, zu einer einzigen. Es entspricht also relativ wenig der Realität und die letzte Geschichte, die in Seattle spielt, ist komplett erfunden.
HINTER-NET!: Schade, gerade die Story mit dem Zwillingspärchen, das sich ein Toupet teilt, fand ich klasse.
TC: Es ist eine Autobiographie, aber eine gelogene.
HINTER-NET!: Eine Wunschbiographie?
TC: Nein, nicht direkt. Wünschen würde ich mir eine solche Biographie nicht. Ich bin eigentlich dazu gekommen, als ich das Käfer-Buch (Küß mich, Käfer) gemacht habe. Ich habe über VW-Käfer in Amerika geschrieben und brauchte etwas, was damit korrespondiert. Da habe ich über die Käfer in meiner Kindheit geschrieben. Sie hatten alle Käfer, meine Eltern, meine Onkel und alle andern auch. So bin ich dann dazugekommen und es hat Spaß gemacht. So hat sich das entwickelt. Ich glaube nicht, daß jemand mit 44 Jahren seine Memoiren verlegen sollte.
HINTER-NET!: Damals, als Du 1977 mitten in der Politfreak-Ära zu schreiben anfingst, warst Du am Puls der Zeit. Deine ersten Bücher waren ja eher Szeneliteratur. Schreibst Du immer noch für die inzwischen gealterte Szene von damals, oder hat ein Generationswechsel stattgefunden und Du hast ein neues Publikum?
TC: Ja, anscheinend. Eine Bekannte von mir, die ist um die sechzig, die hat das Buch gelesen – Sekt in der Wasserleitung – , fands ganz klasse und hat sich gesagt, jetzt geb´ ichs mal dem Soundso, der ist neunzehn, der ja nun all diese Erfahrungswerte nicht hat. Und diesem Soundso hat das Buch auch richtig gut gefallen. Ich bin sowieso keiner, der sich gern in irgendwelchen Gettos aufhält. Wenn ich mein Kabarett-Publikum ansehe, das ist so querbeet. Das ist, wie man so schön sagt, zwischen 8 und 80. Von denen interessieren sich etwa 10% für das, was ich sonst noch mache. Ich verkaufe also bei Kabarett-Veranstaltungen doch tatsächlich Romane. Ich weiß, daß diese Breuer-Gemeinde mit bloßem Auge kaum wahrnehmbar ist , aber – es gibt sie! Das merke ich immer wieder, wenn ich irgendwo hin komme. Das hat was Beruhigendes.
HINTER-NET!: Angefangen hast Du mit einer Konzertagentur ohne Telefonanschluß in einer WG ohne Geld.
TC: Ohne Ahnung vor allem!
HINTER-NET!: und heute bist Du wahrscheinlich selbst auf der Ebene, auf der Du früher Deine Idole angesiedelt hast?
TC: Ja, ja! Ich hab viele kennengelernt. Das ist ja ein Thema dieses Romans (Sekt in der Wasserleitung). Das hat ja sehr viel mit Idolen zu tun. Mit Idolen in verschiedenen Aggregatzuständen. Bei einigen ist es toll die kennenzulernen, bei anderen, na ja…
HINTER-NET!: Wo siehst Du Dich inzwischen selbst in diesem Metier – oder anders gefragt: Hast Du den Sprung vom Underground zum Establishment geschafft?
TC: Ob ich es jetzt geschafft habe? weiß ich nicht. Man muß immer wachsam bleiben. Wenn man in diesem Metier was geschafft hat, heißt das noch lange nicht, daß dieser Status am nächsten Tag noch gültig ist. Das geht ruck-zuck.
HINTER-NET!: Wie läuft Prozeß des Schreibens ab und wie kommst Du zu Deinen Themen?
TC: Mobil meistens. Ich bin Fernschreiber. Wenn ich von zuhause weg bin. Wenn ich im Zug sitze oder im Flugzeug und draußen bewegt sich was, das setzt in meinem Kopf was frei. Für diesen Krimi Huren, Hänger und Hanutas habe ich das Szenario in einer Nacht während einer Zugfahrt von Berlin nach Heidelberg gemacht. Säntimäntels Reise habe ich komplett im Caféhaus geschrieben.
HINTER-NET!: Es fällt mir schwer aus der Vielzahl Deiner Bücher ein Lieblingsthema zu erkennen. Gibt es Themen, die Dir besonders am Herzen liegen?
TC: Beim Schreiben von Romanen habe ich immer so ein Generalthema, witzig, daß das den meisten Leuten bei Sekt in der Wasserleitung überhaupt nicht auffällt, das Generalthema sind Idole. Was passiert, wenn Idole tot sind, wenn man sie nicht in Ruhe läßt, wenn man selber ein Idol wird und kriegt es eigentlich gar nicht so mit? Was passiert, wenn man Idolen zu sehr auf die Pelle rückt und was passiert, wenn sie zu weit weg sind?
HINTER-NET!: Wird das auch das Thema Deines nächsten Projektes sein?
TC: Ich arbeite gerade an einem neuen Roman, da geht es grob gesagt um die Übertragbarkeit von Mythen. Er handelt von einer Frau, die in Amerika lebt, etwas älter ist, zurück möchte nach Deutschland und von Amerika ein Stück mitnehmen will. Die Geschichte wird so weitergehen, daß dort drüben ein American Diner abgeschlagen und hier in Deutschland wieder aufgebaut wird. In einem Artikel im Magazin der Süddeutschen Zeitung stand mal eine ganz kleine Notiz von einem Typen, der macht das gerade. Mit dem hab ich telefoniert und treffe mich demnächst mit ihm, um rauszukriegen, ob das, was dort funktioniert, hier auch funktioniert und wenn nicht, warum nicht. Das Amerikanische ist ja nach wie vor ein prägendes Element hier. Mich hat es ja selber mit einer vollen Breitseite erwischt. Ich finde, es ist ein hochinteressantes Thema.
HINTER-NET!: Ich bin gespannt, zu lesen, ob die Diner-Transplantation gelingt.
Neal Stephenson: Snow Crash
Prolog:
Zehn Jahre ist es nun her, seit der Cyperspace das virtuelle Licht der Welt erblickt hat. Seitdem geistern künstliche, kybernetische Welten in den Köpfen von Lesern und Autoren. William Gibsons Kopfgeburt eines deus ex machina verbindet Philosophie und Technik, Rationalismus und Emotionalität, letztlich Realität und Fiktion. Cyberspace ist die fiktionalisierte Realität eines realen Wunsches nach einer Welt, nicht jenseits unserer, sondern parallel dazu, gekoppelt an die Möglichkeit, die eigene Psyche mit einer zweiten Wunsch-Identität zu versehen und darin zu agieren. Was die Technik heute mit Mind-Machines, Kontaktanzügen und Interface gesteuerten Hilfsmitteln zur Genitalstimulation bietet, ist von Gibsons Cyberspace Vision allerdings noch so weit entfernt, wie ein Faustkeil vom Schweizer Offiziersmesser.
Brooke Stevens: Die Insel der Wahrheit
Die Sonne geht unter. Alex und seine Frau Iris machen einen Spaziergang am Strand ihrer Ferieninsel und entdecken einen Zirkus hinter den Dünen. Freudig überrascht von ihrer Entdeckung kaufen sie Eintrittskarten für die Vorstellung die kurz darauf beginnt. Nach den Clowns und einer Tiernummer folgt die Zaubernummer für die der Magier eine hübsche Frau aus dem Publikum benötigt. Seine Wahl fällt auf Iris. Sie betritt die Manege und nachdem er sie vor versammeltem Publikum schweben läßt, bittet er sie, in einem gepolsterten Sarg Platz zu nehmen. Iris tut wie ihr gesagt wird. Sie legt sich hinein, der Deckel wird geschlossen und der Magier läßt sie in einer Rauchwolke verschwinden. Dabei scheint allerdings eine Panne passiert sein. Es ist ihm unmöglich Iris zurückzuholen. Die Vorstellung ist zuende.
WeiterlesenPeter Simon: Der Papst, die Prophezeiung und das Nest der Waschbären
Im Gegensatz zum Islam, der gerade eine Renaissance erlebt, die Tag für Tag Menschen das Leben kostet, steht es mit der Heilslehre der Römisch Katholischen Kirche nicht zum besten. Das wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht in den nächsten Jahren ändern. Das sieht auch Peter Simon so und datiert seinen ersten Roman kurzerhand ein paar Jahre vor.
WeiterlesenMusikbücher II
Stellt Euch mal vor, ihr geht in eine gutsortierte Buchhandlung und verlangt eine Biografie von Neil Young. Der Buchhändler schaut verständnislos, wiegt bekümmert den Kopf und guckt dann in seinem Verzeichnis lieferbarer Bücher nach. „Tja“ sagt er schließlich, „Pech gehabt. Gibt es nicht.“ Wie? Unvorstellbar? Habt Ihr doch, wenn Ihr den Kopf leicht nach rechts dreht, gute drei Meter Literatur über Neil Young im Visier, und im Regal daneben harren sieben Meter Bob Dylan der Lektüre? Schon recht. Aber wieviele Bücher habt Ihr eigentlich über Joni Mitchell? Ich will es Euch sagen: Höchstens eins. Ein schmales Bändchen von Leonore Fleischer, 1976 erschienen, mit schönen Bildern, aber einem weniger befriedigenden Text.
WeiterlesenAlasdair Gray – Kleine Disteln
Gray ist Schotte, mit Leib und Seele. Seine Romane und Geschichten berichten immer von seiner Heimat oder den eigentümlichen Schicksalen, die seine Landsleute erfahren. Dabei ist er alles andere als ein folkloristischer Wald-und-Wiesen-Autor. Was ihn auszeichnet ist die blühende, übersprudelnde und zuweilen auch obszöne Phantasie, die in seine Bücher einfließt. Obwohl er in seiner Heimat bereits seit Jahren den Durchbruch geschafft hat und von der Kritik gebauchpinselt wird, gelingt es ihm in Deutschland erst langsam, sich einen Namen zu machen. Er gehört halt nicht zu den Leuten, die in der SpiegelBestsellerliste oder in Ranickis Literarischer Vierteilung gefeatured werden. Und das, obwohl seine Bücher bereits seit Jahren ins Deutsche übersetzt und von einem wachsenden Leserkreis gekauft werden. Grays Status ist der eines offiziellen Geheimtips.
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