Chartskritik 9.12.2002

Es gibt so Phänomene, die kapiert man nicht. Da dümpelt ein Super-Song – nämlich „Dy-na-mi-tee“ von Ms. Dynamite – am unteren Ende der Charts rum und kommt einfach nicht viel höher als Platz 81. Dafür ist ein total doofes Teil wie Khias „My neck, my back“ auf Platz 37. Wie geht das? Ich kann doch nicht einen solch exklusiven Geschmack haben, dass nur mir Ms. Dynamite gefällt! Mensch Leute, das ist momentan einer der besten Songs, die überhaupt in den Top 100 sind. Der gehört mindestens unter die ersten zehn!!!

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Prong: 100% Live

Prong waren früher mal das, was man wohl Innovatoren nennt. Von der damaligen Besetzung ist nur Mastermind Tommy Victor übrig geblieben, der jetzt mit einem okayen Live-Dokument seine Rückkehr einläutet. Was vielleicht früher State of the Art war, ist heute in erster Linie ein Schmankerl für die Fans. Wenn Prong mit ihrem angekündigten Album an vergangene Zeiten anschließen wollen, müssen sie noch ordentlich eine Schippe drauflegen.

(5 Fritten)

Prong: 100% Live
(Locomotive/Point Music)

Gaffers: Dear Hiwatt

Wer schräge Elektronik mag, der könnte sich jetzt angesprochen fühlen. Die Gaffers haben ihren Indierock mit reichlich wirren und schrägen Samples aufgemotzt, so dass von der Gitarre so gut wie nichts mehr zu hören ist – mit Ausnahme von „Most Welcome“. Manchmal entspannend, da psychedelisch; meistens anstrengend nachzuvollziehen. Der Gack: Das eigenwillige Cat Stevens-Cover „Sad Lisa“.

(6 Fritten)

Gaffers: Dear Hiwatt
9:PM Records/Indigo

The Willy DeVille Acoustic Trio: In Berlin

Willy DeVille ist so ein bisschen wie Kermit: Born in the swamp und unverwüstlich. (OK, er ist in NY geboren, aber er wohnt im Sumpf) Das Cover seiner aktuellen Live-Scheibe ist symptomatisch für den ganzen Mitschnitt. Als leicht versiffter Dandy schmachtet und ächzt er sich durch die Songs wie man es von ihm gewohnt ist. Aber in der spärlichen Besetzung mit David Keyes (Bass) und Seth Farber (Piano) kommen die Songs um einiges intimer und direkter. Da wird dann ordentlich geknurrt (It’s Too Late She’s Gone) oder auch melodisch der große Herzschmerz beschworen (Spanish Harlem).

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NME Presents 1Love

Pop und Politik gehörten enger zusammen als sich das manch ein Künstler wünscht. Das britische Wochenblatt NME, auch Pop-Bibel genannt und von vielen als Hype-Gazette verschrien, aber von allen jede Woche gelesen, hat etwas gegen Krieg. Um genauer zu sein: Sie sind gegen Gewalt, Brutalität und Zerstörung. In den Londoner Büros ist man sich der Tatsache bewusst, die Welt nicht vom täglichen Horror in Krisengebieten befreien zu können. Doch man kann dafür Sorge tragen, dass die Missstände nicht als Randnotiz wahrgenommen werden, sondern den Menschen etwas länger im Gedächtnis bleiben. Aus diesem Grunde hat man diesen Sampler zusammengestellt, dessen Verkaufserlöse der Organisation „War Child“ gespendet werden.

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Un Kuartito: No Pares! Non Stop

Im vergangenen Jahr haben wir euch hier den Sampler von Übersee Records vorgestellt, jetzt hat das Label das erste komplette Album über den Teich geholt. Un Kuartito kommen aus Argentinien und sind trotz Exotenbonus der Beweis dafür, dass zwei starke Nummern nicht ein ganzes Album tragen können. Nach einem furiosen Ska-Rock-Einstieg verliert sich die Truppe überwiegend in Kaspereien und zumindest ich kann das nicht lustig finden.

(4 Fritten)

Un Kuartito: No Pares! Non Stop
(Übersee/EFA)

JJ72: I To Sky

Man könnte fast annehmen, Queen hätten einen Track auf die neue Scheibe von JJ 72 geschmuggelt. Ich spreche vom Opener „Nameless“. Schöne Pianoakkorde, zu denen die knabenhafte und alles durchdringende, das Glas zum Bersten bringende Stimme von Mark Greaney ertönt. Schöner Beginn des Nachfolgers eines völlig unterschätzten und hier auf dem Festland verschmähten Debüts.

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Moguai: Headliners: The New Generation

Moguai – bitte nicht verwechseln mit der schottischen Indierock-Band Mogwai – hat sich seit seinem ersten öffentlichen Auftritten Anfang der Neunziger zu einem der begehrtesten europäischen Dance-DJs gemausert. Die Berliner Dependance des britischen Dance-Labels Ministry Of Sound gab Moguai endlich die längst überfällige Gelegenheit, einen exklusiven DJ-Set für eine Doppel-CD zusammenzustellen.

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The Flower Kings: Unfold The Future

Bei den Großen der Prog-Rock-Szene scheint es dieses Jahr fast Pflicht zu sein, dass sie mit einem Doppel-Live-Album an den Start kommen. Nach Dream Theater und Spock’s Beard ziehen jetzt The Flower Kings nach. Mich hat wirklich überrascht, dass „Unfold The Future“ vergleichsweise wenig verkopft daherkommt. Sind doch die Schweden um einiges kopflastiger, als die bereits erwähnten Kollegen. Gefrickel und Jazzanleihen sind selbstverständlich, aber The Flower Kings bleiben dieses Mal um einiges nachvollziehbarer und melodischer als auf ihrem letzten Output „The Rainmaker“.

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Today Is The Day: Sadness Will Prevail

Eine ganz persönliche Nachricht an Herrn Steve Austin, den Kopf von Today Is The Day:

„Herr Austin, ich war lange ein großer Fan ihrer Band, die sich stets darauf verstand, Musik fernab des Massenstroms zu produzieren. Selbst ihre letzten, durchaus schwierigen Veröffentlichungen konnte ich mit Genuss hören. Doch mit dieser Doppel-CD haben sie selbst meinen weiten Horizont überschritten. Sie überfordern mich mit – verzeihen Sie es mir den Ausdruck – kranken Soundcollagen, die ich keineswegs nachvollziehen kann.“

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Guitar: Sunkissed

Electronic Beats mit Gitarrenflächen der cinemascopischen Art angereichert. Da sitzt man zwischen einigen Stühlen, die da hießen. Obendrein exotischer Gesang aus fernen Landen von Ayako Akashiba. Mal schreddern die Gitarren verzerrt und verechot über dem trance-mäßigen Beat-Gerüst, mal treten sie völlig in den Hintergrund und lassen dem süßlichen Reverse-Pop den Vorrang.

(7 Fritten)

Guitar: Sunkissed
(Morr Music/Hausmusik)

Chartskritik 25.11.2002

Hätte nicht gedacht, dass es noch schlimmer kommen könnte als Nelly. Ging aber dann doch. Der Steuer-Song auf Nummer 1. Da geht mir doch das Messer in der Tasche auf. Für ein Land, in dem trotz vier Millionen Arbeitsloser niemand auf die Straße geht, leider nur konsequent. Da kann sich Herr Schröder – trotz des scheinheiligen Gejammeres seiner Frau – doch nur ins Fäustchen lachen. Mehr Widerstand als eine Lachnummer in den Charts hat er nicht zu erwarten, und das wird er zu interpretieren wissen. By the way, noch ein Wort zu seiner Frau: von einer ehemaligen BILD-Journalistin verbitte ich mir jegliche Belehrung über die Verantwortung der Medien!

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Die Top Ten vom 18.11.2002

  1. „(Crack it) Something going on“ Bomfunk MC´s feat. Jessica Folcker

Alte und neue Nummer 10. Der alte Frida-Hit, zum 08/15 Billig-Techno-Song aufgemotzt. Langweilig. Aber vielleicht ein Anstoß, noch mal das Original rauszukramen? Mal ganz ehrlich, solche Sachen fehlen doch immer, wenn die Popmusik der 80er gefeiert wird. Alles, was vor ´83 war, wird auf unglaubliche Weise diskriminiert. J´accuse!

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Chartskritik 18.11.2002

So ´ne Chartskolumne ist was Feines, denn sie macht das Leben aufregender. Die ganze Woche bin ich schon gespannt, was sich tut. Es ist fast wie ran-Gucken. Und ich werde furchtbar böse, wenn der Chefredakteur aus den Top Ten zitiert, bevor ich sie geguckt hab. Denn ich spar mich ja bis sonntags auf. Dann sitz ich mit Schwitzehändchen vorm Fernseher und hoffe, dass Jeanette endlich Nummer 1 wird. Oder dass Christina Aguilera von Sechs auf Hundert fällt. Und dass mal kein Lied mit Techno-Bass und hochgepitchten Stimmen zu hören ist.

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