Front – The Compilation Vol.1

13 Jahre Front, Hamburgs bekanntester Gay-Club. Zum Jubiläum hat Deutschlands wohl bekanntester House-DJ Boris Dlugosch einige ganz nette Vocal-House-Tracks zusammengestellt, hauptsächlich aus deutschen Landen, denen aber im Großen der rechte Biß fehlt. Selbst der letztjährige Club-Hit von Ruffneck „Everybody be somebody“ kommt als Mousse T.’s Back in the days Mix doch eher ermüdend.

Wenn denn ganz Deutschland noch in der Hand der Technoiden wäre (wie im Booklet beschrieben), dann könnte der Sound dieser Compilation in der Tat sehr erfrischend wirken. Aber: Ganz Deutschland ist in der Hand der House-Music und so gibt es zur Zeit ein paar spannendere Sachen aus diesem Bereich.

Den Kauf lohnend macht einzig und allein die Mix-CD von Boris Dlugosch, der zu Recht als einer der Besten im Bereich Vocal-House gehandelt wird. Dlugosch zaubert mit den Tracks der ersten CD einen erfrischenden und spannenden Set, der Spaß macht und gute Laune verbreitet. Und so sollten House-Compilations auf CD auch angeboten werden: in der gemixten Form, denn nur so – unter der Hand eines Meisters wie Boris Dlugosch – können die Tracks ihre ganze Kraft entfalten (und vielleicht noch mehr!?).

Sampler:
Front - The Compilation Vol.1
(Broken Beats Records)

The Shivers: s/t


THE SHIVERS heißt eine Band aus den USA, die auf ihrem unbetitelten Debüt die Grenzen auslotet zwischen Country-Blues, Folk und dem, was Musikkritiker gerne Softcore nennen.

THE SHIVERS sind nur ein Trio, in klassischer Bass-Gitarre-Schlagzeug-Besetzung mit gelegentlichem Einsatz einer Geige. Trotz des Verzichts auf Effekthascherei gelingt es ihnen, ihre dezent arrangierte Musik abwechslungsreich genug zu gestalten, um über die 13 Stücke des Albums keine Langweile aufkommen zu lassen.

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Grant Lee Buffalo – 2+2

Besonders im Refrain klingen diese Harmonien nach ‚Downtown Train‘ von Tom Waits, und manchmal ist die Rod Stewartsche Version selbigen Stückes auch nicht mehr weit entfernt. Seit ‚Fuzzy‘, einem unendlich traurigen Meisterstück, haben Grant Lee Buffalo ja nichts umwerfendes mehr von sich hören lassen. Daß sie sich aber inzwischen nur noch durch die größere Wehleidigkeit von Springsteen und Adams (zu Zeiten von ‚Summer Of 69‘) unterscheiden, läßt mich jetzt das Warten endgültig aufgeben.

Babylon Zoo – The Boy With The X-Ray Eyes (The Remixes)

4 mal der gleiche Song. Ist das nicht langweilig ? Erstens gehört “ The Boy With The X-Ray Eyes “ zu den besseren Stücken der jüngeren Pop-Geschichte; zweitens waren hier so unterschiedliche Wiederverwerter am Werk, daß mensch die gesamte Scheibe durchhören kann ohne Langeweile zu verspüren. Goldie dürfte sich inzwischen mit seinem prägnanten, wiedererkennbaren Sound und Beat einen solchen Namen geschaffen haben, daß eine weitere Erläuterung überflüssig erscheint. Arthur Baker ist noch wesentlich länger im Geschäft. Am bekanntesten sind wohl seine Produzententätigkeiten in den 80er, als er Cindy Lauper u. ä. in die Charts brachte. Er steuert zwei Versionen bei. Die Standard 7″-Version fehlt natürlich nicht. Der Kauf lohnt für Leute die den Song sowieso mochten, aber auch für Anhänger der etwas wummernderen Musik.

Gallon Drunk – Two Clear Eyes

Alte angelsächsische Schule und trotzdem kein Brit-Pop. Aber dennoch Pop, irgendwie. Eine Art Psycho-Pop, der sich aus Tremolo-Gitarre, flirrender Orgel und rasendem dünnen Mann am Mikrofon speist – bei Gallon Drunk noch erweitert um gelegentliche Bläser- und Maracaseinsätze (das sind diese kleinen handlichen Rasseln).

James Johnston und seine Band sind nun auch schon einige Jahre im Rennen und haben sich eigentlich nicht groß verändert. Das ist in diesem Fall ein Kompliment. In Zeiten, wo du auf „Kuschel-Rock 10“ ein Stück von Nick Cave findest, könnten auch Gallon Drunk kommerziell zu Pott kommen. Zu gönnen wär’s ihnen.

Granfaloon Bus: Rocket Noon

Obwohl mir die Fiedel als Instrument im Kontext von sogenannter Indie-Musik (im weitesten Sinne) normalerweise überhaupt nicht reingeht, weil sie mich mit ihrem Gequietsche bis zum Zahnweh nervt, muß ich hier eine Ausnahme machen. Leicht athmosphärisch, beschwingt und überhaupt nicht zukleisternd wird die Geige zur Untermalung der Melodieführung der Gitarre zur Seite gestellt. Stellt euch die Violent Femmes ohne den übertriebenen Pathos vor, den sie ab der zweiten Platte an den Tag legten. So schön kann zeitgemäßer Folk klingen. Auch Instrumente wie Accordion, Mandoline, Harmonica und Tambourin werden genial in Szene gesetzt.

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Neal Stephenson: Snow Crash

Prolog:
Zehn Jahre ist es nun her, seit der Cyperspace das virtuelle Licht der Welt erblickt hat. Seitdem geistern künstliche, kybernetische Welten in den Köpfen von Lesern und Autoren. William Gibsons Kopfgeburt eines deus ex machina verbindet Philosophie und Technik, Rationalismus und Emotionalität, letztlich Realität und Fiktion. Cyberspace ist die fiktionalisierte Realität eines realen Wunsches nach einer Welt, nicht jenseits unserer, sondern parallel dazu, gekoppelt an die Möglichkeit, die eigene Psyche mit einer zweiten Wunsch-Identität zu versehen und darin zu agieren. Was die Technik heute mit Mind-Machines, Kontaktanzügen und Interface gesteuerten Hilfsmitteln zur Genitalstimulation bietet, ist von Gibsons Cyberspace Vision allerdings noch so weit entfernt, wie ein Faustkeil vom Schweizer Offiziersmesser.

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Venus Wars: Die Invasion

Wer kennt nicht die typischen Klischees von Mangas: Technik, Endzeit, Gewalt, niedliche Mädels. Sicher, es gibt Ausnahmen, eigentlich gar nicht mal so wenige, wer aber seine Vorurteile bestätigt sehen will, der greift am besten zu VENUS WARS.

Dem Leser offenbart sich die pralle Welt der Shonen-Mangas (Comics f. Jungen). Der Plot: Wir schreiben das Jahr 2083, der Planet Venus ist seit etwa siebzig Jahren von Menschen besiedelt. Die Kolonisten wollen ihre Unabhängigkeit von Mutter Erde. Ein Krieg entbrennt. Zwischen die Mühlsteine gerät eine Gruppe Kamikaze-Motorradfahrer, deren Aufgabe es in den nächsten Bänden sein wird unter beträchtlichem pyrotechnischem Aufwand den Welt-All-Frieden wieder herzustellen. Als Beilage wird serviert: Panzerschlachten à la El Alamein, Wagenrennen à la Ben Hur, tapfere Motorradfahrer und Heidis in scharfen Klamotten. Prädikat: Massenware.

Yoshikazu Yasuhiko
VENUS WARS – Die Invasion
Feest Comics 16,80 DM
ISBN 3-89343-933-1

Interview: Anton Fier

Ein Mann geht seinen Weg

Anton Fier ist einer der vergleichsweise wenigen Schlagzeuger, der sich erfolgreich zu einem selbständig plattenproduzierenden Künstler gemausert hat. Wenn Fier Platten macht, dann unter dem Namen GOLDEN PALOMINOS. Acht waren es bislang, die erste 1983 und die neueste, „Dead Inside“ Ende 1996. Obwohl er mit einigen der besten Experimentalmusiker aus New York zusammenarbeitet (wie Bill Laswell und Gitarrist Nicky Skoplelitis, die auf allen acht Alben spielen), IST Anton Fier die GOLDEN PALOMINOS. Und er beeilt sich gleich zu Beginn des Interviews, mich darauf hinzuweisen: „There ain´t no band!“

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Die Schienenmenschen: Die Jaguar-Gang

Nordamerika in einer nicht mehr fernen Zukunft: Die Jaguars, eine aus schwarzen Outlaws zusammengewürfelte Gang, leben in einem gepanzerten Zug. Die Schienen sind ihre Heimat und ihr Jagdrevier. Durch Überfälle, die an Brutalität kaum zu überbieten sind, versorgen sie sich mit allem, was sie brauchen. Kein Wunder, daß den Behörden dieser anhaltende Terror ein Dorn im Hintern ist, der sie unruhig in ihren Chefsesseln herumrutschen läßt. Doch alle Versuche, den Terror zu stoppen, sind gescheitert. Jetzt soll Wolf Pearce, ein in Ungnade gefallener schwarzer Cop, in die Jaguar-Gang eingeschleust werden. Mit seinen Informationen sollen die Schienenmenschen gestellt und vernichtet werden. . .

David Chauvel, der sich bereits mit DIE KALTBLÜTIGEN als Szenarist hervorgetan hat, gelang mit DIE SCHIENENMENSCHEN ein Wurf, den ihm viele seiner Kollegen erstmal nachmachen müssen. Er setzt sich souverän über die Grenzen des Action-Comics hinweg, das sich oft genug auf einen mit Explosionen und Stahlgewittern gespickten Kampf zwischen Gut und Böse reduzieren läßt, dessen Ausgang seit der Erstveröffentlichung von Grimms Märchen feststeht. Chauvel geht die Sache kritischer an, er hat seinen Shakespeare gelesen oder auf Video gesehen. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verlieren ihre Gültigkeit. Sie werden zu bloßer Nomenklatur der Sieger. Für die Polizei als langer Arm des Staates ist Wolf Pearce lediglich ein Bauernopfer, das gebracht wird, um die eigenen Interessen zu schützen, ein schwarzes Bauernopfer zudem.

Pearce ist eine in sich zerrissene Gestalt. Als Cop steht er auf der ´richtigen´ Seite eines rassistischen Regimes mit der ´falschen´ Hautfarbe. Als Gangsta hat er die ´richtige´ Hautfarbe, steht aber außerhalb des Gesetzes. Er ist ein Lockvogel, der von den Weißen verachtet und von den Schwarzen verstoßen wurde. David Chauvel zeigt mehr als nur eine Sicht der Dinge. Einseitigkeit ist ihm fremd. Die Outlaws, die nach außen hin lediglich durch ihre Massaker in Erscheinung treten, entpuppen sich bei näherem Hinsehen als ein Haufen, am Rassismus der legalen Welt gescheiterter Existenzen, die sich in ihrem Zug eine wohlorganisierte Welt mit eigenem Kodex geschaffen haben.

Die Auseinandersetzung zwischen beiden Welten, der legalen und der illegalen wird zu einem Fanal der Borniertheit zwischen Schwarz und Weiß, an dem nicht nur Pearce, sondern auch noch viele andere zu zerbrechen drohen, die sich nicht auf das Schwarz-Weiß-Denken einlassen wollen. David Chauvels DIE SCHIENENMENSCHEN ist der beste Beweis dafür, daß das ´oder´ zwischen ´Action oder Anspruch´ getrost gestrichen werden kann. Manchmal ist eine Erkenntnis halt wie ein Schlag in die Magengrube.

David Chauvel/Fred Simon
DIE SCHIENENMENSCHEN
Bd. 1 DIE JAGUAR-GANG
Carlsen Verlag 16,90 DM
ISBN 3-551-72241-2

Hermann – Sarajevo Tango

„Als Sarajewo am 27. Mai 1992 bombardiert wurde und die UNO drei Tage später diesen Akt serbischer Aggression in Bosnien verurteilte, gehörte ich noch zu der großen Schar derer, die bereitwillig alles schluckten, was die Medien ihnen vorsetzten.
Im Sommer 1992 war ich bereit zu glauben, daß die Anwesenheit der Vereinten Nationen im ehemaligen Jugoslawien zumindest eine Wiederholung jenes Terrors würde verhindern können, der schon in Vukovar und anderen Orten Ostkroatiens seine blutige Spur hinterlassen hatte. Doch weit gefehlt.

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Otomo/Nagayasu – Sarah: Spuren im Sand

Für alle, die meinen, daß japanische Comics nur Action- Kram sind und deswegen bisher einen Bogen darum gemacht haben, bringt Carlsen einen Kennenlern-Manga der Extraklasse. Erstmals 1990 in Japan veröffentlicht bietet Otomo & Nagayasus SARAH alles, was das Genre hergibt – filmische Bildsprache, die gewisse Mischung aus Ruhe und Rasanz, Fantasy und Gegenwartsbezug, Detailreichtum und Abstraktion.

Der Hintergrund der Geschichte kann seine Herkunft aus der Endzeit des Kalten Krieges nicht verleugnen: Die ‚Bombe‘ ist gefallen, ein Teil der Menschheit hat auf riesigen Raumstationen überlebt. Über den Streit, wie es nun weitergehen soll, kommt es zum Bürgerkrieg und in der Folge zu einer ungeordneten Wiederbesiedlung einer Erde, deren Klima sich dramatisch verändert. Die Menschen wursteln sich so durch auf dem sprichwörtlich verwüsteten Planeten. Die Ruinen der alten Zivilisation dienen nun als ergiebige Minen für eine neuentstandene Wiederverwertungsindustrie. Hier leben Flüchtlinge, Kriegsgefangene und Neusiedler – zum Teil unter erbärmlichen Umständen. Hier sind die Stätten neuen Reichtums (für eine kleine militaristische Clique). Hierhin muß man gehen, wenn man, wie die Hauptfigur Sarah, seine in den Kriegswirren verlorenen Angehörigen, ein Lebenszeichen seiner Kinder sucht.

So weit, so gut – daß sich die Geschichte nun nicht wie jede andere X-beliebigen dieser Art entwickelt – und wir sind eine zeitlang damit überschwemmt worden – ist einzig der Erzählkunst des Autorengespanns zu verdanken, denen es auf überzeugende Weise gelingt, ihre Figuren mit Leben zu erfüllen. Gleichzeitig wird virtuos mit den verschiedensten graphischen Möglichkeiten gespielt und dabei ist SARAH so grundsolide konstruiert, wie man es nur von einem hochwertigen Industrieprodukt erwarten kann.

Für alle, die jetzt denken, daß hier das beliebte Rumgefetze auf der Strecke bleibt, sei gesagt, daß es nicht ohne ordentliche Ballerei abgeht – so um die 15 Umgenietete habe ich im Laufe des ersten Bandes ‚Spuren im Sand‘ gezählt. Geraucht wird allerdings wenig, und das auch nur von den beiden Oberbösen, die dann auch so richtig mangamäßig asiatisch aussehen, während doch die Guten uns europäischen Langnasen ähneln und à propos Nasen – Sarah hat dann noch einen Schlag am Leib – was ja auch mit den Reiz eines Comics ausmacht – zack und für die gerechte Sache, und wie sagte doch Picasso: „Wenn ich fliegen könnte, bräuchte ich mir kein Superman zu kaufen. . .“

(rw)

Otomo/Nagayasu
SARAH
Bd. 1 SPUREN IM SAND
Carlsen Verlag 19,90 DM
ISBN 3-551-72901-8

Carmen Mc Callum: Jukurpa

Ein Hubschrauber landet auf einer Art Bohrinsel mitten im Ozean vor der Küste Australiens. An Bord ist die adrette Staatsanwältin Dr. Mitchell, mit dem Auslieferungsbefehl für Eishäftling 8182 Sonoda Naoko, eine kleine Drogenschmugglerin, die hier seit 20 Jahren in einem Kühlelement eingefroren liegt und auf ihren Prozeß wartet. Die Formulare werden ausgefüllt, die Kühlbox in einen Helicopter verladen; alles geht seinen gewohnten Gang, bis zu dem Moment, als im Tower des Eisknasts ein Funkspruch der echten Miß Mitchell eingeht, die auf offener See von einem Kutter aufgefischt worden ist.

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Isabel Kreitz – Die Entdeckung der Currywurst

Von Menschen und Würsten

Die Geschichte beginnt am Hamburger Großneumarkt. Dort stand einst die wacklige Imbißbude von Frau Brücker, die jedem, der es hören wollte, erzählte, sie habe kurz nach dem Krieg die Currywurst erfunden. Daran erinnert sich der Erzähler auch noch Jahre später, als die Bude verschwunden und Frau Brücker längst in einem Seniorenheim gelandet ist. Er beschließt, sie dort zu besuchen und der Sache auf den Grund zu gehen.

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Gunsmithcats: Die Explosion

Mit Erscheinen des zweiten Bandes melden sich die Gunsmith Cats zurück ins pralle Leben. Rally Vincent und ihre Partnerin May haben es wie immer faustdick hinter den niedlichen Öhrchen. Gerade mal der Pubertät entronnen, betreiben die beiden einen Waffenladen in Chicago und arbeiten nebenher als Kopfgeldjäger. Die Action ist programmiert und man fühlt sich nicht zu unrecht an Starsky und Hutch oder die Einsätze von Ltd. Cochise im Beasty Boys Video „Sabotage“ erinnert: Da wird geballert was die Knarren hergeben, Explosionen und Verfolgungsjagden mit und ohne Wagen lösen einander ab. Die Luft brennt, Blut spritzt und das Quietschen von Reifen klingt in den Ohren. Aber das ist nur die halbe Miete, denn die Mädels haben ja schließlich auch ein für niedliche Comicfiguren höchst erotisches Privatleben. Gunsmith Cat am Drücker
Kenichi Sonodas Gunsmith Cats sind ganz und gar auf den amerikanischen Markt zugeschnitten, ohne jedoch die typisch japanische Zeichentradition oder den Panelaufbau über Bord zu werfen. Hin und hergerissen zwischen Pump-Gun und Wonderbra begeistern Rally und May die weiblichen Leser und lassen feuchte Jungenträume wahr werden.

Kenichi Sonoda
GUNSMITH CATS
Band 2: DIE EXPLOSION
Feest Comics 16,80 DM
ISBN 3-89343-577-8