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Ich liebe keine Bücher, ich liebe Literatur. Bücher sind Materialien, Werkzeuge und werden auch so behandelt. Geständnis: Ich schreibe mit Kuli in teure Bücher, Arno Schmidt ist mein Zeuge. Und gleich das nächste Geständnis: Ich kann mit „Kulturgütern“ nichts anfangen, sie gehen mir ebenso auf die Nerven wie all diese Kulturträger, die im Berufsleben natürlich Leistungsträger sind und ich bin nun einmal der Ansicht, dass zu viele Menschen damit beschäftigt sind, Leistungen zu bringen, anstatt ehrlich zu arbeiten. Drittes Geständnis: Ich halte Buchhändler für Menschen, die mit Bücher handeln, so wie eine Wurstverkäuferin Wurst verkauft. Das Gejammer dieser Branche geht mir gehörig auf den Keks, ich glaube ja, dass man dort nicht so verdient, wie man es verdient zu haben glaubt, aber wenn in dieser Wörterverkaufsbranche überhaupt jemand jammern darf, dann die Autorinnen und Autoren, die nicht einmal in die Verlegenheit kommen, sich darüber Gedanken zu machen, wie das denn sein könnte, dieses Von-seiner-Arbeit-leben-können.

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Frank Göhre: I and I

goehre.jpgManchmal ist es eine gute Idee, all die Zerstreutheiten zu sichten, die sich im Laufe einer Schriftstellerexistenz so ansammeln. Die kleinen Auftragsarbeiten, Rezensionen und Reiseberichte, die Vor- und Nachworte für die Werke von Kollegen. Nostalgischen Wert hat das ja durchaus, jedenfalls für den Autor. Nicht immer ist es eine gute Idee, eine Auswahl der gelungensten Petitessen zu veröffentlichen. Genau das hat Frank Göhre getan und man stellt fest: Es war eine verdammt gute Idee.

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Anne Goldmann und derdiedas Triangel

triangel.jpgGute Literatur ist geschlechtslos. Die Buchwirtschaft will uns etwas anderes weismachen und sie hat nachvollziehbare Gründe dafür. Frauenliteratur, Chick-Lit, auf der anderen Seite die Männerdomänen Hardboiled / Noir oder Spionageroman, wobei sich dorthin verirrt habende Autorinnen auch gerne als Ausnahme von der Regel herhalten dürfen. Zielgruppe rules. Frauen lesen mehr als Männer, sogar bei Krimis ist das so, und also liegt es nahe, ihnen das zu geben, was sie wollen: „geschickt intelligent-witzige Frauenliteratur“, wie ich gestern noch einmal einer Buchrückseite entnehmen durfte.

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Wenn der Werbegeier fliegt

Die Papierausgabe von 2004 ist längst vergriffen und nur noch altpapiermäßig zu Hochpreisen verfügbar. „Geier“ von Peter J. Kraus, für den „Glauser“ nominiert, irgendwie von der deutschen Qualitätskritik links liegen gelassen, ein steter Quell der Freude beim Wiederlesen. So schreibt man, wenn man schreiben kann und – theoretisch – gerade in der Mojave-Wüste sitzt und ein Pfeifchen raucht. Und jetzt, endlich, gibt es „Geier“ auch als → E-Book für den Kindle. Für, man fasst es nicht, 3,24 Euro. Da kann man sich das Lesegerät gleich dazu kaufen… Ende einer hemmungslosen Werbeaktion.

Serien-Killer

Es wird wohl mal Zeit, die Praxis wieder zu eröffnen. Auch wenn wir mitten im Sommer-Wiederholungs-Loch stecken, gibt es doch genug Patienten zu verarzten. Z.B. die Dialogschreiber von „CSI New York“. Die lassen in einem Trailer (für eine Wiederholung, natürlich) ihr Ermittlerteam einmal mehr nach einem Serienkiller suchen und Teamchef Mac Taylor (Gary Sinise) Sätze wie diese sagen:

„Der Täter versucht, uns irgendetwas mitzuteilen. Jetzt muss ich nur noch herausfinden, was.“

Was ist Krimi? Zettel 156

Zettel 156: Lesarten. Patricia Highsmiths „Talentierter Mr Ripley“ gibt penetrant das Lesemodell der latenten und dabei geleugneten Homosexualität vor. Tom tötet Dickie, weil er sich sexuell gleichermaßen provoziert und zurückgewiesen fühlt, ein Gefühl der Scham und der Aggression. Natürlich schwebt über allem die Vision des vollständigen Identitätswechsels, der völligen Vereinnahmung einer anderen Person – oder durch eine andere Person. Auf dieser Ebene trifft sich das Lesemodell des Romans mit dem des Krimis (und vielleicht der Literatur schlechthin?): Sich mit Ripley zu identifizieren, bedeutet seinen Eskapismus zum eigenen Ziel zu machen. Er füllt eine Stellvertreterfunktion aus, er bedient sich unmoralischer, illegaler Methoden. Das Konstrukt des „sympathischen Bösewichts“ wäre somit nicht weniger eskapistisch ausgelegt als das des „positiven Ermittlerhelden“.

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Sara Gran: Die Stadt der Toten

gran.jpgEinen, gelinde ausgedrückt, leichten Zweifel an der nüchternen Logik erkennt man schon, wenn man die neuere Kriminalliteratur Revue passieren lässt. Sandro Veronesi, Fred Vargas sowieso, Christine Lehmann, Stefan Kiesbye… Mythisches, Parapsychologisches, Schicksal und Zufall, die höheren Mächte im Widerstreit mit dem Intellekt. Dabei: Mit Weltflucht und einer Verfantasyierung des Genres hat das überhaupt nichts zu tun, eher im Gegenteil. Ganz profan gesprochen, scheint sich eine gewisse Deduktionsmüdigkeit breitzumachen, der branchenübliche Hang zur vollständigen Erklärung wird zum Fluch oder, ins Konstruktive umgesetzt, die Möglichkeiten des Nichteindeutigen öffnen Einfallstore in die Imagination der Leser. Dürfte wohl dem Herrn aus der Bakerstreet 221 B nicht gefallen, wie gut also, dass er Sara Grans „Die Stadt der Toten“ nicht mehr zur Kenntnis nehmen musste.

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Lieblings-Stein

Heute vor 50 Jahren hatten die Rolling Stones ihren ersten Auftritt. Das Jubiläum nutze ich gleich einmal, um zu sagen, dass mein Lieblings-Rolling Stone nicht Keith Richard ist, sondern Charlie Watts. Eine eigentlich jubiläumsunpassende Bemerkung, denn Watts war vor 50 Jahren noch gar nicht in der Band, sondern wurde erst 1963 Stammschlagzeuger der Band. Und meine Lieblingsversion meiner Lieblingsanekdote ist diese hier (kurzerhand aus dem ↑Wikipedia-Artikel über Charlie Watts geklaut):

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Zur Zeit

Zur Zeit schreibe ich schneller ein Buch als ich eins lese. Die volle Wahrheit ist das. Und was lese ich? Bücher von FRAUEN! Patricia Highsmiths talentierten Mörder mit 3D-Bildern (Brille liegt bei), Anne Goldmanns „Triangel“ (drei Menschen zu einem schlichten Musikinstrument verbogen?), Ria Klugs „Schnicksenpogo“ (warum hätte ich beinahe POPO geschrieben?) und Sara Grans „Die Stadt der Toten“ (Sara Gran sieht aus, wie keine Krimiautorin aussieht, es sei denn eine, die nicht schreiben kann, aber sie kann schreiben). Warum Frauen? Weil sie besser schreiben als Männer? Anders? Oder Zufall, Schicksal? Das werfen wir jetzt alles in einen Topf und schöpfen einen Schluck Wahrheit daraus.