Der Preis ist heiß

143 Das dürfte wohl das erste Mal sein, dass ein Autor den Kleistpreis (einen der wichtigsten Literaturpreise unseres Landes und immerhin mit €20.000 dotiert) erhält, der auch in den Insellisten unserer Mitarbeiter vertreten ist. Der Preis geht in diesem Jahr an – Tusch! – Max Goldt.

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Christopher Brookmyre: One fine day in the middle of the night

Christopher Brookmyre ist der britische Großmeister des Humorkrimis. Sein Stil wird gerne mit dem Carl Hiaasens verglichen. Ähnlich wie der Amerikaner ist Brookmyre ans Absurde grenzend komisch, darüber hinaus jedoch denkt und schreibt er stärker politisch orientiert. Vorbilder des Briten dürften weniger in Florida als vielmehr bei der Komikergruppe Monty Python zu suchen sein.

Ins Deutsche sind seine Bücher bedauerlicherweise bisher nicht übersetzt worden. Wirkte sein gelungener Erstling, „Quit ugly one morning“ im Rückblick noch zu holzschnittartig, mit zu viel Ideologie und zu wenig Arbeit am Plot, zeigte er in den folgenden Büchern dann, dass er nicht nur rasante Geschichten erzählen, sondern diese auch sinnvoll strukturieren kann.

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Palim Palim

Dieter Hallervorden – Mit 70 hat man noch Träume!, 8.9.2005. ARD.
O gnädiger Mantel des Vergessens!
Lang, lang nicht mehr gesehen. Dass Hallervorden nicht mein Ding ist, das war mir noch klar. Aber erst beim Betrachten der Geburtstagssendung in der ARD wurde mir (wieder) klar, wie schrecklich öde und unlustig „Didi“ ist – ganz gleich ob er sich an Slapstick oder Politkabarett versucht.
Und dass Oberlangweiler Ingo Oschmann (wenn Sie nicht lachen…) einer der Topgäste war, sagt doch schon fast alles.

John Burdett: Bangkok 8

Britischer Humor, buddhistische Philosophie und thailändische Sexkultur, das ist der Mix für John Burdetts „Bangkok 8“. Sonchai Jitpleecheep ist Polizist in Bangkok. Der Sohn einer thailändischen Prostituierten und eines ihm unbekannten Amerikaners ist Buddhist und erzählt uns, den Weißen, den Farangs seine Geschichte.

Gemeinsam mit seinem Partner und langjährigen Freund verfolgt er einen schwarzen Amerikaner durch Bangkok. Der Amerikaner geht im Verkehrschaos verloren und als sie ihn wiederfinden, versucht eine Kobra vergeblich dessen Kopf zu verschlingen. Beim Versuch ihn zu retten, verstirbt auch Sonchais Freund und Partner an einem Schlangenbiss. Zusammen mit einer Mitarbeiterin vom FBI, die aus den USA kommt, macht Sonchai sich auf die Suche nach dem Verantwortlichen.

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Unbestreitbar

Gefunden in einem Artikel der Netzeitung („Rudi Carrell: Harald Schmidt sollte aufhören“):

Dennoch dürfte seine Kritik an der ARD-Show von Schmidt für einigen Wirbel sorgen, denn Carrells Gespür für Gut oder Schlecht ist unbestreitbar.

Hallo-ho? Vier Worte: „7 Tage, 7 Köpfe“.

Wolfgang Ludewig: Glücksritter im Labyrinth der Leidenschaften

Saarländer, die Romane schreiben? Das stimmt fast so hoffnungsvoll wie einarmige Zwerge beim Hammerwerfen. Und ein Titel wie „Glücksritter im Labyrinth der Leidenschaften“ animiert geradezu zum Nichtlesen. Wäre aber ein Fehler.

Worum geht es in Wolfgang Ludewigs Roman (den Titel wiederhole ich jetzt nicht mehr)? Birdie und Mollie, zwei Saarbrücker Langzeitstudenten/ABMler brechen im Jahre 1991 nach Kreta auf, um dort zu urlauben, d.h. für ein paar Wochen einer südlicheren Variante ihres saarländischen Lebens zu frönen, dessen Eckpfeiler Suff, Sex und Quatschen sind.

Das Saarland ist rasch verlassen, und das ist gut so; denn leider ist auch Ludewig von der anscheinend typischen saarländischen Autorenkrankheit, bei der Beschreibung ihrer Heimat in den drögen Duktus eines Angestellten des Saarbrücker Fremdenverkehrsvereins zu fallen, heimgesucht worden.

„Über die Saarstraße gelangte er zum St. Johanner Markt. Der ‚Markt‘, wie ihn die Saarbrücker liebevoll nennen, hatte sich vom ehemals verrufenen Rotlichtbezirk zum Aushängeschild saarländischer Lebensart entwickelt. Klein-Paris sozusagen.“
(Nebenbei bemerkt wäre mir, dem bekennenden Fußgängerzonen-Hasser, lieber, die Nutten stünden sich dort noch die Beine in den Bauch. Angenehmer als in Straßencafés breitgesetzte Schickimicki-Ärsche ist dieser Anblick allemal.)

Das ist aber quantité négligeable, wie der Klein-Pariser sagt, ebenso der Reiseweg via Berlin und Prag. Ja, auch der Aufenthalt auf Kreta ist nichts, was Ludewig und seine Helden zu breitangelegten geografisch-soziologischen Reflexionen inspiriert. Was allein zählt, sind die Dialoge von Birdie und Mollie. Ihretwegen lohnt das Lesen dieses Buches.

Sie quatschen wirklich über Gott, die Welt, Pop und Architektur, denn die solide Halbbildung der beiden Geisteswissenschaftler muss raus wie alles andere, das man nicht richtig verdaut hat. Und hier nun gelingen Ludewig geradezu aparte und durch die Bank wahre Psychogramme einer Spezies Mensch, die es Anfang der Neunziger zuhauf und auch heute noch mehr als genug gibt: den leicht asozialen Besserwisser im eigenen Saft, der bevorzugt alkoholisch ist. Hören wir kurz in einen solchen Dialog:

„Mollie, wenn es gesellschaftliche Veränderung durch Literatur gibt, dann nur, wenn sie massenwirksam ist.“
„Quatsch. Literatur ist immer elitär. Es ist geradezu notwendig, dass wahre Kunst sich dem Massengeschmack entzieht.“
„Elitärer Sack!“
„Dummschwätzer!“
„Was ist Hemingway im Vergleich zu T.S. Eliot und Shakespeare und was sind Böll und Grass im Vergleich zu Arno Schmidt und Rainer Maria Rilke?“

Wahre Worte. Und wir ahnen schon, wie diese hochintellektuelle Unterhaltung endet. So nämlich:

„Für mich ist nur der ein echter Künstler, der malen kann.“
„Den deutschen Bauer auf dem Felde, du Fascho!“
„Ich Fascho? Es langt, Mollie!“
„Dein Kunstbegriff ist hochreaktionär bis kryptofaschistisch.“

Man wird zugegeben, dass diese Dialog nur begrenzt „witzig“ sind, und das ist gut so. Denn ihre eigentliche Komik beziehen sie aus ihrer Authentiziät, aus der Selbstverständlichkeit und Ernsthaftigkeit, mit der sie am laufenden Band produziert werden .

Ludewig begeht dabei nicht den Fehler, seine Personen und ihre Ergüsse als Karikaturen anzulegen. Sie schweben nur ganz knapp über der Normalität, was sich auch in ihren kretischen Aktivitäten wiederspiegelt. Mollie, Birdie und all die anderen Urlaubsdeutschen sind alternative Spießer, die in Diskos abhängen, Frauen resp. Männer aufreißen, über den griechischen Schlendrian fluchen und heimlich den Kondomvorrat ihres Reisepartnerns checken, um über dessen sexuelle Ergüsse auf dem Laufenden zu sein.

Erst gegen Ende des Romans zeigt sich diese Normalität in ihrer ganzen Absurdität, als es Mollie mit Hilfe eines Gesprächs über den korrekten Konjunktiv gelingt, eine Frau dort hin zu bringen, wo sie natürlicherweise alle landen: ins Bett.

Das ist, wie gesagt, komisch, weil es wahr ist, und nicht wahr, weil es so komisch ist. Ludewig ist ein unterhaltsamer, gut geschriebener Roman gelungen, in dem sich Alltag und Wahnsinn geben, wie sie nun einmal sind: so unzertrennlich wie Birdie und Mollie, so siamesisch verwachsen wie Bildungskultur und Wissensmüll.

Wolfgang Ludewig:
Glücksritter im Labyrinth der Leidenschaften.
Conte Verlag, 220 Seiten, €12,90.

M. A. Numminen & Sanna Pietiäinen und Das Neorustikale Tango-Orchester: Finnischer Tango

Suomi/Finland: Der exotische Norden Europas, Land der Seltsamkeiten (wie den Leningrad Cowboys), in dessen Resteuropäern vollkommen fremden Sprache laut Max Goldt alle Interrail-Reisenden ein paar Zahlen aufzählen konnten, wenn mal wieder der Gesprächsstoff ausging.
Das Münchner Label Trikont verbreitet hierzulande Tango-Kultur aus der nordischen Fremde, zu Recht auf den Kultus der Seltsamkeit setzend. Hauptzugpferd: Der Jazz-, Tango- und Trash-Künstler M.A. Numminen. Neuestes Produkt: Eine randvolle CD mit Live- und Studioaufnahmen, größtenteils finnische Tangoklassiker, teilweise auch selbstgeschriebenes.

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Hallgrimur Helgason – 101 Reykjavik

Gehst du in ein Reykjaviker Café, stößt du mit ziemlicher Sicherheit auf einen vor seinem Notebook sinnierenden Menschen, der gerade dabei ist, einen Roman zu schreiben. Dieser Mensch ist zumeist männlich, jung und übernächtigt, verbringt die Tage im Bett oder Café, die Nächte ebenfalls, nur in umgekehrter Reihenfolge.

Wir wissen nicht, wie Hallgrimur Helgason seinen Roman 101 Reykjavik geschrieben hat. Aber wohl so ähnlich. Und sein Held verbringt die Tage im Bett oder im Café, guckt Pornos, hört Pop und – „Hi Fidelity“ läßt grüßen – führt Listen, in denen er Frauen nach ihrem Marktwert taxiert. Er trifft auf Lesben, Schwangere, kaputte Typen, reichlich viel Schrott und Plunder – aber ich kenne kaum einen zeitgenössischen isländischen Roman, in dem das nicht so wäre.

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M. A. Numminen: Dägä Dägä Finnwelten

„Neorustikal“ nennt Mauri Antero Numminen seine Musik. Ein Begriff, der von der finnischen Gastronomie und Textilindustrie dankbar adaptiert wurde…

In Finnland ist M.A. Numminen (Jahrgang 1940) Kult. Und Universalgenie. Der studierte Philosoph und Soziologe hat als Filmemacher, Kinderbuch- und Romanautor gearbeitet. Sowie als Entertainer, Komponist, Sänger und Bandleader. Neben Marx, Marcuse und Wittgenstein (gut ein Drittel der Songs ist deutschsprachig) gehört Numminens Leidenschaft dem Tango.

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Lektion 18: Neue IT-Berufe

Falls Sie zu jenen Unbelehrbaren gehören, die den Computer für einen Moloch und Vernichter von Arbeitsplätzen halten, werden Sie die folgenden Zeilen gewiß von Ihrer Technikfeindlichkeit und beschränkten Denkungsart heilen. Denn natürlich ist genau das Gegenteil der Fall: Der Computer schafft Arbeitsplätze! Wohl werden so ehrwürdige und nützliche Berufe wie der Flohzüchter oder die Milchmädchenrechnungsprüferin allmählich vom Markt verschwinden, doch eine Fülle neuer Ausbildungsberufe wird dies mehr als ausgleichen.

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Drei Engel für Charlie

Vielleicht ist das der Unterschied zu den Achtziger Jahren: damals waren zu Breitwand-Format aufgeblasene MTV-Clips mühelos als solche zu durchschauen. In den Neunzigern geht das nicht mehr so leicht… Der ganze Trick besteht darin, gar nicht erst zu versuchen, irgendwas zu vertuschen. Die Neuauflage der drei Engel nimmt sich selbst, das Kino und seine Effekte so offensiv auf den Arm, dass es eine Freude ist. Auf jede Action-Szene kommt eine Disco-, Strand- oder Party-Szene, „stylish“ war schon das Zauberwort des Originals, und die Neuauflage wuchert mindestens ebensosehr mit diesem Pfund. Der ganze Streifen ist vollgepackt mit Gimmicks und coolen Song, sogar an eine Autorennen-Szene wurde gedacht, mit prall gefüllten Overalls und Carrerabahn-Flair. Ach, herrlich…

Die Engel 2000 bestechen immer noch durch trendy Frisuren und hippe Outfits, schön sind alle drei – aber diesmal auch sportlich, und zwar nicht nur der Figur nach. Soviel Körpereinsatz hätte man ihnen gar nicht zugetraut. Nicht, nachdem sich ihre Fernsehvorbilder durch federnden Gang und lustiges Sich-in-Deckung-Rollen immer schon völlig verausgabt hatten. Und die Waffen erst… Alles Hi-Tech. Es wird also geballert, an Flugzeuge geklammert oder aus ihnen rausgesprungen und getaucht, was das Zeug hält – wenn die Damen nicht gerade in sexy Schutzanzügen halsbrecherische Touren unternehmen (Matrix und Mission Impossible lassen grüßen) oder Gegner mit asiatischer Kampfkunst niederstrecken. Mancher Fight gerät zeitlich zur Orgie, aber – siehe oben – wie auch immer gearteten „Realismus“ hat sich dieser Film ohnehin nicht auf die Fahnen geschrieben, sondern Style, Tempo, Action und Fun. In dieser Reihenfolge.

Langweilig wird´s also nie. Und lustig ist es obendrein noch. Denn irgendwie sind die Engel ja auch nur Mädels von Nebenan, kriegen keine Muffins hin, und auch mit den Männern hapert es… Clever und rasant, ein Feuerwerk für´s Auge. Irgendwie ist es gelungen, Original und Fälschung zu verschmelzen. Richtig symbiotisch schmiegen sich beide aneinander. Ob es nur ist, dass die 70er ohnehin wieder en vogue sind, oder ob sich in L.A. einfach kaum was verändert hat? Who knows. Ach ja, eine Story gibt es übrigens auch noch: ein Wahnsinniger (optisch irgendwo zwischen Grunger und Start-Up-Unternehmer) versucht mit allerlei datentechnischen Finessen, alle Welt zu täuschen und Charlie zu töten. Spannend und überraschend! In weiteren Nebenrollen: viel Technik, viel EDV und Bill Murray als AB-Maßnahme namens „Bosley“. Selbst wenn alle Opfer gerettet und alle Bösen überführt wären – der trottelige Engel-Koordinator säße noch immer in irgendeiner Falle und müßte befreit werden. Keine schmeichelhafte Rolle, leider auch noch viel zu grandseigneurhaft gegeben.

Ansonsten: klasse! Ein Film, der nach neuen Engel-Barbiepuppen schreit. Und nach Kaugummi-Sammelbilchen, Haarbürsten, Strumpfhosen, Deos, Jeans, Haarteilen…

3 Engel für Charlie
Regie: McG
Darsteller: Cameron Diaz, Drew Barrymore, Lucy Liu,
Bill Murray, Sam Rockwell, Kelly Lynch, Tim Curry

16. Lektion: Ein Gespräch mit Herrn AOL

Helle Aufregung in den HINTERNET!-Redaktionsräumen. Herr AOL persönlich hat sich zu einem „roundtable“-Gespräch angekündigt, und nach dem spontanen Ankauf einer solchen Rundtafel sitzen wir gespannt um selbige und starren zur Tür, durch die ER gleich treten wird: Beherrscher des WWW, Weltmeister der Niveaulosigkeit, Zelebrator der schrottigsten Software seit Adams Reinfall mit dem Apfel.

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12. Lektion: Frequently Asked Questions 3

Seit der Erfindung von HINTERNET! im Jahre 1902 durch die Gebrüder Wright hat noch niemand unsere Redaktionsvolontärin Fräulein Katja so hart arbeiten sehen. Dreimal täglich keucht sie, schwere Postsäcke auf dem von Alter und Gebrechen gebeugten Rücken, die Treppen hoch und schüttet dann den ganzen Krempel auf meinen Schreibtisch. „Wieder Leserzuschriften, Chef!“ entkommt es ihr mit letzter Kraft, bevor sie sich in ihr Kämmerlein schleppt, um ihrer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen: die Rentenversicherungsnummern aller HINTERNET!-Mitarbeiter auswendig lernen und miteinander im Kopf multiplizieren.

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