Willi Voss bloggt

Der Kollege vom „Krimiblog“, der ja nichts besseres zu tun hat, als durch die Blogosphäre zu segeln, wusste es natürlich als erster: Willi Voss →bloggt. Willi Voss? Die Altvorderen kennen und schätzen ihn als Autor veritabler Thriller, die Newbies seien dringend auf ihn hingewiesen. Hat nicht unser Lehrling Jochen… doch, hat er. →Hier.

Vor- und Rückschau

Und was erwartet uns nächste Woche in diesem Blog? Wir beginnen am Montag mit einer hochspekulativen Szene aus dem Jahr 2401. Es geht um Krimis und ihren Wirklichkeitsgehalt und wir erfahren endlich, wozu ein Krimi aus der Gegenwart auch in 300 Jahren noch gut sein kann. Am Dienstag überrascht uns Bernd mit einer neuen Rezension und am Mittwoch wird wieder volksgebloggt. Die größte Sensation der Woche haben wir uns für den Donnerstag aufgehoben…

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Deon Meyer: Der Atem des Jägers

Warum ist Deon Meyers „Der Atem des Jägers“ ein gelungener Kriminalroman? Betrachten wir uns die „Eckdaten“, könnte es genauso gut ein grottenschlechter, ganz und gar von den Konventionen des Genres in die Bedeutungslosigkeit gezogener Krimi sein. Uns begegnen: eine Hure mit Herz, ein Polizist mit einem Alkohol- und Beziehungsproblem, ein sympathischer Killer. Dazu kolumbianische Drogenbarone, korrupte Bullen, missbrauchte Kinder. Legen wir das Buch nach der Lektüre des Klappentextes also resignierend aus der Hand? Sollten wir nicht tun.

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Volksbloggen -2-

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Und wieder ist unser basisdemokratischer Tag. Heute darf sich hier jeder zu jedem beliebigen Krimithema ausbreiten, Lob und Tadel spenden, auf Bücher hinweisen, von ihnen abraten, sich etwas gaaaanz feste wünschen etc. Ran an die Kommentarfunktion!

Messebeute

Neulich in FFM: Lore Kleinert (Radio Bremen, Bestenliste-Jurorin) im Gespräch mit Astrid Paprotta und Arne Dahl, 40 Minuten zum Mitlauschen. Hören Sie →hier, was ap auf die Frage, wie sie zum Krimi gekommen sei, NICHT antwortet: „Weil meine Geschirrspülmaschine kaputt war.“

Messebericht 2007

„Den Kaffee bezahle diesmal ICH!“

Mein diesjähriger Besuch der Frankfurter Buchmesse beginnt mit einer faustdicken Überraschung. Krimischaffende Astrid Paprotta, die mich zum traditionellen Hintergrundgespräch geladen hat, ist gewillt, den Löwenanteil ihrer Tantiemen für „Feuertod“ in völlig überteuertes heißes und schwarzes Wasser zu investieren. Wir zapfen die Getränke („Selbstbedienung“) und ziehen uns zum Gedankenaustausch zurück.

Fünf Minuten rühren wir versonnen im Gebräu, bevor ap mit ausdrucksloser Stimme sagt:

„Meine Geschirrspülmaschine ist kaputt.“

Es überläuft mich. Am Stand des Dortmunder Grafit Verlages droht ein Buch umzufallen. Wir rühren weiter im Kaffee. Noch einmal fünf Minuten.

„Bei defekter Geschirrspülmaschine kann ich nicht schreiben.“

Natürlich nicht. Ich nicke mitfühlend und sammle erste Eindrücke der heurigen Modetrends bei den Verlagsmädels. Stiefel. Stiefel in allen Variationen. Röcke. Meist mittellang. Das Buch bei Grafit steht noch. Die Zeit (fünf Minuten) vergeht.

„Kein Mensch kann Krimis schreiben, wenn die Geschirrspülmaschine defekt ist“, klärt mich ap auf. Ich nicke auch diese Weisheit ab. Wir starren auf den von keinem Lüftchen bewegten, starren schwarzen See in unseren Tassen. Fünf Minuten ziehen ins Land.

„Höchstens Oliver Bottini.“

Äh…ich habe den Faden verloren. Bottini? Macht nichts. Es ist wieder an der Zeit, im Kaffee zu rühren. Vier Minuten? Nein. Fünf.

„Nein, der auch nicht.“

Wer? Was? Unwichtig. Der Kaffee ist kalt, das Buch am Grafitstand in bedenklicher Schieflage.

„Ich muss jetzt zum nächsten Termin. War schön, mal wieder mit dir zu sprechen“, gibt ap das Zeichen zum Aufbruch.

„Und grüße Anobella von mir. Ich mag sie sehr.“

„Werd ich ausrichten“, lüge ich. Interessantes Gespräch.

Auf dem Weg zu meinem nächsten Termin mit Krimiexperte Thomas Wörtche Vertiefung der bisherigen modischen Eindrücke. Ja, Stiefel. Ich mag keine Stiefel. Und Röcke. Ich mag Röcke. Dazu bisweilen recht nachlässig geknöpfte Blusen. Sehr schön.

Ex-metro-Herausgeber Wörtche wartet mit einer Sensation auf: Er hat sich das Rauchen angewöhnt. „40 Jahre Nichtraucher – ich muss ein vollständiger Idiot gewesen sein“, bekennt er hustend. Wie er es geschafft habe, mit alten Gewohnheiten so radikal zu brechen? Stolz streckt sich Wörtche zu voller Körpergröße und bekennt: „Es war nicht leicht. Am Anfang hat es einfach scheiße geschmeckt. Heute auch noch. Aber seit ich rauche, habe ich viel mehr Erfolg bei Frauen.“ Er zieht ein schwarzes Feuerzeug aus der Jackentasche und überreicht es mir. „Statt Visitenkarte“. Ich lese den Aufdruck. „Even non-smokers get the Blues“. „Vierzig Jahre! Ich fass es nicht!“

Sprichts, entsorgt seine CAMEL LIGHT nonchalant auf dem Teppichboden und verabschiedet sich auf den Spuren einer viel zu jungen Verlagsmitarbeiterin. „Grüß Anobella von mir, ich liebe sie“, sind seine letzten Worte. Ich vergesse sie sofort wieder.

Inzwischen ist es Nachmittag geworden, das Büchergemensch drückt sich durch die Flure, an Atmen ist nicht mehr zu denken. Meine nächsten Gesprächpartner, Christina Bacher und Ulrich Noller, erwarten mich in einem der zahlreichen – und natürlich überfüllten – INDOOR COFFEE SHOPS. Thema: Krimijahrbuch. Läuft alles? Noller: „Jo.“ Bacher: „Aber immer“. DPR: „Dann hätten wir uns nichts mehr zu sagen.“ Noller: „Nö.“ Bacher: „So siehts aus.“ Wir trennen uns als Freunde. Schöne Grüße soll ich ausrichten. An wen? Die LeserInnen ahnen es.

Auf dem Weg zum Höhepunkt meines Messebesuchs passiere ich den Stand des Dortmunder Grafit Verlages, als dort just jenes schon mehrmals erwähnte Buch umfällt. Es handelt sich um Horst Eckerts „Königsallee“. Ein Mann springt sofort auf, bückt sich und sorgt für die ordnungsgemäße Platzierung des Werkes. Der Mann ist kein anderer als Horst Eckert selbst, wie ich vorbeieilend im linken Augenwinkel erkenne. Schade, hätte gerne ein paar Takte mit ihm gesprochen. Aber Anobella, die im Cafe der Verlage auf mich wartet, gilt als Pünktlichkeitsfanatikerin, ich muss mich beeilen.

14.30: Ich habe es pünktlich geschafft. Keine Spur von Anobella. 14.31: Eine atemberaubende rothaarige Schönheit (also nicht Anobella) geht an mir vorbei. Ganz in Schwarz. High Heels. Schlagartig vergesse ich, warum ich hier bin.

14.35: Anobella weckt mich aus meinen Tagträumen. „He! Da bin ich! Pünktlich wie immer!“ – Ich verkneife mir den Widerspruch und überlasse mich der Sprachlosigkeit, welche mich beim Anblick der Wiesbadener Krimischaffenden gepackt hat. Sie trägt entgegen des skizzierten modischen Trends eine über den Knien unsachgemäß abgeschnittene Jeans, dazu gelbe Lackstiefel, die unter den Knien enden. Die dadurch unbedeckt bleibenden Kniescheiben wollen als erotisches Moment nicht so recht überzeugen. Gleiches gilt für das pinkfarbene T-Shirt am Oberkörper der bekennenden Hessin. „What you read is what you eat“ steht dort in grellblauen Buchstaben.

Anobella zieht mich – mir stockt der Atem – zum Tisch der rothaarigen Schönen. „Das ist Henrike Heiland!“, stellt sie vor. Wir geben uns die Hand. Fünf Minuten lang.

„Können wir jetzt was trinken?“ unterbricht Anobella, leicht gereizt, die Höflichkeitszeremonie. Können wir. Theoretisch. Doch im Cafe der Verlage gibt es Kaffee nur für Verlage. Wir schauen uns an. Wir sind Krimischaffende, keine Verlage. Die Verlage leben von uns, aber sie verweigern uns die Getränke. Verbittert ziehen wir weiter. Nach odyseeischen Wanderungen erreichen wir ein Cafe, das auch an NormalautorInnen Getränke ausschenkt.

„Ein Mineralwasser“, bestellt Henrike Heiland, „aber bitte laktosefrei.“

Anobella schaut mich an. Gereizt.

„Du mit deinem Wasser!“, zischt sie der vielversprechenden Nachwuchsautorin (euphorische Besprechungen ihrer Werke auf diesem Blog folgen!) zu und bestellt selbst „Kaffee! Und Kuchen! Ich zahl heute alles!“ Der Berichterstatter schließt sich an.

Austausch erster Floskeln. Natürlich habe ich ALLES von Henrike Heiland gelesen (stimmt nicht), natürlich ist alles wunderbar (stimmt natürlich!), natürlich finde ich es toll, das mit dem laktosefreien Wasser, natürlich ist es auch toll Kaffee zu trinken (Anobella lockert den Griff um meinen Hals).

„Geh mal eine rauchen, wir müssen jetzt über Frauenthemen sprechen“, fordert mich Anobella rüde auf, eine rauchen zu gehen. Ich gehe eine rauchen. Als ich zurückkomme, ist Ano“ich zahle alles“bella beim zweiten Kaffee und dem dritten Stück Kuchen. Der Blick, den sie mir entgegenwirft, kann nur als finster bezeichnet werden.

„Du riechst nach Rauch“, faltet sie mich zusammen, „wir mögen das nicht. Müsstest du nicht längst am Bahnhof sein?“

Ja, wenn ich es mir recht überlege… Ich verabschiede mich von Henrike Heiland, gebe ihr wieder die Hand (fünf Minuten), verabschiede mich auch von Anobella („Tschüs. Man sieht sich.“). Die drückt mir die Rechnung in die Hand. „Bezahl das mal da vorne an der Kasse. Ich glaub, ich hab meinen Geldbeutel vergessen.“

Seufzend opfere ich einen Zwanziger und quäle mich durch die Massen. Nächstes Jahr werde ich wieder dabei sein. Es hat sich gelohnt.

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Volksbloggen -1-

Heute gebe ich mal kein Thema vor. IHR seid dran! Ran an die Kommentarfunktion und geschrieben, was euch zum Thema Krimi auf der Zunge oder am Herzen liegt. Empfehlungen, Abräte, Wünsche an den Blogger, Anregungen, Rezensionen, Polemiken, Kritik in allen Formen. Oder hemmungslose Eigenwerbung (aber, bitte, nicht unter Pseudonym!). Und niemanden beleidigen. Nicht einmal die Bielefelder.

Die Buchmesse. Eine Vorfreude

Am Donnerstag zieht es mich, wie jedes Jahr, für einen Tag aus der tiefen Provinz in die noch tiefere Metropole. Frankfurt! Am Main! Buchmesse! Mit Stullenpaket, Wechselsocken und Brustbeutel (90% aller Frankfurter sind Taschendiebe) werde ich die heiligen Hallen betreten – und mich im gleichen Moment fragen, warum ich mir das alles antue. Wegen der Bücher, du Idi!, schreit das Fräuleinchen Anobella jetzt, ich hörs mit sämtlichen inneren Ohren.

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Änderungen

Ja, es muss sich was ändern. Jahrelang habe ich mit Erfolg versucht, hier Montags bis Freitags zu bloggen. Jetzt ist es an der Zeit, wenigstens vorübergehend etwas kürzer zu treten. Für den Mittwoch habe ich schon eine hübsche Idee: Nicht ICH blogge, sondern IHR bloggt…

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Rick DeMarinis: Kaputt in El Paso

Auch der Krimikritiker strebt manchmal nach Höherem. Eine gute Story ist eine gute Story, aber sie wird besser, wenn sie sich ins Bedeutend-Allgemeine transponieren lässt. Jedenfalls für den Kritiker, dem sich dann die Gelegenheit bietet, von pars pro toto oder gar der Welt in nuce zu raunen. Das ist Feuilleton. Die Kunst, im Kaffeesatz des Mediokren die Umrisse des eigenen Bildungsschrotts zu zeichnen. Rick DeMarinis’ Roman „Kaputt in El Paso“ ist so ein Text, der die Ambition des Kritikers, mehr zu sein als nur Buchbesprecher, geradezu verschwenderisch füttert. Gleichzeitig ist dieser Text aber so gelungen, dass ihm jeder Versuch, mehr aus ihm zu lesen als in ihm steht, nur schaden kann.

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TATORT FRANKFURT!

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Nicht erst seit Anne Chaplet, Astrid Paprotta und Jan Seghers ist Frankfurt die Metropole gehobener Kriminalliteratur und folglich Standort der tiefsten Abgründe menschlicher Seelen. Bereits in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts wütete am Main das literarische Verbrechen und harrte seiner dialektischen Aufklärung, u.a. in Gestalt von Inspektor Fischer, einer Schöpfung von Otto Schwerin. In der →„Criminalbibliothek des 19. und frühen 20. Jahrhunderts“ präsentieren wir nun stolz diesen TATORT FRANKFURT. Schon der Titel des Werkes aus dem Jahr 1923 hat regionalen Bezug: „Venus vulgivaga (Der letzte Schuß)“. Urfrankfurter Mundart – und die deutsche Übersetzung wird in Klammern angegeben.

Pieke stellt Verbindungen her

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Lernen wir aus der Geschichte? Mag sein; aber nur, wenn wir sie kennen. Pieke Biermann kennt den Vormärz und sie kennt die Gegenwart. Beides verbindet sie in ihrer neuen Kriminalreportage „Lichtenrader Vormärz“, die uns erzählt, warum Berliner Partykids gar nicht so weit von Georg Büchner entfernt sind. Am Sonnabend, 29. September 2007 in DER TAGESSPIEGEL und im RBB-Inforadio 93,1 um 11:45 Uhr. Und wenn sich auch Geschichte nur manchmal wiederholt, Pieke Kriminalreportage wiederholt sich garantiert. Und zwar um 19:45 Uhr und in der folgenden Nacht um 0:45 und 05:45 Uhr. Podcast gibts auch. Fragt die Frau im Radio.

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Crime School, Hausarbeit

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Lassen wir doch heute einmal die lieben Leserinnen und Leser ein wenig vorarbeiten. Es geht noch immer um das Phänomen der „dünnen“ (und somit auch der „dicken“) Krimis. Und um Bilder.
Lesen erzeugt Bilder. Eine Handlung ist eine Folge von Bildern. Wie ich diese Bilder verarbeite, hängt von ihrer Qualität ab. Für diese Qualität ist der Autor verantwortlich. Dafür, wie ich sie als Leser verarbeite, bin ich verantwortlich.

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