Elizabeth George – Nie sollst du vergessen

Elizabeth George hat sich Zeit gelassen. Zeit, um ihren neuen Roman zu schreiben und Zeit, um die neue Handlung aufzubauen. Mit genüsslicher Akribie baut sie über 900 Seiten die verschiedenen Handlungsstränge auf, um den Leser -fast unbemerkt- immer tiefer in den Strudel der Ereignisse zu ziehen: Eine Frau wird im nächtlichen London überfahren. In ihrer Tasche ein Zettel mit dem Namen des Mannes, der ihre Leiche findet.

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Gillian Slovo: Roter Staub

„Schuld und Sühne“, „Gut und Böse“, „Schwarz und Weiß“ – seit jeher ein in Büchern vorherrschendes Thema. Wobei „Schwarz und Weiß“ bei „Roter Staub“ nicht nur metaphorisch gemeint ist. Im Südafrika der späten 90er treffen sich vor der Wahrheitskommission zwei Männer wieder, deren Rollen jetzt vertauscht sind. Der inhaftierte ex-Polizist Dirk Hendricks und der schwarze ehemalige ANC-Kämpfer Alex Mpondo.

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Fito de la Parra: Living The Blues

Grundsätzlich hätte ich vollmundig behauptet, dass für Canned Heat die großen Zeiten schon lange vorbei sind. Nachdem aber Schlagzeuger Adolpho „Fito“ de la Parra (der seit dem zweiten Album „Boogie With Canned Heat“ ununterbrochen dabei ist) in seinem Buch unermüdlich beteuert, dass Canned Heat immer noch voll dabei sind, bitte ich die Aussage zu streichen. Trotzdem frage ich mich immer, wieviel Spirit noch in einer Band ist, die geprägt ist von permanenten Zu- und Abgängen und „nur“ vom Schlagzeuger zusammengehalten wird.

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Musikbücher VII

Zu den erschütterndsten Erfahrungen meiner verblühenden Pubertät gehörte die Erkenntnis, daß ansonsten intelligente Menschen imstande waren, Dummbeutelmusik zu lieben, während personifizierte Dummbeutel durchaus einen akzeptablen Musikgeschmack haben konnten. Diese tiefere Einsicht in die Abgründe des Menschseins erschütterte meine Weltanschauung, nach der Musik generell in sogenannte Hirnmusik und ebenfalls sogenannte Hosenmusik einzuteilen war. Erstere lieferte Futter für die Gedanken und ging nur bisweilen voll in die Hose, wenn z.B. The Taste „What’s Going On“ fragten und immer für einen veritablen Orgasmus gut waren. Hosenmusik indes diente zur Befriedigung niederster Instinkte wie „glücklich sein wollen“, „schunkeln können“ und „mal kurz mit der Kleinen da drüben auf der Toilette eine heiße Nummer schieben“. Ins Hirn fraß sich diese Musik nur selten, nämlich höchstens dann, wenn dort noch die Überreste dessen dahinvegetierten, was wir Liebhaber von Hirnmusik ein kritisches und waches Bewußtsein nannten.

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Peter Biskind: Easy Riders and Raging Bulls

Die Szenerie: Hollywood, Sunset Boulevard, rote Ampel, Sommernacht, 1972. Die Protagonisten: Die Regisseure Peter Bogdanovich (in einem Volvo), William Friedkin und Francis Ford Coppola (in einem 600er Mercedes). Friedkin zu Bogdanovich: „French Connection, der aufregendste amerikanische Film der letzten 25 Jahre! Acht Nominierungen! 5 Oscars! Darunter für den besten Film!“ Daraufhin Bogdanovich: „The Last Picture Show, ein Werk, das die Filmgeschichte revolutionieren wird! 8 Nominierungen! Und mein Film ist besser als deiner!“ Coppola zu beiden brüllend: „The Godfather, 150 Millionen Dollar!“

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Musikbücher VI

A href, Freunde! Mit diesem orientalischen Gruß melde ich mich nach einer längeren Zeit des Schweigens wieder einmal mit neuen Musikbüchern, die sich wie immer dadurch auszeichnen, dass sie schon steinalt sind.

Aber halt! Eine Ausnahme. In bälde erscheinen wird die erste deutschsprachige Joni-Mitchell-Biografie, ein Werk von außerordentlicher literarischer Klasse, philosophischem Tiefsinn und aberwitzigstem Witz. Der nicht genug zu lobende Starcluster-Verlag wird die gut 200, mit vielen unglaublichen Fotos gewürzten Seiten as soon as possible herausbringen, lächerliche 49 Mark 80 dafür verlangen und expressement versenden.

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Christine Westermann: Baby, wann heiratest du mich?

Christine Westermann gehört zu den glücklichen Menschen, die von Zeit zu Zeit in der Lage sind, sich selbst neu zu erfinden. Hat man jedenfalls als Außenstehender den Eindruck. Seit Jahrzehnten ist sie nun in Hörfunk und TV tätig, hat es geschafft, mit der Moderation von Regionalmagazinen und der ZDF-Drehscheibe halbwegs anonym zu bleiben, und erobert sich in den 90ern nochmal ein komplett neues, ein jüngeres Publikum. Und erhält dafür den Grimme-Preis! Die Sendung, die sie moderiert, war ursprünglich nur als Sommerloch-Füllsel geplant, und an ihrer Seite turnt der durchgeknallte Götz Alsmann als „agent provocateur“ über die Mattscheibe.

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Rainer Eisfeld – Als Teenager träumten

Was sie schon immer über die 50er Jahre wußten und eigentlich nicht auch noch lesen müssen: hier steht es! „Die 50er Jahre für Anfänger“ gewissermaßen. Denn dass die Fifties in Deutschland keine bleierne Zeit waren, zumindest was die Jugendkultur angeht (so die These des Autors) – wer wollte es bestreiten? Die Politik, okay. Mief und Muff, Altnazis, Kommunistenparanoia und Wirtschaftswunder. Aber dass sich bei den Unter-30-jährigen ´was tat, hat sich mittlerweile rumgesprochen. Offene Türen zum Einrennen also allenthalben, und dafür auch noch Geld zu verlangen – wow!

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Ottens/Rubin: Klezmer-Musik

Das Ziel des Buches

Jiddische Klezmer-Musik kennt heute fast jeder. Allerdings weiß kaum jemand, wo sie herkommt und welche Bedeutung sie in der jüdischen Kultur hat. Damit sich das ändert, hat das Autorenpaar Joel Rubin und Rita Ottens ein Buch veröffentlicht, das sich auf populärwissenschaftlichem Wege des Themas annimmt.

Das Wort „Klezmer“

Das Wort „Klezmer“ kommt übrigens aus dem Hebräischen und heißt eigentlich „Musikinstrument“. Seit dem 16. Jahrhundert steht es in Osteuropa für den Musikanten, und heute bezeichnet es einen spezifischen Musikstil.

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Comedy-Lexikon

Wenn ein Verlag Lexika im Wochenrhythmus veröffentlicht, läßt das natürlich beim wachen Rezensenten die Alarmglocken schrillen. Und in der Tat: das womit der Lexikon Imprint-Verlag („jedem sein Lexikon“) da die Schaufenster der Buchhandlungen zukleistert ist selten akzeptabel (siehe das HipHop-Lexikon), oft überflüssig und gelegentlich so ärgerlich wie das vorliegende Comedy-Lexikon.

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Matthias Opdenhövel: Die Schnellficker-Schuhe

Sie halten Matthias Opdenhövel für eine Knalltüte (ja, Red), hatten aber gehofft, in seinem Buch das ein oder andere Detail über VIVA-Inside zu erfahren? Pech gehabt! Jede halbstündige Führung durch die VIVA-Studios ist aufschlußreicher als Opdenhövels pubertäre Selbstbeweihräucherung. Der Mann erlebt die Geburt des ersten deutschen Musikkanals mit, reist für VIVA mit Atomgegnern zum Mururoa-Atoll, trifft U2, Kylie Minogue, die Toten Hosen und dergleichen mehr, aber hängengeblieben sind nur banale Details: VIVA-Pratikanten kommen nur zum Promo-CDs-Schnorren, auf den Fidschis verknallt sich ein Schwuler in Opdenhövel, und mit Bono versteht er sich so gut, dass ihm nach dem Interview sogar ein Tisch im Restaurant von Bonos Bruder reserviert wird.

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Gérard Herzhaft: Enzyklopädie des Blues

Zugegeben, ein aktuelles Lexikon zum nicht totzukriegenden Phänomen „Blues“ war längst überfällig. Vor allem in deutscher Sprache gab es außer Dieter Molls „Buch des Blues“ kein brauchbares, zudem noch lieferbares Nachschlagewerk. Dieses Manko will nun diese „Enzyklopädie“ (ein anspruchsvoller Begriff!) beheben. Und will man den Presse-Besprechungen der letzten Wochen und Monate folgen, so scheint sie diesen Anspruch auch voll einzulösen. Ich hege allerdings nach der punktuellen Lektüre so meine Zweifel.
In der Tat ist der französische Publizist und Musikologe ein wahrer Kenner der Materie: Er beschäftigt sich seit drei Jahrzehnten mit dem Blues und seinen Exponenten und recherchierte auch „vor Ort“, sprich in den USA.

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Fredric Dannen: Hit Men

Fast eine Dekade mußte vergehen, bis Fredric Dannens „Hit Men“ (Originalausgabe 1990) in Deutschland erschien. Warum eigentlich? Nicht nur, dass die Beschreibungen der weltgrößten Tonträgerbranche auch in der drittgrößten interessieren dürften – selbst die Hauptdarsteller, also die marktführenden US-Labels, sind naturgemäß Global Players, und zwar schon lange, bevor der Begriff in Mode kam. Namen wie CBS, Warner, Atlantic und Geffen sind hüben wie drüben vertraut. Ebenso Interpreten wie Pink Floyd, Michael Jackson, Whitney Houston… Allerdings, das sei vorausgeschickt: sie tauchen nur gelegentlich auf, spielen höchstens an der Peripherie eine Rolle. Nicht musikalische Innovationen und kreatives Potential, sondern Zufälle, technische Neuerungen und Börseneinbrüche bestimmen, wo´s langgeht in der „Musik“. Der Leser, unter Schock stehend, betrachtet seinen Plattenschrank erstmal mißtrauisch, verwirrt, verunsichert. All die Alben – nicht kultureller Ausdruck ihrer Zeit, sondern willkürlich auf den Markt geworfene Spielzeuge von Männern, die keine Tonhöhen unterscheiden können?

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Janet Evanovich – Einmal ist keinmal

Das Leben meint es im Moment nicht gut mit Stephanie Plum. Vor sechs Monaten hat sie ihren Job als Dessousverkäuferin verloren und seitdem nichts Neues gefunden. Der Kühlschrank ist leer, die Möbel verpfändet und das Auto wurde konfisziert. Aber zum Glück hat sie eine große Familie. Vetter Vinnie betreibt ein Kautionsbüro und sucht eine Aushilfe. Als sie dort vorbeischaut, ist der Bürojob zwar schon weg, allerdings liegt gerade einer der hauseigenen Kopfgeldjäger mit Blinddarmdurchbruch im Krankenhaus. Dank Stephanies intimer Kenntnisse über Vinnies Sexleben kann sie als Vertretung einspringen.

Gesucht wird Joe Morelli, Kopfgeld 10000$. Um es komplizierter zu machen, ist dieser zwar ein alter Bekannter von Stephanie, gehört aber eigentlich in die Kategorie ‚Wiedersehen macht keine Freude‘. Von keinem richtig ernstgenommen, begibt sie sich auf die Suche nach Morelli und stolpert, wie es so üblich ist, in einen undurchsichtigen Fall voller Gewalt und Psychopathen. Außerdem nevt ihre spießige Mutter und ihre Oma entwickelt ein untypisches Verhalten für ihr Alter…

‚Einmal ist keinmal‘ von Janet Evanovich ist ein netter Krimi. Vielleicht ein wenig zu nett. Der darauffolgende Band der Stephanie Plum Reihe, ‚Zweimal ist einmal zuviel‘ (Ob sich der Titel auf die Fortsetzung der Reihe bezieht?!) folgt einem ähnlichen Schema wie der erste. Stephanie ist zwar etwas routinierter geworden und die Bösewichter noch kranker im Hirn, aber sonst gibt es keine Überraschungen. Wie schon gesagt: Alles sehr nett, ‚Einmal ist keinmal‘ ist spannender als ‚Zweimal ist einmal zuviel‘ und das Gute triumphiert zum Schluß. Aber Gott sei es gedankt, ein weiblicher Colt Seavers wurde nicht geboren. Das wäre nun wirklich auch zuviel gewesen. So gesehen ist die gute Stephanie ein erfrischender Neuzugang im Reigen der Gangsterjäger.

Janet Evanovich
Einmal ist keinmal
Goldmann 12,90 DM
ISBN 3-442-42877-7
Zweimal ist einmal zuviel
Manhatten by Goldmann 20,00DM
ISBN 3-442-54027-5

Kleine Randnotiz: Dank verlagstechnischer Organisationsfähigkeit ist der zweite Band zuerst in deutscher Übersetzung als Taschenbuch erschienen, aber das kann ja mal passieren.

´68 – Design und Alltagskultur zwischen Konsum und Konflikt

Wer die ´68er Ausstellung im Düsseldorfer Kunstmuseum verpaßt hat, hat vor allem eines verpaßt: das finnische Kunststoffhaus „Futuro“, ursprünglich als Après-Ski-Hütte im Sci-Fi-Look konzipiert. Es sieht aus wie eine fliegende Untertasse, hat 8 m Durchmesser, rundum Bullaugen, steht auf drei Beinen und ist wie ein Flugzeug über eine herunterklappbare Treppe zu besteigen. Genau: zu besteigen! Was man sonst nur (nachsichtig grinsend) in Dokumentationen über die gute alte Zeit der Zukunftseuphorie zu Gesicht bekommt, konnte man in Düsseldorf in der Tat begehen! Innen gab´s einen Wohnraum, gestaltet wie die Kommandozentrale eines Raumschiffs, zwei Schlafkojen und tatsächlich – Bad und Küche! Wer das architektonische Kleinod nicht live erlebt hat, dem sei zum Trost verraten: die Zukunft roch verdammt muffig!

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Urban Blau – Salomes letzter Sommer

Der Krimi reagiert wie kaum ein anderes Genre auf gesellschaftlichen Veränderungen. Klar, als realistisch angelegte Erzählung ist er auch darauf angewiesen eine populäre Rahmenhandlung zu bieten, um neues, ungewöhnliches, kriminelles Potential zu entwickeln. Ein solches Potential hat beispielsweise die Wiedervereinigung und die fünf Minuten danach erfundene Wiedervereinigungskriminalität geboten. Es lassen sich aber auch marginalere Trends festmachen. Auf der Hip-Liste der deutschen Städte in Kriminalromanen ist neben Berlin und Hamburg inzwischen auch die boomende Medienhauptstadt Köln im Kommen, siehe Kakonis, Karr & Wehner. Aber auch die Provinzen sind im Kommen: Berndorfs Eifel, aber auch die Urlaubsinsel der Schönen und Wohlriechenden – Sylt.

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Roger Zelazny/Robert Sheckley: Ein Schauspiel, teuflisch bös und unmoralisch

Aus Langeweile faßt der gemeine Dämon Azzie Elbub den Entschluß, mal wieder etwas richtig Fieses zu unternehmen. Im Europa der Renaissance sind gerade erbauliche und extrem einschläfernde Moralstücke angesagt. Da hat Azzie die rettende Idee und will ein unmoralisches Stück, mit echten Personen als Darstellern inszenieren. Keine Frage, daß die Mächte der Gegenseite dies nur höchst ungern sehen und dem Dämon einen Knüppel nach dem anderen zwischen die Beine werfen. Doch am Ende steht nicht nur das unmoralische Stück auf der Kippe, sondern das gesamte Raum Zeit-Gefüge der Erde…

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Musikbücher V

From the bottom of the ocean to the mountains of the moon: Willkommen zu einer musikliterarischen Reise aus den Niederungen deutscher Beschränktheit hin zu den Höhen deutschen Weltbürgertums, aus dem Elend der Sprache mitten hinein in den Reichtum der Phantasie.

I’m your captain: denn, Leser, du brauchst einen Lotsen, der dich nicht nur sicher führt, sondern dich auch darauf vorbereitet, welcher ungeheure Druck tief unten im Meer des Büchermarktes dein Haupt beschweren wird. Eine Gewöhnungssache. So nähern wir uns dem Ort, wo sich dir die geballte Dummheit tonnenschwer auf die Schädeldecke legt, ganz allgemach mit einem Zitat:

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