Wolfgang Ludewig: Glücksritter im Labyrinth der Leidenschaften

Saarländer, die Romane schreiben? Das stimmt fast so hoffnungsvoll wie einarmige Zwerge beim Hammerwerfen. Und ein Titel wie „Glücksritter im Labyrinth der Leidenschaften“ animiert geradezu zum Nichtlesen. Wäre aber ein Fehler.

Worum geht es in Wolfgang Ludewigs Roman (den Titel wiederhole ich jetzt nicht mehr)? Birdie und Mollie, zwei Saarbrücker Langzeitstudenten/ABMler brechen im Jahre 1991 nach Kreta auf, um dort zu urlauben, d.h. für ein paar Wochen einer südlicheren Variante ihres saarländischen Lebens zu frönen, dessen Eckpfeiler Suff, Sex und Quatschen sind.

Das Saarland ist rasch verlassen, und das ist gut so; denn leider ist auch Ludewig von der anscheinend typischen saarländischen Autorenkrankheit, bei der Beschreibung ihrer Heimat in den drögen Duktus eines Angestellten des Saarbrücker Fremdenverkehrsvereins zu fallen, heimgesucht worden.

„Über die Saarstraße gelangte er zum St. Johanner Markt. Der ‚Markt‘, wie ihn die Saarbrücker liebevoll nennen, hatte sich vom ehemals verrufenen Rotlichtbezirk zum Aushängeschild saarländischer Lebensart entwickelt. Klein-Paris sozusagen.“
(Nebenbei bemerkt wäre mir, dem bekennenden Fußgängerzonen-Hasser, lieber, die Nutten stünden sich dort noch die Beine in den Bauch. Angenehmer als in Straßencafés breitgesetzte Schickimicki-Ärsche ist dieser Anblick allemal.)

Das ist aber quantité négligeable, wie der Klein-Pariser sagt, ebenso der Reiseweg via Berlin und Prag. Ja, auch der Aufenthalt auf Kreta ist nichts, was Ludewig und seine Helden zu breitangelegten geografisch-soziologischen Reflexionen inspiriert. Was allein zählt, sind die Dialoge von Birdie und Mollie. Ihretwegen lohnt das Lesen dieses Buches.

Sie quatschen wirklich über Gott, die Welt, Pop und Architektur, denn die solide Halbbildung der beiden Geisteswissenschaftler muss raus wie alles andere, das man nicht richtig verdaut hat. Und hier nun gelingen Ludewig geradezu aparte und durch die Bank wahre Psychogramme einer Spezies Mensch, die es Anfang der Neunziger zuhauf und auch heute noch mehr als genug gibt: den leicht asozialen Besserwisser im eigenen Saft, der bevorzugt alkoholisch ist. Hören wir kurz in einen solchen Dialog:

„Mollie, wenn es gesellschaftliche Veränderung durch Literatur gibt, dann nur, wenn sie massenwirksam ist.“
„Quatsch. Literatur ist immer elitär. Es ist geradezu notwendig, dass wahre Kunst sich dem Massengeschmack entzieht.“
„Elitärer Sack!“
„Dummschwätzer!“
„Was ist Hemingway im Vergleich zu T.S. Eliot und Shakespeare und was sind Böll und Grass im Vergleich zu Arno Schmidt und Rainer Maria Rilke?“

Wahre Worte. Und wir ahnen schon, wie diese hochintellektuelle Unterhaltung endet. So nämlich:

„Für mich ist nur der ein echter Künstler, der malen kann.“
„Den deutschen Bauer auf dem Felde, du Fascho!“
„Ich Fascho? Es langt, Mollie!“
„Dein Kunstbegriff ist hochreaktionär bis kryptofaschistisch.“

Man wird zugegeben, dass diese Dialog nur begrenzt „witzig“ sind, und das ist gut so. Denn ihre eigentliche Komik beziehen sie aus ihrer Authentiziät, aus der Selbstverständlichkeit und Ernsthaftigkeit, mit der sie am laufenden Band produziert werden .

Ludewig begeht dabei nicht den Fehler, seine Personen und ihre Ergüsse als Karikaturen anzulegen. Sie schweben nur ganz knapp über der Normalität, was sich auch in ihren kretischen Aktivitäten wiederspiegelt. Mollie, Birdie und all die anderen Urlaubsdeutschen sind alternative Spießer, die in Diskos abhängen, Frauen resp. Männer aufreißen, über den griechischen Schlendrian fluchen und heimlich den Kondomvorrat ihres Reisepartnerns checken, um über dessen sexuelle Ergüsse auf dem Laufenden zu sein.

Erst gegen Ende des Romans zeigt sich diese Normalität in ihrer ganzen Absurdität, als es Mollie mit Hilfe eines Gesprächs über den korrekten Konjunktiv gelingt, eine Frau dort hin zu bringen, wo sie natürlicherweise alle landen: ins Bett.

Das ist, wie gesagt, komisch, weil es wahr ist, und nicht wahr, weil es so komisch ist. Ludewig ist ein unterhaltsamer, gut geschriebener Roman gelungen, in dem sich Alltag und Wahnsinn geben, wie sie nun einmal sind: so unzertrennlich wie Birdie und Mollie, so siamesisch verwachsen wie Bildungskultur und Wissensmüll.

Wolfgang Ludewig:
Glücksritter im Labyrinth der Leidenschaften.
Conte Verlag, 220 Seiten, €12,90.

Musik und Zensur

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Taboo Tunes ist eine Website rund um das kürzlich in den USA erschienene Buch „Taboo Tunes: A History of Banned Bands & Censored Songs“ und beschäftigt sich mit allen möglichen Varianten von Zensur(versuchen). Eine „Gallery of the forbidden“ zeigt Beispiele von den Beatles bis zu den Strokes. Natürlich zeigt man auch nicht zu viel, schließlich soll ja das entsprechene Buch verkauft werden. Dafür gibt es noch einen umfangreichen Newsteil mit Vorfällen, die nach Drucklegung geschahen. Und der immer heißer werdende US-Wahlkampf wird hier bestimmt noch für einige Einträge sorgen.

[Update: Die oben erwähnte Domain wurde inzwischen von einer halbseidenen Kopulationsanbahnungsseite übernommen. Deshalb haben wir den Link entfernt]

Alles Pop? Kapitalismus & Subversion

„Macht ihr Popmusik?“
Schorsch Kamerun: „Die Frage interessiert mich langsam nicht mehr, weil eine Beantwortung schon wieder Popthema ist.

“Dieses Buch ist ein Sammelsurium von Texten von, mit & über Pop. Die HerausgeberInnen & Schreiberlinge konnten sich dabei offensichtlich nicht richtig auf eine inhaltliche Linie einigen: Einmal gilt Popkultur als Inspirationsquelle für Theorie, dann wieder als Gegenstand der Kritik, immer wieder aber auch unreflektiert als Projektionsfläche für eigene Sehnsüchte. Demnach sind einige Texte & Interviews durchaus spannend & vielleicht gar erkenntnisbringend zu lesen, andere sind vollkommen egal, naiv oder gar dumm, manche recht informativ & wieder andere so knietief im DeleuzeGuattariDerridaFocault-Sprech (vielleicht aber auch einfach Freestyle?), dass sie mir fast gar nichts mehr sagen, was aber auch an meinen allgemeinen Schwierigkeiten mit post- & postpostmoderner Theorie liegen mag.

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Das Fremde im Eigenen

Frédéric Brenner hat Juden im Exil fotografiert, ein halbes Leben lang. Sein Bildband „Diaspora“ wirft eine einzige Frage auf: Was ist eigentlich jüdisch?
Sein erstes Foto schießt Frédéric Brenner mit 18 im ultraorthodoxen Viertel von Jerusalem, in Mea Shearim. Er ist Jude, studiert Sozialanthropologie in Paris. „Ich dachte, das sei das authentische Judentum“, sagt Brenner. Seine Fotos zeigen Chassiden ins Gespräch vertieft und tanzend mit einem weißbärtigen Rebbe auf einer Sukkot-Feier, ein inszeniertes Spiel mit Licht und Schatten, rembrandtartig, feierlich – eine eingefrorene Idylle, nostalgisch gelebte Erinnerung an das osteuropäische Schtetl im 18. und 19. Jahrhundert.

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Donna Tartt: Der kleine Freund

„Der kleine Freund“ beginnt mit dem schrecklichen Mord an einem Kind: Der neunjährige Robin wird erhängt im Garten gefunden und obwohl seine Familie in greifbarer Nähe war, hat niemand den Mord bemerkt. Rund elf Jahre später ist der Mörder oder die Mörderin noch immer auf freiem Fuß und Robins kleine Schwester Harriet ist besessen von der Idee, den Mörder ihres Bruders zu finden. Als sie einen Verdächtigen ausgemacht hat, bereitet sie mit kindlicher Sturheit und Akribie ihre Rache vor.

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Natsuo Kirino: Die Umarmung des Todes

Vier unterschiedliche Frauen arbeiten Nacht für Nacht in der Lunch-Fabrik am Band. Als eine von ihnen im Affekt ihren Mann tötet, läuft das Leben der einzelnen völlig aus der Bahn. Von der Monotonie der Fließbandarbeit genauso gefangen wie von der Gleichförmigkeit ihres Lebens werden Masako, Yoshië und Kuniko unausweichlich mit ihren persönlichen Problemen konfrontiert, als sie versuchen, den Mord an Yayois Mann zu vertuschen.

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Dieter Bohlen – Hinter den Kulissen

Na, das wollen doch alle: hinter die Kulissen schauen. Und – soviel ist klar: hier wird hinter die Kulissen geschaut. Lauter Geschichten aus dem Showbiz, von Schönen und Reichen. Von Sternchen und Ludern, von Schlagerstars und Hollywood-Diven, von Musikproduzenten und Wirtschaftsbossen… Ach, es ist eine Fundgrube für Klatsch-Fans. So, wie man´s erwarten durfte.

Das Wichtigste wissen wir eh schon: Thomas Anders ist böse, Hartmut Engler nervig, die Superstars intrigant. Und wenn nicht, hätten wir´s uns eh gedacht. Oder glauben´s auch jetzt nicht.

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We will rock you. Lexikon berühmter Popsongs

Der Umschlagstext verspricht „Geschichten, Anekdoten und Wissenswertes von zweihundert berühmten Songs und ihren Interpreten“. Und genau das hält das Buch. Günther Fischer und Manfred Prescher haben hier Material zu Entstehung, Texten und Wirkungsgeschichte zusammengetragen. Das Ergebnis ist leicht verdauliche – im Schnitt anderthalb Seiten lange – Kost. Gerade Leute, die den Englischunterricht etwas zu oft geschwänzt haben werden hier einige Lichter über die wahre Bedeutung bestimmter Songs aufgehen: „The Night They Drove Old Dixie Down“ ist halt trotz Juliane Werdings „Am Tag als Connie Kramer starb“ kein Antidrogenstück und so mancher auf den ersten Eindruck liebliche Text hat seine überraschenden Untiefen.

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Musikbücher VIII

„Komm, Alter, hau mal wieder einen raus!“: Mit diesen (oder ganz anderen) Worten werden mir von Zeit zu Zeit aus wohlmeinender Hand Bücher überreicht, und wenn es sich lohnt, lege ich nach der Lektüre meine Stirn in Falten und tue das, was man von mir erwartet: Ich haue mal wieder einen raus.

Heute sind es zwei Neuerscheinungen, die nähere Betrachtung durchaus verdienen. Ein Roman, der auch ein Sachbuch sein könnte, und ein Sachbuch, das auch ein Roman sein könnte.

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Carl Magnus Palm: Licht und Schatten

Diese Geschichte bewegt noch immer: zwei Paare, die als Pop-Quartett Musik machen. Eine schwedische Band, die die Welt erobert. Vier Menschen, die ganz unterschiedliche Hintergründe mitbringen und auch auf unterschiedliche Weise mit dem Ruhm fertig werden. Und dann natürlich die Songs: Waterloo, SOS, The Winner takes it all… Diese Geschichte – rund 30 Jahre danach: Stoff für ein wahres Epos, dachte sich Carl Magnus Palm.

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Yael Hedaya: Zusammenstöße

Fliehkräfte der Liebe

„Ich weiß nicht, ob Menschen überhaupt zu einer umfassenden, den andern als Ganzes erfassenden Liebe fähig sind“, sagt die Schweizer Autorin Sybille Berg über Yael Hedayas ersten Roman „Liebe pur“. „ Das wäre, was für mich das Wort bedeutet: den andern erkennen, Wohlgefallen an ihm haben, ohne Ansprüche und Erwartungen. Kann das jemand? Bitte melden…“ Auch Hedayas zweiter Roman ist eine Liebesgeschichte. „Diesmal geht sie gut aus“, sagt sie selbst. Doch ihre Welt bleibt kühl.

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Dieter Bohlen – Nichts Als Die Wahrheit

Besser spät als nie… Dafür jedoch, hier und jetzt, die ultimative Lobhudelei über eines der lustigsten Bücher der letzten Jahre.

Wenn wirklich alles der Wahrheit entspricht, was Herr Bohlen in Kooperation mit der Bild-Klatschkolumnistin Katja Kessler niedergeschrieben hat, dann ist es im Rückspiegel betrachtet ein durchaus bewegtes und aufregendes wie amüsantes Leben, das der Modern Talking-Mann führt beziehungsweise bis zur Fertigstellung des Buches geführt hat. „Nichts Als Die Wahrheit“ erklärt dann auch, warum er ist wie er ist.

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Christian Gasser: Mein erster Sanyo

Heute versteht sich die Elektro-Firma Sanyo unter anderem auf das Bauen schicker und nobel gestalteter Miniatur-HiFi-Anlagen. Doch es soll eine Zeit gegeben haben, da gab es Kassetten-Recorder anstelle von Kassetten-Decks. Und die portablen Vorgängermodelle – später auch mit integriertem Radio – waren groß, unhandlich und schwer. Mit denen ohne Radio saß man dann am Sonntagnachmittag vor dem Radio und schnitt live ein paar seiner Lieblingsnummern aus dem Radio mit. Da durfte natürlich keiner dazwischen reden, hüsteln oder mit dem Geschirr klappern. Absolute Stille war befohlen. Das eingebaute, einen auf einen Zentimeter große Mikrofon wurde möglichst nahe an die Lautsprecher des Radios herangeführt. Die genaue Abstimmung zwischen Lautstärke des Radios und dem Abstand des Kassetten-Recorder zum Radio waren eine knifflige Angelegenheit. Kurzum: Genau in diese Phase der jugendlichen Tüftelei und der vielleicht ersten Entdeckung und Aufarbeitung der Popmusik geht das kurzweilige Buch von Christian Gasser zurück.

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Hallgrimur Helgason – 101 Reykjavik

Gehst du in ein Reykjaviker Café, stößt du mit ziemlicher Sicherheit auf einen vor seinem Notebook sinnierenden Menschen, der gerade dabei ist, einen Roman zu schreiben. Dieser Mensch ist zumeist männlich, jung und übernächtigt, verbringt die Tage im Bett oder Café, die Nächte ebenfalls, nur in umgekehrter Reihenfolge.

Wir wissen nicht, wie Hallgrimur Helgason seinen Roman 101 Reykjavik geschrieben hat. Aber wohl so ähnlich. Und sein Held verbringt die Tage im Bett oder im Café, guckt Pornos, hört Pop und – „Hi Fidelity“ läßt grüßen – führt Listen, in denen er Frauen nach ihrem Marktwert taxiert. Er trifft auf Lesben, Schwangere, kaputte Typen, reichlich viel Schrott und Plunder – aber ich kenne kaum einen zeitgenössischen isländischen Roman, in dem das nicht so wäre.

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Alice Schwarzer – Romy Schneider. Mythos und Leben

Oft ist es eine Unverschämtheit, wenn der Name des Autors genauso groß geschrieben ist, wie der Name des Buches. Vor allem wenn es eine Biographie ist. Ziehen wir die Tatsache ab, dass der Name „Alice Schwarzer“ schon der Werbewirksamkeit wegen so groß geschrieben ist, ist es trotzdem in Ordnung. Und sehr ehrlich: denn es verhehlt erst gar nicht, dass die Person Romy Schneider durch die subjektive Brille Schwarzers gesehen wird.

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Elizabeth George: Vergiss nie, dass ich dich liebe

Elizabeth George, die Meisterin des groß angelegten Krimiromans, ist jetzt auf dem Spielfeld der Kurzgeschichten angelangt. Beherrscht sie in den bisher erschienenen elf Romanen um das Ermittlerduo Lynley/Havers das Spiel der langen Pässe, ist das kleine Feld nicht so sehr ihr Terrain. Zu oft verdribbelt sie sich und scheitert an dem fehlenden Raum, den sie gebraucht hätte, um ihr literarisches Spiel zum Laufen zu bringen.

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Elizabeth George – Nie sollst du vergessen

Elizabeth George hat sich Zeit gelassen. Zeit, um ihren neuen Roman zu schreiben und Zeit, um die neue Handlung aufzubauen. Mit genüsslicher Akribie baut sie über 900 Seiten die verschiedenen Handlungsstränge auf, um den Leser -fast unbemerkt- immer tiefer in den Strudel der Ereignisse zu ziehen: Eine Frau wird im nächtlichen London überfahren. In ihrer Tasche ein Zettel mit dem Namen des Mannes, der ihre Leiche findet.

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