Ivo Stourton: Die Nachtgänger

Ich habe fast zeitgleich „Schilf“ von Juli Zeh und Ivo Stourtons „Die Nachtgänger“ gelesen. Danach ist man bis ans Lebensende mit Metaphern ausgestattet und hat für nahezu jede Alltagsbegebenheit eine blumige Beschreibung parat. Wie immer liegt es in erster Linie am Leser selbst, wie geduldig er diese Bildersprache erträgt.

„Die Nachtgänger“ ist Ivo Stourtons Debüt und fällt nicht nur durch seine Metaphern auf. Kurz gesagt ist der Roman fast so gut wie „Die geheime Geschichte“ von Donna Tartt. Der Handlungsrahmen ist ähnlich, aber man fragt sich, wo dieses Kerlchen (*1982) die Lebensweisheit und Erfahrung geborgt hat, die durch sein erstes Buch schimmert.

Weiterlesen

Power to the people

In der Süddeutschen Zeitung (→ Miss Molly) sieht Andrian Kreye die Ehre der Cover-Version durch Cat Power und ihr neues Album „Jukebox“ gerettet. So weit, so gut, aber Kreyes Artikel (immerhin der Feuilleton-Aufmacher der Wochenendausgabe) hat mich wirklich aufgeregt. Nicht weil er die hier gerne gehörten Nouvelle Vague doof findet, sondern weil der Artikel voll ist von kleinen Unterstellungen und Ungenauigkeiten.


Ein paar Beispiele:

Weiterlesen

Als Bettvorleger gelandet?

Das Kriminalhörspiel zu fördern und „ins Gespräch“ zu bringen, ist per se eine gute Sache. Dass, wer eine Bude auf dem Markt hat, auch schreien muss, wusste man schon in den 50er Jahren, und die modernen Zeiten verlangen events, theatralisches, inszeniertes Schreien. So war man gespannt, als →„an diesem historischen 16. Januar“ der Radio-Tatort als Äquivalent zur TV-Reihe mit einer Produktion des Westdeutschen Rundfunks startete. Die Latte lag hoch.

Weiterlesen

Pieke greift in die Tasche

pieke.gif

… aber entwendet nichts, sondern lässt etwas darin zurück. Eine Reportage zum „Multi-Kulti-Delikt“ Taschendiebstahl nämlich. Am Freitag, 18. Januar 2008 im RBB-Inforadio 93,1 um 10:27 und 13:27 Uhr (für Wiederholungstäter auch am Sonntag 13:45 und 18:45 und Montagnacht 04:45 Uhr) und / oder und am Sonnabend, 19. Januar 2008 in DER TAGESSPIEGEL (möglicherweise unter einem anderen Titel). Und was passiert, wenn ich oben auf die Grafik klicke? —

Weiterlesen

Ann Cleeves: Raven Black

Die Shetlandinseln sind eine nördlich von Schottland in der Nordsee gelegene Inselgruppe. Klima und Landschaft sind nicht extrem, aber recht rau. Ann Cleeves Buch „Raven Black“ spielt auf der Hauptinsel, am Rande der Hauptstadt Lerwick. Eine junge Frau, eine Schülerin noch, wird erdrosselt aufgefunden. Für die lokale Bevölkerung scheint auch der Schuldige ausgemacht: Magnus Tait. Schließlich stand er auch in Verdacht, vor elf Jahren die junge Catriona Bruce umgebracht zu haben. Die Polizei allerdings, die lokale wie die hinzugezogene vom schottischen Festland, will es sich so einfach nicht machen.

Weiterlesen

Liebes Fernsehen!

Neulich hast du in deiner Dauersendereihe „Tagesschau“ einen Kurzkrimi gezeigt. Zwei Jugendliche greifen hinterrücks einen Rentner an, schlagen ihn zu Boden, treten ihn und machen sich dann aus dem Staub. Später werden sie aber gefasst, ein Türke und ein Grieche. So weit, so üblich.

Ich weiß natürlich, dass solche Filmchen Produkte der Fiktion sind und, wie es so schön heißt, „die Wirklichkeit nicht eins zu eins abbilden“ können. Das ist so, als würde ich einen Film zeigen, in dem ein Alevit seine Tochter ein wenig zu lieb hat oder ein paar Bodenseefischer schlimme Finger sind. Soll vorkommen, sogar von Katholiken, die der Sodomie ergeben sind und von Unternehmensberatern, die ihre Kunden bescheißen, hat man schon gehört, käme aber nie auf die Idee, jetzt alle Katholiken und alle Unternehmensberater… du verstehst? Schön.

Ich hatte also den Film (hieß er nicht „Jagdszenen aus der Münchner U-Bahn“?) schon fast vergessen – wozu ich sagen muss, er hat mir auch nicht so gut gefallen; kannst du nicht mal einen Film drehen, in dem ein Halbdutzend jugendlicher Neonazis ein kleines türkisches Mädchen quälen? Solls gegeben haben, aber leider waren keine Kameras dabei – also ich hatte das schon fast vergessen, so wie ich alles irgendwann vergesse, was du so in deiner Tagesschau anbietest: den unrasierten Pfälzer z.B., der immer von „Mindestlohn“ redet oder den Chefliberalen, der „mehr unternehmerische Freiheit“ fordert und „weniger Staat“, aber selbstverständlich nichts dagegen hat, wenn der Staat für die unternehmerische Freiheit, Hungerlöhne zu zahlen, in die Bresche springen muss: Fiktion, sag ich nur, das sind irgendwelche Schauspieler, denen geht das alles am Arsch vorbei, weiß man doch.

Aber kaum hatte ich besagtes Filmchen schon fast vergessen, da ist folgendes passiert: Ein Herr Koch aus Hessen – wohl ein etwas schlichtes Gemüt, wenn ich mal so sagen darf – hat den Film aus der Münchner U-Bahn für DIE WIRKLICHKEIT gehalten. Er hat nicht gesagt: Okay, der Film zeigt uns zwei Jugendliche, die einen Rentner zusammenhauen, und das hats immer schon gegeben, ist nicht schön und muss bestraft werden, nein, der Herr Koch aus Hessen hat sich gedacht: Ui! Ausländische Jugendliche hauen deutsche Rentner zusammen! Und nichts passiert! Die werden kaum bestraft und nicht ausgewiesen und gar nichts, wahrscheinlich kriegen die noch eine Prämie von der Rentenversicherungsanstalt.

Das ist jetzt aber so, als würden sich die Aleviten in Deutschland darüber beklagen, dass man sie allesamt zu Inzestlern abstempelt, nur weil einer von ihnen in einem Krimi das mit der Tochter gemacht hat. Oder nein, wahrscheinlich haben sich die Aleviten gesagt: Okay, der Film ist Fiktion, aber draußen an den Bildschirmen hocken ganze Heere von hessischen Kochs und halten das für DIE WIRKLICHKEIT. Die sehen einen Film, dem eine „tatsächliche Begebenheit“ zugrunde liegt oder doch zugrunde liegen könnte und machen aus dieser Fiktion, die aus einer potentiellen Faktizität heraus geboren wurde, die Wirklichkeit schlechthin.

Klingt kompliziert, aber so ist es, und ich würde diese Aleviten (oder die Bodenseefischer) verstehen, denn tatsächlich gibt es genügend schlichte Gemüter, die so etwas denken. Die denken sogar, dass dieser unrasierte Pfälzer, weil er von Mindestlohn faselt, sich irgendwie gegen die Verarmung hierzulande stemmen will oder dass der Herr Koch wirklich so schlicht ist, dass er glaubt, dieses Filmchen da sei eine „Abbildung von Wirklichkeit eins zu eins“. Dabei – und jetzt wird’s erst richtig kompliziert – ist natürlich auch dieser geifernde Herr Koch nur Fiktion! In „Wirklichkeit“ will er der einfach wiedergewählt werden und mit einem Filmchen, in dem Neonazis eine kleine Türkin quälen, wird er nicht wiedergewählt, jedenfalls nicht in Hessen, aber vielleicht in der Türkei.

Wir haben also eine reichlich vertrackte Situation: In einer Münchner U-Bahn-Station schlagen zwei Jugendliche einen Rentner zusammen (Fakt). In einem Tagesschau-Clip werden wir Zeuge dieses Vorfalls, der jetzt natürlich fiktiv ist, weil er im Fernsehen gezeigt wird, wo man uns die Wirklichkeit des Tages „zusammenstellt“, was ja allemal fiktiv ist, also wenn nicht das, was dann? Dieses Filmchen nimmt ein Herr Koch zum Anlass, den nationalen Notstand auszurufen (zur allgemeinen Wirklichkeit hochgerechnete Fiktion von Wirklichkeit). In Wirklichkeit ist dieser empörte Herr Koch aber ein Wahlkämpfer, der ein schönes Thema gebraucht hat, also auch eine Fiktion, die mit einer anderen Fiktion, die zum Fakt erklärt wurde, aber eben doch nur Fiktion ist, weil zehn Sekunden Film natürlich die Wirklichkeit nicht eins zu eins abbilden können, wie überhaupt nichts die Wirklichkeit eins zu eins abbilden kann, also diese Fiktion, der etwas Faktisches zugrunde liegt…

Nee, das ist mir zu kompliziert. Ich möchte dich nur bitten, liebes Fernsehen, in Zukunft immer so ein Spruchband über die Bildschirme laufen zu lassen, auf dem steht: „Sie sehen gerade ein Werk der Fiktion, das die Wirklichkeit nicht eins zu eins abbilden kann.“ Technisch kannst du das doch, bei diesem „Börsenticker“ geht’s ja auch. Und das bitte 24 Stunden lang, sieben Tage die Woche. In allen Programmen. Und morgen schreibe ich an die Zeitung, damit die das auch macht.

MIST!!!

Krimipreise haben Konjunktur. Soeben wurde die Installierung des „Ripper Award“ der deutschen Feinripp-Industrie bekanntgegeben – und jetzt folgt Hinternet mit einem mächtigen Schlag in die Magengrube des guten Geschmacks. 2008 vergeben wir zum ersten Mal UNSEREN Preis: MIST (Most Inspiring Sex Thriller)!

Weiterlesen

Matthew Pearl: Die Stunde des Raben

Man erfindet nicht ungestraft den „Krimi“ und stirbt dann auch noch unter mysteriösen Umständen. Das rächt sich in der grenzenlosen Phantasie der Nachgeborenen, die, ganz im Stil Auguste Dupins, des ersten Detektivs der Weltliteratur, so manche Theorie zusammenschustern und manchmal gar auf die Idee kommen, Romane zu schreiben. Edgar Poe als fiktive Figur. Louis Bayards „The Pale Blue Eye” zeigte jüngst den Kadetten Poe als kriminalistisch Hochbegabten, zuvor durfte Poe als Zehnjähriger in Andrew Taylors „Der Schlaf der Toten“ durchs Genre geistern. Und jetzt geht Matthew Pearl ans Eingemachte. Sein „Die Stunde des Raben“ ist nichts weniger als der Versuch, Licht ins Dunkel von Poes Ableben zu bringen.
Quentin Clark ist ein junger, aufstrebender Anwalt in Baltimore, zugleich Verehrer des Poeschen Werks.

Weiterlesen

Volksbloggen -12-

volksbloggen.jpg

Auch im neuen Jahr schreitet die Demokratisierung der Krimibloggerszene wacker voran. Hier dürft ihr eure Herzen ausschütten! Und die Neugierde des Bloggers befriedigen, wenn ihr wollt. Was, so fragt er sich, wünschen sich die LeserInnen vom Krimijahrbuch? Was gefällt ihnen nicht, was gefällt ihnen sehr, was vermissen sie? Und, wenn sie es nicht kaufen, warum nicht? Kein Interesse, zu teuer, zu schlecht? Würde mich wirklich interessieren. Aber alles andere, was ihr hier im demokratischen Prozess an die Öffentlichkeit bringt, natürlich auch.

Louise Penny: Still Life

Three Pine ist ein kleiner geschaulicher Ort im Umland von Quebec, Kanada. Hier lebt man, weil man hier schon immer gelebt hat oder weil man sich zurückziehen möchte vom Lebenskampf der Großstadt. Jane Neal zum Beispiel. Sie ist im Ort geboren und hatte jahrelang in der örtlichen Schule unterrichtet, bis diese geschlossen wurde. Nun ist sie pensioniert, dilettiert als Malerin und ist Teil eines Freundeskreises von Künstlern und Kunstsinnigen.
Eines Tages wird Jane von einem Jagdpfeil getötet aufgefunden. Und während in der kleinen Ortschaft die Betroffenheit noch groß ist, rückt Chefinspektor Armand Gamache von der Surete du Quebec mit seinem Stab an und lässt sich im örtlichen Gasthaus nieder. Es entwickelt sich ein etwas eigenartiges Schauspiel. Während der Leser aufgrund der ganzen Anlage des Romanes (es handelt sich um einen Cozy) davon ausgehen dürfte, dass es sich bei dem Tod Janes um einen Mord handelt und dass der Täter im Freundeskreis zu suchen ist, scheint der gute Chefinspektor von einem Jagdunfall auszugehen und versucht den verantwortlichen Unglücksraben ausfindig zu machen.

Weiterlesen

Cover 2008

Krimijahrbuch_2008 _klein.jpg

Schon das Cover des Krimijahrbuchs 2007 verband in schönster Weise Motive und Themen des Jahres. Auch 2008 hat Birgit Jansen die beiden Schwerpunkte des Buches prägnant und witzig verknüpft. Alte Krimis und Hörspielkrimis – man erkennts auf einen Blick. Und wie gefällt es den baldigen LeserInnen des Werkes?

Weiterlesen

R. Scott Reiss: Black Monday

Ein weiterer schlechter Roman. Ein weiteres Buch, das man eigentlich links liegen lassen könnte, ohne ihm einen Hauch Beachtung zu schenken. Aber es wird angekündigt als „prophezeibarer Erfolg“, als neuer „Powerseller“, bekommt einen „VOX Krimi Tipp“-Aufkleber (den man eher als Warnung betrachten darf) und wird vehement beworben. Mag sein, das Ullstein den richtigen Riecher hat, eher noch, dass dieses schrottige Teil jede Werbung gebrauchen kann, um verkauft werden zu können. Sollte es aber tatsächlich ein Bestseller werden, bekäme der Begriff „Schwarzer Montag“ eine ganz neue Dimension. Was verdunkelt denn nun Reiss’ Wochenbeginn?

Weiterlesen

Joseph Wambaugh: Hollywood Station

Zehn Jahre sind seit Joseph Wambaughs letztem Buch vergangen. Stile und Leser haben sich in der Zeit gewandelt. „Hollywood Station“ ist also eine Art Comeback … und was für eins. Hier kommt alles zusammen, was ein gutes Buch ausmacht. In zahlreichen wechselnden Perspektiven erzählt Wambaugh den Alltag des Polizeireviers in Hollywood im Jahre 2006. Da wird nicht nur die Geschichte der Aufklärung eines Verbrechens erzählt, sondern das Leben der Polizisten und Verbrecher in kurzen Episoden und Anekdoten dargestellt. „Hollywood Station“ ist dabei so schonungslos wie witzig.

Weiterlesen

Historisches aus der Zukunft

Von der Römer- bis in die Nach-Nazizeit: Dass auch 2008 der sogenannte „historische Krimi“ boomen wird, gehört zu den narrensichersten Prognosen für das noch junge Jahr. Was ist das aber, dieses „historisch“? Eine vergangene, Geschichte gewordene Zeit, der sich Autorin / Autor aus der durch Faktenlage abgesicherten Position gnädigen Spätgeborenseins annimmt. Mit den bekannten fatalen Folgen. Eine Epoche besteht nicht nur aus dem, was die Archive davon bewahrt haben, sie verlangt eine gewisse Empathie, also die Fähigkeit der Schreiber, sich in die Gedankengänge des handelnden Personals hinein zu versetzen. Und, ganz wichtig: Das Schreiben „historischer Krimis“ ist ohne schriftstellerische Kompetenz ein von vornherein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen. Aber das ist ein allgemeines Phänomen.

Weiterlesen

Prognose 2008

Silvestermorgen. Die Redaktion der Online-Illustrierten Hinternet. Großer Sitzungssaal. Noch brennen hier die letzten Adventskränze, liegt angeknabbertes Gebäck auf dem geschmackvollen senffarbenen Teppichboden und Senior-Azubi Jochen zum nachweihnachtlichen Chill-Out in einer Ecke. Der Rest der Mannschaft hat sich zum Jahresendritual versammelt. Wir werfen einen Blick in die nahende Zukunft des Krimijahres 2008.

Weiterlesen