Bruce Springsteen: Magic

Die Zeiten ändern sich. Vor einem Monat habe ich etwas gemacht, das ich mir noch vor zwei Jahren nicht hätte vorstellen können: ein Hörbuch angehört (auf Deutsch!) – „31 Songs“ von Nick Hornby. Na ja, um ehrlich zu sein, bin ich beim Buchhören genau so faul wie beim Buchlesen. Aber ich habe es versucht und zwei Kapitel ganz gehört, immerhin. Erst das Kapitel über J. Geils´ Live-Version von „First I Look at the Purse“ (ich glaube, dass der Text falsch zitiert wird, das ist jedoch eine andere Geschichte) und dann das über Bruce Springsteens „Thunder Road“. Ich will Hornby hier nicht zitieren (ich würde wahrscheinlich eh falsch machen) aber er bringt es auf den Punkt, warum man sich – ob Amerikaner wie ich oder nicht – mit Springsteen identifizieren kann.

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Laura Lippman: Gefährliche Engel

Laura Lippman, so schrieb der Rezensent anlässlich des letzten Abenteuers ihrer Protagonistin Tess Monaghan, gehöre „zu den Lieferantinnen solider Spannungsware“. Dieses Urteil muss nach der Lektüre von „Gefährliche Engel“ revidiert werden: Denn nicht nur solide Spannungsware beschert uns die Autorin, auch fein ausgedachte Beobachtungen psychischer und weltlicher Kalamitäten hat sie im Programm.
Wobei das einzig leicht Ärgerliche an „Gefährliche Engel“ eben dieser deutsche Titel ist. Engel sind Alice und Ronnie, die beiden elfjährigen Mädchen nämlich nicht, gefährlich schon, denn sie entführen einen Säugling und töten ihn anschließend. Für diese Tat sperrt man sie sieben Jahre weg, Elfjährige, wohlgemerkt. Als junge Frauen werden sie in die Freiheit entlassen, doch als wiederum ein Kleinkind gekidnappt wird und sich herausstellt, dass sich die beiden Mädchen ganz in der Nähe des Tatorts aufgehalten haben, holt sie die Vergangenheit ein.

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Laura Lippman: Charm City

Mit ihren Kriminalromanen um die Privatermittlerin Tess Monaghan zählt die Amerikanerin Laura Lippman nun schon seit geraumer Zeit zu den Lieferantinnen solider Spannungsware. Perfekte, globaltaugliche Mischungen aus privaten Irrungen und kriminellen Wirrungen, im überschaubaren Milieu Baltimores lokalisiert, einer Stadt, die sich selbst „Charm City“ nennt, aber natürlich en détail so charmant nicht ist.
Eine amerikanische Mittelstadt, sportliche Provinz. Da trifft es sich gut, dass der reiche Geschäftsmann Gerard „Wink“ Wynkowski eine komplette Basketballmannschaft kaufen und für Baltimore in die Profiliga schicken will. Großes Tamtam, doch, wir ahnen es schon, so schnörkellos geht die Sache nicht über die Bühne.

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George P. Pelecanos: Right as Rain

Nach den Ereignissen in Folge des Hurrikans Katrina in New Orleans war in den Zeitungen zu lesen, dass große Teile der weißen amerikanischen Öffentlichkeit angesichts der Armut, die teilweise in ihrem Lande herrscht, überrascht waren. Gegen die Heilige Einfalt ließen sich einige literarische Beispiele anführen. Eines von ihnen ist George P. Pelecanos, der sich in den letzten Jahren als so etwas wie der „Stadtschreiber“ Washington D.C.s etabliert hat. Washington ist nicht nur die Hauptstadt der USA, sondern auch eine der Städte mit der größten Verbrechensrate im Lande.

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Paula L. Woods: Inner City Blues

Der Blickwinkel in den Büchern von Paula L. Woods ist der Gegenentwurf zur Polizistenwelt des LA-Quartetts von James Ellroy: Schwarz und weiblich. Die Stadt der Engel (Los Angeles) steckt voller Rassenkonflikte und die berühmte Polizei der Stadt repräsentiert teilweise noch die Herrschaftsverhältnisse von gestern mit billiger Anmache und rassistischen Sprüchen – Beschwerde kaum möglich, denn kein Kollege würde anschließend mehr mit der Frau zusammenarbeiten.

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Charles Benoit: Relative danger

Im US-amerikanischen Krimi kann man über die letzten Jahre eine Verschiebung, weg von verwurbelten Rätseln hin zum erzählenden Roman beobachten. Charles Benoits Erstling „Relative Danger“ ist ein gutes Beispiel für die neue Stilistik. Er ist ein Krimi gewordener Reiseroman, geschrieben für eine Nation, bei der man das Gefühl hat, dass für sie die Juden der Gegenwart die Moslems sind.

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Nora Kelly: Old wounds

(Diese Rezension hätte auch in unserer aktuellen Sommerkrimi-Rubrik ihren berechtigten Platz. Cozy, meint der Rezensent – und nickt zustimmend.)

Krimis beschwören gerne die Geister der Vergangenheit und betonen die Verwurzelung von Verbrechen in der Vorzeit. Auch hierin offenbaren sie, in unserer zunehmend beschleunigenden Zeit, ihren im Kern eher konservativen Geist. So lebt dann auch Nora Kellys „Old Wounds“ von dem Wechselspiel zwischen den Erinnerungen Gillian Adams‘ an ihre Jugendzeit und der Gegenwart, die diesen Erinnerungen nur noch teilweise entspricht.

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T. Jefferson Parker: Silent Joe

„Mouth shut, Eyes open“, unter dieser Maxime wurde Joe von seinem Vater ausgebildet. Abends ist Joe als Leibwächter, Bote und Fahrer seines Vaters unterwegs, tagsüber arbeitet er als Polizist, zuletzt als Aufseher im Staatsgefängnis. Im Alter von fünf Jahren wurde er von seinen jetzigen Eltern adoptiert und wuchs in einem sehr wohlhabenden Elternhaus mit engen Kontakt zu den sogenannten Eliten auf.

Zu Anfang des Buches begleitet Joe seinen Vater, einen hohen Aufsichtsbeamten des Orange County, auf einer seiner dubiosen nächtlichen Touren. Geheimnisvolle Unterhaltungen finden statt, kurze Worte werden ins Telefon gesprochen, viel, sehr viel Geld wechselt den Besitzer und ein etwa zwölfjähriges Mädchen wird im Auto mitgenommen – am Ende ist der Vater tot, erschossen. Joe fühlt sich schuldig und versucht zu rekonstruieren, was er jener Nacht nicht verstand, was sein Vater beabsichtigte und welches Geheimnis dieser vor ihm, seinem Sohn verbarg.

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Laura Lippman: Butchers Hill

Je mehr Kriminalromane ich lese, desto wichtiger werden mir die Einzelheiten. Das Nebenpersonal. Die fleißigen Handlanger der Story, einzig geschaffen, den Erzählfluss am Laufen zu halten, Stichwortgeber für den Helden, die Heldin und den ersten Kreis der sie umgebenden Geschöpfe, die Auftraggeber, Verdächtigen, Opfer.

Sie nicht als bloße Objekte zu erschaffen, ist eine humane Geste des Verfassers / der Verfasserin, die besagt: Seht her: Ich nehme meine Arbeit ernst. Ich bin nicht darauf fixiert, eine mehr oder weniger spannende Story in all ihren essentiellen Punkten abzuhaken. Ich erzähle euch eine Geschichte, zeige euch eine Welt, und wie in jeder vernünftigen Welt hat auch hier alles was atmet seine Biografie. Und sei es nur ein kleiner Ausschnitt daraus. So gesehen, ist Laura Lippman mit „Butchers Hill“ ein sehr humaner Roman gelungen.

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S.J. Rozan: Winter and night

(Neu: Rezensionen fremdsprachiger Krimis auf der Grundlage der Originale. Nebeneffekt: Man freut sich auf Bücher, deren deutsche Übersetzung noch aussteht oder fragt sich, warum dieser Krimi bis heute nicht ins Deutsche übertragen wurde. So wie S.J. Rozans „Winter and night“ aus dem Jahr 2003. Der Rezensent wundert sich…)

„Du bist nichts, Dein Team ist alles“ so steht es in den Umkleideräumen des Hamlin Training Centers, welches Heranwachsende aus Warrenstown zu guten American Football Spielern ausbilden will. Eine eigenartige Faszination übt dieser Sport ja aus. Die einzelnen Spielzüge können ausgefuchste taktische Meisterleistungen und Zeichen einer ausgefeilten Choreographie sein, … aber … trotz Schutzausrüstungen: Er geht auf die Knochen. Er ist rau. Um die Unterordnung des Einzelnen unter die Mannschaft, auch darum geht es im Buch „Winter and Night“ von S.J.Rozan.

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Adema: Planets

Nach fast nicht enden wollendem Touren und eigentlich zufriedenstellenden Verkaufszahlen, stand das kalifornische Quartett Adema dann doch mit leeren Händen da. Denn ihre vorherige Plattenfirma setzte sie blindlings vor die Tür. Zum Glück fand sich in Earache zügig ein neuer Geschäftspartner. Doch just zu dem Zeitpunkt trennte man sich von Sänger Marky Chavez, übrigens ein Halbruder von Korn-Shouter Jonathan Davis.

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T. Jefferson Parker: Die kalte Gier

T. Jefferson Parker: Die kalte Gier

Dieser Krimi enthält alles, was du aus amerikanischen Krimiserien kennst. Nämlich:

  1. Der Ermittler (irisch) und das Opfer (portugiesisch) entstammen zwei seit Jahrzehnten verfeindeten Familien.
  2. Die Familienverhältnisse sind hier wie dort katastrophal.
  3. Der Ermittler ist geschieden und hat einen „wunderbaren kleinen Jungen“
  4. Der Ermittler verliebt sich in die Hauptverdächtige.
  5. Die Hauptverdächtige hat eine dunkle Vergangenheit.
  6. Der Ermittler trifft seine alte Flamme wieder, die aus der Opferfamilie stammt.
  7. Es wird was über die mexikanische Grenze geschmuggelt.
  8. Etliche korrupte Bullen.
  9. Ein deftiger Schusswechsel.
  10. Ein paar moralinsaure Sätze.
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Peter J. Kraus: Geier

Kraus, Peter :JGeier

In der zweiten Hälfte der Neunziger hat Peter J. Kraus drei Musikbücher veröffentlicht, von denen zwei auch bei Hinternet enthusiastisch aufgenommen wurden (Rock-Highway, Route 66). Dann wurde es still um ihn. Warum? Er hat einen Krimi geschrieben!

Und der ist, man kann es nicht anders sagen, so gut wie die Musikbücher. Oder, um es doch anders zu sagen: Wer Peters Art des kenntnisreichen, witzigen und immer lockeren Plauderns mag, der bekommt mit „Geier“ ein neues Quantum dieses Stoffes, angereichert um jede Menge Sex & Crime.

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Josh Ritter: Golden Age Of Radio

Chronologisch in der falschen Reihenfolge, im Musikerlebnis die richtige. Josh Ritters aktuelles Werk „Hello Starling“ ist ein gutes Singer/Songwriter-Album, verblasst aber gegen sein Debüt „Golden Age Of Radio“. Insofern wundert es nicht, dass einige Kritiker über das zweite Werk nicht mehr ganz so erfreut waren. Da bei mir dieser Ernüchterungsschock ausfiel, mag ich beide Alben, aber „Golden Age Of Radio“ ist eindeutig das besonderere Werk. Knorzig, direkt und mit zwölf wunderbaren Songs, die an Dichte und songwriterischer Qualität nichts zu wünschen übrig lassen. Hört euch am besten beide Alben an und quält euch selbst mit der Entscheidung welches das „schlechtere“ ist.

Josh Ritter
Golden Age Of Radio
Setanta/Rough Trade
VÖ: 16.2.2004
Link: www.joshritter.com