Einige Abschweifungen nach Lektüre eines Wörtche-Artikels

Als ich mich vor nun auch schon geraumer Zeit der Kriminalliteratur zuwandte, hatte ich meine desillusionierendem Jahre auf literarischen Märkten schon hinter mir. Ein „experimenteller Roman“ war geschrieben worden, der selbst im nur unter dem Mikroskop relevanten Segment für solcherlei Wortarbeit fürchterlich floppte. Eine Zeitschrift zum Werk Arno Schmidts war herausgegeben worden, die gute Resonanz fand, also maximal 60 Abonnenten.

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Daniel Dubbe: Tropenfieber

Dieser Krimi hat Tempo. Detektiv Richard Karter wird beauftragt, seinen verschwundenen Kollegen Markmann zu finden, der wiederum auf Madagaskar hinter dem gleichfalls verschollenen russischen Dichter Limonov her war. Also ab ins Flugzeug – und schon finden wir uns an Karters Seite auf der großen mysteriösen Insel im Indischen Ozean wieder, hineingeworfen in Schwüle, Exotik und Hoffnungslosigkeit.

Alle Frauen sind scheinbar Prostituierte. Nun gut, ein Madegasse, der sich eine Woche ausschließlich im Rotlichtviertel einer deutschen Großstadt aufhält, wird wohl das hiesige weibliche Geschlecht ähnlich schildern. Die Männer, so sie schwarz sind, vertreiben sich ihre Zeit als Provinzdespoten und ihre Helfershelfer oder Chauffeure, so sie weiß sind, lassen sie sich, enttäuscht von der Welt, auf der Suche nach einer besseren, treiben.

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Perspektive

Denken und stapeln

Man weiß es, aber man vergisst leicht: Literatur ist mehrdeutig, vielschichtig, mißverständlich, irritierend. Drück 100 Leuten je ein Exemplar von Kafkas „Schloss“ in die Hand, und sie werden dir nach der Lektüre 100 Interpretationen liefern. Nu ja, Kafka! Aber ein Krimi? Eine schlichte Geradeaus-Story?

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George P. Pelecanos: The sweet forever

Es klingt wie eine Zukunftsvision unserer Gesellschaft, die mit dem Familienkonzept des 19.Jahrhunderts den Alleinerziehenden des 21.Jahrhunderts begegnet: Jugendliche Drogendealer, denen die Schule das Lesen nicht beigebracht hat, 11jährige, die, allein auf sich gestellt, auf den Strassen ´rumgammeln und Strassen, auf denen Bandenmitglieder zahlreicher sind als Polizisten. Washington DC im Jahre 1986 in George P. Pelecanos Buch „The sweet forever“. Fast wie im wirklichen Leben, zerfällt dort langsam die Ordnung: Der Bürgermeister ist kriminell, die Stadt pleite, und die Polizei kommt gegen die wachsende Kriminalität nicht an.

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Summer Camp -6-

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Neben der Erzählperspektive sind es natürlich die „sprechenden Personen“, die den Stil eines Romans bestimmen. Man wird einen sechzehnjährigen Schüler des begonnenen 21. Jahrhunderts kaum „Mich dünkt, ich habe mich in Sie verliebt, Mademoiselle!“ ausjauchzen lassen, und ein wohlbestallter Professor wird nicht mit „Hassema ne Fluppe, Mann?“ den Smalltalk auf einer Party beginnen.

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Lesetipp: Carl von Holtei

Wer sich zu den Wurzeln des „deutschen Krimis“ begeben möchte, der lese bitte nicht Schiller, Kleist oder ETA Hoffmann. Sondern, zum Beispiel, ihn hier: Carl von Holtei.

Wenn ich es recht überblicke, hat von Holtei einen Roman und eine Novelle verfasst, die man ohne weiteres „Krimi“ nennen kann: →„Schwarzwaldau“ von 1856 und →„Ein Mord in Riga“,wohl etwas später entstanden, und, die Verlinkungen zeigen es schon, beide aktuell im Buchhandel nicht lieferbar.

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Laura Lippman: Butchers Hill

Je mehr Kriminalromane ich lese, desto wichtiger werden mir die Einzelheiten. Das Nebenpersonal. Die fleißigen Handlanger der Story, einzig geschaffen, den Erzählfluss am Laufen zu halten, Stichwortgeber für den Helden, die Heldin und den ersten Kreis der sie umgebenden Geschöpfe, die Auftraggeber, Verdächtigen, Opfer.

Sie nicht als bloße Objekte zu erschaffen, ist eine humane Geste des Verfassers / der Verfasserin, die besagt: Seht her: Ich nehme meine Arbeit ernst. Ich bin nicht darauf fixiert, eine mehr oder weniger spannende Story in all ihren essentiellen Punkten abzuhaken. Ich erzähle euch eine Geschichte, zeige euch eine Welt, und wie in jeder vernünftigen Welt hat auch hier alles was atmet seine Biografie. Und sei es nur ein kleiner Ausschnitt daraus. So gesehen, ist Laura Lippman mit „Butchers Hill“ ein sehr humaner Roman gelungen.

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S.J. Rozan: Winter and night

(Neu: Rezensionen fremdsprachiger Krimis auf der Grundlage der Originale. Nebeneffekt: Man freut sich auf Bücher, deren deutsche Übersetzung noch aussteht oder fragt sich, warum dieser Krimi bis heute nicht ins Deutsche übertragen wurde. So wie S.J. Rozans „Winter and night“ aus dem Jahr 2003. Der Rezensent wundert sich…)

„Du bist nichts, Dein Team ist alles“ so steht es in den Umkleideräumen des Hamlin Training Centers, welches Heranwachsende aus Warrenstown zu guten American Football Spielern ausbilden will. Eine eigenartige Faszination übt dieser Sport ja aus. Die einzelnen Spielzüge können ausgefuchste taktische Meisterleistungen und Zeichen einer ausgefeilten Choreographie sein, … aber … trotz Schutzausrüstungen: Er geht auf die Knochen. Er ist rau. Um die Unterordnung des Einzelnen unter die Mannschaft, auch darum geht es im Buch „Winter and Night“ von S.J.Rozan.

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Kein Krimi

… aber in den letzten Wochen mehrmals an dieser Stelle erwähnt: Hallgrimur Helgasons famoser Roman „Vom zweifelhaften Vergnügen, tot zu sein“. Dazu gibt es jetzt für Interessierte →hier eine Rezension. Lieblingszitat: „Die Schriftsteller sollten schreiben, was ein Seemann in Seenot gern lesen würde.“ Genau so.

Menke ist schuld! Danke, Alfred!

Den Hinweis in den →„Alligatorpapieren“ gestern habe ich einfach nur so hingenommen. Blödes Schickimickiliteraturgebabbel. Als dann Ludger Menke sich in seinem →„Nachtbuch“ darüber echauffierte, hab ich mir das Gebabbel angetan und konnte Ludgers Urteil nur traurig abnicken. Als dann wiederum die →„Alligatorpapiere“ auf Ludgers Blogeintrag hinwiesen, habe ich mir die Seite →„README“ mal etwas genauer angeguckt. Ojoiojoi!

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de Quincey revisited

Eigentlich lese ich ungern, wenn ich mit dem Zug fahre. Nur wenn der abzuarbeitende Stapel gar zu hoch ist, greife ich auch während der gewohnt unzuverlässigen und servicemäßig lausigen Fahrt mit der Bahn zum Buch. Zu Thomas de Quinceys „Der Mord als eine schöne Kunst betrachtet“ etwa.

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