Kampf der Giganten

Wer jetzt jenes eine →„Menschenfreunde“-Exemplar kauft, das Amazon gerade noch „am Lager“ hat, bringt das Werk nicht nur vom aktuellen Rang 155.672 um mindestens 120.000 Plätze nach vorne. Nein, er oder sie trifft auch eine krimipolitische Entscheidung. Auf Platz 133.961 rangiert nämlich das noch gar nicht erschienene Bändchen →„Das Mörderische neben dem Leben“ von Thomas Wörtche. Er hat also EIN EXEMPLAR mehr verkauft als dpr. Nur, wer will so etwas eigentlich lesen? Ist doch nur Sekundärliteratur! Also jetzt keinesfalls den Fehler machen und auf den Wörtche-Link klicken! Sondern auf den dpr-Link! Und bestellen! Damit der Wörtche nur noch meine Rücklichter sieht!

Jetzt auch in Stuttgart

Die mediale Aufmerksamkeit für die „Menschenfreunde“ wird mir langsam unheimlich. Heute bespricht Thomas Klingenmaier das Buch für die „Stuttgarter Zeitung“: „Rudolph biegt jedes X, das zum U gemacht wurde, wieder zurück, er entlarvt die soziale Mimikry der Beutegreifer, er veräppelt Sprachregelungen, lässt Denkschablonen hohl aneinander scheppern und klinkt sich beständig in jene Gefühls- und Gedankenströme seiner Figuren ein, die selbige voreinander tunlichst abschirmen möchten, mit Phrasen, Attitüden und Fertiggrimassen.“ Schön gesagt. Leider nicht online, aber mit Dank an den →Patzerschorsch, der diese Qualitätszeitung abonniert hat.

Nachtrag: Den Artikel kann man DOCH online lesen. →Hier nämlich. Wegen der irritierenden Informationspolitik vom Patzerschorsch ist es leider zu Missverständnissen gekommen.

Und zur Abwechslung: Produktwerbung

„Was bleibt, stiften die Krimiautoren“. Über dieses weise Dichterwort wollte ich an dieser Stelle reflektieren, über zeitgenössische Krimierzählkunst als sinnstiftende Instanz in unserer unüberschaubaren Welt. Doch da stand plötzlich ER vor mir: Detlef Pinglig-Rühhoff, Chef der Hinternet-Marketingabteilung, ein Papier schwenkend, ausrufend: „So kriegst du deinen Krimi auf die Bestsellerlisten!“ – Und vorbei wars mit der hehren Kunst. Ich lehne solche profanen Kampagnen zur Profitmaximierung zwar ab, doch was soll man tun? Lesen Sie also im folgenden, was unser PR-Spezialist Ihnen zu sagen hat…
Liebe Krimikonsumentin, lieber Krimikonsument!

Heute ist Freitag. Das Wochenende naht. Die Zeit mithin, in der Sie mit den MitgliederInnen Ihrer Wohn-, Lebens- oder Bedarfsgemeinschaft um den Küchentisch herumsitzen und wichtige Investitionsentscheidungen treffen. Sollen wir uns nun den neuen Kühlschrank kaufen oder nicht? Was spricht dafür, was dagegen? Hat er auch ein großzügiges Gemüsefach?

Mit Dieter Paul Rudolphs fulminantem Kriminalroman „Menschenfreunde“ verhält es sich genauso. Ein Buch wie ein Kühlschrank. Schlägt man es auf, geht das Licht an. Das helle Licht der Erkenntnis, das wärmende Licht angenehmer Unterhaltung, das brennende Licht gleißender Gesellschaftskritik. Dieses Buch wird in manchen Haushalten die Bibel ersetzen – oder wenigstens die „999 legalen Steuertricks“, die seit Jahren dafür sorgen, dass der Küchentisch, an dem Sie just sitzen, nicht wackelt wie ein Kuhschwanz.

Um Ihnen die Entscheidungsfindung ein wenig zu erleichtern, hier Kurzauszüge aus den von anerkannten Fachgremien zu „Menschenfreunde“ erstellten wissenschaftlichen Gutachten:

„Insgesamt erzählt das Buch nicht nur eine interessante Geschichte, etwas was ein guter Krimi schon bieten muss, sondern erzählt diese auch noch auf sehr gelungene Art und Weise.“ (Jens Fleischhauer, roterdorn.de)

„Kein Pech, sondern echtes Glück ist es, Dieter Paul Rudolphs Erstling „Menschenfreunde“ (Shayol, Berlin 2008, 214 Seiten, 12,90 Euro) zu lesen. Jedenfalls wenn man Freude an raffiniertem Plotting, stilsicher platzierter Schnodderigkeit und beißender Gesellschaftskritik hat.“ (Ulrich Kroeger, Nordsee-Zeitung)

„Menschenfreunde ist fein – oder sagen wir ruhig: raffiniert – erzählt. Es profitiert vom galligen Humor seines Autors, der sich auf der Klaviatur von Scherz, Satire, Ironie und bitterem Sarkasmus gut auskennt.“ (Dietmar Jacobsen, Text & Web)

„Rudolph hat eine elegante, schmiegsame, prägnante und pointierte Sprache, mit der er sicher und gewandt eine tolle und leider auch banale Geschichte erzählt. Es ist eine frische, freche, oft ungewohnte Sprache (so gibt es einmal einen schönen Arno-Schmidt’schen Zeilensprung ohne Punkte), eine Stimme, die in der allzu langatmig erklärenden, umständlichen und humorlosen Krimiszene Deutschlands lange vermisst wurde.“ (Georg Patzer, literaturkritik.de)

„Dieter Paul Rudolph findet mit seinem Buch Anschluss an die zeitgenössische Erzählweise.“ (Bernd Kochanowski, Internationale Krimis)

„Diesen Krimi kaufen.“ (Silvia Staude, Frankfurter Rundschau)

„Wohltuend heutig“ (Winzerkrimiliteratin Anobella, überall im Netz)

„Das hat gar Gerhart Hauptmann’sche Qualitäten“ (Thomas Wörtche, Plärrer)
(Anmerkung: Gerhart Hauptmann, 1862-1949, deutscher Dichter des Naturalismus, Literaturnobelpreis 1912. Sein „Biberpelz“ wurde mit Inge Meysel in der Hauptrolle verfilmt! „Menschenfreunde“ wird mit Angelina Jolie in der Hauptrolle ebenfalls verfilmt!)

Wir könnten noch seitenlang so weiter machen, aber es dürfte genügen, um spätestens am Montag die Buchhandlung Ihres Vertrauens um die Lieferung von „Menschenfreunde“ zu bitten. Oder bestellen Sie gleich beim →Verlag. Oder bei einem der zahlreichen Online-Händler, →dem da etwa. Sie werden nicht enttäuscht sein! „Menschenfreunde“ funktioniert zuverlässig wie ein guter Kühlschrank – und wird selbstverständlich mit großzügigem Gemüsefach und Frischeierablage ausgeliefert.

Weiterlesen

Reginald Hill: Ins Leben zurückgerufen

Es gibt ja Autoren (und Autorinnen), die können selbst dann, wenn sie schlecht drauf sind, keine wirklich schlechten Bücher schreiben. Reginald Hill ist so einer. Als er sich mit „Ins Leben zurückgerufen“ beschäftigte, war er offensichtlich nicht gut drauf. Das ist schon eine Weile her, denn das Buch ist bereits 1992 im Original erschienen. Und es ist nicht schlecht. Es ist nur um einiges schwächer als der Hill-Standard.

Weiterlesen

Und jetzt rezensiert auch noch der Altpapst

Will sagen: Ich liege hiermit auf dem →„Leichenberg“. Sehr komfortabel gebettet von unserem Altvorderen, wenn man vom „Whodunit-Gedöns“ absieht, aber okay, mit Krimi hats halt nicht jeder. Immerhin hat mich noch niemand mit Gerhart Hauptmann verglichen. Ist mir eine Ehre. Vom Naturalismus versteht der Wörtche nämlich was, das muss man ihm lassen. – Äh, könnte zur Abwechslung mal wer eine negative Rezi schreiben? Ludger?

Noch ne Rezi

„roterdorn.de“ bespricht die „Menschenfreunde“. Natürlich positiv. Herzlich gelacht habe ich aber über die Sternchen-Wertung in der rechten Kolumne. „Erotik“: 1 Stern von 5. Das wird Ludger „Sexy“ Menke gar nicht freuen. „Gefühl“: 2 Sterne. Das wiederum freut Fräulein Anobella nicht, die immer mit einer griffbereiten Packung Papiertaschentücher liest.

Ihr gebt ja doch keine Ruhe

Also. Gestern trafen sich die HerausgeberInnen des Krimijahrbuchs 2009 in einer größeren westdeutschen Stadt, um über das neue Projekt zu sprechen. Auch die HerausgeberInnen werden zum Teil neue sein. Anstelle von Ulrich Noller wird nun seine Zwillingsschwester Ulrike (links) mitarbeiten. Christina Bacher hat auch keine Lust mehr und schickt ihren Schwippschwager Chris Bacher (rechts) in den Ring. Dpr (Fotograf) fungiert fortan als elder crime fiction yearbook man und weist die Praktikantinnen ein. Näheres später.

kjb_2009.jpg

Jenny Siler: Portugiesische Eröffnung

Da ist alles drin: Intrige und Verrat, politische Schweinereien und zwischenmenschliche Tragödien, Pulverdampf und Agentenjargon. Ein Polit-Spionage-Krimi halt und damit genau das, was mich normalerweise nicht hinterm Ofen hervorlockt. Auch reichlich vorhersehbar in seinem Ablauf. Dennoch: Jenny Silers „Portugiesische Eröffnung“ ist ein brillanter Zug. Und das hat sehr einfache Gründe.

Weiterlesen

Ach so, ja.

Morgen bin ich nicht da. Also morgen Ruhetag. Übermorgen vielleicht Jenny Siler, wenn ich das heute noch hinbekomme, oder gar nichts oder später am Tag was. Mittwoch: wtd – die Zeitschrift, Nr. 3. Donnerstag, Freitag: So weit kann nicht mal ich in die Zukunft schauen. So. Und jetzt schreib ich noch ein bissel an meinem Regionalkrimi to end all Regionalkrimis und bereite mich für morgen vor. Wichtiger Termin für die Krimikultur!

Hey Krimifan!

It’s Saturday Morning Fever! Im Titel-Magazin spricht die Stimme der Kritik. Betroffensheitsspezialistin Leni Bauer bespricht →Kathy Lette, Außenseiterspezialistin Beate Mainka hat →Sadie Jones gelesen, Dürrenmattspezialist Sebastian Karnatz bespricht, ähem, →Dürrenmatt zum Hören und Allroundspezialist Dieter Paul Rudolph hat sich →Iain Levison angetan. Zum krönenden Abschluss singt und spielt uns Gitarrenspezialist →Jimi Hendrix ein hübsches gereimtes Lied. Nur Spezialistenspezialist Wörtche schweigt.

Titelärger

„Was der nach einem Schachspiel klingende Titel mit der Geschichte der von der CIA verfolgten und von ihren Erinnerungen gemarterten Fälscherin Nicole Blake zu tun haben soll, bleibt ebenso im Dunkeln wie das schwarz-bläuliche Cover des Buches, das – Hauptschauplatz Lissabon! – natürlich eine in die Unterstadt fahrende Straßenbahn bei Nacht zeigt. Im Original heißt der Thriller „An Accidental American” – „Ein zufälliger Amerikaner” –, eine feine Anspielung auf das persönliche Drama der Protagonistin.“

Weiterlesen

Pieke raucht schwarz

pieke.gif

Rauchen schadet Ihrer Gesundheit. Und der des Staates, dem durch sogenannte „Schmuggelzigaretten“ Millionen an Steuereinnahmen entgehen. Also: Hören Sie auf zu rauchen, damit der Staat vollständig pleite wird. Oder rauchen Sie wie die Schlote – aber nur die legalen Glimmstengel, auf dass Sie selbst pleite werden. Wie der Handel mit Schmuggelkippen funktioniert, das weiß keine besser als Pieke Biermann, und sie erzählt es uns in „Steuern per Tabaksonde“, der neuesten Kriminalreportage, die man am Freitag, 29. August 2008 im RBB-Inforadio 93,1 um 10:27 und 13:27 Uhr hören und am Sonnabend, 30. August 2008 in DER TAGESSPIEGEL lesen kann. Oder beides, wenn man den Ort findet, an dem aus dem Mauszeiger ein Mausfingerchen wird. Und viele, viele Kriminalreportagen von P. B. kann man lesen, wenn man über den →„Asphalt unter Berlin“ flaniert.

Weiterlesen

Zum Thema

Autorinnen und Autoren, selbst die von Kriminalromanen, haben zumeist ein Anliegen. Nennen wir es neutraler: ein gesellschaftliches Thema. Die einen schreiben über die Dekadenz der Schickimickiszene (Max Bronski, „Schampanninger“, noch nicht gelesen, ich höre auf den Klappentext), die anderen in einer gewaltigen, allumfassenden Geste über die USA und darüber hinaus (Jerome Charyn, neu: „Citizen Sidel“, ebenfalls noch nicht gelesen, aber ich freue mich drauf). Dann gibt es die Spezialisten, die ihre Erfahrungen aus der Kirchen- und Bürowelt, der Gartenbau- oder IT-Branche mitteilen, die eher aus Psychologie Gestrickten und die Frauenbewegten, die Antikindsmissbrauch Anprangernden, die… ein Thema also hat jeder. Und?

Weiterlesen

Der Blogger fragt. Wer antwortet?

Wenn einem Kritiker, dem ein Buch gefallen hat, nichts Gescheites einfällt, dann lobt er „das Atmosphärische“, gar „die atmosphärische Dichte“. Aber was ist das? Die landläufige Definition, ein atmosphärischer Text sei einer, in dem ich mich als Leser wohlfühle, an dem ich ganz nahe dran, ja, in dem ich mitten drin bin, ist ein wenig – nun ja: beliebig. Wenn man sich mit dem Thema beschäftigt – und genau das tue ich zur Zeit -, wird die Frage nach der Natur dieses Atmosphärischen zur zentralen. – Aber wie sehen die Leserinnen und Leser dieses Blogs das alles? Was macht für sie die Atmosphäre eines Textes der Kriminalliteratur aus? Und was nicht? Oder halten sie den Begriff für eine reine Worthülse? Um Antworten wird gebeten.

Übersetzerelend

Eine neue Diskussion zu einem alten Thema erschüttert die →„Krimi-Couch“: Hat der (Neu-)Übersetzer von Rex Millers „Fettsack“ geschludert? Schlimmer noch: Hat er eigenmächtig in den Text eingegriffen und die Erzählperspektive manipuliert? Und obendrauf noch die Mutmaßung, die angeblich gekürzte Erstübersetzung von 1992 sei gar nicht gekürzt worden.

Weiterlesen

Viel Geld

cb_neu.jpg

Die neue Woche beginnt mit einem alten Krimi. Joseph Treumanns „86000 Dollars“ gehört nicht zu den bevorzugt in Wanne-Eickel oder Garmisch-Partenkirchen verfassten original amerikanischen Thrillern. Nein, der Journalist Treumann lebte seit 1883 bis zu seinem Tod 1904 in New York. „86000 Dollars“ entstand ca. 1890 und ist in Deutschland erschienen und ab heute auch in der →„Criminalbibliothek des 19. und frühen 20. Jahrhunderts“ in zwei Teilen zu lesen.