Die Krimiwelt steckt voller Fragen, nicht nur den banalen nach Täter, Opfer und Schuld, nein, auch die allerletzten werden gestellt – und hier zuverlässig beantwortet. Nächste Woche haben wir ein besonders sinnlastiges Programm, warten sensationelle Antworten auf das geneigte Publikum.
WeiterlesenKategorie: Watching the detectives
Michael Connelly: Vergessene Stimmen
Es gibt diese Krimis: Sie sind nicht „subjektiv“ erzählt, sondern präsentieren ihre Geschichte distanziert; so distanziert, dass man die Stimme des Autors zwischen denen seiner Personen und manchmal auch über ihnen zu hören glaubt. Halbdokumentarisch könnte man das nennen, analog zur klassischen „Dragnet“-Serie und ihrem deutschen Pendant „Stahlnetz“. Die Taktik ist durchsichtig. Authentizität soll suggeriert werden, beinahe aktenmäßiges Ausbreiten der Geschehnisse, Wahrhaftigkeit eben oder doch wenigstens ihr banaler Ableger, „die Wahrheit“. Michael Connellys „Vergessene Stimmen“ ist so ein Versuch, und er gelingt.
WeiterlesenSebastian Fitzek: Die Therapie
(Unser Rezensenten-Auszubildender Jochen König steckt noch voller Enthusiasmus. Er bevorzugt das kritische method acting, das Sich-Hineinversetzen in einen Text, bis er ihn vollständig durchdrungen und verinnerlicht hat. Beispiel: Sebastian Fitzeks Psychothriller „Die Therapie“. Wir konnten den jungen wilden König nicht davon abbringen, sich bezwecks Milieustudie für zwei Wochen in eine psychiatrische Klinik zu begeben. Heute, drei Monate später, ist er immer noch drin, es könne noch etwas dauern, schreibt er uns und schickt seine Rezension, die wir an dieser Stelle abdrucken. Wir hoffen, Herrn König zur Weihnachtsfeier 2007 wieder wohlauf in unserer Mitte begrüßen zu können.)
„Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält“, spottete Karl Kraus schon 1913. „Die Therapie“ liest sich wie ein Beleg dieses Zitates.
Akte in Aspiek
„Wenn die Biermann“, drohte neulich ein Freund, „nicht bald mit einem neuen Krimi rüber kommt, lege ich sie zu den Akten!“ Ich erschrak. Nein, nein, besänftigte ich den Erzürnten, Pieke Biermann schreibe ja bereits an einem Thriller über die Berliner Krimikritikerszene. „Mysteriöse Morde, grassierende Schreib- und Leseschwäche und eine Selbsthilfegruppe Anonyme Donna-Leon-Leser. Das wird was.“ – Ich gestehe:
WeiterlesenDon Winslow: The power of the dog
Mexikanische Drogenbosse, die Lieferungen ihrer Waren nach America im großen Maßstab organisieren, ein Mitarbeiter der amerikanischen Drogenpolizei von der Obsession getrieben, eben jenen Drogenbosse das Handwerk zu legen, eine kalifornische Edelnutte, welche die Liebe ihres Lebens verliert, New Yorker Mafia Mitglieder und die Geheimen Dienste Amerikas mit ihren (un)heimlichen Missionen in Mittelamerika.
WeiterlesenFernando Molica: Krieg in Mirandão
Wer oder was bestimmt eigentlich darüber, wie Kriminalliteratur auszusehen, zu funktionieren hat? Genre-Theoretiker? Kritiker? Über ästhetische und poetologische Fragen räsonnierende AutorInnen? Das lesende Publikum? Ja, sicher, die machen das. Die schwadronieren, experimentieren oder transportieren einfach die ewigen Gesetze von Spannung und Dramaturgie durch die Zeitläufte. Aber eine Instanz, die gewichtigste, haben wir vergessen: die Verhältnisse.
WeiterlesenGutes und Schlechtes
Es hält sich ja meistens die Waage: Das Zeug, das einen motiviert und das Zeug, das einen demotiviert. So bleibt man irgendwie im Zustand des Mal-so-mal-so ausbalanciert, die Kollerader, wie sie manchmal bedrohlich anschwillt, schwillt gleich wieder ab. Also was ist gerade gut, was gerade schlecht? Eine kleine Zusammenfassung.
WeiterlesenJacques Berndorf: Eifel-Kreuz
Die Eifelkrimis des Michael Preute alias Jacques Berndorf befinden sich längst jenseits der Kritik. Ein Verriss wird ihm kaum Leser abspenstig machen, ein enthusiastisches Lob kaum neue zuführen. Berndorfs Romane sind – nein, nicht Kult (inzwischen ist ja fast alles Kult), sie sind Rituale, Gottesdienste, deren Ordnung sich seit dem ersten Auftauchen des Pfeifenfetischisten Siggi Baumeister keine Spur verändert hat. Man kann das nur konstatieren; aber kritisieren?
WeiterlesenWiedergelesen: Patricia Highsmiths Ripley´s Game
Ich habe lange gebraucht, bis ich Patricia Highsmith lesen konnte. Erst schaute ich ein Jahrzehnt lang auf ihre Bücher runter, weil ich sie zu kalt und zu blass fand. Dann schaute ich ein weiteres Jahrzehnt auf ihre Ripleybücher runter, weil ich sie zu kalt und zu blass fand. Jetzt also – noch mal Kommando zurück – gefallen mir auch die Ripleybücher. Ich habe keine Ahnung, was ich gegen sie hatte. Sie sind typisch Highsmith und haben die gleiche Grundthese: Das Böse ist in uns, nicht außer uns. Das macht sie spannend. Ihre Helden sind immer Schwächlinge, mehr oder minder sympathisch. Keiner bei Highsmith hat sich im Griff, keiner produziert coole Sprüche; und alle sind irgendwie gefühlsarm.
WeiterlesenWillkommen im 20. Jahrhundert!
Wie bereits angekündigt, wird die →„Criminalbibliothek des 19. Jahrhunderts“ ab sofort um →„das frühe 20. Jahrhundert“ erweitert. Warum das Sinn macht, zeigt schon der erste Vertreter dieses Zeitraums, Paul Rosenhayn (1877-1929). „Elf Abenteuer des Joe Jenkins“ (1915), die man als PDF lesen und downloaden kann, sind Detektivgeschichten, denen man das britische Urmuster ansieht.
WeiterlesenRichard Laymon: Die Insel
Eine Gruppe Schiffbrüchiger strandet auf einer einsamen Insel, wird im weiteren Verlauf dezimiert, während die Überlebenden herauszufinden versuchen, was Ihnen widerfährt und wie sie den Kampf gegen einen unbekannten Gegner aufnehmen und gewinnen können. Klingt klassisch? Hört sich nach Abenteuer, Thrill und Südsee(alp)träumen an? Könnte sein – ist es aber nicht.
WeiterlesenAlan Furst: The Polish Officer
OK, geplant war es nicht, und das aktuelle Buch des Autors ist es auch nicht, aber solange wir auf die Taschenbuchausgabe von Alan Fursts „The Foreign Correspondent“ warten, erlauben wir uns einen Hinweis auf sein 1995 erschienenes „The Polish Officer“. Auch wenn Furst einer der wenigen Autoren ist, dessen neueren (seit 2000 erschienenen) Bücher recht zeitnah übersetzt vorliegen, steht zu erwarten, dass dieses Buch nur dann noch in deutscher Übersetzung erscheint, wenn die Verkaufszahlen der aktuelleren Bücher hoch genug sind (was immer das bedeuten mag).
WeiterlesenWenn Männer leiden
(Auch wir haben jetzt endlich unseren Serienhelden. Kommissar Wickius: erfahren, helle, vor allem aber: belesen. Er kennt die Verbrechens- und Kriminalliteratur der letzten ca. 2500 Jahre in- und auswendig, er löst jeden Fall, indem er das literarische Muster dafür sucht. Und Sie? Wissen auch Sie, welche klassischen Fälle den hier in loser Folge geschilderten Mordtaten zu Grunde liegen? Dann nichts wie ran an die Kommentarfunktion!)
WeiterlesenGigantour
Wer sich wundert, warum ausgerechnet Megadeth mit drei Songs auf dem Doppel-CD-Sampler „Gigantour“ vertreten sind, bekommt die Erklärung im Booklet geliefert: Megadeth-Vorsteher Dave Mustaine ist der Organisator der Metal-Tour und hat sich gewohnt demokratisch einen Song mehr gegönnt.
WeiterlesenDeutsche Krimis 2006 – erste Annäherung
Wenn die Blätter zu fallen beginnen, wollen die Blätter des neuen Krimijahrbuchs vollgeschrieben werden. Das ist unser Schicksal, und ein besonders heimtückisches hat mich auch dieses Jahr dazu erkoren, den deutschen Krimi des Jahres 2006 zu bilanzieren. Nun, das Jahr ist noch nicht vorbei; gut so. Denn, ehrlich, ein erstes Fazit fiele einigermaßen ernüchternd aus. Ganz so erfreulich wie im letzten Jahr ist es diesmal nicht. Aber auch keine Katastrophe.
WeiterlesenSting: Songs From The Labyrinth
Bis Mitte der 1990er Jahre sah es so aus, als wolle sich Sting gegen sein Schicksal wehren, in einem Atemzug mit Phil Collins genannt zu werden. Dass er diesen Kampf verloren hat ist hinreichend bekannt und das Beste, was von ihm in den vergangenen Jahren erschienen ist, war seine Autobiografie.
WeiterlesenNobelpreis für Orhan Pamuk
Aber die Diskussion, ob mit Pamuk ein Kriminalautor den Nobelpreis bekommen hat, die führen wir hier nicht. Das machen jetzt die Edelfedern der Edelzeitungen. Schön aber, dass nicht auch hier ein US-Amerikaner zugeschlagen hat. Die sollen Naturwissenschaften machen. Und ob George Bush nicht vielleicht doch den Friedensnobelpreis bekommt? Also: „Schnee“ lesen.
Yasmina Khadra: Die Algier-Romane
Manchmal ist ein Mord nur der Lockvogel, um Leser von Kriminalromanen in die Abgründe der stillen und großen Verbrechen zu stürzen. Nehmen wir die Energiemafia. Dass in diesem Winter möglicherweise viele Wohnungen unbeheizt bleiben werden, hat etwas mit Börsenspekulation und Monopolmissbrauch zu tun. Oder die munter weiter praktizierte Arbeitslosenhatz. Das schreiende Unrecht hüllt sich in Gesetzeskonformität und bleibt doch schreiendes Unrecht. Zwei Themen – ein Problem: Wie es dem Krimileser schmackhaft machen? Durch Morde vielleicht? Ein Börsenspekulant treibt bäuchlings im Main, ein „Sozialpolitiker“ hängt am First seines Ferienhäuschens. Damit kriegt man Krimileser. In Algerien hat man so etwas nicht nötig.
WeiterlesenHeimgezahlt
Eine neue Erwerbung in der →„Criminalbibliothek des 19. Jahrhunderts“: Adolf Bäuerles „Zahlheim“ von 1856, vielleicht der erste auch so genannte „Criminal-Roman“ (bis uns ein früheres Werk bekannt wird). Bäuerle war Österreicher, Wiener – aber nix da mit Schmäh und Gemütlichkeit. Der Demokrat Bäuerle teilte das Schicksal seines deutschen Kollegen Temme und musste ins Zürcher Exil, wo er wenige Monate später starb. Ham’s ihm heimgezahlt, die Wiener Oberen.
WeiterlesenFrank Göhre: Der letzte Freier

Schnellzüge befördern schnell und zügig von A nach B: Vorteil. Sie verwischen die Landschaft vor den Augen: möglicher Nachteil. Sich zwei Stunden in ein spannendes Buch vertiefen: Konsequenz. Verbirgt sich hinter Ziel B die flirrende Mainmetropole, zollt man der legendären Lebedame Nitribitt Tribut und widmet sich dem Themen Dirnenmord. Frank Göhre, „Der letzte Freier“.
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