Sie kommen mit einem Blumenstrauß, einer Teegeschenkpackung (Grüntee Sencha Pina Colada oder die „FDP-3-Königs-Mischung“ mit Myrrhe und Stinkmorchel) oder als Auffüllung zu mager geratener Präsentkörbe. Plötzlich sind sie da, wo man sie nicht will und wo sie niemals hin wollten: kitschige Tonmännchen
Tag 3
„Unter dem Firmen- und Markennamen Letraset wurden, besonders vor der heutigen Verbreitung von Computern, Anreibebuchstaben verkauft. Diese stellten bis in die 1980er Jahre eine bei professionellen Grafikdesignern, Ingenieurbüros oder Layoutern bis hin zur Kindergarten-Bastelstube populäre Möglichkeit dar, ordentlich aussehende Schriften auf Flächen aufzubringen.“
So steht´s in der deutschen Wikipedia unter dem Stichwort ↑“Letraset„.
Meine Kindergarten-Bastelgruppe der anfänglichen 80er Jahre hieß “wartungsfrei” und war ein Kassettenlabel.
Photoshop war noch nicht erfunden und Computer hiessen für uns C64 und waren zum Daddeln von „Jumpman“ oder „Attack of the mutant camels“ da. Schicke Schriften oder andere grafische Elemente musste man von den gar nicht mal so günstigen Folien der Firma Letraset runterrubbeln.
Tag 2
Fast zwei Jahrzehnte leistete mir meine Brille treue Dienste. Was alles hätte ich ohne sie nicht gesehen: das Holstentor, den Golden Pudel Club, das Weimarer Stadtschloss, Griechenland (vor der Krise) und die Steueroase Luxemburg, Notre Dame und Pariser Schuhläden, den Mont St. Michel und das Teetassenkarussel in Eurodisney, das schwarze Quadrat von Malewitsch und Fettflecken von Beuys, den Schriftzug „Feldzug 1870/71“, den Bademantel des Dude, den Kimono von Bill Murray und die Sauerei, die mein Sohn bei seiner Geburt verursachte.
Matthias Wittekindt: Schneeschwestern
Reden wir über Kitsch. Was ist das? Kitsch ist die Nachahmung des Originellen, das Errichten potemkinscher Fassaden vielzimmriger Worthäuser, aber eben nur die Fassaden, ein Täuschungsmanöver für flüchtige Augen. Im Kitsch offenbart sich falsches, weil oberflächliches Lesen. Alles etwa, was heutzutage „romantisch“ daherkommt, hat Romantik nie wirklich verstanden, ahmt den Ton nach, trifft ihn aber nicht. Kitsch will mehr sein, Kitsch will Kunst sein, unbedingt, Kitsch strebt nach dem Höheren und löst sich doch nie von seinem traurigen Ausgangspunkt: dem Unvermögen zur originellen schöpferischen Leistung.
Kitsch zu erkennen, ist nicht immer leicht, denn entgegen der landläufigen Meinung steckt er nicht nur in „Lore“-Romanen und schwülstigen TV-Arztserien. Er verbirgt sich in Worthülsen, ist Modeschmuck, Talmi, er schwingt sich zu Gedanken auf, die einen in Ehrfurcht erstarren lassen, große Gedanken über die Menschen und die Welt und die Moral und überhaupt. Das beeindruckt, wenn man es beim ersten Blick und der wie mit Kanonen verschossenen Botschaft belässt. Und die Claqueure tun, was Claqueure nun mal tun: sie applaudieren. Bis irgendwann die Klatschhändchen erlahmen, weil die Zeit (nein, nicht die Wochenzeitung, die nicht) einen bösen Verdacht mit sich gebracht hat: Das ist alles Kitsch. Das ist das gute daran: Irgendwann entlarvt sich Kitsch von selbst, mal früher, mal später.
Wir hegen also die begründete Hoffnung, dass es auch einmal MatthiasWittekindts „Schneeschwestern“ erwischen wird. Der Inhalt des Buches kann lapidar in wenigen Sätzen zusammengefasst werden: Ein Mädchen wird ermordet. Und hätte die Polizei von Anfang an ihre Arbeit vernünftig getan, wäre der Fall nach 80 Seiten gelöst gewesen. Hätte sie zum Beispiel nach der Tatwaffe gesucht anstatt Polizistinnen „den Mond anschreien“, sie durch den Schnee stolpern und viele tiefgründelnde Flachheiten vom Stapel hauen zu lassen. Aber auch die potentiellen Täter sind nicht besser. Was sind sie eigentlich? Weiß man nicht so genau. Irgendwie Getriebene, die sich nicht im Griff haben oder ständig beim Pfarrer Dinge beichten wollen, die sie nicht getan haben. Und die Opfer? Jugendliche halt. Als potentiell dreidimensionale Wesen in der Handlung abgeladen und dort von der Sprachwalze des Autors kundig platitüdiert. Das Ganze spielt übrigens in Lothringen, unweit der deutschen Grenze, auch in Saarbrücken wird mal ermittelt.
Aber am schlimmsten sind die Polizisten. Der eine hat ein Problem mit seiner Freundin, der andere damit, keine zu haben. Eine Polizistin (die den Mond angeschrieen hat) findet zwar einen Freund, aber es ist irgendwie nicht der richtige. Ginge ja alles in Ordnung, würden die Leutchen nur ihren Job richtig machen und sich nicht ständig daran erinnern, dass sie sich gerade an etwas nicht erinnern, das aber natürlich höchst wichtig ist…
Nein, Korrektur: Am schlimmsten sind doch nicht die Polizisten, am schlimmsten ist die Sprache, denn die ist Kitsch pur. Wir erinnern uns: Kitsch ist die Nachahmung des Originellen etc. Also eine Sentenz wie diese etwa:
„Die Straße. Weiß. Sein BMW. Schwarz. Noch immer eine kleine Freude, der Anblick. Roland Colbert steigt ein, startet den Motor, schaltet das Licht ein. Blau. Die Tachobeleuchtung ist blau. Roland Colbert achtet nicht darauf. Es geht jetzt um Wichtigeres.“
Um Missverständnisse zu vermeiden: Nicht die Sprache an sich ist hier kitschig und der Rezensent ist auch nicht der letzte Ritter dudenkonformer vollständiger Sätze. Sprache ist überhaupt selten kitschig, viel mehr sind es die Absichten dahinter. Und die Absicht hinter diesen Sätzen lautet: Literatur. Weder dienen hier die Ein-/Zweiwortsätze dazu, einen bestimmten physischen (Eile) oder psychologischen ( sich vergewissern) Zustand zu unterstreichen. Noch wird hier ein Erzählduktus konsequent durchgehalten. Nein, es ist viel simpler: Jemand setzt sich in sein Auto und fährt weg. Es einfach hinschreiben? ZU einfach. Denn Wittekindt möchte Literatur herstellen, leider hat er vergessen, dass die nicht nur darin besteht, ein paar halbtiefe Gedanken (gerne auch mit Schopenhauer-Erwähnung) in einer Untiefe aus sprachlicher Pseudoartistik zu baden, um sie schön manieriert zum Trocknen aufzuhängen. Stimmt ja. „Die Straße. Weiß. Sein BMW. Schwarz“: Das klingt nicht nach Schulaufsatzdeutsch, das klingt nach „mehr“.
Dieses „Mehr“ treibt gelegentlich in aberwitzige Sphären, so wie der Wind den Schnee auf einer Wehe. „Es schneit keine dicken Flocken, sondern mitteldicke. Und sie fallen natürlich auch nicht von oben, sie bewegen sich schräg.“ Aha. Was schräg runterfällt, fällt nicht von oben? Good to know.
Nun denn. Kitsch ist, wenn die Sprache ein eitles Eigenleben führt, eine Königin ohne Land, ohne Bezug zum Inhalt. Was bleibt übrig? Ein reichlich überflüssiger und wirrer Krimi, der 350 Seiten benötigt, um nichts zu erzählen.
dpr
Matthias Wittekindt: Schneeschwestern.
Nautilus 2011. 349 Seiten. 18 €
Tag 1
Los geht unsere neue Reihe eher unspektakulär mit – alten Zeitungen. Damit ist nicht das regionale Käseblatt vom Vortag gemeint, sondern für interessant befundene Stellen aus den unterschiedlichsten “Qualitäts”-Tageszeitungen. Bevorzugt Süddeutsche (Feuilleton!), aber auch FAZ und Zeit. “Könnte man mal brauchen” oder “klingt interessant, sollte ich mal lesen” sind so die üblichen Argumente, die für erhöhte Altpapierberge im Haushalt sorgen.
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Downsize me
Au weia. Ich habe das Sammler-Gen. Und als Folge dessen viel zu viele Dinge in meinem Haushalt. Und damit ich nicht in 10 Jahren Held einer RTL4-Messi-Doku werde, habe ich mich entschlossen, meinen Besitzstand zu entschlacken.
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2011: Die Videos
Einige meiner Videos des Jahres 2011. Eigentlich sollten es nur 10 werden, aber ich konnte mich von einigen einfach nicht trennen. Also 15 (+1) Perlen. Enjoy.
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2011: Die Alben
Die Lieblingsalben der Hinternet-Redaktion:
- James Blake: James Blake
Kinderfest XI
Es ist vollbracht! Silvesterringe und Früchtebowle stehen auf dem Tisch! Das war knapp. Und nie war mehr Selbstüberwindung in diesem Experiment, denn ich musste: frittieren. Ausgerechnet ich. Trägerin einer schlimmen Frittier-Allergie mit Fettgeruchtrauma. Aber es half ja alles nix. Weiterlesen
Kinderfest XII
Jaja, wir hatten Karte 11 noch nicht. Aber die ist sowas von Silvester – deshalb erst Karte 12. Mandelberge und Piepenkerle. Meine Piepenkerle sehen aus, als hätte ich sie mit Paprika bestäubt. Und weil ich ja auch lieber pikante Schnittchen mache als Süßbapp, gerate ich da auch leicht in Verdacht. Aber: es sind Milchspritzer. Denn die Piepenkerle sind mit Milch bestrichen. Und der Teig ist unter anderem aus Quark und Öl. Ich gehöre ab heute zu den Leuten, die lässig und mit Kennermiene sagen: „Das ist ein Quark-Öl-Teig“. Der ist flott gemacht, und die Piepenkerle sind zartsüß und saftig. Herrlich.
Anders die Mandelberge! Die sind fettig und viel zu süß. Igitt. Und beinah hätte ich den Herd damit geschrägt und meine Flossen verbrannt. Denn natürlich hab ich keinen Stieltopf ins Wasserbad gehalten, sondern der Stieltopf WAR mein Wasserbad. Und die unbestielte Metallschüssel, in der ich leichtsinnigerweise das Zeug geschmolzen hab, war verdammt heiß am Rand. Außerdem hat das Wasser leicht gespritzt, und das hat mir das Ceranfeld sehr übel genommen. Sowas wäre Köchinnen in den 70ern nicht passiert. ´“Ceranfeld, hä?“ würden sie verständnislos fragen.
Geschmolzen habe ich übrigens Blockschokolade und Kokosfett. Das war toll, im Supermarkt Kokosfett zu kaufen. Ich kam mir sehr retro vor. Kokosfett gibts in Würfeln, aber es riecht komischerweise bei weitem nicht so sehr nach Kokos wie ↑Kaufmanns Haut- und Kindercreme. Dann noch gestiftete Mandeln rein, und alles in kleinen Häufchen erkalten lassen. Vielleicht hätte ich zartbittere Blockschokolade nehmen sollen. Egal. In meinem 70er-Knabberschälchen sieht es jedenfalls toll aus. Das Knabberschälchen kann Dunkelbraun tragen.
Auf der Dr. Oetker-Karte steht das Männchen inmitten stimmungsvoll colorierter Laternen. Klar, Piepenkerle gibt´s nach dem Martinsumzug, so kenn ich das auch noch. Während meine Männchen breit und bräsig daniederliegen, steht das Dr. Oetker-Männchen, wie ich finde, sehr lässig. Nein, ich hab die Pfeife nicht aus politischer Korrektheit weggelassen, sondern weil ich schlicht keine hatte. Wahrscheinlich ist der Dr. Oetker-Piepenkerl nach dem Shooting noch in Werner Höfers Frühschoppen eingeladen gewesen und hat da gepafft, was das Zeug hält. Also – das Styling auf dieser Karte ist ungewohnt dezent. Aber was soll ich sagen? Das Dr. Oetker Deko-Team ist auch in dieser Disziplin ganz weit vorn!
Kinderfest X
Schnell die Trinkhalme holen: Frl. Katja hat Bratäpfel gemacht. Ich hab auch keine Ahnung, warum meine so anders aussehen als die auf dem Foto. Aber lecker waren sie! Bei Dr. Oetker heißen sie „Pausbäckchen“. Und man soll die Äpfel an der Öffnung sternförmig einschneiden. Möglicherweise hab ich die Öffnung einfach etwas zu groß angesetzt. Ach, was soll´s. Wir haben alles weggemampft, und ich hatte allerschönste Erlebnisse beim Äpfelkauf. Weiterlesen
Weihnachtsquiz – Sieger und Gewinner
Das Quiz ist vorbei, und es war eines mit schweren – und vor allem: schwer googlebaren – Fragen. Das führte dazu, dass bereits wenige richtig gelöste Fragen ausreichten, um es in die diesjährige Ratebestenliste zu schaffen. Um so erstaunlicher, dass es die Siegerin auf unfassbare 23 von 24 möglichen Punkten brachte und bereits eine Woche vor Schluß als Siegerin feststand.
Lösung 23
Alles Handarbeit. Hinternet jr. baut hier ein Schiff. Und dem entsprechend war unser gesuchtes Lied „Shipbuilding„, die Komposition von Clive Langer zu der Elvis Costello den Anti-Falklandkrieg-Text schrieb und das Robert Wyatt als erster auf Tonträger bannte (gefolgt von Elvis Costello, Suede, Hue and Cry, Tasmin Archer, Graham Coxon, June Tabor u.a.).
Lösung 22
Gustav Klimts Birkenwald (so langsam wird das hier noch zum Bildungsbürgerquiz) weist die Richtung: „Ich brauch‘ Tapetenwechsel, sprach die Birke“. Und das (Birken-)Möbel weist auf das Ende dieses Hildegard Knef-Songs: „Des Försters Beil traf sie im Morgenschimmer, gleich an der Schranke, als der D Zug kam, und als Kommode dachte sie noch immer, wie schön es doch im Birkenhaine war“.
Frage 24
Die letzte Frage im diesjährigen Weihnachtsquiz (es wird politisch):
Lösungen bitte bis spätestens 25. Dezember 2011, 23:59 Uhr an: supersongtitelweihnachtsquiz@hinternet.de.
Fünf Wünsche für 2012
Fast geschafft. Allen Leserinnen und Lesern die obligatorischen guten Wünsche zu Fest und Jahreswechsel – ja, und was wünschen wir uns krimimäßig für 2012? In aller Bescheidenheit:
- Weniger Schablonen (Eintreffwahrscheinlichkeit: 2%)
- Mehr Risiko (3%)
- Weniger kritische Konfektion (4%)
- Mehr Toleranz (0%)
- und ganz allgemein eine geringere Arschlochdichte (keine Prognose)
In diesem Sinne: Bis 2012! (wo es auch →den wieder geben wird…)
Das Muminhaus – jetzt in Farbe!
Wow. Blau mit roten Fenstergittern. Unser →Muminhaus ist eine Augenweide. Das Dach ist schwarz angepinselt – und die Mumins zwangsläufig irgendwie auch…
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Adventskalender Tütchen 23
Hier findet man die herrlichsten Dinge aus Pappe, ganze überirdisch schöne Kunstwerke sogar: hutchstudio.blogspot.com/. Ich fühlte mich inspiriert, auch wenn es nur zu simpelsten Zusammensteckbäumen reicht. Diiiieeee mal wieder jemand anmalen oder bekleben muss. Oder was auch immer.









