Listensäue

Es war eine dieser Nächte, in denen der Gewissenswurm durch die Gedärme kriecht, das eigene Tun als ein Nichtstun vor einem steht und den Kopf schütteln würde, hätte es denn einen, eine in zermürbender Wachheit verbrachte Nacht, in der man erst einschlafen kann, wenn der Hahn kräht, doch es ist kein erquickender Schlaf, es ist ein Schlummer der Resigination, der Traum albt wie die Kuh kalbt, sagten die Altvorderen – und siehe, sie hatten recht.

Weiterlesen

Man wird irgendwie ruhiger

… oder toter? Ja, kann sein. Jedenfalls täuscht sich gewaltig, wer von mir eine ausführlich-kritische Reaktion auf →diesen Artikel erwartet. So siehts aus, wenn sich „die Kultur“ des Krimis annimmt und von Krimikultur weit und breit nichts zu sehen ist. Tante ZEIT eben, behäbig wie meist, die Skelette sitzen im Lesezimmer und kämpfen mit dem Papier. Ach, lasst sie doch. Man lacht nicht mehr drüber, man regt sich nicht mehr auf. Man nimmt einfach nur noch zur Kenntnis. Man liegt also im Trend.

Leser als Kritiker

Jetzt hat es Thomas Willmann erwischt. Sein hoch gelobtes Buch „Das finstere Tal“ ist Gegenstand einer →„Leserunde“ auf der Krimicouch, der Autor beteiligt sich, einer schönen Tradition folgend, an der Diskussion. Ein Buch wird abschnittweise gelesen, die Initiatoren und Teilnehmer der Runde sind keine berufsmäßigen Rezensenten, sondern mehr oder weniger zufällig zusammengekommene Interessenten mit unterschiedlichen Vorstellungen von dem, was „Krimi“ sein sollte. Man geht respektvoll miteinander um, macht aus seinem Herzen aber keine Mördergrube. Den einen gefällts, den anderen weniger, manche schauen auf die Details, manche eher auf das Große-Ganze, die üblichen Fragen werden verhandelt – wer war’s warum? – und auch dieses oder jene eher abseitige Feld bestellt. Kurzum: Das ist spannend und nicht nur für den Autor, die Autorin aufschlussreich.

Weiterlesen

Gestern in der Post

temme_pendragon.jpg

Hatte ich schon beinahe vergessen, aber gestern lag es in der Post: ein Bändchen mit Geschichten von Jodokus D.H. Temme, „Wer war der Mörder?“ betitelt. Neben der Titelgeschichte werden die Kriminalerzählungen „In einer Brautnacht“ und „Der tolle Graf“ präsentiert sowie die westfälische Sage „Der letzte Burggraf von Stromberg“. Biografisches und Bibliografisches, ein Aufsatz des Bloggers zum Noirpotential Temmes runden das bei Pendragon erschienene Buch ab. Kostet 12.95, hat 284 Seiten und hilft vielleicht mit, einen der Ahnen des deutschen Krimis dem interessierten Publikum näher bekannt zu machen. Dann hätte es seinen Zweck erfüllt. Besprechen darf ich das Teil ja wieder mal nicht…

Ein Verlegerbrief

leroux.jpg

Sehr geehrter dpr! Mit größter Freude und Genugtuung begrüßen wir Ihre in der gestrigen Ausgabe des Online-Krimimagazins WTD bekannt gemachte Entscheidung, den in unserem Hause veröffentlichten Krimi „Joint Adventure“ von Peter J. Kraus nicht zu rezensieren. Wie Sie vielleicht wissen, haben Ihre Leseempfehlungen, die Produkte unseres Verlags betreffend, in der Vergangenheit stets zu dramatischen Absatzeinbrüchen geführt. Manch hoffnungsvoll begonnene Laufbahn als Kriminalschriftsteller fand so ein abruptes Ende, es kam zu Massenentlassungen in unserem Hause etc., mithin zu Heulen und Zähneklappern, bitterer Not und Depression allenthalben.

Weiterlesen

Der Antikrimi als Musterkrimi

judenbuche.jpg

„19 Variationen über Die Judenbuche von Annette von Droste-Hülshoff“ verspricht uns das Buch „So wie du mir“ aus dem Pendragon Verlag. Und ebenso spontan wie traumatisiert erinnert man sich des Textes, Schrecken des Deutschunterrichts, als Lektüre- und Interpretationszwang den Verdacht nährten, ein Studium der Literaturwissenschaft ähnele gewiss einer Runde Folter im Keller der Inquisition. Andererseits: Jahrzehnte später, abgeklärter und der Folter entronnen, hat „Die Judenbuche“ durchaus ihren Reiz. Das liegt, wie Mitherausgeber Walter Gödden in seinem Nachwort treffend erwähnt, „an der elementaren Offenheit des Textes, der mehr Rätsel aufgibt, als er löst“.

Weiterlesen

Buchmesse 2010

Willkommen zu unserem jährlichen Buchmesse-Krimireport. Wie stets das Wichtigste zuerst: schwarze Strumpfhosen. Sie sind der offensichtliche Modetrend der Saison, schwarze Strumpfhosen, die in ebenso schwarzen Stiefeln – auch apart mit Stulpen – enden, dazu kurze bis mittellange Röcke in, man staune, Schwarz oder allen Varianten von Grau. Nebentrends: Damenhosen haben wieder Schlag, die zahlreich auf der Messe herumlungernden Fernsehregisseure – „Bring ma Stativ!“ – tragen die letzten Reste des ergrauten Haares nicht mehr pferdeschwänzig, sondern haben es zu einer Art Königsberger Klops im Nacken zusammengeknotet.

Weiterlesen

Dominique Manotti: Letzte Schicht

manotti.jpg

Wir leben in herrlichen Zeiten. Wells’sche Maschinen transportieren uns einer Zukunft entgegen, in der man mit dem Vokabular der Vergangenheit hantieren wird, mit Klassen und Klassenkampf, mit Ausbeutung und sozialkritischer Literatur. Es gab eine Zeit, da hielten wir dies für überwunden wie überhaupt alles Dichotomische, alles Schwarzweiße, das Leben wurde, was gute Kriminalliteratur immer schon war, nämlich differenzierter.

Weiterlesen

Paul Freeman: Laster und Tugend

freeman.jpg

Klar, es ist der Schauplatz, der zunächst auf Paul Freemans Krimi „Laster und Tugend“ neugierig macht. Saudi-Arabien. Enger Verbündeter der USA, mit Erdöl gesegnet, dankbarer Abnehmer westlicher Luxusgüter – einerseits. Aber auch die Heimat von Herrn Bin Laden und den meisten der 0911-Attentäter, mit strengen islamischen Gesetzen, die u.a. das Verbot alkoholischer Getränke regeln. Wir wissen eine Menge über Saudi-Arabien oder glauben es zumindest. Wie wird es nach der Lektüre von „Laster und Tugend“ sein?

Weiterlesen