Didrik Solli-Tangen: „My heart is yours“
Ist schon Weihnachten? Kommen gleich Marianne und Michael? Ist das „Little drummer boy“? Kommt jedenfalls so rüber. Ein schmalztriefender, geknödelter Schmachtfetzen mit Autotune-Verdacht. Norwegen will auf keinen Fall wieder gewinnen, soviel ist klar. Was ist mit der vielgepriesenen skandinavischen Frische? Hat Lloyd-Webber hier einen Titel untergebracht? Weiterlesen
Gute Laune-Song mit viel Ethnopop. Es gibt schlimmeres Ballermannfutter, aber der große Wurf ist das hier nicht. Hat schon jemand gezählt, auf wieviel verschiedene Worte es der Text bringt? Nicht viele, scheint es. Nicht, dass epische Lyrics ein Zeichen für Qualität sind, aber das ist schon ein bisserl schlicht, was Frankreich hier bietet. Da sind wir aus den letzten Jahren Besseres gewohnt.
Ein blasses Jüngelchen mit einer pomadigen Popnummer, die sich quälend hinschleppt. Schrecklich, das. Gut möglich, dass Josh Dubovie beim ESC den ein oder anderen Ton sogar trifft. Im Video wirkt er diesbezüglich etwas schwach auf der Brust. Und mit einer Art Groove-Sagrotan ist auch das Kunststück gelungen, diesen Song rhythmisch völlig steril ihnzukriegen. Hier geht nichts in die Beine.
Oha, das war also das vorher so gehypete zweite Semifinale. Aus dem laut Expertenmeinung auch der spätere Sieger hervorgehen wird. Nun. Erstmal müssen wir wieder etwas Abbitte leisten. Miro aus Bulgarien war ein toller Performer, der auch noch total sympathisch rüberkam. Sein Trick: er hat gelächelt. Schmelz! Top Gesang, top Show, trotz des vielen Nebels und der lustigen weißgekleideten Tänzer und trotz des schwachen Songs. Ihm hätten wir das Weiterkommen trotzdem gegönnt. Respekt auch vor dem Folklore-Rock-Crossover aus Slowenien, das sowas von lässig und souverän on stage geben wurde. Hier kam der Witz der Nummer absolut rüber, alles war stimmig und hörte sich klasse an.
Sieht aus und klingt wie die Schwester der portugiesischen Sängerin. Zarte, am Anfang dezent instrumentierte Ballade, die übliche Stimmleistungsschau inklusive. Die Stimme immerhin macht Lust auf mehr. Aber wieviele Balladen dieser Sorte braucht die Eurovision eigentlich?
Von wegen Flamencofeuer, Kastagnetten oder Ähnliches. Nix da, mit einem süßen kleinen zuckrigen Walzer kommt Spanien zum ESC. Zirkusmusik, zugegeben. Und schon wieder so ein Song, der ganz leise angefängt und dann zum dramatischen Finale mit Pauken und Trompeten Anlauf nimmt. Bleibt aber verteufelt lang im Ohr und lässt einen noch lange schwelgend den Kopf hin und herwiegen. Es braucht ein bisschen Mut, um zuzugeben, dass einem dieses Lied richtig gut gefällt, aber heimlich still und leise werden es viele lieben.
Knackige Rockhymne, flott und sehr up to date aufbereitet. Drei Minuten Power, aber mit Melodie. Nicht zuviel Kitsch, keine Überdosen Rockismen. Zwar auch keine Experimente, und der Produzent durfte im Studio noch ordentlich Soundgimmicks einflechten. Trotzdem höchst angenehm zu hören.
Au backe. Da haben wir ja wieder prächtig daneben gelegen. Aber das war abzusehen. Weißrussland weiter und Finnland raus – wie konnte das passieren??? Die Finninnen waren hier nach ihrem grandiosen Semifinalauftritt schon zum Finalfavoriten avanciert, und dann scheiden sie einfach aus? Hmpf. Dickes Lob und heftige Abbitte an Belgien: das war eine super Performance! Kein Vergleich mit dem öden Video. Reift hier der nächste Finalfavorit heran? Bosnien-Herzegowina weiter – oh no! Das war eine schlimme Ansammlung überalterter Rockismus-Gesten, das kann doch nicht wahr sein. Der blonde Serbe weiter – hurra!!!! Sehr sympathischer Auftritt, auch wenn der Gesang manchmal ein paar Mikrotöne danebenzuliegen schien. Daumendrück, daumendrück!!!
In Landessprache gesungen, sehr sympathisch! Klingt sprachlich auch sehr einschmeichelnd. Aber der Rest, oweh… Ziemlich langweilige Ballade mit viel Melancholie. Schreit nach Windmaschinen. Klassische ESC-Kost. Wird sehr von der Performance der drei Damen abhängen.
Geheimtippalarm! Wunderschöne Pophymne, klingt trotz relativ üppigem Line up sympathisch unpathetisch – diesem Song verzeiht man sogar die Chöre im Hintergrund. Straighte bittersüße Melodie, herzzerreißender Refrain – einfach klasse Popmusik, höchstens im Klang ein bisschen milchgesichtig. Hätte auch in „La Boum“ der Hit sein können, zu dem Sophie Marceau und Pierre Cosso engtanzten.
Ödester Europop mit hohem Kitschanteil und pappigem Sound. Klingt ungesund, als müsste man hinterher viel Fett aus den Ohren waschen. Gefiedelt wird auch hier wieder ein bisschen, immerhin in der alten Philly-Disco-Tradition. Aber das rettet nichts.
Irland schickt eine Ex-Siegerin zum ESC, dafür erstmal: Lob. Das traut sich nicht jeder(r) – bloß nicht abgeschlagen und beschädigt aus dem zweiten Versuch hervorgehen. Niamh Kavanagh kann singen, das hat sie im Off – wenn wir richtig informiert sind – schon bei den Commitments getan. Aber ihr Song ist nur solides Handwerk, kein großer Wurf. Große irische Emotionen mit hymnischen Melodiebögen, so weit wie das Hochmoor hoch.
Huch, ist das der zweite Beitrag der Schweiz? Gitti und Erika beim Grand Prix? Nö. Das ist der ziemlich originelle Versuch von Slowenien, Europa zum Hinhören zu zwingen. Volksmusik mit hohem Schunkelfaktor, gekreuzt mit schrammelnden E-Gitarren. Optisch erinnern die Sängerin mit dem beachtlich glockenklaren Organ und der komische Rockmusikzausel ein bisschen an Dänemark. Da soll ja offenbar auch der Kontrast à la die Schöne & das Biest fatzen. Naja. Hier gibts also zwei Bands und zwei Songs in einem. Irgendwie lustig (hoher Novelty-Faktor), aber merkwürdig herzlos, eher holzschnittartig.
Die bizarrste der diesjährigen Europop-Nummern. Extrem gepimpt mit stampfenden Beats und schrillen Piano-Tönen, was wohl irgendwie sexy wirken soll. Ohne das ganze anproduzierte Beiwerk bleibt vom Song nicht viel übrig. Ob das merkwürdige durchsichtige Doppel-E-Piano irgendwie von der Dürftigkeit des Titels ablenken soll? Oder der hautenge Lederdress der Sängerin? Nein. Bestiiiiiiiiiimmt nicht.
Hier kommt das Gegengift zur apokalyptischen Kost aus der Ukraine. Geht-gar-nicht-Kirmesmusik mit durchgedrehter Drehorgel im Hintergrund. Die Holländer können einen Leid tun. Oder ist es am Ende doch der Stoff, den das krisengeschüttelte Europa am dringendsten braucht: ein bisserl Schlager? Hm. Die Sängerin verdient allein 12 Punkte dafür, dieses Machwerk mit aller verfügbaren Würde und nicht etwa im Mickey Maus-Kostüm beim ESC zu performen. Geschrieben hat es Vader Abraham, und man muss nichtmal der Meckerschlumpf sein, um es nicht lieb zu schlumpfen.
Tieftraurige Ballade mit bedrohlichen Untertönen seltsam entrückt wirkender Gitarrenbegleitung. Rafft sich im Laufe des Songs immer mehr zur Hardrock-Powerballade auf. Baut irgendwie aus ganz konventionellen Versatzstücken etwas ziemlich Schräges, Extremes auf. Oder ist es einfach so schlicht, dass es schon wieder seltsam wirkt?
Klebrigsüße Hammerballade, die auch Beyoncé nicht schlecht stünde. Lässt jedenfalls, was die Rhythmusspur angeht, die meiste Konkurrenz alt aussehen. Wechselt in der Stimmung zwischen Kleinmädchenschmelz und Domina-Strenge und nutzt die drei Minuten atemberaubend vorbildlich für eine echtes Drama. Auch noch einen echt klasse Ohrwurmrefrain drin untergebracht: ein Stöffchen, das süchtig macht.
Für Fans der Kelly Familiy gibt´s hier ein ordentliches Mecker-Vibrato! Sängerin vom Typ „Kleiner blonder Pop-Kobold“ mit umgehängter Klampfe stemmt eine leider völlig bombastische Hymne. Weniger wäre mehr gewesen, denn Anna Bergendahl klingt durchaus nach Stärke und Personality. Der Song ist ebenfalls nicht schlecht, fließt angenehm dahin, hat aber auch genug Pep und eine gute Melodie.