KJB 2008 – Stand der Dinge

As usual: Auch 2008 gibt es ein Krimijahrbuch. NOT as usual: ein paar Neuerungen zur Steigerung von Absatz und Qualität.
Bisher: Die 2006 und 2007 erschienenen KJB hatten rund 320 resp. 340 Seiten. Preis: 20 €.
2008: Das Buch wird etwas abgespeckt erscheinen (ca. 220 Seiten) und dafür entsprechend weniger kosten (wieviel? Fragen Sie den Verleger). Wir wollen einfach mal ausprobieren, ob über einen etwas niedrigeren Preis die Absatzzahlen gesteigert werden können.

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Driver, zweiter Gang

Eine ebenso mitleidige wie filmkundige Seele hat mich (mitleidlos, filmunkundig) auf eine gewisse inhaltliche Ähnlichkeit des Sallis-Buchs mit Walter Hills Film „The Driver“ von 1978 hingewiesen. Nun kenne ich den Film, wie gesagt, nicht. Doch was ich darüber lesen konnte, bestätigt die Vermutung meines Tippgebers – und ist dennoch weit davon entfernt, another Tannöd-Case zu werden…

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Oliver Uschmann: Wandelgermanen

Oliver Uschmann lässt Bochums bekanntester Männer-WG keine Zeit zum Verschnaufen. Kaum hatte man sich bei „Voll beschäftigt“ damit abgefunden, dass das Haus abgerissen werden muss, liegt jetzt schon der Nachfolger vor, in dem Hartmut, der namenlose Erzähler und die beiden Frauen aufs Land auswandern. „Wandelgermanen“ ist der dritte Teil der ‚Hartmut und ich‘-Reihe und verlegt den Wahnsinn vom Ruhrpott ins schwäbische Hinterland.

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James Sallis: Driver

Ein Mann macht seinen Job. Etwas geht dabei schief. Der Mann gerät in Schwierigkeiten. Er räumt sie aus dem Weg. Ende der Geschichte. Nun ja, denkt man, einhundertsechzig Seiten, was will uns der Autor da schon großartig erzählen. Heißt der Autor der Geschichte allerdings James Sallis, werden selbst einhundertsechzig Seiten Roman zur komplexen Weltabbildung.

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Nachbar

Eben höre ich, dass mein Nachbar als Terrorverdächtiger festgenommen worden ist, so ein netter junger Mann. Ich erinnere mich noch, wie er den ganzen Sommer hindurch mit seinen Freunden gegenüber beim Tee saß. Immer nur beim Tee. Nun stehen Zeitung und Presse vor der Tür und fragen, ob ich ein Foto von ihm hätte. Ich häng doch nicht am Gartenzaun und fotografier meine Nachbarn, wie sie Tee trinken. Immer nur Tee, stundenlang. Niemals nicht auch nur ein Bier. Obwohl, weiß man’s?

Sabine Thiesler: Der Kindersammler

(In der Berufsschule nimmt Azubi Jochen gerade „die euphorische Rezension“ durch. Und weil er auch in der Praxis ausprobieren soll, wie das ist, wenn man ein Buch mal so richtig lobt, haben wir ihm Sabine Thieslers „Kindersammler“ zur Besprechung zugeteilt. Genau das Richtige für Splatterfan Jochen! Kindermorde, wow! Man kann das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen, he! Das ist so richtig schön blutig und grauslig, bruah! Und was passiert: Jochen ist ir-gend-wie restlos begeistert. So begeistert, dass er am Ende sogar noch Kommas herschenkt. Oder Kommata, wie wir Abiturbesitzer von WTD sagen.)

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Nachtflug

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Kurz hinter Saarbrücken begann es zu dämmern. Offenbar ließ auch die Wirkung der Narkose nach und der Alligator begann rhythmisch an den Kofferraumdeckel zu kopfen. Unwillkürlich pfiff der Fahrer im Takt des Untieres mit. Es würde eine lange Fahrt werden bis St.Tropez.

Wahnsinnig. Lustig.

…Ist das, was →hier auf der „Krimicouch“ passiert (danke, Jochen!). Ein Kritiker bespricht ein Buch, es gefällt ihm nicht. Einige LeserInnen melden sich zu Wort, ihnen gefällt das Buch, aber der Kritiker gefällt ihnen nicht. Ein weiterer Leser greift ein, ihm gefallen die LeserInnen nicht, weil sie gute Bekannte der Autorin zu sein scheinen. Und dann gehts ab. Sehr schön. Sehr erhellend.

Juan Damonte: Ciao Papá

„Sie haben den Franzosen freigelassen, und der sucht dich. Die Bullen sind am Durchdrehen. Sie haben Tato identifiziert, der James Bonds Kriegsflugzeug geklaut hat [Tato ist Carlitos Cousin, hat eine Kaserne überfallen und dort geheimes Militärgerät entwendet. bk]. Die gesamte Schmiere ist auf der Strasse, Carlitos. Es ist schon bescheuert genug, dass wir uns hierhin setzen und Drogen haben. Los, lass uns zu mir gehen, nur wir zwei.“

Argentinien zur Zeit der Militärjunta. Das Land ist in der Hand von Schergen, die alles dürfen und noch mehr machen. Es gibt Möglichkeiten sich zu arrangieren, wen sie aber auf dem Kicker haben, der hat’s schwer. Carlitos Tomassini z.B. Gerade 30 Jahre alt geworden, Kleinkrimineller und frisch aus der Haft, Teil einer verlorenen Generation, dröhnt sich zu mit Koks und Alkohol. Seine Onkel, Mafiabosse allesamt, möchten ein Geschäft mit ihm aufbauen. Vorausgesetzt, er ließe ab von den Drogen … nun ja, versprechen kann er es mal. Aber alles wird hinfällig, als seine Lieblingstante vergewaltigt und zusammengeschlagen wird, ihr Sohn entführt. Carlitos verspricht nach ihm zu suchen.

„ Carlitos, sei kein Dummkopf. Sie knallen alle ab, und wenn wir nicht vorsichtig sind, töten sie auch uns. Wenn sie ihn nicht töten, stecken sie ihn in ein Loch voller Scheiße in Gott weiß welcher Gegend dieses Landes, und dort bleibt er bis zu seinem Tod. Oder bis unser Herr Jesus Christus heruntersteigt auf einer Wolke und Tomaten scheißt, damit die Armen zu essen haben und bis er uns allen ein Land beschert, in dem Frieden und Harmonie herrschen.“

So gnadenlos wie die Realität ist im Buch die Sprache der Dialoge: „Fick deine Schwester, Carlitos.“ „Eine Schwester habe ich nicht, drum öffne du mir deine Beine.“. Wer spricht so? Wo reden (männliche) Freunde so miteinander? Roh, ungewaschen kommt die Sprache daher; sie wirkt authentisch und ist deshalb stimmig.

Willkür und Gewalt können jeden treffen. Hingucken ist tödlich, aber auch weggucken schützt nicht automatisch. Die kurze Geschichte steigert sich von einem fast gemütlichen Anfang in einen Rausch: Wie eine Vorahnung der Hölle ist das, was Carlitos sieht, als er sich mit seinem Freund, dem Dicken aufmacht, eine Leiche zu suchen und dabei durch die Müllberge der Stadt watet. Müllberge, die von den Schergen der Junta genutzt werden, um dort ihre Leichen zum Verbrennen abzuladen: Leichen, denen halbe Köpfe fehlen, deren Gesichter versengt, Penisse verstümmelt und Gliedmassen abgesägt oder abgerissen wurden.

„Ciao Papa“ ist packend, tiefsinnig und kompromisslos. Es ist kein Buch für Leser, die mit Lektüre der Realität fliehen möchten, sondern führt vor, was Krimis, was Bücher leisten können.

Juan Damonte: Ciao Papá. 
Lateinamerika Verlag 2007 (übersetzt von Peter Tremp).
188 Seiten. 14,50 €

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Na schön

Damit das anderswo mal in Gang kommt, hier zwei Hinweise in meiner Eigenschaft als Ersatzalligator: In der →TAZ werden die neuen Romane von Christiane Lehmann und Astrid Paprotta besprochen. Und auch bei den Kollegen von →Kaliber 38 gibts ebbes Neues, u.a. einen langen, langen Aufsatz von →Thomas Wörtche „zur ungeklärten Nachbarschaft von Science Fiction und Kriminalliteratur“.

Ben Harper & The Innocent Criminals: Lifeline

Wirklich unschuldig sieht die kriminelle Begleitband von Ben Harper nicht aus. Schwankt die Optik zwischen Edelpenner und Kleinganove, ist die musikalische Qualität auf der Gegenseite der Medaille zu finden. Nach monatelanger Tour sind Ben Harper And The Innocent Criminals direkt von der Bühne ins Studio gegangen und haben in Harpers Wunschaufnahmeort Paris eines der besten Alben seiner Karriere eingespielt.

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Kapitel XVI

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Was bisher geschah: Wickius hat die künstliche Südseeinsel IDIOT erreicht, auf der die deutschen Krimischaffenden Fortbildungskurse in Plotten, Surfen und Deutsch besuchen. Er wird inhaftiert. Die bezaubernde US-amerikanische Geheimagentin Claudine Schrunz befreit ihn. Doch der böse Alte macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Der zugedröhnte Giorgio zielt mit einer Schrotflinte auf Wickius. Er drückt ab. — Das Kapitel endet mit orgiastischen Kopulationsszenen und ist daher für zartbesaitete Gemüter kaum geeignet.

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Diesmal nicht

Der Alligator hat wieder Urlaub. Ich weiß auch wo. In einem Land mit ausgeprägter Krimikultur, manche nennen das, was von dort kommt, skurril. Momentan steht wieder einer von denen ziemlich hoch in der Bestenliste. Aber darum sollte es hier eigentlich gar nicht gehen. Sondern: Sorry, ich kann diesmal die Alligatorvertretung nicht übernehmen. Hab genug anderes zu tun. Also müssen andere ran. Wer überwindet sich? Ludger, Bernd, Axel, Georg, Anobella, JL? Oder alle zusammen?

Neues für die Wortschatztruhe

Auch Kriminalromane leben vom Wortschatz ihrer Macherinnen und Macher. Nun ja, wird man sagen, die deutsche Sprache ist reichhaltig genug, da findet ein jeder was er braucht. Das ist richtig. Dennoch kann es nie schaden, von Zeit zu Zeit neue krimispezifische Wörter zu kreieren. Wir beginnen mit vier davon, denen gemeinsam ist, dass sie garantiert bei jeder Google-Suche zu 0 Treffern führen. Bis jetzt…

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Pieke und die Kaffeesteuer

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Was zoll’s, sagte sich Pieke Biermann schön apostophphil und ging für ihre neue Krimireportage aufs Zollamt Berlin-Schöneberg. Was sie dort erlebt hat, kann man unter dem Titel „Drei, zwei, eins – keins!“ hören oder lesen oder beides. Und zwar am Sonnabend, 1. September 2007 in DER TAGESSPIEGEL (lesen) und im RBB-Inforadio 93,1 um 11:45 Uhr (hören). Wiederholungen zum Hören: um 19:45 Uhr und in der folgenden Nacht um 0:45 und 05:45 Uhr. Podcast: aufs Bild klicken. Sechs, fünf, vier – viel Pläsir!

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