Sondererwähnung für Martin L. Gore: Nicht nur, dass er bei dem zur Pianoballade umgestrickten „Shake The Disease“ die Leadvocals übernimmt, er schafft es auch, mehr als eine halbe Stunde sein Hühnermützchen aufzubehalten. Ich komme kaum bis zur S-Bahn und da fängt mein Kopf schon zu jucken an, während sich Martin Gore von der Lightshow und der Hitze des Konzerts völlig unbeeindruckt zeigt.
WeiterlesenKrimitheater
Ausnahmsweise mal was von den weltbedeutenden Brettern in der →Criminalbibliothek des 19. Jahrhunderts, Abteilung frühes zwanzigstes: Ferdinand Bonn, Schauspieler, Theaterdirektor, Stückeschreiber hat 1906 den guten alten „Sherlock Holmes“ auf die Bühne gebracht. Ein putziges Stück ohne Dr. Watson, dafür mit einem Klavierlehrer als staunendem Helfer. Übrigens ein Reclam-Heftchen. Das Böse agiert, Holmes agiert zurück – und weiß, wie im Original, alles besser.
Die Fragen der nächsten Woche
Die Krimiwelt steckt voller Fragen, nicht nur den banalen nach Täter, Opfer und Schuld, nein, auch die allerletzten werden gestellt – und hier zuverlässig beantwortet. Nächste Woche haben wir ein besonders sinnlastiges Programm, warten sensationelle Antworten auf das geneigte Publikum.
WeiterlesenMichael Connelly: Vergessene Stimmen
Es gibt diese Krimis: Sie sind nicht „subjektiv“ erzählt, sondern präsentieren ihre Geschichte distanziert; so distanziert, dass man die Stimme des Autors zwischen denen seiner Personen und manchmal auch über ihnen zu hören glaubt. Halbdokumentarisch könnte man das nennen, analog zur klassischen „Dragnet“-Serie und ihrem deutschen Pendant „Stahlnetz“. Die Taktik ist durchsichtig. Authentizität soll suggeriert werden, beinahe aktenmäßiges Ausbreiten der Geschehnisse, Wahrhaftigkeit eben oder doch wenigstens ihr banaler Ableger, „die Wahrheit“. Michael Connellys „Vergessene Stimmen“ ist so ein Versuch, und er gelingt.
WeiterlesenOliver Uschmann: Voll beschäftigt
Man erfährt es nur nebenbei, aber Hartmut und das namenlose ‚Ich‘ haben früher zusammen geduscht. Was der erste Teil verschweigt, enthüllt jetzt der zweite. Wie bei der etwas anderen Männer-WG zu erwarten, wurde das gemeinsame Duscherlebnis im Wesentlichen von Dosenbier und dem Geräusch der Wassertropfen auf demselbigen geprägt.
WeiterlesenSebastian Fitzek: Die Therapie
(Unser Rezensenten-Auszubildender Jochen König steckt noch voller Enthusiasmus. Er bevorzugt das kritische method acting, das Sich-Hineinversetzen in einen Text, bis er ihn vollständig durchdrungen und verinnerlicht hat. Beispiel: Sebastian Fitzeks Psychothriller „Die Therapie“. Wir konnten den jungen wilden König nicht davon abbringen, sich bezwecks Milieustudie für zwei Wochen in eine psychiatrische Klinik zu begeben. Heute, drei Monate später, ist er immer noch drin, es könne noch etwas dauern, schreibt er uns und schickt seine Rezension, die wir an dieser Stelle abdrucken. Wir hoffen, Herrn König zur Weihnachtsfeier 2007 wieder wohlauf in unserer Mitte begrüßen zu können.)
„Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält“, spottete Karl Kraus schon 1913. „Die Therapie“ liest sich wie ein Beleg dieses Zitates.
Solomon Burke: Nashville
Wahrscheinlich ist Soul-König Solomon Burke eines Morgens aufgewacht, hat sich wohlig gestreckt, mit den Fingerknöcheln geknackt und entschieden: „Ich mach jetzt mal ein Country-Album“.
WeiterlesenAkte in Aspiek
„Wenn die Biermann“, drohte neulich ein Freund, „nicht bald mit einem neuen Krimi rüber kommt, lege ich sie zu den Akten!“ Ich erschrak. Nein, nein, besänftigte ich den Erzürnten, Pieke Biermann schreibe ja bereits an einem Thriller über die Berliner Krimikritikerszene. „Mysteriöse Morde, grassierende Schreib- und Leseschwäche und eine Selbsthilfegruppe Anonyme Donna-Leon-Leser. Das wird was.“ – Ich gestehe:
WeiterlesenDon Winslow: The power of the dog
Mexikanische Drogenbosse, die Lieferungen ihrer Waren nach America im großen Maßstab organisieren, ein Mitarbeiter der amerikanischen Drogenpolizei von der Obsession getrieben, eben jenen Drogenbosse das Handwerk zu legen, eine kalifornische Edelnutte, welche die Liebe ihres Lebens verliert, New Yorker Mafia Mitglieder und die Geheimen Dienste Amerikas mit ihren (un)heimlichen Missionen in Mittelamerika.
WeiterlesenBen Folds: Supersunnyspeedgraphic, The LP
Ben Folds Junkies dürfen sich jetzt ausgiebig ärgern, dass sie in den vergangenen Jahren seine EPs aus dem Netz gezogen haben. „Supersunnyspeedgraphic, The LP“ fasst einen Teil der Songs der drei (fast) gleichnamigen Only-Internet-EPs zusammen und ergänzt sie mit launigen Coverversionen wie „Bitches Ain’t Shit“ von Dr. Dre (wir verzichten an dieser Stelle auf Pieptöne oder züchtige Platzhalter).
WeiterlesenGus Black: Autumn Days – Official Bootleg
Ist das schön! Gus Black hat fünf Songs seines vergangenen Albums „Autumn Days“ (2005) mit fünf Coverversionen gemischt und präsentiert einen gänzlich reduzierten Ausflug in seine musikalische Welt.
Lag auf der Studioversion von „Autumn Days“ meterdick die Watte drauf, konzentrieren sich die zehn Tracks von „Autumn Days Official Bootleg“ im wesentlichen auf Gitarre, Klavier und Streicher.
Sophie Auster: Sophie Auster
Singende Models oder Schauspielerinnen sind bei Kritikern ungefähr so beliebt, wie Partyluder oder Kinder berühmter Eltern. Manchmal (aber nur manchmal) würde man gerne einige kritische Anmerkungen platzieren, die über objektive Kritik ein bisschen hinausgehen. Hat bei Julie Delpy nicht geklappt, bei Carla Bruni sowieso nicht und bei Sophie Auster wird das auch nicht funktionieren.
WeiterlesenFernando Molica: Krieg in Mirandão
Wer oder was bestimmt eigentlich darüber, wie Kriminalliteratur auszusehen, zu funktionieren hat? Genre-Theoretiker? Kritiker? Über ästhetische und poetologische Fragen räsonnierende AutorInnen? Das lesende Publikum? Ja, sicher, die machen das. Die schwadronieren, experimentieren oder transportieren einfach die ewigen Gesetze von Spannung und Dramaturgie durch die Zeitläufte. Aber eine Instanz, die gewichtigste, haben wir vergessen: die Verhältnisse.
WeiterlesenSandy West
Die ehemalige Schlagzeugerin der Runaways („Cherry Bomb“) stirbt 47jährig im kalifornischen San Dimas an Lungenkrebs.
Gutes und Schlechtes
Es hält sich ja meistens die Waage: Das Zeug, das einen motiviert und das Zeug, das einen demotiviert. So bleibt man irgendwie im Zustand des Mal-so-mal-so ausbalanciert, die Kollerader, wie sie manchmal bedrohlich anschwillt, schwillt gleich wieder ab. Also was ist gerade gut, was gerade schlecht? Eine kleine Zusammenfassung.
WeiterlesenWolf Haas ein Krimiparodist?
…. schön die Rezension in der Zeit von >>>Hubert Winkels über Wolf Haas postbrennersches Opus Das Wetter vor 15 Jahren.
Anobella
*hat carte blanche auf dem Hinternet
**darf auch über Wolf Haas berichten
***widerspricht der These von der Krimiparodie (da Haas zu realistisch)
Jacques Berndorf: Eifel-Kreuz
Die Eifelkrimis des Michael Preute alias Jacques Berndorf befinden sich längst jenseits der Kritik. Ein Verriss wird ihm kaum Leser abspenstig machen, ein enthusiastisches Lob kaum neue zuführen. Berndorfs Romane sind – nein, nicht Kult (inzwischen ist ja fast alles Kult), sie sind Rituale, Gottesdienste, deren Ordnung sich seit dem ersten Auftauchen des Pfeifenfetischisten Siggi Baumeister keine Spur verändert hat. Man kann das nur konstatieren; aber kritisieren?
WeiterlesenWiedergelesen: Patricia Highsmiths Ripley´s Game
Ich habe lange gebraucht, bis ich Patricia Highsmith lesen konnte. Erst schaute ich ein Jahrzehnt lang auf ihre Bücher runter, weil ich sie zu kalt und zu blass fand. Dann schaute ich ein weiteres Jahrzehnt auf ihre Ripleybücher runter, weil ich sie zu kalt und zu blass fand. Jetzt also – noch mal Kommando zurück – gefallen mir auch die Ripleybücher. Ich habe keine Ahnung, was ich gegen sie hatte. Sie sind typisch Highsmith und haben die gleiche Grundthese: Das Böse ist in uns, nicht außer uns. Das macht sie spannend. Ihre Helden sind immer Schwächlinge, mehr oder minder sympathisch. Keiner bei Highsmith hat sich im Griff, keiner produziert coole Sprüche; und alle sind irgendwie gefühlsarm.
WeiterlesenWillkommen im 20. Jahrhundert!
Wie bereits angekündigt, wird die →„Criminalbibliothek des 19. Jahrhunderts“ ab sofort um →„das frühe 20. Jahrhundert“ erweitert. Warum das Sinn macht, zeigt schon der erste Vertreter dieses Zeitraums, Paul Rosenhayn (1877-1929). „Elf Abenteuer des Joe Jenkins“ (1915), die man als PDF lesen und downloaden kann, sind Detektivgeschichten, denen man das britische Urmuster ansieht.
WeiterlesenRichard Laymon: Die Insel
Eine Gruppe Schiffbrüchiger strandet auf einer einsamen Insel, wird im weiteren Verlauf dezimiert, während die Überlebenden herauszufinden versuchen, was Ihnen widerfährt und wie sie den Kampf gegen einen unbekannten Gegner aufnehmen und gewinnen können. Klingt klassisch? Hört sich nach Abenteuer, Thrill und Südsee(alp)träumen an? Könnte sein – ist es aber nicht.
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