Crime School: Lektion 13

Setzen wir uns einen Moment bequem zurück, atmen durch und rekapitulieren: Bei der Lektüre eines Krimis ist der Leser an die Lese-Zeit-Richtung gebunden. Dieses Genre-Merkmal ist eng mit einem anderen verknüpft, das ich mit „Das Aufräumen einer großen unordentlichen Kiste“ bezeichnet habe und den daraus zwingend folgenden Gesetzen der Kausalität, Chronologik und Sinnhaftigkeit. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Erzählzeit ebenfalls den Gesetzen der Chronologie folgt.

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Crime School: Reingelegt – Nachtrag

Eins muss man →Schüler Menke ja lassen: Er bringt einen manchmal auf Ideen. Die nämlich: Unser kleiner Krimi befindet sich momentan auf zwei Ebenen: Seite 1 und der Rest. Ebene 2 ist quasi die Metaebene von Ebene 1 – und meine Frage ist nun: Wie müsste eine dritte Ebene aussehen, die zur Metaebene zu Ebene 2 taugen würde? Oder, für Nichtabiturienten: Wenn Seite 1 keine „Abbildung von Realität“ ist, sondern nur ein Text in der Realität des Folgenden, um was müsste es dann auf Ebene 3 gehen, auf der diese Realität des Folgenden ihrerseits nur ein Text einer übergeordneten Realität des Folgenden wäre? Ganz einfach, also. Überlegt mal und meldet mir die Früchte eures verzweifelten Räsonnierens hier. . Ergebnisse werden benotet!

Crime School: Ha! Reingelegt!

Eigentlich sind es ja die Schüler, die mit ihren Lehrern Schabernack treiben, aber die Crime School ist eben eine besondere Lehranstalt, und deshalb darf hier auch mal der Pauker seine Schutzbefohlenen hinter’s Licht führen. Mit lobenswerten pädagogischen Hintergedanken, versteht sich.

Vor einigen Tagen habe ich euch →die erste Seite eines Krimis zu lesen gegeben und um eure Meinung gebeten. Was dem einen oder anderen wie das berechtigte Interesse eines Autors an des Lesers Urteil vorgekommen sein mag, war in Wirklichkeit gleich in vierfacher Hinsicht ein Experiment.

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Die erste Seite

Um die erste Seite eines Romans ranken sich Mythen. Mit ihr packt man den Leser, hier ist alles schon angedeutet, was später en detail geschildert wird. Und so weiter. Ich bin da skeptisch.

Schon weil jeder Autor weiß, dass die erste Seite die Visitenkarte seines Romans sein wird. Der Lektor liest ihn als erstes, mancher Bücherwurm im Gedränge der Buchhandlung auch. Ja, und was tue ich, wenn ich das weiß? Genau. Ich gebe mir Mühe mit der ersten Seite. Mit der zweiten dann schon weniger, schweigen wir ganz von Seite 235. Und die Dramaturgie interessiert auch nicht so, ja, und Sprache ist eh nur ein Kommunikationsmittel.

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Crime School: Flauberts Papageien

Sportschuhe? Müssen IMMER drei Streifen haben! Gute Musik? Darf NUR „handgemacht“ sein! Ein Krimi? Muss AUSSCHLIESSLICH im Hier und jetzt spielen!

Willkommen in der Welt der Slogans und Scheuklappen, der Vorurteile und der nachgeplapperten eindimensionialen Weisheiten. Selbst wer sich nicht vorstellen könnte, ein Buch zu schreiben, fände doch, ginge es um die Dummheit der Gemeinplätze, Material genug für einen dicken Wälzer. Gustave Flaubert, der Romane schreiben konnte, hat es bei einem schmalen Bändchen belassen.

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Crime School: Lektion 12

Arthur Conan Doyle hat die Blaupause vorgegeben: Ein Verbrechen geschieht. Sherlock Holmes übernimmt. Er recherchiert. Verschafft sich Einblicke in die Vorgeschichte. Sammelt die Informationen in seinem phänomenalen Gedächtnis, einer Hochleistungsmaschine für treffende Schlussfolgerungen. Es dauert nicht lange, und der Fall ist geklärt. Dem wie immer sprachlos staunenden Dr. Watson (so sind sie halt, diese Akademiker), wird am Ende am heimischen Kaminfeuer haarklein erklärt, wie alles zusammenpasst.

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Arnaldur Indridason: Menschensöhne

Alle bislang in deutscher Sprache vorliegenden Krimis des Isländers Arnaldur Indridson orientieren sich an einem identischen Zeit-Handlungsschema. Ein Verbrechen geschieht (oder wird entdeckt), dessen Ursachen in der Vergangenheit liegen. So etwas wird auf Dauer fad, und ich gestehe freimütig, dass ich spätestens beim dritten Roman eines solchen „Maschenautors“ aufhöre, mich für seine zukünftigen Produkte zu interessieren.

Bei Indridson ist das anders. „Menschensöhne“, eigentlich der Debütkrimi des Autors, aber nur Nummer Vier der deutschen Veröffentlichungschronologie, fesselt, obwohl man die Dramaturgie rasch durchschaut und die Handlung einer erkennbaren „Musterlösung“ zusteuert.

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CrimeSchool: Repetitorium

Nein, diese Rasselbande gönnt einem alten Mann keinen freien Tag mehr! Zuerst macht mir Schüler Bernd Lust auf James Ellroy, den ich jetzt auch noch lesen muss, dann erwähnt Schüler Matthias so ganz nebenbei Chuck Palahniuks Roman „FLUG 2039“ (kennt jemand das Buch? Ist das ein Krimi / Thriller? Lesenswert?), der eine interessante Zeitstruktur aufweise – und Schüler Ludger macht einem sowieso ständig Appetit auf → „realitätstüchtige“ Bücher , die nun gar den Wahlkampf in NRW beeinflussen können. Für mich armen Pauker heißt das: Überstunden machen (die zahlt mir kein Kultusministerium) und einige Dinge repetieren.

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Crime School: Zwischenlektion

„Das Katalogisieren und Einordnen in die jeweiligen Schubladen überlasse ich Literaturwissenschaftlern und Kritikern. Natürlich auch Bibliothekaren und Buchhändlern, die ihrem Klientel einen Anhaltspunkt geben müssen, wo ähnlich strukturierte Bücher zu finden sind. Sie finden meistens daran genauso viel Spaß und Befriedigung wie Jake an einer sauber sortierten Lego Sammlung.“

schreibt unser australischer Gastschüler, der von mir als Krimiautor sehr geschätzte → Marcus Starck.

Einspruch, Euer Ehren!

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Crime School: Schooldays – und eine Frage

Ab sofort konzentriert sich der Unterricht in der Crime School auf den Montag. Die Sache wird jetzt aufwendiger, meine Zeit leider nicht mehr. Extra-Unterrichten, Nachhilfestunden etc. sind weiterhin variabel.
Und dann noch eine Bitte rein interessehalber: Wieviele Schüler hab ich eigentlich? Regelmäßige, Laufkundschaft. Wenn Ihr mir das hier ganz lapidar mal mailen könntet? Meinetwegen könnt ich auch nur „test“ oder so was in den Body schreiben. Weiterführende Kommentare sind natürlich wie immer willkommen.

Crime School: Lektion 10

Das „weltweite Netz“ verdankt seinen Namen der Möglichkeit, auf Servern abgelegte Dokumente miteinander zu verknüpfen. Diese vermittels der Seitenbeschreibungs-(nicht Programmier-)Sprache HTML leicht zu erlernende Technik ist Grundlage fast aller Krimi-Online-Projekte. Betrachten wir uns dazu ein exemplarisches Beispiel in Bild und Kommentar (die gelben Pfeile wurden von mir nachträglich eingefügt).

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Crime School: Nachtrag zu Lektion 8

„Tatsächlich habe ich letztes Jahr den „Ungarn-Krimi“ von S W gelesen und muss sagen, dass ich einigermassen enttäuscht war. Die Haltung des Detektivs ist in seiner geheimniskrämerischen Art eher den 30er Jahren verpflichtet, die pingelige Suche nach Details ist genau so wie es schon Chandler nicht leiden konnte und überhaupt rätseltechnisch nicht gerade komplex.“

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Crime School: Lektion 9

Was ich in den vorausgegangenen Folgen der Crime School vor allem vermitteln wollte, war das Abenteuer des Lesens an sich, die Erkenntnis, ein Text sei nicht nur ein von oben nach unten, von links nach rechts zu lesendes Diktat des Autors, sondern, recht eigentlich, etwas, das die einengende Zweidimensionalität einer Buchseite verlässt und in unseren Köpfen zu dreidimensionalen, mehr oder weniger labyrinthisch strukturierten Gebilden erblüht.

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Crime School: Worte eines Krimiautors

Das Schöne am Schreiben ist eben das Schaffen von neuen Welten, neuen Realitäten, Menschen, Charakteren, usw. Natürlich fließen reale Personen, reale Orte, reale Begebenheiten in die Geschichten ein, die ich erzähle. Natürlich bezieht ein Schriftsteller seine Ideen aus seinem Erfahrungsschatz. Nichts desto trotz sind die Geschichten eben nur Geschichten.

Blogfreund und Krimiautor Marcus Starck äußert sich →hier über ein durchaus Crime-School-relevantes Thema und gibt zu Beginn einen Einblick in die sinistre Welt deutscher Lektorate, wo die alte Einstellungsvoraussetzung („bloß keine Ahnung von Literatur!“) immer noch aktuell zu sein scheint.

Crime School: Ein Lehrer erinnert sich

Dass man Bücher, Krimis insbesondere, einfach nur „aus Wolluscht“ lesen kann, ist eine Erkenntnis, die man nicht zu kommentieren braucht. Vielleicht müsste man es aber des öfteren doch tun, um den Eindruck zu vermeiden, in unserer Schule werde dieser Vergnügungsfaktor generell verteufelt, ausgeblendet oder geringschätzig behandelt.

Mitnichten. Aber, liebe Jungen und Mädchen, das hier ist eine seriöse Schule! Wir analysieren und versuchen, zum Wesen des Krimis vorzudringen, seine Mechanismen zu begreifen und, who knows, irgendwann einmal den Schlüssel zu finden, mit dem wir ein Buch öffnen und wie in einem offenen Buch darin lesen können. Oder so ähnlich…

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Crime School: Lektion 8

Die Dramaturgie der ersten sieben Beck-Romane ist simpel und stets die gleiche: Ein Verbrechen geschieht und wird in mühevoller Kleinarbeit aufgeklärt. Am Ende steht indes nicht die Auflösung als Selbstzweck. Wenn das letzte Rätsel gelöst ist, haben wir eine Person in ihrem ganzen Elend kennengelernt, manchmal auch mehrere, Protagonisten einer Gesellschaft, die sich von Roman zu Roman mehr entblößt und schließlich jene Konturen zeigt, die es den Autoren in den Romanen acht bis zehn ermöglicht, sie zum Schauplatz einer Groteske zu machen, die nur noch Monster und Psychowracks gebären kann.

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Crime School: Lektion 7

Die Helden des klassischen Detektivromans sind sowohl Meister der Induktion als auch der Deduktion. Prinzipiell unfehlbar, agieren sie in einem Ambiente, das scheinbar nur aus Indizien besteht, die darauf warten, gedeutet zu werden. Machen die Helden denn doch mal einen Fehler, gehört dies zur Dramaturgie des Romans, nicht aber zum Wesen jenes Über-Ich, zu dem der Held (manchmal auch eine Heldin) beim Leser geworden ist.

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