Ein Verlegerbrief

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Sehr geehrter dpr! Mit größter Freude und Genugtuung begrüßen wir Ihre in der gestrigen Ausgabe des Online-Krimimagazins WTD bekannt gemachte Entscheidung, den in unserem Hause veröffentlichten Krimi „Joint Adventure“ von Peter J. Kraus nicht zu rezensieren. Wie Sie vielleicht wissen, haben Ihre Leseempfehlungen, die Produkte unseres Verlags betreffend, in der Vergangenheit stets zu dramatischen Absatzeinbrüchen geführt. Manch hoffnungsvoll begonnene Laufbahn als Kriminalschriftsteller fand so ein abruptes Ende, es kam zu Massenentlassungen in unserem Hause etc., mithin zu Heulen und Zähneklappern, bitterer Not und Depression allenthalben.

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Der Antikrimi als Musterkrimi

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„19 Variationen über Die Judenbuche von Annette von Droste-Hülshoff“ verspricht uns das Buch „So wie du mir“ aus dem Pendragon Verlag. Und ebenso spontan wie traumatisiert erinnert man sich des Textes, Schrecken des Deutschunterrichts, als Lektüre- und Interpretationszwang den Verdacht nährten, ein Studium der Literaturwissenschaft ähnele gewiss einer Runde Folter im Keller der Inquisition. Andererseits: Jahrzehnte später, abgeklärter und der Folter entronnen, hat „Die Judenbuche“ durchaus ihren Reiz. Das liegt, wie Mitherausgeber Walter Gödden in seinem Nachwort treffend erwähnt, „an der elementaren Offenheit des Textes, der mehr Rätsel aufgibt, als er löst“.

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Buchmesse 2010

Willkommen zu unserem jährlichen Buchmesse-Krimireport. Wie stets das Wichtigste zuerst: schwarze Strumpfhosen. Sie sind der offensichtliche Modetrend der Saison, schwarze Strumpfhosen, die in ebenso schwarzen Stiefeln – auch apart mit Stulpen – enden, dazu kurze bis mittellange Röcke in, man staune, Schwarz oder allen Varianten von Grau. Nebentrends: Damenhosen haben wieder Schlag, die zahlreich auf der Messe herumlungernden Fernsehregisseure – „Bring ma Stativ!“ – tragen die letzten Reste des ergrauten Haares nicht mehr pferdeschwänzig, sondern haben es zu einer Art Königsberger Klops im Nacken zusammengeknotet.

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Dominique Manotti: Letzte Schicht

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Wir leben in herrlichen Zeiten. Wells’sche Maschinen transportieren uns einer Zukunft entgegen, in der man mit dem Vokabular der Vergangenheit hantieren wird, mit Klassen und Klassenkampf, mit Ausbeutung und sozialkritischer Literatur. Es gab eine Zeit, da hielten wir dies für überwunden wie überhaupt alles Dichotomische, alles Schwarzweiße, das Leben wurde, was gute Kriminalliteratur immer schon war, nämlich differenzierter.

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Paul Freeman: Laster und Tugend

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Klar, es ist der Schauplatz, der zunächst auf Paul Freemans Krimi „Laster und Tugend“ neugierig macht. Saudi-Arabien. Enger Verbündeter der USA, mit Erdöl gesegnet, dankbarer Abnehmer westlicher Luxusgüter – einerseits. Aber auch die Heimat von Herrn Bin Laden und den meisten der 0911-Attentäter, mit strengen islamischen Gesetzen, die u.a. das Verbot alkoholischer Getränke regeln. Wir wissen eine Menge über Saudi-Arabien oder glauben es zumindest. Wie wird es nach der Lektüre von „Laster und Tugend“ sein?

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Definition ist das Gegenteil von Definition

Nun, da ich Spannungsliteratur-Deutschland bis locker ins Jahr 2012 hinein mit amateurhaften Krimis versorgt habe (noch nicht veröffentlicht, aber das kommt noch), wäre es an der Zeit, sich konzentriert und ausführlich der theoretischen Seite des Sujets zu widmen. „2368 Einträge zu Watching The Detectives“ zeigt mir die Blogsoftware gerade an, eine Menge spontan gefälltes Holz, das es jetzt zu durchmustern gilt.

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Der Skandal der Saison

Noch hat die diesjährige Buchmesse ihre Tore nicht geöffnet, da steht das beherrschende Thema – jedenfalls für das Produktsegment Krimi – schon fest: der im Rabiat Verlag Wolfsburg pünktlich zum Messebeginn angekündigte Roman „Der Schrei der Edelfeder“ von Elsa Land (Pseudonym). Doch warum erregt dieses Buch die Gemüter? Weil es, wie der Topkritiker P. Zürn beklagt, „einfach doof“ ist oder, so der Verleger Erasmus Schmidt, „der letzte mögliche Tabubruch des Genres“? wtd sprach mit Schmidt über das Buch, den Verfasser und das Thema.

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Garry Disher: Rostmond

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Garry Disher hat seine Verdienste. Die Reihe um den Gangster Wyatt (bei Pulpmaster erschienen) ist mehr als eine Variation des „irgendwie guter Gangster“-Schemas, mit den Romanen um den Polizisten Hal Challis (beim Unionsverlag) sind ihm in der Vergangenheit nicht nur spannende Krimis, sondern auch geschickt verzahnte Psychogramme der australischen Gesellschaft gelungen. Keine Selbstverständlichkeit; und wie schnell man damit scheitern kann, zeigt Disher fatalerweise in seinem neuen Roman „Rostmond“ höchstselbst.

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Merkwürdige Gedanken an einem merkwürdigen Samstag

Lesen bildet und Denken erweitert den Horizont? Das sind, sorry, die verbalen Tricks, mit denen sie uns in die Schulbänke locken. In Wirklichkeit, das wissen die Kindsverderber ganz genau, verhält es sich andersrum. Wer liest und denkt, verliert seine Überzeugungen, seine Definitionen, seinen Halt. Am allerschlimmsten aber ist dran, wer Krimis liest und sich Gedanken darüber macht. Denn was ein Krimi IST, weiß nur, wer nie einen gelesen hat. Worum es in einem Krimi geht, erschließt sich allein in völliger Gedankenlosigkeit.

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Eine dringende Bitte

Liebe Krimischaffende, hört das auch irgend wann wieder auf? Und zwar möglichst bald, wenn’s geht, am liebsten jetzt gleich? Menschen, die plötzlich ihr Gedächtnis verlieren oder glauben, ganz andere zu sein, Menschen, die von ihrer Umwelt nicht mehr erkannt werden und Spielbälle finsterer Mächte und übler Halunken sind?

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Frank Göhre: Der Auserwählte

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Frank Göhres „Der Auserwählte“ ist die Höchststrafe für einen Krimikritiker. Denn nichts will passen, nichts erfüllt die Erwartungen. Die Koordinatensysteme des Genres ächzen, im Prokrustesbett der Versatzstücke passt es hinten und vorne nicht, klarer Fall von versemmeltem Krimi, denkt man – und liest dennoch weiter, von Enttäuschung zu Enttäuschung, und am Ende legt man das Buch zufrieden aus der Hand und ärgert sich darüber, dass man sich nicht ärgert.

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