Frau und Krimi. Wissenschaftliche Thesen

Wer bringt den Deutschkrimi nach vorn?
Juli Zeh und Thea Dorn.
Wer bringt ihn wieder runter, ey?
Thea Dorn und Juli Zeh.

(aus: Friedrich Glauser, Tagebücher 1934-1956)

Anlässlich des Eintreffens des neuen Buches von Thea Dorn („Der Mädchenmörder. Ein Liebesroman“) und bei genauer Betrachtung des aparten Autorinnenfotos überkam mich wieder dieses Schuldgefühl. Der deutsche Kriminalroman nämlich ist eine Frauendomäne – und wir männlichen Ignoranten wissen es nicht zu würdigen.

Beginnen wir mit einem Blick in die Geschichte. Nach der Entdeckung des Krimis durch die Geschwister Edgar und Ellen Poe wurde der neue literarische Kontinent wie einige geografische davor von den Ausgestoßenen dieser Welt besiedelt. Waren es in Australien die Strafgefangenen, in Amerika die Versklavten aus Old Europe, so kamen nach Krimistan vor allem – Frauen. Sie nämlich hatten in der etablierten literarischen Welt bis dato nicht reüssieren können und brauchten ein noch unbeackertes Terrain, dessen Boden sie mit ihrer Phantasie fruchtbar machen konnten: den Krimi eben.

Die Vorliebe des weiblichen Geschlechts für die Spannungsliteratur lässt sich verblüffend leicht aus beider jeweiliger Geschichte begründen. Die Spannungsliteratur wurde von der herrschenden Meinung unterdrückt, die Frau als solche desgleichen. Ein Band jahrhundertelangen Unrechts verbindet also Krimi und Weib, kein Wunder, dass letzteres sehr früh damit begann, sich für das Genre zu interessieren, sei es als Produzentin oder Leserin.

Schrieb eine Frau Krimis, dann zumeist unter männlichem Pseudonym. Eine Praxis, die bis heute Gültigkeit hat, wie das Beispiel Jan Seghers beweist. Dahinter steckt Matthias Altenburg, der wiederum eine fiktive Instanz von Anne Chaplet ist und als solche Frauenkrimis schreibt, während Anne Chaplet als das Pseudonym einer real existierenden Frau namens Cora Stephan identifiziert werden kann. Als Cora Stephan könnte sie z.B. ein Sachbuch über Jan Ulrich oder Anna Seghers schreiben, was sie bisher aber noch nicht getan hat. Auch hinter dem Pseudonym A. Paprotta verbirgt sich eine Frau, gleiches gilt für Henrik Heiland und etwa 47 weitere Vertreterinnen des „schöneren Geschlechts“, das aber leider – Emanzipation hin, Emanzipation her – bis heute auch das „schwächere“ geblieben ist, Rechtschreibschwäche inklusive.

Die Vorliebe schreibender / lesender Frauen für den Krimi hat natürlich auch etwas mit der natürlichen Brutalität der weiblichen Psyche zu tun. Doch, Sie haben richtig gehört. Frauen können saubrutal sein, etwa wenn sie die ebenso natürlichen Bedürfnisse der Männer mit einem schnippischen „Mit dir? Niemals!“ abschmettern. Wer sich so über das Verlangen triebgesteuerter Lebewesen hinwegsetzt, hat auch keine Skrupel, erbarmungslose Massenmörder auf die nach Fiktion lechzende Menschheit – auch hier zu 90% Frauen – loszulassen.

Frauenkrimis unterscheiden sich grundsätzlich von Männerkrimis dadurch, dass in ihnen „das Gefühl“ dominiert, während Männerkrimis eher auf „die neue deutsche Rechtschreibung“ vertrauen. Frauen schreiben aus dem Bauch heraus, Männer aus dem Unterleib. Gefühlsechte Literatur kann so oder so entstehen, das ist keine Frage des Geschlechts. Jedoch scheint es, dass das Spektrum des Bauches dem des Unterleibs literarisch überlegen ist, sowohl beim Plotten als auch bei der Personenzeichnung. Während in Männerkrimis blonde Frauen ausschließlich als „geile Schlampen“ fungieren, werden sie in Frauenkrimis weitaus flexibler als „gute Mütter und geile Schlampen“ eingesetzt. Hier trifft Bauch Unterleib. Wie dem auch sei: Aus dem Kopf heraus ist in Deutschland noch kein Krimi geschrieben worden, wohl weil das hierzu benötigte dritte Geschlecht nicht existiert.

Ein wesentlicher Vorteil von Frauen im Krimigeschäft ist ihre unbezweifelbare physische Attraktivität. Man schätzt, dass etwa 80% aller Frauenkrimis nur gekauft werden, weil „die Autorin so klasse ausschaut“, aber nur 37% aller Männerkrimis (und dabei sind 89% von Frank Schätzing). Hier gewinnt das Wort „Stilberatung“ eine subtile Doppelbedeutung, rekurriert es nämlich nicht ausschließlich auf den Bereich des kriminalschriftstellerischen Handwerks, sondern zudem auf den professioneller Schönheitspflege.

Als Genreprodukt legt der Kriminalroman naturgemäß nur wenig Wert auf Kreativität; ein Umstand, der den Frauen zugutekommt, denn sie besitzen – siehe oben – die Attraktivität und sind damit zufrieden. Frauen schreiben also in der Regel so schön wie sie es selber sind, Männer, als Besitzer der Kreativität, hingegen „originell“, weil sie das selbst sein möchten. Männerkrimis regen zum Nachdenken an – Frauen denken bereits, BEVOR sie zu schreiben anfangen. Ob sie dies nicht besser lassen sollten, ist eine Frage, die an dieser Stelle, wo es nur um einzelne Thesen geht, nicht ventiliert werden kann. Das gesamte Thema konnte nur angerissen werden und wartet auf seinen endgültigen Bearbeiter – oder seine endgültige Bearbeiterin.

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Pieke sieht Licht am Ende des Tunnels

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Schön und tröstlich ist das meistens nicht, was Pieke Biermann in ihren „Menschen – Orte – Kriminalität“ – Reportagen zu berichten hat. Am 29. Februar 2008 um 10:27 und 13:27 Uhr im RBBinfoRADIO 93,1 macht sie eine Ausnahme und porträtiert „Andreas Vogt, Geisel beim Banküberfall der ‚Tunnelgangster‘ 1995„. Der hat das, allem Anschein nach, gut verkraftet. Wiederholungen gibt es am Sonntag, 13:45 und 18:45 Uhr und am Montag, 04:45 Uhr. Weitere Optionen verrät wie immer der Radioapparat da oben.

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Volksbloggen -19-

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Heute ist wieder euer Tag. Macht was ihr wollt. Schreibt euch den Frust von der Seele, hämmert euch die Euphorie aus dem Leib. Ich warte. Unter anderem auch auf das Ergebnis des Kritikerstammtisches. Für welches zu kritisierende Buch werden sich die RezensentInnen entscheiden? Es wird spannend… im Moment liegen Favorit und Außenseiter Kopf an Kopf… nur eine Stimme fehlt noch. Thomas!

Kris Nelscott: Days of Rage

„Days of Rage“ spielt im Oktober 1969 in Chicago und beginnt just mit jenen „Tagen des Zorns“, initiiert von den Weathermen, einer militanten Bürgerrechtsbewegung, anlässlich einer Unrechtsgerichtsverhandlung gegen eine Gruppe linker, überwiegend weißer Aktivisten, die wegen der Anstiftung von Krawallen angeklagt wurden, die sich im Jahr zuvor, während des Präsidentschaftsnominierungskonventes der Demokraten im Zusammenhang mit anti-Vietnam Demonstrationen entwickelt hatten.

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Warum ich gerne Krimis lese

„Riesling pur – ein mörderischer Jahrgang“ spielt in Rittersheim, einem verschlafenen kleinen Winzerort in der Pfalz. Dort wird ein 4-jähriger Junge ermordet und alles deutet auf einen Sexualmord hin. […] Nach etwas mehr als dem ersten Kapitel bekommt man Lust auf ein großes, gut gekühltes Glas Riesling, nach weiteren 20 oder 30 Seiten findet man sich in der Küche wieder, um sich eine Kleinigkeit zum Essen zuzubereiten. Mit diesen Genüssen sitzt man auf dem Sofa und vertieft sich wieder in die Lektüre […]

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Samstag! Krimitag!

Nee, nicht hier. Samstags pflegt der Blogger die alten Krimis, für die neuen zuständig sind Samstags ab sofort Thomas Wörtche plus Mann-/Frauschaft beim – nein, nicht hier, leider – →Titel-Magazin. Letzten Samstag hat der Meister selbst zur Tastatur gegriffen und sich mit →Joseph Wambaugh herumgeschlagen. Herumgeärgert, genauer gesagt. Nächstens dann mehr, auch von gewissen anderen Kritikern. Wenn mal was zum Besprechen in der Post ist…

Jean-Christophe Grangé: Das Herz der Hölle

Dass wir DAS noch erleben dürfen! Senior-Azubi Jochen ist nach der Lektüre eines Krimis hellauf begeistert! Ob das mit Julchen, seiner neuen Flamme zusammenhängt? Oder weil er seit neuestem einen spitzegeilen Motorroller sein eigen nennt? Wir wissen es nicht. Es ist uns auch egal. Wir sind einfach nur begeistert, weil Jochen begeistert ist. Und hier erklärt er, warum und von wem und überhaupt…

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Golden…

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wären Gegenwart und Zukunft von Robert Kohlrausch, gäbe es denn eine „Geschichte der deutschen Kriminalliteratur“. In dieser nämlich könnte Kohlrausch einen vorderen Rang beanspruchen. Diese „Geschichte“ gibt es natürlich nicht. Die →„Criminalbibliothek des 19. und frühen 20. Jahrhunderts“ aber gibt es. Und in ihr befindet sich seit wenigen Minuten Kohlrauschs „Der Goldene Fels“ aus dem Jahr 1922. Aufruf: lesen!

Freitagskommentar

Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mir das momentane „Tannöd“-Geplänkel auf den Geist… nein, den erwähnen wir in diesem Zusammenhang lieber nicht – auf den Sack geht. Da wird die Einsetzung einer Wörterpolizei indirekt angeregt, deren Aufgabe es dann wäre, nach identischen Adjektiven oder Bildern zu suchen, da feiert aber auch der Standesdünkel fröhliche Urständ, ist von „gewissen Gestaltungshöhen“ die Rede, welche ein „Werk“ erreichen müsse, um nicht der „Gemeinfreiheit“ anheim zu fallen, die nichts anderes mehr ist als eine Umschreibung von „Schund“ oder „Kolportage“. Kein Wunder also, dass „Soll die Kolportage siegen?“ getitelt wird, worauf man nur mit einem kräftigen „JA!“ antworten kann. Wo leben wir? Vor allem aber: wann? Ende 19. Jahrhundert, und die Welt ist eine Gelehrtenstube, aber in die Gelehrtenstuben hat die Welt noch nicht Einzug gehalten? Meine Fresse, was für eine unterirdische Diskussion. Keine Verlinkungen an dieser Stelle, Schluss.

Ehrenglauser 2008

„Der Friedrich-Glauser-Ehrenpreis 2008 wird der Dortmunder Kriminalschriftstellerin Sabine Deitmer für ihre Verdienste um die deutschsprachige Kriminalliteratur zuerkannt.“

Berichtet heute das Syndikat. Wir gratulieren Frau Deitmer und verweisen bescheiden auf ein großes Interview mit der Autorin im Krimijahrbuch 2008. Auch die Nominierten für die sonstigen Preise stehen nun fest. Und da gibts Überraschungen. Aber schaut selbst. →Hier.

Tom Rob Smith: Kind 44

Dass sich aktuell gleich zwei Herren Smith auf der Krimiwelt Bestenliste tummeln und Stalins (Un)Geist beschwören, ist sicher Zufall. Der eine, Martin Cruz Smith, lässt den Diktator durch das heutige Russland irrlichtern; beeindruckend, wie man es von diesem Routinier erwarten darf. Der andere führt uns zurück in die Zeit des noch lebenden resp. soeben verstorbenen Stalin; ein Bürschlein in seinen zarten Zwanzigern ist dieser Tom Rob Smith und beinahe wäre auch ihm ein großartiges Buch gelungen. Beinahe…

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Volksbloggen -18-

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Jeden Mittwoch, wenn dieses formschöne Logo aus dem Hause Menke on top of wtd zu sehen ist, wissen die versierten LeserInnen: Aha, heute herrscht wieder die Volksfront bei Hinternet. Es darf nach Herzenslust kommentiert und geschimpft, gelobt und gedacht werden. Richtig. Aber die LeserInnen wissen auch: Hinternet ist der wahre Demokratiepionier im Netz. Jetzt lassen die ihre KonsumentInnen sogar schon rezensieren! Nicht nur die Männer, nein! Auch die Frauen dürfen!

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Ach so, ach ja: und das noch

Alain Robbe-Grillet ist tot. Ob er als „Krimiautor“ durchgeht, weiß ich nicht. „Die Wiederholung“ jedenfalls war fast ein Krimi oder auch ein Krimi oder… Wie alle großen AutorInnen nehmen wir Robbe-Grillet aber ehrenhalber in die Ehrengalerie des Genres auf. Doch. Er war einer. Ich lege das jetzt mal einfach so fest. Und sollte sich jemand gewundert haben, dass die Nachricht von Robbe-Grillets Tod gestern Abend nicht in der „Tagesschau“ vermeldet wurde… nein, so weltfremd ist hier keiner.

Benjamin Black: Christine Falls

Benjamin Black ist das offene Pseudonym von John Banville, der 2005 den Man Booker Prize, den bedeutendsten Literaturpreis des Commenwealth und Irlands gewann. Groß war die Neugier, hoch die Spannung, ob der Romancier bei seinem Ausflug ins Genre den richtigen Ton trifft, oder ob hier wieder ein „seriöser“ Autor versucht, durch den Erfolg des Genres dazu zu verdienen – was John Banville wohl nicht unbedingt nötig hätte.

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Gedanken für eine Woche

KrimileserInnen sind wie kleine Eisbären. Irgendwie süüüüß (man lebt ja auch von ihnen), aber doch auch irgendwie unberechenbar; besonders, wenn sie größer werden. Und sind sie dann ganz groß, werden sie einem gar gefährlich, vor allem, wenn sie aus ihrem Käfig der privaten Meinungen und Vorlieben ausbrechen und diese ihre Meinungen und Vorlieben öffentlich kundtun. Als Blogger beispielsweise.

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Einladung zum Kritikerstammtisch

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Georg, treuer und begeisterter wtd-Leser, hat vor einigen Tagen eine alte Idee des Blogbetreibers wieder aufgenommen. Warum, so der passionierte wtd-Freak, besprechen nicht verschiedene KritikerInnen ein bestimmtes Buch und veröffentlichen ihre Erzeugnisse dann gebündelt bei wtd? Kein schlechter Gedanke, den der wtd-süchtige Afficionado da gehabt hat. Wir greifen ihn natürlich auf und geben ihm den Namen „Kritikerstammtisch“.

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Pieke arbeitet schwarz

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Wenn wir den Respekt, den wir den Kriminalreportagen Pieke Biermanns zollen, auch noch verzollen müssten… nicht auszudenken! Nichts auszudenken braucht sie sich auch diesmal, d.i. am Freitag, 15. Februar 2008 im RBB-Inforadio 93,1 um 10:27 und 13:27 Uhr (Wiederholungen Sonntag 13:45 und 18:45 und Montagnacht 04:45 Uhr) und am Sonnabend, 16. Februar 2008 in DER TAGESSPIEGEL. Dann nämlich geht sie gemeinsam mit dem Zoll zur „Gastrokritik im Einsatzanzug“. Und wer schwarz Buletten brät, hat nichts zu lachen. Wer aber auf Piekes Radio drückt, was zu hören.

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Armselig

„Mehr noch als in der avancierten Literatur scheint die Beurteilung eines Kriminalromans eine Frage persönlicher Vorlieben, des Temperaments, des Geschmacks und nicht zuletzt des Zeitgeistes zu sein. Objektivierbar ist – schaut man sich die Kritiken oder auch nur die Reflexe der Leser an – offenbar fast nichts.“

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