Die Woche der Erzähltheorie des Kriminalromans -3-

… mit einer Kritik von Mordecai Richlers „Cocksure“ und einem Rückgriff auf James Sallis‘ „Driver“

Statt der gewohnten Donnerstagskritik heute ein umfangreicher letzter Teil unseres Wochenthemas – mit eingebetteter Rezension. Eigentlich sollte die Rezension für sich stehen und der eher allgemein-theoretische Teil morgen folgen. Es ist natürlich anders gekommen… „Cocksure“ jedenfalls ist Klasse – nachfolgender Text zumindestens „komplex“ – und letztlich nicht mehr als eine nach Ausarbeitung schreiende Anfangsthese.

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Volksbloggen -17-

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Heute mal ohne Vorgaben. Bloggt einfach, indem ihr die Kommentarfunktion fleißig malträtiert. Macht mal hemmungslos Werbung für ir-gend-et-was, ein Buch, einen Autor / Autorin, einen Verlag, euch selbst… oder eine demnächst erscheinende Krimi-Anthologie, die neben den üblichen Verdächtigen (Heiland! Albertsen!) auch wirklich interessante, junge, gutaussehende, talentierte Debütanten zu bieten hat.

Die Woche der Erzähltheorie des Kriminalromans -2-

Bilder einer Lesung

Hörbücher kommen mir nicht ins Haus. Ich will nicht die Stimme eines anderen hören und schon gar nicht seinem Vorlesetempo folgen müssen. Und was sind Autorenlesungen anderes als Hörbücher, nur mit dem Unterschied, dass letztere durch Tastendruck zum Schweigen gebracht werden können, was bei leibhaftigen AutorInnen aber selten funktioniert und nur durch schleunige Flucht simuliert werden kann? Die aber wiederum ziemlich aussichtslos ist, wenn man, von seinesgleichen ziemlich eingekeilt, in engen Stuhlreihen sitzt.

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Die Woche der Erzähltheorie des Kriminalromans -1-

Seltsam. Irgendwie drängt sich das Thema seit gestern in den Vordergrund. Angefangen hat alles mit meinem vorletzten Lektüredoppel, Jan Seghers‘ „Partitur des Todes“ und Morchai Richlers „Cocksure“. Zwei „Krimis“ (man beachte die Anführungszeichen), zwei unterschiedliche Arten des Erzählens. Gestern dann berichtete Blogbeobachter →Bernd über „die Bedeutung des Geschichtenerzählens beim Schreiben eines Buches“ und heute schließlich macht sich auch →Jan Seghers (Eintrag vom 12.2.08) so seine Gedanken: „Aber verglichen mit den Arbeiten von Dujardin, Joyce, Kafka, Proust, Babel, Beckett und Céline oder gar mit den Arbeiten des literarischen Dadaismus und des nouveau roman, gehören selbst die vermeintlich „modernsten“ Kriminalromane zutiefst der Vormoderne an.“

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Krimispam

Der Wortschatz der oder des gemeinen Krimischaffenden ist naturgemäß begrenzt. Da feixen die „inneren Dämonen“, laufen „Schauder“ wie Gletscher über den Rücken oder korrigiert sich in jedem zweiten Krimi die Frau des Ermordeten: „Mein Mann ist – ich meine: war…“. Immer die gleichen Schablonen, die ewigen abgestandenen Begriffe. Da lob ich mir die Penisverlängerer.

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Kerstin Rech: Schenselo

Krimischreiben ist Turnen auf dem Schwebebalken. Eleganten Schritts über dem Abgrund, tut man so, als sei alles ganz einfach und hält doch nur mit Mühe die Balance. Und als sei das nicht schwer genug, macht man allerhand akrobatische Verrenkungen, düpiert für Momente die Schwerkraft und fürchtet sich vor dem Abgang auf den Boden der Tatsachen. Der geht nicht selten schief, vor allem, wenn man etwas riskiert.
Kerstin Rech gehört zu den AutorInnen, die etwas riskieren. Ihre Krimis wachsen aus dem Mystisch-Übersinnlichen, dem unsicheren Grund von Sagen und Legenden, da gibt es manchen Salto – auch manchen Wackler -, als Leser zittert man mit, glaubt manchmal, jetzt passiere der brutale Absturz – und atmet auf, wenn sich die Autorin fängt. „Schenselo“ macht hier keine Ausnahme.

Die Geschichte spielt im unweit vom Speyer gelegenen kleinen Ort Neuweiler, einem Kaff, in das sich nicht einmal die Sonne verirrt. Einst gab es hier ein Kloster, auch einen Grafen, den titelgebenden „Schenselo“, das ist lange her, doch die alte Zeit lebt weiter im Geraune der Bewohner. Wir lernen einen kleinen Jungen kennen, der seinen verstorbenen Vater vermisst und seine Mutter hasst. Dann begegnen uns der Chef eines Garten- und Landschaftsbauunternehmens, der seinen Vater fürchtet, und seine Schwester, Berit Schock, die diesem Vater zu sehr ähnelt und sich in eine andere, eine neutrale Vergangenheit geflüchtet hat. Sie leitet das Heimatmuseum von Neuweiler.

Als die Gartenbaufirma den kleinen Park saniert, stößt der Bagger auf eine Kiste. Darin ein Schenkungsvertrag aus dem 16. Jahrhundert, der aber eine Transaktion des Schenselo aus dem 14. fixiert. Ein willkommenes Exponat für Berit Schocks Heimatmuseum, doch lange kann sie sich nicht daran erfreuen, das wertvolle Stück wird ihr gestohlen, der Dieb ist ein Angestellter der Firma, das findet man schnell heraus, doch den Bösewicht selbst findet man tot, die Hände ans Bett genagelt. Kommissar Hoppe ermittelt.

Bald ist die Rede von einem Schatz, von den Tempelrittern und der Wiederkehr einer längst versunkenen Bruderschaft, tja, und damit könnte auch der Roman irgendwo zwischen Fantasy und Dan Brown versinken, würde er denn weiter an der Oberfläche geplottet werden. Aber Kerstin Rech hat von Anfang an eine andere Ebene im Visier. Wo wir glauben, die Autorin beschwöre die Vergangenheit, tun die Personen das genaue Gegenteil. Sie flüchten vor dem Vergangenen in teils anrührende, teils bizarre Phantasie- und Wahnwelten. Der kleine Junge zum Beispiel, der seinen Vater vermisst, erschafft ihn sich im Traum neu. Berit Schock widmet sich der Heimatkunde, um die Zeit zu vergessen, da sie ihr Vater mental zu erdrücken schien. Ihr Bruder hat diesen Fluchtpunkt nicht; er stolpert in die Psychose. Und auch im Leben des Kommissars gibt es eine, mit der Geschichte eng verzahnte Begebenheit aus dem Vergangenen, die er verdrängen muss – und doch nicht kann.

Es sind also im Grunde zwei Geschichten, die hier parallel laufen und doch einander brauchen ein „Täterkrimi“ und ein „Opferkrimi“. Dafür benötigt Kerstin Rech nicht einmal 200 Seiten, für einen „total überraschenden Schluss“ auch , der, hätte man die zweite, die innere Geschichte eher in den Blick bekommen, so überraschend nicht gewesen wäre. Man mag nun einwenden, die Athletin auf dem Schwebebalken übertreibe es ein wenig mit den Kunststückchen. Das ist richtig. Die Einbeziehung des Kommissars ins dramatische Szenario kommt ein wenig zu gewollt daher, obwohl sie für die Schlussszene gebraucht wird, die wiederum auf die Eröffnungsszene zurückweist. Ohne diesen zusätzlichen Abgrund bekäme man die anderen Tiefen etwas besser in den Blick.

Aber abstürzen tut die Autorin nicht. Sie hat ein intelligent geplottetes Buch vorgelegt, in dem mehr angedeutet als ausgeplappert wird, was für die Wertschätzung spricht, die Kerstin Rech der Leserintelligenz entgegenbringt. Hoffen wir, dass diese LeserInnen es zu honorieren wissen.

Kerstin Rech: Schenselo. 
Conte 2007. 186 Seiten. 19,90 €

Volksbloggen -16-

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Auch am Aschermittwoch gilt: Volk, blogge! Über was auch immer. Zum Beispiel über eine Merkwürdigkeit, die mir beim Studium der letzten →„Befragung“ einer Krimiautorin namens Eva Lirot (schüttle die Buchstaben und es kommt „Voltaire“ heraus) aufgefallen ist. Auf die Frage „Welchen Kriminalroman hätten Sie selber gerne geschrieben?“ antwortet die Autorin: „“Sakrileg“. Und zwar mit allen von der Kritik konstatierten, vermeintlichen Schwächen. Denn die Metaaussage des Romans kam exakt rüber – und darauf kommt es in der Literatur an.“

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Ob wohl jemand merkt,

dass der vorige Blogeintrag der 2.000ste war? Ich habs ja eben selber erst gemerkt. Nicht nur wtd, aber doch überwiegend. 2000! Und über 6000 Kommentare! Für letztere bedanke ich mich bei allen Aktivisten und wünsche mir für die nächsten 2000 Blogeinträge mindestens 60000 Kommentare! Und für jeden einen Euro…

bye
dpr
*und alles für lau!

Keine Ausrede!

Man kennt das. Soeben hat der Kritiker den Krimi böse zerfleddert und, conclusio, den Daumen Richtung Hölle (oder wenigstens Fegefeuer) gesenkt. Aber das Ding war doch gar nicht so schlecht!? Warum hat der Kritiker denn nicht berücksichtigt, dass…Gewiss: Auch der Kritiker muss mit der Kritik an seiner Arbeit leben. Einige Argumente jedoch gelten nicht. Eine kleine Auswahl…

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Pieke MOKiert sich

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Menschen – Orte – Kriminalität: MOK. So heißt die alle vier Wochen Freitags im RBBinfoRADIO 93,1 gesendete Reihe von Pieke Biermann. Am 1. Februar 2008 um 10:27 und 13:27 Uhr geht es um Gina Graichen und das LKA 125, das heißt: Es geht um kleine Eisbären und Beschützerinstinkte und warum Menschen dabei schlechte Karten haben. Die Sendung wird am Sonntag um 13:45 und 18:45 Uhr und am Montag 04:45 Uhr wiederholt, das Radio ist anklickbar.

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Volksbloggen -15-

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Eine rein hypothetische Frage zur Hebung der Kommentierfreudigkeit: Würdet ihr – und wenn ja, wieviel – für Informationen zur Kriminalliteratur im Internet auch Geld bezahlen? Wenn nicht: Wie müsste das Angebot beschaffen sein, um eure Brieftaschen doch zu öffnen? — Nein, keine Angst. Das Angebot von wtd bleibt auch weiterhin kostenfrei. Was die KollegInnen machen, weiß ich natürlich nicht… Aber würde mich mal interessieren. So wie mich natürlich alles interessiert, was das Volk hier bloggt…

Rolo Diez: Wüstenstaub

Mexiko-City. Die größte, schmutzigste und wildeste Stadt der Welt? Möglich. Auch wenn Rolo Diaz‘ Buch Wüstenstaub dort spielt, ganz so heftig kommt es nicht. Aber Diaz lässt uns jede Seite des Buches wissen, dass wir in Mexiko sind. Das Land, korrupt und prädemokratisch liefert nicht nur den Hintergrund, vor dem die Geschichte des Buches sich abspielt, sondern es ist Objekt der Gedanken von Carlos Hernandez.

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Arimasa Osawa: Der Hai von Shinjuku – Rache auf chinesisch

Ein wenig überrascht hat es mich schon. Nicht dass Kollege Wörtche das zweite Abenteuer des „Hais von Shinjuku“ lobt; aber dass der Band nun auch in der Krimiwelt-Bestenliste auftaucht, Rang 6 immerhin, das ist schon bemerkenswert und kommt unerwartet.
Die →Besprechung des Kollegen W. enthebt mich der Pflicht, hier eine ordnungsgemäße Rezension zu schreiben. Sie wäre in vielem Wiederholung. Dass mir →der erste Band einen Tick besser gefallen hat, sei erwähnt. Ein kleines Zitat vielleicht, das ziemlich unmissverständlich klar macht, worum es in „Rache auf chinesisch“ geht:

„Die Zusammenfassung des Tokyoter Morddezernats ergab folgendes Bild: 36 Tote, 7 Verletzte“

Exakt: Darum geht’s. Und darum, dass so etwas in Tokio recht selten vorkommt. (Übrigens verstehe ich nicht, warum es in der deutschen Übersetzung „Tokyo“ heißt. Portugische Detektive ermitteln ja auch nicht in „Lisboa“; nachdem man sie eingedeutscht hat) „Rache auf chinesisch“ ist ein japanischer Thriller und als solcher natürlich irgendwie „exotisch“. Aber nur zum Teil. Denn der Ausgangspunkt, jener titelgebende „Hai von Shinjuku“, ist eine perfekt globalisierte Figur des Genres, Oberkommissar Samejima, der im Vergnügungsviertel Shinjuku ermittelt, aber ein Außenseiter bei der Polizei ist. Eigentlich müsste er längst Karriere gemacht haben, doch sein Verhalten gegenüber Vorgesetzten ist typisch unjapanisch, eine Art fernöstlicher Wachtmeister Studer, dem ja damals die leidige „Bankenaffaire“ einen Strich durch die Rechnung gemacht hat.

Samejimas Freundin ist eine flippige Rocksängerin – auch eher „unjapanisch“. Es geht ziemlich zur Sache – nein, das nennen wir jetzt aber nicht ebenfalls „unjapanisch“, denn das Reizvolle an diesem Roman ist ja gerade das ineinander Verschränktsein von kulturspezifischen und globalen Mustern, von „Exotismen“, wie sie uns medial eingebläut wurden (von Harakiri bis Kamikaze, von Geisha bis Sony) und längst allgemeingültigen Automatismen, von denen der des „lonely wolf“ Samejima nur einer ist. Ein weiteres Beispiel:

In „Rache auf chinesisch“ hat sich der Killer, ein Taiwanese, als illegaler Einwanderer in die Vergnügungsszene eingeschlichen und arbeitet, auf der Suche nach dem Objekt seiner Rache, in einer Bar. Deren Geschäftsführer ist ein brutales Ekel. Er demütigt und verprügelt den Killer, der sich aber nicht wehren darf, obwohl er das spielend könnte (und irgendwann natürlich tut). In dieser Bar arbeitet auch Nami, die weibliche Heldin des Romans, eine Festlandschinesin mit japanischer Mutter. Namis Bestreben muss es sein, ihre Herkunft zu verbergen, niemand soll wissen, dass sie keine eingeborene Japanerin ist.

An diesen beiden Personen entwickelt Osawa ein stimmiges Bild jener „Illegalen“, die im Hochindustrieland Japan ausgebeutet werden und alles Piesacken stoisch ertragen müssen, um wenigstens die kleine Errungenschaft eines Arbeitsplatzes nicht zu verlieren. Das ist nun durchaus kein besonderes japanisches Problem, leider, verweist in seinen Details aber eben doch auch auf die Tradition eines historisch herzuleitenden Argwohns gegenüber dem Fremden, auf eine Kultur der Unterwerfung, des Gehorsams, des Sich-Unsichtbar-Machens, die selbst durch die Hegemonie des Globalen nicht ausgelöscht wird, sondern vielmehr das Gesicht dieses Globalen prägt. Das ist zum einen wohlbekannt – und zum anderen sehr fremd.

Vielleicht ist dies das Besondere an den „exotischen“ Krimis: dass sie längst keine mehr sind, aber immer noch eine Verwurzelung in Traditionen durchscheinen lassen, die wir in unserem eigenen Globalisiertsein nicht mehr wahrnehmen.

Arimasa Osawa: Der Hai von Shinjuku – Rache auf chinesisch.
Cass 2007 (Original: Shinjuku Zame 2 – Doku Zaru. 1991, deutsch von Katja Busson).
321 Seiten. 19,80 €