Sven Böttcher – Wal im Netz

Die Zukunft ist einfach nicht mehr das, was sie einmal war, bevor William Gibson den Cyberspace erfunden hat. In naher Zukunft hängt alles am Netz, Stadtwerke, Post, Pornokanal, einfach alles. Und, wer das Netz kontrolliert, sitzt am Drücker.

Das muß auch Inspector Victor Sherman feststellen, als irgendwann im nächsten Jahrhundert in seiner Dienststelle die Meldung eintrudelt, daß ein Irrer namens Moby Dick in totsichere Systeme eingebrochen ist. Der Spaß hört auf, als Moby Dick seine virtuellen Muskeln spielen läßt und die Wasserversorgung der Stadt lahmlegt.

Der dicke Meeressäuger erweist sich als übermächtiger Gegner für Sherman und seine Crew. Jede Spur endet in einer Sackgasse. Es gibt Ärger mit fliegenden Pizzadrohnen, brutalen Kindergangs und religiösen Massenmördern. Als ob das noch nicht genug wäre will Shermans Freundin auch noch Sex. So richtig körperlich wie früher und nicht virtuell. Es sieht zunächst also gar nicht rosig aus. Doch Shermans neuer Mitarbeiter, der computerbegeisterte Scapegood, bringt virtuelles Licht ins Dunkel und die Verfolgung beginnt. . .

Sven Böttcher, vielen bekannt als Übersetzer von Douglas Adams, schickt mit „Wal im Netz“ bereits zum dritten Mal Inspector Sherman auf Verbrecherjagd. Die Stärke des Romans liegt eindeutig darin, daß man jetzt schon nachlesen kann, wie sich das Neunzigerjahre-Revival im nächsten Jahrhundert anlassen wird: mit lustigen Gerichten wie „Serbische Schlachtplatte“ und „Geschnetzeltes Gorazde“.

Sven Böttcher
Wal im Netz
Goldmann
ISBN 3442435218

Martha Grimes – Freier Eintritt

Der 15jährige Sammy lebt mit seiner Familie in einem schicken New Yorker Appartement. Sein Vater ist erfolgreicher Banker, und seine Mutter verbringt ihre Zeit vorzugsweise vor dem Spiegel – wenn sie nicht gerade auf Beutezügen durch teure Boutiquen ist.

Eines Tages hört Sammy seine Eltern in der Küche über „Die Toten“ reden. Für ihn steht fest, daß es sich um die gleichnamige James Joyce-Geschichte handeln muß oder deren Verfilmung durch John Houston. Erst als ihm eine Reihe zerknitterter Photos in die Hände fällt, dämmert es ihm: „Die Toten“ sind nichts anderes als „The Dead“ – so die liebevolle Abkürzung der Hippie-Band „Grateful Dead“! Und es scheint so, als wären seine Eltern ihre größten Fans gewesen.

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Cailleteau/Bajram: Cryozone – Böses Erwachen

Das Weltall. Unendliche Weiten. Sternzeit 31.12.2059.

Seit zehn Jahren ist die „UNSS Neil Alden Armstrong“ mit 10 000 konservierten Passagieren unterwegs, die sich außerhalb des Sonnensystems ansiedeln wollen. Für die Besatzung des Schiffs ist dies der eintönigste Job schlechthin, bis es an Bord zu einer Katastrophe kommt. Das Energiesystem wird sabotiert und die Siedler müssen aus ihrem künstlichen Tiefschlaf gerissen werden, ohne die notwendige Warm-Up Phase. Dadurch werden sie größtenteils zu Zombies gegen die sich die Besatzung zur Wehr setzen muß.

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Jupiter Coyote: Ghost Dance

Da muß ich jetzt im Trüben fischen, da leider auf die Schnelle kein Bandinfo aufzutreiben war. Es handelt sich wohl um Mitt-Dreißiger Amerikaner, die immer noch ihrem Hobby frönen. Ansonsten haben wohl alle ihren eigenen Gitarrenladen (Hallo, Tocotronic!) oder sind schlimmstenfalls Studiomusiker in Nashville. Na ja, immerhin haben sie es geschafft, 12 für meinen Geschmack überlange Songs (im Schnitt etwa 5 Minuten) aufzunehmen. Was mir wiederum Schwierigkeiten bereitete, das Album am Stück anzuhören. Könnte natürlich auch an meinem permanenten Schlafdefizit liegen, aber ich tippe eher auf zu glatte Produktion in Kombination mit zu platten Ideen.

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Max Cabanes/Sylvie Brasquet: Flirts

Zeit des Heranwachsens

Etwas beschäftigte mich sehr: „Hatte Bruce Lee jemals einen flotten Dreier erlebt?“ Diesem Gedanken hängt die junge Pascale im Kino hinterher, bis sie mit der Bemerkung ihres Begleiters „Wir sind nicht hier, um den Film zu sehen“ wieder in die Realität zurückgeholt wird. Für Pascale ist dieser Spruch nichts Ungewöhnliches. Alle wollen von ihr nur das eine; na ja, sie will es ja auch – irgendwie. Aber das ist alles nicht ganz einfach in der Pubertät mit dem anderen Geschlecht, vor allem nicht, wenn man wie sie aus einem stockkonservativen Elternhaus stammt.

Max Cabanes hat zusammen mit seiner Frau Sylvie Brasquet, von der das Szenario stammt, ein wunderschönes Album gezeichnet, das die Zeit des Heranwachsens aus der Perspektive eines jungen Mädchens schildert. Gleichzeitig räumen die beiden mit dem verbreiteten Klischee auf, in den Siebzigern sei das Leben lockerer, unkomplizierter gewesen. Konflikte mit den Eltern, Lehrern und dem anderen Geschlecht finden immer statt – unbeschwert wirkt die Zeit des Heranwachsens oft erst, wenn man sie hinter sich hat.

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Swell: Too Many Days Without Thinking

Raum
Um ihr viertes Album aufzunehmen, haben Swell das Haus mit der Nr. 41 in San Francisco verlassen. Bei Swell wohl eine sehr bewußte Entscheidung, denn keine andere Band stellte den Aufnahmeort so in den Vordergrund. Der Raum wurde als natürlicher Resonanzkörper verstanden, der den eigenen Sound der Band schuf. Als Zuhörer konnte man sich der Musik von Swell sehr nahe fühlen. Man befand sich im gleichen Raum. Dieser Eindruck wurde durch die Aufnahmen mit einem Mikrofon, welches die Band einfach aus dem Fenster hing noch verstärkt. Ein Bus hielt vor der Tür, Leute stiegen aus und redeten, Autos fuhren vorbei und Swell begann zu spielen. Ich stellte mir vor in einer Ecke zu sitzen und zuzuhören.

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Eläkeläiset: In Humppa we trust – live

Tja lieber Leser, bei dem Bandnamen ahnt man es schon. Wieder einmal hat sich eine CD aus dem hohen Norden Europas in meinen CD-Player verirrt. Finnischer Humor in Musikform. Bildlich gesprochen: Man nehme einen Haufen wenig oder merkwürdig (Bärte, Cowboyhüte, etc.) gekleidete Finnen, stelle sie auf eine Bühne und lausche ihrere Interpretation moderner Pop- und Rockmusik. Eigentlich spielen sie nur Polka und singen Humppa. Andererseits sind es Songs von Queen, Oasis, Billy Idol, The Cure, The Cranberries, Jim Morrison und anderen. Schon die Auswahl der Musik zeigt daß die Jungs vor wenig zurückschrecken.

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Giuseppe Culicchia – Knapp daneben

Walter ist 21, hat sein Abitur in der Tasche und keine Ahnung, was er in der italienischen Gesellschaft verloren hat. Sicher ist nur, daß er weder den Militärdienst ableisten möchte, noch ein Lohnsklave bei Fiat werden will. Also verweigert er erst mal und schreibt sich in der Wartezeit an der Uni für ein paar Philosophiekurse ein. Zuhause geht ihm sein Vater auf die Nerven. Ständig von dumpfen Gameshows zugedröhnt schnautzt der Walter an, endlich etwas aus seinem Leben zu machen, beispielweise eine Karriere bei Fiat.

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Fred Konkret (1)

Nichts Neues von der Insel-Na und?!

Mangelnder Einfallsreichtum und Eigenbrödlertum- so wird die Musikkultur Großbritanniens in der deutschen Musikpresse oftmals stigmatisiert und kritisiert. Ist diese Art Allergie deutscher Rezensenten auf den englischen Musikmarkt die Folge amerikanischer Indoktrinierung während der Besatzungszeit? Ist dieses sich Wehren gegen den Einfluß der Popkultur schlechthin ein Unverständnis für eine Tradition weil man in Deutschland selbst keine große Pop-Tradition vorzuweisen hat? Fred Scholl geht dem Phänomen auf den Grund.

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Michel Birbæk – Was mich fertig macht ist nicht das LEBEN, sondern die Tage dazwischen

Tacheles ist Sänger in der Band MOM (Männer oder Mäuse, gibts wirklich!). Tacheles hat einige Probleme. Und das macht ihn sympathisch. Die Toureinnahmen reichen gerade mal aus, um die Kosten für Sprit, Verpflegung, Unterkunft, Strafzettel und Bier zu decken. Damit nicht genug wird sein Leben um einige Stufen komplizierter, als seine Ex wieder in der Stadt auftaucht. Diese ließ ihn vor einem Jahr sitzen. Nach einem gemeinsamen intensiven Sexnachmittag ist es wieder um Tacheles geschehen. Alle guten Vorsätze sind vergessen. Das Problem ist nur, daß er nicht genau weiß, ob sie ähnlich fühlt. Eigentlich war das schon immer die große Frage zwischen ihnen. Außerdem gibt es da noch Britta, seine beste Freundin, die ihn liebt.

Das Ganze wäre vielleicht noch zu ertragen, wenn Tacheles‘ Mitbewohnerin mit ihrer dezenten Nymphomanie ihn nicht zu Wahnsinn treiben würde. Oder eine alte Feindin der Bandkarriere ständig Steine in den Weg legte. Klingt nach Chaos, ist Chaos. Kurz, es muß sich etwas ändern. Aber dazu muß Tacheles erstmal herausfinden, warum ihn sein Vater früher immer mit zum Fischen nahm.

Der Roman ist wie ein gutes Rockstück geschrieben: schnell, hektisch, übertrieben, laut, voller Lebensgefühl, aber auch mit leisen nachdenklichen Zwischentönen. Im weitesten Sinn ist es die moderne Version von der Suche nach dem Gral. Ideal zu lesen, wenn man unterwegs ist oder an verregneten Sonntagnachmittagen.

Michel Birbæk
Was mich fertig macht ist nicht das LEBEN,
sondern die Tage dazwischen
Rütten und Loening 29,90 Deutschmark
ISBN 3-352-00531-1

Locust Fudge: Business Express

Und mal wieder eine neue Veröffentlichung der aktivsten Mitglieder in der ostwestfälischen Musikszene. Schneider/Uhe (Ostwestfalen) meets mal wieder Weilheim (Bayern). Erklärtes Ziel der Musiker ist es von den Früchten ihrer (musikalischen) Arbeit leben zu können (siehe auch die Interviews mit Sharon Stoned und Hip Young Things). Da man sich aber nicht beim Massenpublikum anbiedern möchte, muß halt ständig neues und überarbeitetes Material unter die kleine Fangemeinde gebracht werden.

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Boywonder: Deep Fried Peace

Man stelle sich vor: die Zeit nach Erscheinen der legendären „Ten“ von Pearl Jam. Anfang der 90er der große Boom des Sounds aus Seattle. In den folgenden Jahren entwickelten sich alle großen Protagonisten weg von diesem ursprünglichen, sehr markanten Sound in Richtung Standard Moderne Rockmusik der sicher auch sehr interessant und schön ist aber doch kaum vom Rest der Welt zu unterscheiden ist. Die aktuellen Scheiben der Pearl Jam, Soundgarden und wie sie alle heißen könnten auch von der Ostküste oder sogar aus Europa kommen.

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Paul Austers Stadt aus Glas

Mazzuccellis Bilder der Großstadt

Bei Stadt aus Glas handelt es sich um den ersten Teil der New York Trilogie, die hierzulande wie in den Staaten in nicht unwesentlichem Maß für Austers Reputation verantwortlich ist. Um Mißverständnissnen vorzubeugen: es handelt sich bei dieser Trilogie nicht um einen Roman in Fortsetzung sondern um drei Romane, die nur lose miteinander verbunden sind und auch für sich alleine Sinn ergeben. Tatsächlich erschien Stadt aus Glas mitte der Achtziger bei Hoffmann & Campe zunächst separat, noch ehe der letzte Teil der Trilogie im Original vorlag. Diese – wenig bekannte – erste Einführung Austers auf dem deutschen Buchmarkt war allerdings nicht von verkäuferischem Erfolg gekrönt, und so ist es schließlich dem Einsatz des Rowohlt Verlags zu verdanken, daß Paul Auster sich in Deutschland als einer der führenden amerikanischen Autoren etablieren konnte.

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Hans Platzgumer: Aura Anthropica

Hans Platzgumer – was für ein Name – da denkt man doch eher an die lustigen Volksmutanten, als an eine gelungene CD mit weitgehend elektronischem Material. Hans Platzgumer?? Moment … der Kenner erinnert sich – der Mann hinter H.P. Zinker! Aber was ist das jetzt? Wo sind die Gitarren? Sie sind nur noch spärlich zu finden, dafür schöne epische Piano-Läufe, coole Loops, ein „verlangsamter schwermütiger Ambient-Techno-Sound“ wie der Rolling Stone schreibt.

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Chuck Hogan – Hornissennest

Videotheken scheinen die rechten Startrampen für eine Karriere zu sein. Quentin Tarantino gelang von dort aus der Sprung in die erste Reihe der Kult-Regisseure und bei Chuck Hogan könnte sich eine ähnliche Entwicklung abzeichnen. Bis zur Annahme seines Manuskripts „The Standoff“ hat er auch seine Brötchen mit dem Verleih von Schmuddelfilmen verdient.

The Standoff, deutscher Titel „Hornissennest“ ist die Geschichte einer Belagerung in Montana, der Hochburg der Militia, Survivalists, Verschwörungsparanoiker, Separatisten und Waffennarren, kurz, allderjeniger, die sich von der niggerfreundlichen jüdisch durchsetzten linken Regierung im fernen Washington lossagen wollen.

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George A. Romeros „Night Of The Living Dead“

They’re coming to get you, Barbara!

George A. Romero kann als der Vater der Zombies angesehen werden, zumindest so wie wir sie heute kennen. Als er 1968 mit Freunden und Verwandten den Low-Budget Horrorfilm NIGHT OF THE LIVING DEAD drehte, wollte er etwas noch nie Dagewesenes schaffen. Das glückte!
Doch daß dieser Schwarz/Weiß Schocker noch lange Zeit Auswirkungen auf das Horrorgenre haben würde, konnte sich niemand der Beteiligten ausmalen. Zwar gab es vorher schon einige Filme, die sich dem Thema Untote annahmen (White Zombie, 1932 und I walked with a zombie, 1943), doch hier wurden uns nur entmenschlichte Körper gezeigt, die durch Voodoo-Zauber als willenlose Werkzeuge mißbraucht wurden.

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