Duffy – I love my friends

So kanns gehn: da ist man Frontman einer der zugkräftigsten Bands der 80er, aber schon wieder draußen, noch bevors richtig losgeht. Stephen Tin Tin Duffy war in der Pop-Geschichtsschreibung bislang kaum mehr als eine Fußnote in der Duran Duran-Story. Einzig 1985 konnte er auch mal selbst smashen mit einem Song namens „Kiss me“. Der traurige Verlauf einer typischen One-Hit-Wonder-Karriere? Mitnichten!

Zwar ward Duffy, der sich selbst als „kreatives Stehaufmännchen“ bezeichnet, seither nicht mehr in den Charts gesehen, aber von der Musik konnte er gottlob nie lassen.

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Forbidden City Cop

Dank der Komödien des asiatischen Kung Fu-Asses Jackie Chan ist uns Westlern bereits ansatzweise der Weg zum Verständnis des fernöstlichen Humors geebnet worden: Lustig sind demnach überdrehte Mimik und Action-Szenen, in denen es ordentlich kracht und scheppert. Wer sich nun die Hardcore-Packung kantonesischer Lachnummern geben möchte, schaut am besten in den Hong Kong-Fantasyfilm „Forbidden City Cop“ hinein, der in seiner Heimat als erfolgreichster Film des letzten Jahres gilt.

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Marylin Manson: Mechanimal Animals

Eins will ich gleich klarstellen: Das Image des Herrn Manson, die alberne Kostümierung, sein idiotisches Verhalten auf der Bühne und sein Drang zur Selbstzerstörung gehen mir gehörig auf die Nüsse. Seit ein paar Wochen habe ich eigentlich die Nase gestrichen voll von dem Manson-Trubel. Ob es nun die einschlägigen Musikmagazine waren, oder die bekannten Musiksender, überall sein Gesicht und sein Gelaber. Das nervte! Tja, und dann kam dieses Album in meine Hütte geschneit.

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Frl. Katjas Nähkästchen, Folge 3

Dem Himmel sei dank, ich bin eine Erstgeborene. Für Erstgeborene ist die ganze Welt ein Abenteuerland, denn sie haben keine älteren Geschwister, die sie ihnen erklären. So können sie entdecken und immerzu entdecken und dabei viele kuriose Erfahrungen machen: lots of stuff, mit dem sich später Kolumnen füllen lassen. Man sieht: es ist nicht unwichtig, an welcher Stelle man in der Geschwisterchronologie steht. Langjährige Forschungen ergaben, daß Rebellen und Rädelsführer (Che Guevara und Konsorten) meist jüngere Geschwister sind, die sich gegen alles, aber auch einfach alles auflehnen. Anders werden sie nämlich nicht beachtet, denn die angesehenste, verantwortungsvollste Position haben ja schon die Erstgeborenen inne. Die sind in der Regel damit beschäftigt, jüngeren Geschwistern Vorschriften zu machen und die Delegationswünsche der Eltern zu erfüllen. Viele von ihnen werden Kolumnisten. In der Tat ist es Zeit für eine empirische Untersuchung, die klärt, wieviele aller Kolumnisten Erstgeborene sind. Ich wette, eine ganze Menge. Gott schütze uns Erstgeborene.

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Sophia: The Infinite Circle

Meisterwerke sollen sicherlich ebensowenig vor dem Abend gelobt werden wie alles andere, das Gefallen weckt und ohne weiteres Begeisterung hervorruft. Daß Robin Proper-Sheppard Mist fabriziert, hätte ich als Fan seiner songschreiberischen Künste sowieso nicht für möglich gehalten. Schon zu The God Machine-Zeiten erwies sich seine Stimme und sein Gitarrenspiel als perfektes Auffangbecken negativer Emotionen, in denen sich der Hörer bis zum Weinkrampf ertränken konnte.

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The Tragically Hip: Phantom Power

In letzter Zeit verleihe ich gerne Auszeichnungen: hierfür gibt´s zumindest ein silbernes Sportabzeichen. Spröder Schrammel-Rock mit klagender Eddie-Ich-trag-das-ganze-Leid-der-Welt-auf-meinen-Schultern-Vedder-Stimme. Ein bißchen versponnen, ein bißchen versunken: eine CD für kontemplative Stunden, wenn die Tanke zu hat, der Fluppenautomat klemmt oder die Nudeln verkocht sind.

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Jack: The Jazz Age

Nur ein Gedankenspiel: man stelle sich mal vor, die Smiths zögen in den Buckingham Palace ein – die wären sicher die längste Zeit in labbrigen Jackets und Flanellhemden rumgelaufen! Fortan trügen sie nur noch Zobel, feinsten Damast und Brüsseler Spitze, ihre goldenen Schnabelschuhe hätten diamantbesetzte Bommel, und statt Zwieback im Stehen gäbs goldbestäubte Ham and Eggs, serviert von livrierten Dienern… So ungefähr, nämlich wie eine Independent-Combo mit königlichem Habitus, klingen Jack auf ihrem Zweitling „The Jazz Age“. Cineasten würden sagen: „Großes Kino“ – wie aber nennt man ein opulentes Gitarren-plus-Streicher-Meisterwerk der Popmusik? Egal, dieses Album ist eines von denen, für die man ruhig mal einen Flieger stehenlassen oder die eigene Hochzeit verpassen kann: really gorgious, simply irresistible!!!

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Calexico: The Black Light

Arriba, arriba, arriba! Jetzt ruf ich ungefähr zum dritten Mal in diesem Jahr DIE Platte des Sommers aus (aber das merkt bis auf meinen Chefredakteur bestimmt sowieso keiner…).

Der Name läßt vermuten, daß wir uns im Dunstkreis der Estados Unidos Mexicanos bewegen. Sollte man meinen, aber schwer gefehlt! Calexico ist ein Kaff in Kalifornien, hinter dem Projekt stecken zwei Typen der US-Indie-Combo Giant Sand (John Convertino und Joey Burns), und die CD wurde in Tuscon/Arizona eingespielt!!! Aber wer Tacos und Sombrero schon griffbereit hat, braucht sich nicht zu grämen: hier gibt´s fast eine Stunde Tex-Mex vom Feinsten!!! Ich bin sowieso total süchtig nach dem Zeug und meistens so ausgehungert nach Latino-Sound, daß ich sogar Gloria Estefan mit Kußhand nehm. Die Ankunft von Calexico ist da wie Weihnachten und Geburtstag zusammen. Allein die Auflistung der Instrumente liest sich wie ein Wunschzettel: schmetternde Mariachi-Trompeten, scheppernde Banjos, Rumbahölzchen, Pedal steel guitars, Marimba- und Vibraphon, Glockenspiel, Rasseln, Akkordeon, Geigen und Thunder drums. Also, wenn einem da nicht schon das Wasser im Munde zusammenläuft oder so ähnlich…

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Frl. Katjas Nähkästchen, Folge 2

In meiner letzten Kolumne erwähnte ich Franz Lambert. Viele werden ihn kennen, nur wenige werden dies aber auch zugeben. Mich verbindet eine ganz eigenartige Beziehung zu dem Hammondorgelman, denn ich stamme aus dem gleichen Raum wie Franz Lambert, und ich erinnere mich noch gut an meine Grundschulzeit, als viele Mitschülerinnen und Mitschüler, deren Familien zu arm für ein Klavier waren, Keyboard-Unterricht nahmen. Und das taten sie „beim Franz“. Es dauerte lange, bis ich begriff, dass dies der Vorname ihres Lehrers war, denn ich selbst wär natürlich nie auf den Gedanken gekommen, meine Klavierlehrerin zu duzen! Ich war überhaupt die einzige, die den großen Franz Lambert, seinerzeit am Beginn seiner Karriere, nicht kannte. Meine Klassenkameraden guckten mich dann immer groß an und murmelten etwas von „Platten“ und „im Fernsehen“. Heute weiß ich, daß die Eltern von Franz Lambert ein Restaurant im selben Ort betreiben, in dem meine Mutter arbeitet. Meine Mutter arbeitet übrigens in einer Psychiatrie.

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Gérard Herzhaft: Enzyklopädie des Blues

Zugegeben, ein aktuelles Lexikon zum nicht totzukriegenden Phänomen „Blues“ war längst überfällig. Vor allem in deutscher Sprache gab es außer Dieter Molls „Buch des Blues“ kein brauchbares, zudem noch lieferbares Nachschlagewerk. Dieses Manko will nun diese „Enzyklopädie“ (ein anspruchsvoller Begriff!) beheben. Und will man den Presse-Besprechungen der letzten Wochen und Monate folgen, so scheint sie diesen Anspruch auch voll einzulösen. Ich hege allerdings nach der punktuellen Lektüre so meine Zweifel.
In der Tat ist der französische Publizist und Musikologe ein wahrer Kenner der Materie: Er beschäftigt sich seit drei Jahrzehnten mit dem Blues und seinen Exponenten und recherchierte auch „vor Ort“, sprich in den USA.

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Autechre: lp5

Individualität um (fast) jeden Preis. Oder auch eigene feine Welt. Die dann aber perfekt. Autechre basteln auch mit ihrem fünften Album weiter an ihrer Definition von sich selbst. Die Art, wie hier mit mittlerweile Autechre-typischen Sounds immer wieder neu verfahren und manipuliert wird klingt auch immer wieder erfrischend. Sounds, die sich auf nichts anderes als auf sich selbst immer wieder neu beziehen (again and again), sich immer wieder in Gespinsten aus polyrhythmischen Beats verfangen und sich doch immer wieder neu zusammen finden.

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Boom Boom Satellites: 7 Ignitions/Auto Re-birth

Boom Boom Satellites und Big Beats. Zwei Dinge, die die Welt nicht braucht, eigentlich. Ist aber doch ganz nett.
Wobei „nett“ aber eigentlich das schlimmste Urteil ist, das Musik in der Bewertung passieren kann. Big Beats sind aber günstigsten Falls nun mal „nett“. Klar, man kann damit erwiesener Maßen Geld verdienen (s. Prodigy, Propellerheads oder jetzt ganz heiß: Fatboy Slim). Aber jetzt mal unter uns: Welchen Sinn soll es denn auf die Dauer machen mehr oder weniger hysterisch durch die Weltgeschichte sampelnd durch die Charts zu ziehen und einen auf stylish Punkrocker zu machen. Mehr als eine Liga mit dem Cordalis Project kann dabei nicht herausspringen. Macht euch lieber aus Samples eigene Sounds. Erschafft eigene Welten! Dann könnt ihr wirklich groß rauskommen, wenn’s denn darauf ankommt. Der Appell gilt natürlich auch für die Boom Boom Satellites, denn auch den beiden Japanern ist es nicht gelungen dem Ganzen mal richtigen Drive zu geben.

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Die Aeronauten – Honolulu

Wenn die Aeronauten ins Studio geh´n, schütteln alle Bandmitglieder wahrscheinlich nur mal kurz die Ärmel, und das war´s. Richtiger Low-Fi-Sound muß eben klingen wie ein Schuß aus der Hüfte. Jedenfalls wirken Aeronauten-Werke immer, als wären sie grad im Vorbeigehen eingespielt. Aber das ist mit Sicherheit nicht der Fall, denn aus zahlreichen Interviews mit Eiskunstläufern und Zirkusclowns weiß man ja, daß gerade „die einfachen Sachen“ die schwersten sind!

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