Seien wir ehrlich: Der deutsche Krimi dümpelt vor sich hin. Kein Weltniveau nirgends. Auch keine Hoffnung? Doch! Wie immer müssen die Saarländer Deutschlands Ehre retten. Sie schicken Politiker von globalem Format hinaus in die Welt (Oskar), gewinnen den Grand Prix de la Chanson (Nicole) und sorgen für tägliche Krimikultur (dpr). Bald auch in puncto Krimi-Anthologien.
Was bisher geschah: Deutschlands Krimielite ist verschwunden. Katastrophenalarm. Was steckt dahinter? Wirklich nur die merkwürdige Liste, die man beim toten Krimisuperblogger gefunden hat? Und wieso ist ausgerechnet Anne Chaplet der Schlüssel zu allem? Wie kommt Wickius auf diese Idee? Jedenfalls: Der Mann muss jetzt sein stilles Kämmerlein verlassen und endlich mal in die Puschen kommen. Die Chaplet und andere halten sich auf einer mysteriösen „künstlichen Insel“ in der Südsee auf, da bleibt auch Wickius nichts anderes übrig, als in die Verne zu schweifen. Die Beller muss daheim bleiben. Ihre Kreditkarte reist wenigstens mit Wickius in die Südsee.
Endlich sank Wickius in die weiche Polsterung seines Sitzes der Economy Class. Er schwitzte, er stöhnte. Flug 393 von Pacific Peace Airlines nach Kattupippi, Hauptstadt des winzigen Südseeatolls Kannipippi konnte beginnen. Wickius schloss die Augen. Er versuchte die Erinnerung an jene peinliche Situation in der Abfertigungshalle zu vergessen, als die Beller, laut „Ich will auch in die Südsee! Ich LIEBE die Südsee!“ jammernd, ihr linkes Handgelenk und Wickiussens rechten Fuß vermittels Handschellen verbunden hatte. Er musste sie, bäuchlings auf dem Boden liegend, ein gutes Stück hinter sich her schleifen, eine greinende Frau im Bikini, bis schließlich zwei Männer des Sicherheitsdienstes die Fessel mit einem Bolzenschneider durchtrennt und die Beller abgeführt hatten. Wickius war nicht in der Stimmung gewesen, ihr zu gestehen, das Flugticket mit ihrer Kreditkarte bezahlt zu haben. Das würde sie noch früh genug bemerken.
„Pardon“, riss eine süße Stimme den hinter seinen Augenlidern phantasierenden Wickius aus der Kontemplation. Er drehte sich zu der Stimme hin und öffnete die Augen. Was er sah, nahm ihm den Atem. Eine Frau, so schön und geheimnisvoll wie jene Weltgegend, der sie gleich gemeinsam entgegenfliegen würden. Langes schwarzes Haar, große dunkle Augen, Diamanten eigentlich. Ihr vollendeter Körper steckte in einem lachsfarbenen Kostüm von Popo Flanell, die zierlichen Füße in glänzenden High Heels – ein Assessoire, das Wickius mehr erregte als fünf Jahrgänge des Playboy zusammen.
„Fliegen Sie auch nach Kattupippi?“ begann er mit vibrierender Stimme die Konversation. Sie nickte graziös.
„Ich besuche dort Verwandte“, antwortete sie, und jetzt nickte Wickius. Natürlich. Dieser Teint. Diese Exotik.
Als hätte sie die Gedanken des Kommissars erraten, fuhr sie fort: „Meine Mutter ist Kannipippianerin, mein Vater Deutscher. Sie haben sich in Brunsbüttel kennengelernt, wo meine Mutter als Aupair-Mädchen arbeitete. Ich heiße übrigens Claudine Schrunz. Und Sie?“
20 Stunden später – Flug 393 von Pacific Peace Airlines setzte soeben zur Landung auf dem winzigen Flughafen des winzigen Atolls an – waren sie per Du. Wickius hatte die ganze Zeit geredet, er, der sonst eher wortkarg war. Von seiner Vergangenheit, von jenem merkwürdigen Fall, der die deutsche Krimikultur in ihren Grundfesten erschütterte, auch von Blogger Menke, der vorgestern überstürzt in die Südsee geflogen war und dem Wickius den Triumph, das Mysterium der künstlichen Insel mitten im großen Ozean zu entschleiern, nicht gönnte.
„Obwohl die Gefahr, dass Menke ir-gend-et-was rauskriegt, gegen Null tendiert. Aber die Sache mit den größten Kartoffeln gilt auch für die Südsee.“
Auf dem Flughafenparkplatz verabschiedeten sie sich. Die Sonne stand hoch über Kattupippi, nur vereinzelt flanierten Touristen durch die pittoreske Kleinstadt, während die Einheimischen ihre Siesta zu halten schienen. Claudine hatte das „Kattupippi Inn“ empfohlen, „sauber und gutbürgerliche Südseeküche“, jetzt drückte sie Wickius einen flüchtigen Kuss auf die Wange, der den Besitzer dieses beneidenswerten Körperteils vor Wonne zu zerreißen drohte.
„Wir sehen uns wieder, Horatio“, flüsterte sie und stieg in ein Taxi. Wickius sah ihr grübelnd nach und winkte sich dann selbst ein Fahrzeug.
Es war keine Zeit zu verlieren. Wickius bezog sein – wirklich sehr sauberes – Zimmer und lief sogleich zum nahen Hafen, wo kleine Boote und etwas größere Jachten auf den Wellen des großen Meeres schaukelten. Er suchte nichts Spezielles. Betrachtete die Schiffe, bummelte wie ein Tourist über den Pier. Dann sah er sie. Die „Californian Dream“. Sie machte keinen vertrauenswürdigen Eindruck, doch ein Schild am Bug versprach „Individuelle Touren, wo immer Sie auch hinwollen“, und das überzeugte Wickius. Er balancierte über den schmalen hölzernen Steg an Bord und rief „Hallo?“
Ein dicker Chinese entstieg dem Inneren des Bootes. „Mister?“ fragte er abwartend.
„Ihr Boot ist zu mieten?“
Der dicke Chinese nickte. Wickius kramte den Zettel mit den Koordinaten der künstlichen Insel aus seiner Hosentasche und hielt ihn dem Chinesen hin. Der studierte die Zahlen, lächelte und pfiff durch die Zähne.
„Ich will nicht der einzige legitime Nachfahre des Kaisers von China sein, wenn das ein Zufall ist!“ lachte er dann und rief Richtung Kabine:
„Eh, komm mal rauf! Wir haben Kundschaft!“
Ein sehr schmaler Weißer kam auf diese Anforderung an Deck geklettert, nahm dem Chinesen das Stück Papier aus der Hand, las die Koordinaten und nickte ganz langsam, während er Wickius aufmerksam zu mustern begann.
„Und ich will nicht impotent sein, wenn wir diese Fahrt nicht erst gestern unternommen haben. Mit einem Deutschen. Sind Sie auch Deutscher?“
Wickius nickte beklommen. Er konnte sich schon vorstellen, wer dieser Deutsche gewesen war.
Der Chinese stellte das Lachen ein und wurde geschäftsmäßig.
„Tausend US-Dollar. Und eine Warnung, mein Freund: Die Bewohner der künstlichen Insel sehen es nicht gerne, wenn ungebetener Besuch kommt. Und an dem scheint es in letzter Zeit nicht gemangelt zu haben.“
„Woher wissen Sie das?“, fragte Wickius interessiert.
Nun lachte der Chinese wieder.
„Wir sehen das. An den Haien. Wenn sich ganze Schwärme von weißen Haien um eine solche Plattform aufhalten, ist das ein untrügliches Indiz dafür, dass es dort ausreichend zu fressen gibt. Und außerdem…“ Er schielte zum dünnen Mann, der ebenfalls lachte und den Faden aufnahm –
„…und außerdem treiben rund um die künstliche Insel gewisse…äh…Körperteile, die von den Haien verschmäht werden. Sind halt Feinschmecker. Schweißfüße mögen sie nicht.“
Wickius schluckte. Doch es gab kein Zurück.
Bis zur Abfahrt der „Californian Dream“ – „Wir bevorzugen die Dunkelheit“, hatte der Chinese gesagt und Wickius ihm beigepflichtet – erkundete der Kommissar die Stadt. Sie war langweilig. Südseetypen in Hawaii-Hemden lungerten an Straßenecken und pfiffen übergewichtigen Südseemädchen, mit Blumenketten behängt, nach, die Hulahula-tanzend um Touristen scharwenzelten. Eine üble Bretterbude offerierte „Rüdiger’s famous sausages“, Untertitel: „The very best Frankfurters outside of Wiesbaden“, doch Wickius entschied sich für ein Fischbrötchen in der auch hier nicht fehlen dürfenden NORDSEE-Filiale.
Es war mit einem Schlag dunkel geworden. Seit einer Stunde fuhr die „Californian Dream“ auf dem großen Meer, der Chinese, eine dicke Zigarre im Mundwinkel, am Steuer, stumm, nur manchmal traf sich sein Blick mit dem des Dünnen, und Wickius schien es, als würden sie sich köstlich amüsieren. Angst hatte er keine. In seinem Umhängebeutel ruhte Vaters alter Wehrmachtsrevolver, „Stalingrad-proofed“, und außerdem wusste er längst, wer die beiden Schiffseigner waren. Keine harmlosen Burschen, das beileibe nicht, aber doch irgendwie zu den „Guten“ gehörend. Meine Leser, dachte Wickius, verbittert, wären hier mal wieder überfordert.
Der Dünne, der die ganze Zeit mit gekreuzten Beinen auf dem Kajütendach gesessen und über die ruhige See gestarrt hatte, sprang nun an Deck und ließ sich neben Wickius nieder.
„Mister“, flüsterte er, „mich geht das alles ja nichts an…aber sollten wir nicht umkehren? Sie kriegen auch 500 von Ihren 1000 zurück, Ehrensache.“
Bestimmt schüttelte Wickius den Kopf.
„Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. Täte er es nicht, wäre er ja eine Frau.“
Der Dünne zog nachdenklich an seiner Selbstgedrehten.
„Yeah, das ist ein weises Wort. Aber die Insel bringt Unglück. Nur ein Schiff ist dort willkommen, die „Cindy Cat“, ganz neu im Hafen, keiner weiß, wem sie gehört. Dreimal die Woche schafft sie komische Leute rüber. SEHR komische Leute. Viele rothaarige Frauen dabei und bleiche, ausgezehrte Typen.“
„Interessant.“
„Yeah. Sollen wir Sie wieder abholen? Den anderen Deutschen nehmen wir in zwei Tagen auf – wenn er rechtzeitig am Treffpunkt erscheint.“
Der Dünne lachte und hustete.
„Natürlich“, bestätigte Wickius. „Ich werde in zwei Tagen ebenfalls dort sein.“
„Yeah. Macht noch mal 1000. Im Voraus, Sie verstehen.“
Wickius verstand. Er zahlte, und der Dünne stand auf, verschwand unter Deck. Wickius sah hinaus aufs Meer, die glitzernde Unendlichkeit. Die Stimme des Chinesen riss ihn aus seinen Betrachtungen.
„Da vorne. Sehen Sie?“
Wickius sah. Etwas sehr Dunkles, Flaches, sah gar nicht wie eine Bohrinsel aus. Und Palmen wuchsen darauf.
„Und wo ist die künstliche Insel?“
„Das IST die künstliche Insel“, lachte der Chinese. „Sie sieht nur nicht wie eine aus. 800 Meter lang, 230 Meter breit. Wir werden eine Bucht ansteuern, die offenbar nicht vom elektronischen Überwachungssystem erfasst wird. Dort nehmen wir Sie in zwei Tagen – in GENAU zwei Tagen – auch wieder auf. Halten Sie sich bereit. Die letzten fünfzig Meter bis zum Strand müssen Sie durchs Wasser. Aber es ist nicht tief. Keine Haie. Jedenfalls keine, die uns namentlich bekannt wären.“
Er lachte und hustete abermals. Wickius tastete nach der Waffe in seinem Beutel und stand auf. Die Insel kam näher. Kälte ging von ihr aus, Eiseskälte. Mitten in der Südsee.
Er ist ein kleiner Beamter, eher bieder als extravagant, er hat Mitgefühl mit den Zukurzgekommenen, entwickelt väterliche Gefühle, kann aber auch mächtig mit der Faust auf den Tisch hauen. Er ist verheiratet, hat eine Tochter, raucht Zigarillos. „Innere Dämonen“ hat er wohl nicht; vielleicht den, dass ihn einst eine „Bankenaffaire“ um die Karriere gebracht hat?
„50.000 Watts of Power und die Möglichkeit Nein zu sagen, ohne sich umzubringen“ – Die seit 1992 als Shellac aktiven Vorzeige-Hobby-Noiserock-Minimalisten aus Chicago/Illinois mit Vorliebe für Vinyl und Verweigerung gegenüber den Mechanismen der Musikindustrie bitten zum „Heimwerker-Meisterkurs“ auf die Baustelle – so der primäre Eindruck, wenn man die Klänge eines Shellac-Albums vernimmt. Man wähnt sich gerade zu inmitten einer überaus fleißigen Ansammlung von Handwerkern und Baustellenarbeitern, die mit ihren Werkzeugen und Maschinen hantieren – sprich kräftig sägen, (pressluft)hämmern, klopfen, bohren, sich lautstark zurufen und wie entfesselt sonstigen (Grob)Arbeiten nachgehen. Das nach 7 Jahren Albumpause veröffentlichte Werk „Excellent Italian Greyhound“ – benannt nach dem Hund des Schlagzeugers – macht da wieder mal keine Ausnahme. Einziger Unterschied zu den vorherigen 3 Alben ist, dass deren – beim Vorgängeralbum etwas unentschlossen wirkende – rohe sowie zupackende Monotonie und Direktheit etwas mehr Raum lässt zugunsten eines vielfältigeren Sounds.
Breslau 1919. Aha: wieder ein historischer Krimi. Das Trauma des Ersten Weltkriegs, Revolution, Freikorps, Barrikaden, Verelendung der Massen – und am Horizont winkt schon der Gefreite mit dem Chaplin-Bärtchen. Typische Fleißarbeit, denkt man. Da hat jemand ein paar Geschichtsbücher exzerpiert und strickt nun „Krimi“ drumrum. Falsch. Marek Krajewski arbeitet anders. Und viel besser.
Hurra! Der „Deutsche Krimi Preis“ hat endlich eine vernünftige Webseite! Und eine Rubrik „Die besten Krimilinks“! Und das Beste daran: Ludger Menke ist nicht dabei! Hurra, hurra, hurra!
Geübte LeserInnen von Kriminalromanen kennen das Spielchen. Geht es nicht um das Werwars, dann wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit „psychologisch“. Oder, getreu der Hoffnung, Krimis als Aufklärungsflugzeuge über der Topografie der Wirklichkeit segeln zu lassen: gesellschaftskritisch. An Iain McDowalls aktuellem Roman „Zwei Tote im Fluss“ wollen wir uns anschauen, wie sich das „Spannungsverhältnis“ dieser einzelnen Schulen des suspense mustergültig aufbaut.
Nein, nein, nicht „wir“, aber Anne Chaplet, die sich in ihrem →Tagebuch Gedanken über den kürzlich an dieser Stelle geforderten Tod des Ermittlers macht. Durchaus bemerkenswerte, wie man sagen kann, und die Antwort gibt es natürlich auch. Nicht morgen, nicht übermorgen, aber am Freitag. Das wollten wir nur einmal festgehalten haben.
Wie sehr kann ein Ereignis wie die Zerstörung der Twin-Towers am 11.09.2001 einzelne Menschen oder die gesamte Gesellschaft aus der Bahn werfen ? „The Zero“ von Jess Walter beschreibt ihn … den privaten wie den gesellschaftlichen „Wahnsinn“. Beides wird festgemacht an Brian Remy, Polizist und seit dem Ereignis als Held geltend. Denn als es zum Einsturz eines Gebäudes kam, waren er und sein Kollege so nahe dran, dass sie von der Staublawine weggepustet und teilweise verschüttet wurden. Beide überlebten körperlich unversehrt. Sein Kollege versucht seitdem, seinen Schock in einem ewigen Redeschwall zu ertränken und nutzt seinen plötzlichen „Ruhm“, um in einem kleinen Werbefilm für Müsli aufzutreten. Remy dagegen … Es beginnt damit, dass er am Schreibtisch mit einer Schussverletzung am Hals „aufwacht“, seine Pistole vor sich liegend. Offensichtlich hat er versucht sich zu erschießen … Wirklich ? Er weiß von nichts.
Nun, nicht dass zwei Seelen in seiner Brust schlügen, aber es scheint fast so, als wenn zwei nicht kompatible Betriebssysteme auf ein Computersystem zugriffen. An einen großen Teil seiner Zeit, an seine Handlungen, seine Gedanken, seine Beobachtungen kann er sich nicht erinnern. Soweit er nachvollziehen kann, „funktioniert“ er in diesen Zeiten, er scheint sogar etwas skupelloser, moralisch wagemutiger zu sein als sonst.
Eigentlich sollte es ja anderen auch auffallen, wenn er nicht mehr weiß, was er mit ihnen erlebt und was sie ihm erzählt hatten. Ist es aber nicht; sie halten ihn für witzig oder sein Verhalten für eine Masche im Verhör. Selbst als er bekennt, dass er sich verliere und nicht mehr zurecht komme… hören sie ihm nicht zu.
Man wundert sich: Remy arbeitet … und er erzielt auch Fortschritte. In einem Überlandbus wird eine Karte mit einem Speiserezept gefunden. Ein Opfer der Anschläge, so folgern die Geheimdienste daraus, muss überlebt und zuvor gar eine Warnung erhalten haben. Diese Person und ihre Informanten gilt es ausfindig zu machen. Eine geheimnisvolle Aktion, bei der sich die Sicherheitsdienste selber im Weg stehen und gegenseitig Konkurrenz machen, setzt an. Die ganze Psychopathologie der Geheimdienste wird im Weiteren offenbar. Zu gerne würde der Schreiber dieser Zeilen davon erzählen, doch das hieße zuviel vom Buch zu verraten.
In der Rückschau erkennt man, dass man „Citizen Vince“, das Buch mit dem Walter 2006 den Edgar gewann, als Vorbereitung verstehen kann. Dort hatte jemand die Handhabung seines schriftstellerisches Werkzeugs (auf höchstem Niveau) geübt. „The Zero“ ist nicht, wie Rozans „Absent Friends“ [welches, nebenbei gesagt, kläglich im eigenen Pathos ersäuft], nur ein Buch über die Ereignisse des 9. September, sondern es definiert diese Ereignisse als Nullpunkt, von dem aus die Geschichte der USA neu zu schreiben ist.
“Zero. The absence of all magnitude or quantity. A person or a thing with no discernible qualities or even existence. The point of departure in a reckoning. Zero hour – that sort of thing. A state or a thing of total absence.[…]”
“It’s an Arab word,” the man continued. ”Zero. From the word sifr. Means empty, like cipher. The world had no concept of zero, of nothingness, until we brought it west. Of course, we stole it from the Hindus. But it never occurred in the West that there could be a number before one.” He scoffed. “Civilization. They couldn’t even get their minds around the concept of emptiness, of infinity, the circle completing itself. If you can’t count nothing, you can’t conceive of everything. Without zero, you can’t comprehend negative numbers. So you can’t see infinity. There’s no sense to the universe. No negative to balance the positive, no axis on which to turn, no evil to balance the good. Without zero, every systems eventually breaks down.”
„The Zero“ ist ein zutiefst witziges, ja zuweilen lustiges Buch, das voll ist mit überdrehter Satire. Die Situation Remys bietet genug Gelegenheit hierzu. Sie schafft aber auch den Raum, den es braucht „The Zero“ zu einem bewegendem Buch zu machen. So verkündet sein Sohn, dass Remy tot sei, schließlich hätte er es sein können und wie, so sagt der Sohn, soll er selber bei der ganzen falschen Emotion im Lande, sonst ein echtes Gefühl der Trauer entwickeln.
Wer sich nach dem ersten Viertel des Buches noch nicht von der Vorstellung verabschiedet hat, hier ein Buch im Thrillerformat vorzufinden, wird von seinem letzten Viertel enttäuscht sein. Wer jedoch nach „ City of Tiny Lights“ ein weiteres wunderbares, tiefsinnig wie kluges, literarisch allemal überzeugendes, nicht moralisierende Buch über die Folgen lesen will, die der Terrorkampf für die westlichen Gesellschaften mit sich bringen kann, ist hier gerade richtig.
Jess Walter: The Zero. Harper Perennial 2 007. 368 Seiten. 11,95 € (noch keine deutsche Übersetzung)
Redaktionsmitglied Bernd hat es geschafft! Jahrelang musste er vom kärglichen wtd-Gehalt seine vielköpfige Familie ernähren, jetzt wagt er endlich den Sprung in die Scheinselbstständigkeit: →„Krimileser“ heißt seine Blog-Neugründung, mit der er in Zukunft über englischsprachige Kriminalliteratur informieren wird. Ohne dabei der Wurzel aller Krimikultur im Internet untreu zu werden. Denn wtd-Mitglied bleibt Bernd natürlich! Wir wünschen dem Kollegen viel Erfolg!
Was bisher geschah: Deutschland in Panik. Seine KrimiautorInnen machen die Biege und verschwinden in die entlegendsten Winkel der Welt. Und warum? Weil ein Krimiblogger und ein schwuler Friseur ermordet, eine drittklassige Krimiautorin gesichts- und haarmäßig beschädigt wurden. Und Wickius, der sein Päckchen namens Anne Beller zu tragen hat, tappt im Dunkeln. – Tappt er dort wirklich? Oder weiß er mehr, als er aus Spannungsgründen preisgibt?
Janz Berlin is eene…nein, nicht Polizeidirektion, aber es gibt sie natürlich, die historischen Stätten der Verbrechensbekämpfung mit ihrer wechselvollen Geschichte. Und wo Verbrechen und Geschichte sich so innig verschwistern, da ist Pieke Biermann nicht weit. Diesmal unterwegs mit EPHK Dieter Bigalk, dem “Fossil” der Friesenstraße. Wie immer in der Reihe „MENSCHEN-ORTE-KRIMINALITÄT“ im RBBinfoRADIO 93,1 am 21. Juli 2007 um 11:45 Uhr. Wiederholt wird um 16:45 Uhr und in der folgenden Nacht um 0:45 und 5:45 Uhr. Oder man hört sich die Sendung als Podcast an, wozu obiges Rundfunkgerät anzuklicken ist.
Sich während einer Hitzewelle in ein öffentliches Freibad zu begeben, ist empfehlenswert. Man packe genügend Sonnencreme in die Sporttasche – und natürlich ein paar wirklich hitzetaugliche Krimis. Leichte Kost, gemischter Salat sozusagen, reine Naturprodukte. Wenn man dann des Studierens der vorbeiflanierenden neuesten Bikinimode überdrüssig ist (vielleicht nur, weil die Trägerinnen dieses an sich lobenswerten Kleidungsstücks aus dem besten Bikinialter längst heraus sind), widme man sich der Lektüre – zum Amüsement oder: zum Einschlafen.
Sie wird kommen: die nächste Hitzewelle. Und was macht man dann im Schatten der alten Eiche im Garten? „Alle Existentialismusstellen bei Kafka raussuchen“, „Die Nachbarin zum Gutkirschenessen einladen“ oder „Mit dem Luftgewehr auf Amseln schießen“ sind nicht tagesfüllend. Also Krimis lesen. Krimis, die einfach nur Krimis sind, solide, ohne wirkliche Überraschungen, nichts weit und breit, was das Kleinhirn über Gebühr strapaziert.
In den Annalen der deutschsprachigen Kriminalliteratur nach dem 2. Weltkrieg sucht man den Namen Christian Freyhofer vergebens. Lebens- und Werkspuren hat er öffentlich nicht hinterlassen, ein einziger Roman (der auch vom NDR verfilmt wurde) findet sich bisweilen in den Listen der Antiquariate, den Wühlkisten der Flohmärkte: „Das dunkle Spiel“.
Doch, doch, dieser Robert Kohlrausch (1850-1934) war schon einer der besseren Autoren des kriminellen frühen 20. Jahrhunderts. Gut also, dass er jetzt mit zweien seiner Werke („Das Gespenst von Amalfi“, 1915 und „Xaver Stielers Tod“, 1923) in der →„Criminalbibliothek des 19. und frühen 20. Jahrhunderts“ vertreten ist. Und wir bleiben dran.
„36, Yalta Boulevard“ (Titel der britischen Ausgabe: „The Vienna Assignment“) ist das dritte Buch einer fünfteiligen Serie, die ihren Anfang im Bukarest der 40er Jahre nahm. Rumänien, Unterdrückung durch das kommunistische Regime … die Bücher atmen den Geist von Spionagekrimis. Dennoch, die ersten beiden Bücher waren doch eher „police procedurals“ , die ihren besonderen Reiz daraus zogen, dass sie in einem repressiven Staat spielten, in dem auch Polizisten jederzeit Opfer von Willkürmaßnahmen werden konnten. Immer mit dabei, immer dezent im Hintergrund und von allen gefürchtet war Brano Sev, Mitarbeiter der geheimen Staatssicherheit, dessen Schreibtisch im Großraumbüro der Kriminalpolizei untergebracht war. Doch die Winde wechseln schnell – wer wüsste das besser als Brano Sev. Plötzlich ist er es, auf den sich die Aufmerksamkeit seiner Kollegen richtet. Als er 1966 zurück von einem Einsatz aus Wien kommt, wird ihm die Sabotage einer dort schiefgegangenen Aktion vorgeworfen. Er landet erst im Keller der Geheimdienstzentrale ( eben in jenem Yalta Boulevard) und später, mit sehr viel Glück, am Fliessband einer Fabrik.
Er erhält eine zweite Chance und soll einen Dissidenten observieren. Und erneut wird versucht, ihm ein Vergehen in die Schuhe zu schieben, so dass ihm nichts anderes übrig bleibt, als gemeinsam mit dem Observierten die Flucht nach Wien anzutreten. Dort angekommen, weiß Sev erst nicht recht, was er tun soll. Aber er ahnt, dass dort noch eine Aufgabe zu erledigen ist. Der österreichische Geheimdienst beschattet ihn, eine amerikanische Privatorganisation zur Befreiung Osteuropas taucht auf und er selber meint den geheimnisvollen Maulwurf im rumänischen Geheimdienst mit dem Namen Gavrilov ausfindig machen zu müssen.
Es ist für Sev eine unsichere Zeit in Wien, nicht nur dass er, der erfahrene Geheimdienstler, Schwierigkeiten hat, zu deuten, was da von ihm erwartet wird und wie er sich zu verhalten hat, nein, auch sein Herz meldet sich plötzlich zu Wort und versucht ihn davon zu überzeugen, dass ein ruhiges beschauliches Leben in Kärnten den unsicheren Zeiten vorzuziehen sei.
Die bisherigen Bücher Steinhauers sind nicht nur atmosphärisch dichte Krimis, welche auch das Seelenleben ihrer Helden ausloten, sondern auch immer Krimis zum Miträtseln. In „36, Yalta Boulevard“ sind die Schlüsse die Sev zieht, wenn er denn aus seiner Selbstbezogenheit auftaucht, jedoch so rasant und blitzschnell, dass ein Mitraten nicht wirklich möglich ist. Aber darauf, so scheint es mir, kommt es nicht an. Der tiefe Blick in das Seelenleben einer Person, welches sich auf einmal ganz anders darstellt, als es die von anderen ängstlich beobachtete Figur der ersten beiden Bände vermuten ließ, es ist, welcher das Buch dominiert.
Steinhauers (zeitlich) rückwärts gewandter Blick hinter den eisernen Vorhang knüpft ein wenig an die Erzählungen Alan Fursts oder Eric Amblers an. „36, Yalta Boulevard“ ist ein Buch welches den Geist der 60er Jahre heraufbeschwört; Wien, gerade erst in die Selbstständigkeit entlassen worden, hat sich schon als Sammelpunkt für osteuropäische Emigranten etabliert. Und wenn die Lage hinter dem Vorhang auch nicht unproblematisch für die „Schutzmacht“ ist: Es ist noch nicht Zeit für Revolutionen.
Olen Steinhauer: The Vienna Assignment. Harpercollins 2006. 384 Seiten. 10,80 € (noch keine deutsche Übersetzung)
Was bisher geschah: Also…diese merkwürdige Liste, ja? Mit den Namen drauf. Den Namen von den Krimischaffenden und den Personen des öffentlichen Lebens, ihr erinnert euch? Und dass die Krimischaffenden allesamt irgendwie zu verschwinden scheinen. Dass ein Krimiblogger ermordet, dass die reizende Gerichtsmedizinerin Barbra Reinhardt entführt und durch eine zwielichtige Frau ersetzt wird, dass Wickius ir-gend-wie eine Ahnung hat und die Beller wie immer ahnungslos, aber ganz scharf auf Wickius ist, der seinerseits scharf auf Anobella zu sein scheint, die beim Friseur beinahe verbrutzelt worden wäre, tja, und heute lassen wir diesem zwielichtigen Friseur seiner gerechten Strafe entgegenfahren.
Ich kann sie nicht länger ertragen. Sie trampeln auf meinen Nerven, sie zersetzen meinen Restverstand, sie stolzieren anachronistisch wie Dinosaurier durch die Moderne, sie erniedrigen den Kriminalroman zur Lektüre ewig im geistigen Kindergartenalter harrender Leser. Schafft sie endich ab! Bringt sie um die Ecke! Irgendwo ein Auftragsmörder, der diesen Job als Ehrenamt übernehmen will? Hauptsache, sie verschwinden. Die Ermittler.