Bitte wundern Sie sich nicht, wenn in zukünftigen amerikanischen Krimis keine Messer mehr von hinten direkt ins Herz gestoßen werden. Das ist nämlich anatomisch ziemlich unwahrscheinlich, und jetzt weiß es auch der Amerikaner. Dank unseres Kollegen Bernd natürlich, der endlich die Aufnahmeprüfung bei Crimespace bestanden und auch gleich sein schwieriges Werk begonnen hat, den Amis eine richtige →Mordkultur beizubringen. Als nächster wird Azubi Jochen dem Verein beitreten und die Amerikaner davon überzeugen, nicht mehr so viel Harlan Coben zu lesen. Und wenn erst Frau Anobella mit ihrem Fortsetzungkrimi „Killing Mainz“ vertreten sein wird, haben wir es geschafft: die Krimiweltherrschaft für wtd. An uns kommt keiner mehr vorbei. Wir sagen, wo’s langgeht.
Repetition kills
„Hallo Mama, hallo Papa“ in der Endlosschleife. Das kann Familien spalten. Im Interview muss sich Rolf Zuckowski deshalb immer denselben Vorwurf gefallen lassen: Diese Musik nervt.
Und Titus Amu stellt in der Süddeutschen auch tatsächlich immer wieder die gleiche Frage: → Die singende Nervensäge
Sara Paretsky: Feuereifer
Vic Warshawski denkt nicht an Ruhestand. Wohl ist Sara Paretskys Detektivin nicht mehr die Allerjüngste und überdies – wenn nicht sie, wer dann? – „Kult“: Aber gar so heil ist Chicago nicht, dass es auf eine wie Vic verzichten könnte, um im Spagat zwischen Reichtum und Armut zu beweisen, wie doch beide Extreme zusammengehören.
WeiterlesenApostle Of Hustle: National Anthem Of Nowhere
Apostle Of Hustle ist das Sideproject des Broken Social Scene-Gitarristen Andrew Whiteman und legt mit „National Anthem Of Nowhere“ bereits das zweite Album vor. Die vielen Ideen, die seine kanadische Hauptband prägen, gibt es hier auch, nur der Nährboden ist ein anderer.
WeiterlesenThe Nightwatchman: One Man Revolution
Riff-Gott Tom Morello bleibt zwar seinem Instrument treu, wechselt aber von der elektrischen zur akustischen Gitarre. Seine politischen Aktivitäten kennt man ja noch aus Rage Against The Machine Zeiten und aktuell von Initiativen wie Axis Of Justice. Mit seinem Soloausflug unter dem Namen The Nightwatchman ist er auch in der passenden Musikform angekommen: Protestsongs in der Tradition der alten Volkssänger wie Woody Guthrie.
WeiterlesenDer Jäger
Jäger und Sammler sind wir, die wir hinter den alten Krimis her sind. Dabei geht uns manchmal ein leibhaftiger Waidmann ins Netz, so wie Anton von Perfall, Freiherr und Freund der Jagd, eine Legende beinahe. Über das Lieblingssujet dieses urbayrischen Schriftstellers brauchen wir kein weiteres Wort zu verlieren. Aber manchmal wurde es halt ein Krimi, so wie 1892 mit den „Truggeistern“. Ab sofort in der →„Criminalbibliothek des 19. und frühen 20. Jahrhunderts“ handlich portioniert zu genießen. Ohne Jagdfieber.
Joseph Finder: Company Man
Obwohl die Bücher des amerikanischen Autors Joseph Finder regelmäßig in Deutsche übersetzt werden (demnach wohl ihre Leser haben), finden sie kaum die Aufmerksamkeit der hochvermögenden Krimikritik. Mit „Company Man“, im Jahre 2006 immerhin Gewinner des „Barry Award“, hat der Autor auch qualitativ einen Schritt nach vorne gemacht. Dieses als Wirtschaftsthriller zu bezeichnende Buch gewinnt seinen besonderen Reiz aus dem Wechselspiel zwischen den spannenden Verwicklungen, in welche die eine Hauptperson des Buches gerät, und der gewissenhaften detektivischen Arbeit der anderen Hauptperson, die sich zunehmend auf die erste Person richtet.
WeiterlesenAus dem Tagebuch einer Krimiautorin
Schon hatten wir uns damit abgefunden, dass unser freundliches →Blogangebot für AutorInnen ohne Resonanz verhallen würde – da erreichte uns die Mail einer nicht ganz unbekannten (aber auch nicht sonderlich bekannten) Krimischreiberin. Ja, sie sei dabei! Allerdings nur anonym, denn schließlich wolle sie hier nicht plump Werbung in eigener Sache betreiben. Außerdem tangiere das von ihr geführte Tagebuch nicht selten „den Intimbereich“. Natürlich haben wir freudig zugesagt und veröffentlichen nun folgend die ersten, sehr aufschlussreichen Notizen aus dem Alltag der Kollegin. Zur Nachahmung empfohlen!
WeiterlesenCD-Neuheiten KW18/2007

Eine kleine Vorauswahl aus den wieder zahlreichen Neuerscheinungen dieser Woche. Neben einigen alten Bekannten wie Björk, den Manic Street Preachers und den wiedererstarkten Travis sind auch wieder einige noch zu entdeckende Bands dabei.. Um sich von deren Musik einen ersten Eindruck zu machen empfiehlt sich ein Besuch auf der jeweiligen MySpace-Seite (die wie gewohnt hier nur verlinkt wird, wenn es wirklich was zu hören gibt).
Es geht in dieser Liste immer um die Veröffentlichung in Deutschland, nicht um irgendwelche über Import erhältliche Alben. So werden die Cosmic Rough Riders, ein vielversprechendes Trio aus Glasgow, mit einem Jahr Verspätung auch bei uns veröffentlicht, während Mute Maths gleichnamiges Album in ihrer Heimat sogar schon 2005 erschien.
Ach du dickes Ei
Die FAZ bringt heute ein Interview mit dem Ernährungswissenschaftler Udo Pollmer. Die meisten behandelten Themen sind altbekannt (Diäten sind doof) oder zumindest wenig überraschend (z.B. dass die Studie über die verfetteten Deutschen, die gerade solche Wellen schlägt, unseriös sei), aber die Geschichte mit den künstlichen, in China in Handarbeit hergestellten Eiern kannte ich bislang noch nicht:
WeiterlesenAlles ganz genau sehen und verstehen
Im Magazin der Berliner Zeitung und erfreulichweise auch online (→ Ich schreibe keine Häkelkrimis) findet sich ein längeres Interview mit US-Krimiautorin Elizabeth George über Gymnastik, Recherche, die BBC-Verfilmungen („Die BBC hat sich für eine bestimmte Art Film entschieden, und dafür sind sie ganz in Ordnung.„) und Vorbilder wie Margery Allingham:
WeiterlesenPrint vs. Blog?
Vieles von dem, was jüngst in der →New York Times diskutiert wurde, kommt einem auch hierzulande bekannt vor: Der allmähliche Rückzug der Literaturkritik aus den Feuilletons, die von den „Gedruckten“ misstrauisch beäugte Konkurrenz aus dem Digitalen, die Irritationen ob dieser Entwicklung auf Seiten der Verlage und Autoren. Print versus Blog? Zwei Argumente aus dieser Diskussion wollen wir etwas genauer betrachten.
WeiterlesenCat Power ante portas
Cat Power hat heute abend in Heidelberg ihren einzigen Deutschlandauftritt im Rahmen ihrer aktuellen Europakurztour. Kollege kfb wird sich das Konzert für Hinternet ansehen und ist schon den ganzen Tag vorfreudig erregt. Für alle, die sich noch nicht sicher sind, ob der Besuch lohnt leisten wir etwas Entscheidungshilfe:
WeiterlesenPieke stellt klar

Die Wirklichkeit ist manchmal doch kein schlechter Kriminalroman, in dem das Weiße weiß und das Schwarze schwarz ist. Manchmal ist sie richtig wirklich, sprich: verwirrend. So wie in der neuen Kriminalreportage von Pieke Biermann aus der Reihe „Menschen – Orte – Kriminalität“: „Serén, Ann-Charlott und der alltägliche Judenhass“. Sollte man reinhören. Im RBBinfoRADIO 93,1 5. Mai 2007 um 11:45 Uhr, Wiederholungen um 19:45 und in der folgenden Nacht um 0:45 und 5:45 Uhr.
WeiterlesenThomas Raab: Der Metzger muss nachsitzen
Jetzt hat es schon wieder einer gemacht. Ein Österreicher natürlich. Lustigen Krimi geschrieben, wundert uns nicht. Was erwartet man anderes von einem Volksstamm, der mit dem Hang zum Morbiden geboren wird und als seinen Lieblingsplatz nicht wie unsereiner „die Natur“ oder „den Hörsaal“ angibt, sondern ganz spontan lächelnd „den Zentralfriedhof“. Der Tod schreckt sie also nicht, das Schreiben schon gar nicht. Ergebnis, siehe oben: lustige Krimis. Nach Haas, Steinfest, Slupetzy – vom göttlichen „Kottan“ nicht zu reden – nun der Raab. Österreicher. Musiker eigentlich. Jetzt auch Krimiautor. Und, sieh mal an: ein guter.
WeiterlesenDinosaur jr.: Beyond
Die alte Weisheit “They never come back’ hat schon lange keine Gültigkeit mehr. Zumindest nicht für Musiker. Betrachtet man die vergangenen Monate und die Rückkehr vieler alter Recken, können sich jetzt Dinosaur jr. rühmen, das absolut überzeugendste Comeback abzuliefern.
WeiterlesenYouth Group: Casino Twilight Dogs
Die Jungs von Alphaville hätten sich wahrscheinlich diebisch gefreut, wenn sich ein Big Player wie beispielsweise Ronan Keating „Forever Young“ zur Brust genommen hätte. Jetzt gibt’s halt weniger Tantieme, aber dafür Qualität aus dem Hause Youth Group. Aber unabhängig von der seltsam gewählten Coverversion muss man auch für die elf Eigenkompositionen in Stimmung sein.
WeiterlesenSo nicht, bitte
Dass Frau P. aus F. uns wieder an ihrem aufregenden Autorinnen-Alltag teilnehmen lässt, gehörte zu den guten Nachrichten des Wochenendes. Dass sie uns gar →ihren Arbeitsplatz (sehr ordentlich) zeigt, wird hier stürmisch begrüßt. Dass sie aber beiläufig schreibt: „…Im Bild oben stehen ein paar Bücher auf der anderen Seite, da sitzt ein Stoffhase drauf (Rudi)…“, kann so nicht hingenommen werden. Nenn mich Didi, nenn mich Paulchen, aber nenn mich bitte nicht Rudi! Und Stoffhase…tz.
Schwedenduo

Nach der Schwedenkrimischelte en générale et en détail, wie sie in letzter Zeit hier zu lesen war, heute zwei erfreulichere Exempel aus dem Legoland der Kriminalliteratur.
WeiterlesenWalter Mosley: Cinnamon Kiss
Bekannt wurde Walter Mosley mit seiner Serie um den Detektiv Easy Rawlings. Für den Erstling „Devil in a Blue Dress“ erhielt er 1991 den renommierten „Shamus Award“ (verliehen für Bücher mit Privatdetektiven). Er war zwar nicht der erste der zeitgenössischen afroamerikanischen Autoren, der einen der renommierten Krimipreise gewann, aber er war derjenige, der auch vom „weißen“ Lesepublikum in größerem Umfang akzeptiert und gelesen wurde, und er war der erste Afroamerikaner als Präsident der „Mystery Writers of America“. Auch heute, 17 Jahre nach dem Beginn seiner Karriere, unterschiedlichen Serien, Jugend- und Science-Fiction Büchern, hat Mosley wohl immer noch als Leitstern der afroamerikanischen Krimiliteratur zu gelten. Anderen afroamerikanischen Autoren hat sein Erfolg bei der Akzeptanz durchs „weiße“ Publikum jedoch nur wenig geholfen.
In Deutschland scheint es in den letzten Jahren stiller um Mosley geworden zu sein, seine neueren Bücher sind bei uns allesamt nicht erschienen. Im Vergleich ist sein inniger Stil wohl zu wenig plakativ, zu wenig reißerisch und belohnt zu sehr den mitdenkenden Leser. Dabei ist Ezekiel (Easy) Rawlings, Held auch des vorliegenden Buches, eine zutiefst moralische Figur, die scheinbar naiv auf die (rassischen) Ungerechtigkeiten dieser Welt blickt und uns an ihren „Philosophien“ über das Leben als schwarzer US-Amerikaner teilhaben lässt.
Seit Beginn an folgen die Bücher der Serie, wie einstmals die der McGhee Serie von John D. MacDonald der „Farbenlehre“. Mit „Cinnamon Kiss“ ist Easy bei einer zimtfarbenden Schönheit angekommen, die weißen wie schwarzen Männern durch Intelligenz und Aussehen den Kopf verdreht und die im Besitz wertvoller Dokumente ist. Easy wurde eigentlich beauftragt, den Chef von „Cinnamon“ ausfindig zu machen und so dringend er den Auftrag braucht, leicht tut er sich nicht ihn anzunehmen, denn der Auftraggeber heißt mit Nachnamen Lee, ganz so wie der Südstaatengeneral, welcher im amerikanischen Bürgerkrieg gegen die Aufhebung der Sklaverei kämpfte.
Easy wird schnell klar, dass der Gesuchte ermordete wurde und dass Cinnamon sich versteckt hält. Aus gutem Grund wohl, denn ein Killer sucht Easy in seinem Büro auf und versucht ihn von seiner Suche nach Cinnamon abzubringen.
Die Serie, deren erstes Buch zurück ins Jahr 1948 führte und sich langsam durch die Zeit arbeitet, gelangt mit „Cinnamon Kiss“ ins Jahr 1966. Ein Jahr nach den berühmten Rasseunruhen in LA´s Stadtteil Watts (und etwa zwei Jahre vor dem gewaltsamen Tod Martin Luther Kings) ist die Stimmung in LA zwischen weiß und schwarz immer noch gereizt. Anderenorts merkt Easy zwar, dass sich die Zeiten zu ändern beginnen, und dass es Weiße gibt, die ihn und „seinesgleichen“ nicht aufgrund seiner Hautfarbe beurteilen. Aber dennoch, schwarz zu sein bedeutet immer noch ökonomisch benachteiligt zu sein und willkürlich von der Polizei aufgegriffen zu werden.
Sicher, diese Überraschung, die es beim Lesen der alten Mosleys gab und die wohl auch einen Teil des Erfolges ausmachte, ist weg; mittlerweile kann man andere, „radikalere“ Autoren finden – wie die von deutschen Lesern konsequent nicht verstandene Paula L. Woods – und dennoch: „Cinnamon Kiss“ ist ein ausgesprochen gutes Buch. Die in sich gekehrte Figur des Easy Rawlings ist vielleicht noch etwas dunkler getönt als sonst, aber das ist eigentlich auch kein Wunder. Stürzt er sich überhaupt nur in das Abenteuer um die zimtfarbende Schönheit, weil er schnell die astronomische Summe von 35.000 $ braucht, um seiner über alles geliebten Adoptivtochter zu helfen, die eine rätselhafte Bluterkrankung hat und nur durch eine teure Therapie in der fernen Schweiz gerettet werden kann [Mithin ein Strang, den Mosley nicht weiterverfolgt, obwohl die problematische medizinische Versorgung der Unterprivilegierten in den USA durchaus ein interessantes Thema wäre].
Aber Easys mitunter eigenwilligen Beobachtungen und seine exzentrischen Freunde und Bekannten, die sich über die Bücher der Serie angesammelt haben und ihm auch diesmal wieder helfen, geben dem Buch doch mitunter auch eine Leichtigkeit und profunden Humor. Alles das ist geschrieben aus der sehr persönlichen Sicht Easys, die vieles beschreibt, aber wenig auswalzend erklärt. Nichts also für Liebhaber mankellschen Erklärungsoverkills. Aber im Vergleich zu diesem hat Mosley ja auch ein „echtes“ Thema, über das er mit dem Leser reden möchte.
Most Americans wouldn´t understand why two well-dressed men would have to explain why they were standing on a public street. But most Americans cannot comprehend the scrutiny that black people have been under since the days we were dragged here in bondage.
Walter Mosley: Cinnamon Kiss.
Warner Books 2006, 336 Seiten. 6,26 €
(noch keine deutsche Übersetzung)