Die Top Ten vom 24.2.2003

  1. Jay-Z feat. Beyonce Knowles “´03 Bonnie & Clyde”

Auch so´n Beispiel für eine hübsche HipHopper-Ballade. Vielleicht resultierend aus einem Wiedergutmachungsbedürfnis für den nervigen HipHop, mit dem sie die Welt normalerweise beschallen. Das würde auch die schönen Balladen der Metaller erklären. Aber dann müsste Arnold Schönberg eigentlich die schönsten Balladen von allen gemacht haben. Oder Heino.

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Chartskritik 24.2.2003

Viel, viel Schmalz in dieser Woche. Frühlingsgefühle, missverstanden… Zum Beispiel bei John Mayer. Ein dicklicher all-american boy, der aussehen will wie Bryan Adams, aber eigentlich eine optisch sehr gut kaschierte Ein-Mann-Boygroup ist. Musikalisch ist es eine Mischung aus Richard Marx und John Cougar-Mellencamp. Und sehr gutmenschig gehalten. Leider. Dabei ist der Typ höchstens 17. Uah. Momentan Platz 67 mit „You´re body is a wonderland“. Da springt einen der “My melodie”-Geruch schon beim Lesen an…

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Gangs Of New York

Das große Missverständnis um Martin Scorsese beginnt mit der Feststellung, dass er der größte lebende amerikanische Regisseur sei. Niemand weiß das besser als er selbst: Als er jüngst den Golden Globe für die „Beste Regie“ in Empfang nahm, waren ihm die „standing ovations“ seiner Kollegen schon fast peinlich. Gefragt nach seinen diesjährigen Oscar-Chancen, meinte er lapidar „Wenn ich je einen verdient haben sollte, dann wohl in den 70ern!“ (da drehte er Filme wie „Taxi Driver“ und „Wie ein wilder Stier“). Seit nunmehr fast zehn Jahren stellt Scorsese Film für Film eindrucksvoll unter Beweis, dass mit ihm nicht mehr zu rechnen ist: ob nun das siechende Kostümdrama „Zeit der Unschuld“ (1993), die lieblos recherchierte Las-Vegas-Saga „Casino“, das nie wirklich zur Kenntnis genommene Lama-Drama „Kundun“, die ebenso kryptische wie belanglose Rettungssanitäter-Mär „Bringing Out The Dead“, alle machen sie klar, dass Scorsese schon lange filmisch nichts mehr riskiert, keine Geschichten mehr zu erzählen hat, die wirklich berühren, der künstlerische Offenbarungseid kurz bevorsteht.

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Mammuth: Shine

Wer grundsätzlich etwas mit Bands wie P.O.D. oder Blindside anfangen kann, sollte in „Shine“ reinhören. Das Debüt der fünf Schweden startet amtlich und klingt für dieses ausgelutschte Genre erstaunlich frisch. Aber nach drei Nummern geht auch bei Mammuth die Luft raus und es bleibt ein nettes Album, das sich in sich selbst wiederholt.

(5 Fritten)

Mammuth: Shine
(Talking Music /Asaph)

Christian Kjellvander: Songs From A Two-Room Chapel

Erst haut Kristofer Åström zwei Alben binnen zwölf Monaten raus, und jetzt lugt schon der nächste melancholische Schwede aus dem Hause V2 um die Ecke. Die Vorzeichen sind ähnlich: Auch Christian Kjellvander hat eine Hauptband (Loosegoats), gibt aber genauso gern den verzweifelten Singer/Songwriter. Auch wenn die Parallele zu Kristofer Åström überdeutlich ist, klingen seine Songs insgesamt offener und weniger depressiv, worunter aber die Tiefe keinesfalls leidet.

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Woven Hand: Blush Music

David Eugene Edwards wirkt ja generell nicht wie jemand, der gerne viele Worte macht. Auch auf „Blush Music“ ringt er sich jedes gesungene Wort förmlich ab und die meisten der zehn Titel offenbaren in mehrminütigen Klangmalereien häufig nur in der Mitte, dass sie die Bezeichnung Lied zu Recht tragen. „Animalitos (Ain’t No Sunshine)“ wächst hier auf eine mehr als 14 Minütige Version an, wobei aber die Essenz nicht länger ist als auf dem Woven Hand Debüt. Umrahmt wird das Ganze von Klängen, Ächzen und Geräuschen, die einem recht schnell klar machen, dass die Sonne weiter nicht sein kann.

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Eternal Tears Of Sorrow: A Virgin And A Whore

Auf dem vierten Werk der Finnen sind die Vorbilder zwar auch immer noch deutlich zu erkennen, aber Eternal Tears Of Sorrow haben sich eine eigene Nische geschaffen. Gekonntes Songwriting und feine Arrangements treffen auf die Traditionen von In Flames, Sentenced oder The 69 Eyes. Dass die neun Tracks im ersten Anlauf etwas gleichförmig klingen, liegt in erster Linie an den Grunzvocals von Altti Veteläinen.

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Chartskritik 17.2.2003

Also, das Einfachste wird sein, ich liste einfach erst mal alle neuen Coverversionen auf, es ist wirklich zum Verzweifeln. Kennt Ihr noch Animotion? Waren so ne Band aus den 80ern. Möglich, dass die aus Amerika kamen, aber eigentlich klang das damals ziemlich europäisch, und ich glaube, die Sängerin kam ursprünglich aus Holland oder so. Gecovert werden die jedenfalls gerade von 2DJs & 1 (oder so, nie gehört…), und zwar mit ihrem größten Hit „I engineer“. Meine, das wäre ´86 mal ne Nummer 1 bei uns gewesen. Jedenfalls – ich weiß nicht, was Ihr denkt, aber mir geht’s bei Animotion so wie bei Tears for fears: das beste Lied war nicht das erfolgreichste, sondern ein früheres, eher halberfolgreiches.

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St. Thomas: I’m Coming Home

Muss blöd sein, wenn man noch gar nicht tot ist, und die Erben schon alles verjubeln. St. Thomas ist Thomas Hansen, ein norwegischer Postbote, der speziell in dem Opener „The Cool Song“ so dermaßen an Neil Young erinnert, dass Plagiatsvorwürfe gar nicht weit hergeholt wären. Im weiteren Verlauf wächst sich die Ähnlichkeit zwar etwas aus, zur Eigenständigkeit will es trotzdem nicht reichen.

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Ron Sexsmith: Cobblestone Runway

Früher ist man in einen Schallplattenladen gestiefelt, hat eine LP nur wegen eines Liedes gekauft, und dieses zuhause zehn Mal am Stück gehört. Auch wenn ich diese Vorgehensweise schon den ein oder anderen Tag abgelegt habe, „Cobblestone Runway“ hat genau so einen Song, der sich immer und immer wieder in den Vordergrund drängt: „Gold In Them Hills“ strahlt aus einem wirklich guten Album hervor wie der Morgenstern.

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Chartskritik 10.2.2003

Trostlose Woche, das. Mittelmaß allenthalben. Na, doch: ein paar Ausschläge nach unten sind dabei. Gouryella zum Beispiel. Auf Platz 51 mit einem Song namens „Lijara“, der in Wirklichkeit nur bedeutungsschwangeres Elektronik-Geschwurbel mit einem unsäglich langweiligen Video ist. Hilfe. Wer steckt dahinter? Alex Christensen? Mark Oh? Nein, ich glaube, keiner von beiden. Es ist zwar ein extrem schlechter Song, und es würde passen, wenn er aus Deutschland käme. Aber ich glaube, nicht.

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Cuica: City To City

Cuica ist ein brasilianisches Percussion-Instrument. Cuica ist außerdem ein Londoner Duo, das sich Anfang der Neunziger kennen gelernt hatte: Simone Serritella, gebürtiger Italiener, ansonsten Solokünstler unter dem Pseudonym Big Bang und Betreiber des Labels Arision Records, und Pete Herbert, Ex-Plattenladen-Besitzer, A&R für das Palm Pictures-Sublabel Quango und auch unter den Namen Optimo oder Bushflange aktiv.

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The Tuxedo – Gefahr im Anzug

„Kleider machen Leute“ – nie war dieser Satz so wahr wie in „Tuxedo – Gefahr im Anzug“, denn wenn Jackie Chan als tolpatschiger, liebeskranker Chauffeur in den Smoking seines Herrn schlüpft, mutiert er plötzlich zum Superman, der Frauen übers Parkett wirbelt, Kugeln ausweicht wie sonst nur Keanu Reeves in „Matrix“ und an Wänden hochklettert, als wäre Schwerkraft reine Glaubenssache.

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Ghost Ship

Es beginnt alles ganz romantisch, ein großer Luxus-Liner auf hoher See, in elegante Abendkleidung gehüllte Passagiere, die an Deck zu gepflegter Cocktail-Musik tanzen, schön gewschwungene rosa Eingangscredits, und dann reißt ein Seil, ein Stahlseil, durch seine Wucht fähig, die Körper von zig von Menschen entzwei zu trennen. Unglaubliche Szenen spielen sich ab: aus blendender Harmonie wird blutiger Horror: Leiber fallen entzwei, Köpfe liegen abgetrennt auf dem Schiffsboden, ein Mädchen, wie durch ein Wunder unversehrt, starrt angsterfüllt auf die gruselige Szenerie. Keine Frage, so schaurig lässt Hollywood nur selten Filme beginnen.

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The (International) Noise Conspiracy: Bigger Cages, Longer Chains

Ein kurzes Hallo zwischendurch. Eigentlich hätte man nicht mit einem neuen Lebenszeichen der von Touren ausgelaugten Band gerechnet. Doch unverhofft kommt oft. Nur der Titeltrack ist bereits bekannt. Die restlichen Songs sind die vier neuen Stücke „Beautiful So Alone“, „Waiting For Salvation“, „A Textbook Example“ und „When Words Are Not Working“ sowie die großartige Interpretation des N.E.R.D.-Songs „Baby Doll“.

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8 Mile

Ein schüchterner weißer Junge namens Jimmy „Rabbit“ Smith steht im Klo eines Detroiter Clubs, Headphones über dem kapuzenbedeckten Kopf, sich auf seinen Auftritt bei einem Rap-Contest vorbereitetend. Der Hase probt den bösen Blick vor dem Spiegel, aus dem ihm nur ein nervöses, ängstliches Etwas anstarrt, das sich gleich übergeben wird. Auf dem Weg zur Bühne will man ihn gar nicht durchlassen, als er endlich dran ist, entweicht nichts als stumme Ohnmacht. Das durchweg schwarze Publikum buht ihn von der Bühne. Der Hase schleicht davon, zurück in sein kümmerliches Leben. Keine Frage, ein verstörender Filmbeginn für ein Bio-Pic über Marshall Mathers den Dritten – alias Eminem – , denn „8 Mile“ gibt vor, biographisch lose und atmosphärisch dicht die Anfangsjahre des heutigen Rap-Millionärs nachzuzeichnen: Das Bekenntnis eines Jungen, der beschloss als Bad Boy um jeden Preis Aufsehen zu erregen, um sich schließlich – 30 Millionen verkaufter CDs später – als Agent Provocateur gegen Frauen, Schwule und Politiker in den Wohn- und Kinderzimmern des weißen Mittelstandes einzunisten.

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Christina Aguilera: Stripped

„He loves every freckle, ever curve, every inch of my skin“, heißt es in „Loving Me 4 Me“. Ihr virtueller oder gar reeller Lover kann sich glücklich schätzen. Christina Aguilera steht in der Gunst der Pop-Sängerinnen eindeutig höher als ihre Erzrivalin Britney Spears, viele träumen wohl von Aguileras Inches. Während Britney zum Lustobjekt pädophiler Träume verkommen ist, hat Aguilera den Sprung in die Erwachsenenliga geschafft. Diese These mag nicht politisch korrekt sein, aber der Realität entsprechen.

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