Frl. Katjas Nähkästchen, Folge 2

In meiner letzten Kolumne erwähnte ich Franz Lambert. Viele werden ihn kennen, nur wenige werden dies aber auch zugeben. Mich verbindet eine ganz eigenartige Beziehung zu dem Hammondorgelman, denn ich stamme aus dem gleichen Raum wie Franz Lambert, und ich erinnere mich noch gut an meine Grundschulzeit, als viele Mitschülerinnen und Mitschüler, deren Familien zu arm für ein Klavier waren, Keyboard-Unterricht nahmen. Und das taten sie „beim Franz“. Es dauerte lange, bis ich begriff, dass dies der Vorname ihres Lehrers war, denn ich selbst wär natürlich nie auf den Gedanken gekommen, meine Klavierlehrerin zu duzen! Ich war überhaupt die einzige, die den großen Franz Lambert, seinerzeit am Beginn seiner Karriere, nicht kannte. Meine Klassenkameraden guckten mich dann immer groß an und murmelten etwas von „Platten“ und „im Fernsehen“. Heute weiß ich, daß die Eltern von Franz Lambert ein Restaurant im selben Ort betreiben, in dem meine Mutter arbeitet. Meine Mutter arbeitet übrigens in einer Psychiatrie.

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Gérard Herzhaft: Enzyklopädie des Blues

Zugegeben, ein aktuelles Lexikon zum nicht totzukriegenden Phänomen „Blues“ war längst überfällig. Vor allem in deutscher Sprache gab es außer Dieter Molls „Buch des Blues“ kein brauchbares, zudem noch lieferbares Nachschlagewerk. Dieses Manko will nun diese „Enzyklopädie“ (ein anspruchsvoller Begriff!) beheben. Und will man den Presse-Besprechungen der letzten Wochen und Monate folgen, so scheint sie diesen Anspruch auch voll einzulösen. Ich hege allerdings nach der punktuellen Lektüre so meine Zweifel.
In der Tat ist der französische Publizist und Musikologe ein wahrer Kenner der Materie: Er beschäftigt sich seit drei Jahrzehnten mit dem Blues und seinen Exponenten und recherchierte auch „vor Ort“, sprich in den USA.

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Autechre: lp5

Individualität um (fast) jeden Preis. Oder auch eigene feine Welt. Die dann aber perfekt. Autechre basteln auch mit ihrem fünften Album weiter an ihrer Definition von sich selbst. Die Art, wie hier mit mittlerweile Autechre-typischen Sounds immer wieder neu verfahren und manipuliert wird klingt auch immer wieder erfrischend. Sounds, die sich auf nichts anderes als auf sich selbst immer wieder neu beziehen (again and again), sich immer wieder in Gespinsten aus polyrhythmischen Beats verfangen und sich doch immer wieder neu zusammen finden.

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Boom Boom Satellites: 7 Ignitions/Auto Re-birth

Boom Boom Satellites und Big Beats. Zwei Dinge, die die Welt nicht braucht, eigentlich. Ist aber doch ganz nett.
Wobei „nett“ aber eigentlich das schlimmste Urteil ist, das Musik in der Bewertung passieren kann. Big Beats sind aber günstigsten Falls nun mal „nett“. Klar, man kann damit erwiesener Maßen Geld verdienen (s. Prodigy, Propellerheads oder jetzt ganz heiß: Fatboy Slim). Aber jetzt mal unter uns: Welchen Sinn soll es denn auf die Dauer machen mehr oder weniger hysterisch durch die Weltgeschichte sampelnd durch die Charts zu ziehen und einen auf stylish Punkrocker zu machen. Mehr als eine Liga mit dem Cordalis Project kann dabei nicht herausspringen. Macht euch lieber aus Samples eigene Sounds. Erschafft eigene Welten! Dann könnt ihr wirklich groß rauskommen, wenn’s denn darauf ankommt. Der Appell gilt natürlich auch für die Boom Boom Satellites, denn auch den beiden Japanern ist es nicht gelungen dem Ganzen mal richtigen Drive zu geben.

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Die Aeronauten – Honolulu

Wenn die Aeronauten ins Studio geh´n, schütteln alle Bandmitglieder wahrscheinlich nur mal kurz die Ärmel, und das war´s. Richtiger Low-Fi-Sound muß eben klingen wie ein Schuß aus der Hüfte. Jedenfalls wirken Aeronauten-Werke immer, als wären sie grad im Vorbeigehen eingespielt. Aber das ist mit Sicherheit nicht der Fall, denn aus zahlreichen Interviews mit Eiskunstläufern und Zirkusclowns weiß man ja, daß gerade „die einfachen Sachen“ die schwersten sind!

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Elliott Smith: Either/or

Wie wurden wir Anfang der 80er vom britischen Pop-Duo ABC belehrt? Don´t judge a book by its cover! Diese Weisheit half mir jüngst, die Überraschung zu verarbeiten, die mir ein 28jähriger Sänger-Gitarrist aus Portland/Oregon bereitete: Elliott Smith. Eifrige Kinogänger und Oscar-Verleihung-Gucker kennen ihn im Zusammenhang mit dem Film „Good Will Hunting“, und sie hätte es sicher nicht ganz so kalt erwischt wie mich.

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Fredric Dannen: Hit Men

Fast eine Dekade mußte vergehen, bis Fredric Dannens „Hit Men“ (Originalausgabe 1990) in Deutschland erschien. Warum eigentlich? Nicht nur, dass die Beschreibungen der weltgrößten Tonträgerbranche auch in der drittgrößten interessieren dürften – selbst die Hauptdarsteller, also die marktführenden US-Labels, sind naturgemäß Global Players, und zwar schon lange, bevor der Begriff in Mode kam. Namen wie CBS, Warner, Atlantic und Geffen sind hüben wie drüben vertraut. Ebenso Interpreten wie Pink Floyd, Michael Jackson, Whitney Houston… Allerdings, das sei vorausgeschickt: sie tauchen nur gelegentlich auf, spielen höchstens an der Peripherie eine Rolle. Nicht musikalische Innovationen und kreatives Potential, sondern Zufälle, technische Neuerungen und Börseneinbrüche bestimmen, wo´s langgeht in der „Musik“. Der Leser, unter Schock stehend, betrachtet seinen Plattenschrank erstmal mißtrauisch, verwirrt, verunsichert. All die Alben – nicht kultureller Ausdruck ihrer Zeit, sondern willkürlich auf den Markt geworfene Spielzeuge von Männern, die keine Tonhöhen unterscheiden können?

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Johnny Cash & Willie Nelson: VH1 Storytellers

Immer noch sckockiert und mit schwarzer Binde um den Arm ob der traurigen Nachricht, daß der „Man in black“ wegen Parkinson wohl nie mehr eine Gitarre ruhig halten kann, flattert mir dann doch die zeitweilige Erlösung von diesem Gedanken in Form dieser wunderbaren CD auf den Tisch. Aufgenommen für die MTV-Unplugged-Ersatzsendung beim Konkurrenzsender VH1 mit dem schönen Namen „Storytellers“, erweist der Name dem Event alle Ehre. Denn hier werden im lockeren Ambiente schöne Geschichten erzählt. Sowohl in den Songs, als auch zwischen den Songs.

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Species II

Wie schon das Kreativ-Team von „Alien“ stand auch Regisseur Peter Medak mit seiner Crew vor der schwierigen Aufgabe, die Hauptfigur einer Erfolgsproduktion glaubhaft wiederaufstehen zu lassen. War die hauptsächlich männermordende Außerirdische Sil im ersten Teil von „Species“ kläglich zu Grunde gegangen, hatte man ihr doch noch einen Strang DNA abnehmen können. Und der ist im Sequel „Species II“ gemeinsam mit menschlichen Genen die biologische Grundlage für „Eve“ (Natasha Henstridge), die von Dr. Baker (Marg Helgenberger) in ihrem wissenschaftlichen Luxuslabor unter Aufsicht gehalten wird.

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Music For Gracious Living

Lange nicht mehr ein solch amüsantes Stündchen gehabt wie mit dem musikalischen Schaufenster der „Q. D. K. Media“, welch obskure Gemeinschaft sich auch immer dahinter verbergen mag!

Im Kielwasser der Titanic sind Soundtracks zur Zeit ein heißdiskutiertes Thema, und auch dieser Sampler leistet einen nicht zu unterschätzenden Beitrag dazu. Ein Großteil der Songs ist filmischen Meisterwerken von Russ Meyer entnommen (also Streifen mit leicht bekleideten Damen, die das Wenige dafür um so gewissenhafter ausfüllen), aber auch Klassikern mit Betty Page (Pin-Up-Queen der 50er), dem Muppet-Splatter-Movie (!) „Meet the Feebles“ und Produktionen mit solch einladenden Titeln wie „Braindead“ oder „Henry, portrait of a serial killer“…

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IFA Wartburg: Im Dienste des Sozialismus

Mit Musik wie dieser grooven sich linksradikale Kräfte und Jungstalinisten wie ich („IM Kolumne“) auf die – zum Zeitpunkt der Rezension noch bevorstehenden – Bundestagswahlen ein. Von Wladiwostok bis Berlin-Marzahn tanzt man zu Liedern wie „Frau Gorbatschowa tanzt Bossanova“, „Es ist nicht so schlimm auf der Insel Krim“, „Zur Konferenz in Rostock“, „Der alte böse Kapitalismus“ oder „Hallo, guter Kommunist“. Das Grußwort am Anfang spricht Genosse Ulbricht: „Ist es denn wirklich so, daß wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nun kopieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des YehYehYeh und wie das alles heißt, sollte man doch Schluß machen!“ Den Rest kennen wir alle…

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Hefner: Breaking God’s Heart

Schnell einen Earl Grey und ein Blaubeer-Muffin! Das ist die CD dieses Sommers, dieses verregneten, kalten Sommers! Menschen von der Insel kennen ihn – Menschen von der britischen Insel, nicht von Mallorca oder Capri oder so.
Das Trio „Hefner“ hat in Glasgow ein herrlich schrammeliges – ja man mag das Wort schon gar nicht mehr in den Mund nehmen, und doch: – Brit-Pop-Album eingespielt, das allein schon für den Titel eine Auszeichnung verdient. (Gott selbst lächelt darüber wahrscheinlich nur müde, zu oft wurde sein Herz schon gebrochen, und das auf wesentlich uncharmantere Weise, als Hefner es hier tun.)

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Continental Drifters: Vermilion

Wo „Blue Rose“ draufsteht, kann nur brillanter Traditions-Rock drin sein. Diesmal hat das Label eine Art „Zweitliga-Supergroup“ (kommt der „zweitbesten Band der Welt“ bei den Simpsons recht nahe) unter Vertrag genommen: unter den sechs Mitgliedern der Continental Drifters befindet sich u. a. Vickie Peterson (Ex-Bangles), Peter Holsapple (Ex-dBs und stiller fünfter Mann bei REM), Marc Walton (Ex-Dream Syndicate) und Susan Cowsill (Ex-Cowsills)!

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Ronnie Lane: Tin & Tambourine

Alle Achtung! Stan Lane, der ältere Bruder (und Ex-Roadie!) des 1997 verstorbenen Singer/Songwriters und ehemaligen (SMALL) FACES-Gründers betreibt tatsächlich erstklassige Nachlaß-Pflege. Nach einer Doppel-CD mit BBC-„Live In The Studio“-Aufnahmen, einer Single-Compilation sowie einer mit Bonus-Tracks erweiterten Neuausgabe des SLIM CHANCE-Debütalbums „Anymore For Anymore“ hat Stan weiteres, bislang unveröffentlichtes Material aus den Jahren 1974 bis 1980 aufgetan und wohldosiert zusammengestellt. Es handelt sich dabei zwar um weitgehend bekannte Songs, doch eben in z. T. ungewohnten Arrangements.

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Little Blue: Angels, Horses & Pirates

Was kommt dabei heraus, wenn ein altgedienter und erfahrener Sessionmusiker sich mit Schicksalsgenossen zusammentut? Meistens irgendwelche, technisch brillante, aber uninspirierte AOR-Muzak für CD-Abschreibungsprojekte, die später in den Grabbelkisten landen. Schon mal was von Steve Postell gehört? Keine Ahnung, wie alt der Bursche ist, aber er hat schon überall seine Gitarrenkünste und seine Songwriterqualitäten untergebracht, z. B. als zeitweises Bandmitglied der PURE PRAIRIE LEAGUE, als Musical-Musiker oder als Filmmusikkomponist. Eine Solo-Platte hatte er auch schon mal eingespielt („A Travelin‘ Man“), aber die dürfte außerhalb New Yorks (da kommt er nämlich her) auch kaum jemand kennen.

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