Aus zwei verschiedenen Menschen

Carl von Holteis „Schwarzwaldau“ ist der erste wahre Psychokrimi der Literaturgeschichte. Und noch mehr. Wer diesen Roman mit Missfallen liest, weiß zuverlässig, dass in ihm, dem Leser, eine akute oder latente psychische Deformation mit aller Rücksichtslosigkeit wütet, „wie ein anderer Mensch“, sagte schon Freud. Deshalb geben wir der Subskriptionsausgabe, die man sich →hier und jetzt! reservieren kann, einen Gutschein für eine kostenlose psychiatrische Behandlung bei (bei 5000 € Selbstbeteiligung).

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Literaturkritik ohne Literaturkritik

Ich bereite mich ja immer „akribisch“ auf alles vor, auch auf die bevorstehende Lektüre von Detlef Opitzens „Büchermorder“. Und da gibt es jetzt bei „literaturkritik.de“ einen →lesenswerten Beitrag von Marcel Atze. Nur eins hab ich nicht verstanden: Das Ganze firmiert doch unter „Literaturkritik“, ja? Und warum wird dann das Buch nicht kritisiert? Bis auf diese etwas dürre Aussage: „ein gekonntes Sprachspiel, das ein großes Lesevergnügen bereitet“. Hm, hätten wir gerne mehr drüber erfahren. Is doch der Clou bei einer Rezension, nich?

Cara Black: Murder in the Sentier

Welches Interesse könnten deutsche Terroristen der 70er Jahre und deren französische Kollaborateure haben, nach über 20 Jahren Gefängnis die Spuren von einst wieder aufzunehmen und „hide and seek“ (Versteck) in Paris zu spielen ? Cara Blacks für den Anthony Award nominiertes Buch „Murder in the Sentier“ gibt zwar nicht unbedingt die wahrscheinlichste Antwort auf diese Frage, aber es greift das Terrorismus-Motiv auf und nutzt es, um einen atmosphärischen und recht dicht gewobenen Krimi zu bauen.

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Er liebte den Wein nicht

Warum hat das Wort „Schwarzwaldau“ auch nicht annähernd die Silbenzahl des Wortes „Trockenbeerenauslese“? Zufall? Mitnichten! Denn bis zu seinem seligen Ende 1880 weigerte sich Carl von Holtei, einen „Weinkrimi“ zu schreiben, sein Verleger mochte sich vor ihm auf dem Teppich wälzen wie er wollte. Die kleine Passage aus „Schwarzwaldau“, dem „Top-Thriller of the 19th century“ (TIME), ist eine gnadenlose Abrechnung nicht nur mit dem „Wein-„, nein, mit dem „Themenkrimi“ überhaupt. Schon dies rechtfertigt, unserer Meinung nach, das schleunige →Vorbestellen! des grandiosen Romans.

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Werbung

… machen wir grundsätzlich nicht. Es sei denn, eine geschätzte Krimiautorin zeigt mir ihr leeres Portemonnaie, in dem nicht einmal mehr Zigarettengeld zu finden ist. Also: Bitten wir unsere werte Leserschaft um geschätzte Beachtung beim nächsten book shopping für folgende Neuerscheinung, deren Erwerb das Autorenhonorar entscheidend vermehrt:

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Das andere Medium

Denken und stapeln

(Auf dem Denkstapel landet alles, was ich so aufschnappe und kurz andenke, was weiterzudenken sich vielleicht lohnt, vielleicht auch nicht. Heute: ein paar Gedanken zu Krimis und ihren Verfilmungen und warum das eine nicht das andere ist, aber für die Unsterblichkeit doch eins wie das andere.)

Auf die Frage, wen er für überschätzt halte, →antwortete der belgische Krimiautor Piet Teigeler:

„Raymond Chandler. Most of his immortality comes from Bogart & Bacall who gave his stories another dimension on screen.”

In dieser Aussage steckt zweierlei. Zum einen, dass Teigeler den Buchautor Chandler nicht sonderlich mag. Zum anderen, dass er zu unterscheiden weiß zwischen einem Text und seiner filmischen Adaption. Aber diese „andere Dimension“ des Mediums Film lässt sich nicht nur an Namen und Gesichtern und Gesten festmachen. Buch und Film sind zwei grundverschiedene Medien, und die grundsätzlichste dieser Verschiedenheiten besteht wohl darin, dass uns TV und Film die Bilder diensteifrig in die Augen flimmern, das Buch jedoch das Gehirn braucht, den Kessel für Gedanken und Phantasie, um zu bebildern, was wir da lesen. Lesen ist also Sehen mit Selbstbeteiligung. Wir tragen einen beträchtlichen Teil des Aufwands, der entsteht, wenn wir Wörter in Bilder verwandeln, streichen aber auch eine Löwenanteil des Ertrages ein, denn dieser Film, der da in uns abläuft, ist UNSER Film. Es gibt keine Mitzuschauer. Director’s Cut.

Doch vieles von dem, was wir da so lesen, verweigert sich seiner Visualisierung. Ja, wahrscheinlich das Entscheidende, das Charakteristische. Nehmen wir Chandler. So kongenial Bogart auch immer jenen Philip Marlowe gespielt haben mag, seine Seele, wie sie Chandler in Worte gefasst hat, konnte er uns nicht öffnen. Bogart spielte den zarten Zyniker, den Mann mit dem weichen Keks unter der harten Schale. Chandler meinte mit seinem Marlowe etwas anderes, er war ein Person gewordener Reflex auf die Gesellschaft, sein Zynismus war enttäuschte Liebe, resignatives Mitleiden, Zärtlichkeit, die zu Brutalität geronnen war. Kein Stoff für Bilder, kein Stoff für Filme, nicht einmal für die in uns selbst. Immaterielles.

Dass Chandler tatsächlich einen Teil seiner Unsterblichkeit der Schauspiel- und Regiekunst derjenigen verdankt, die seine Stoffe adaptierten, bleibt unbestritten. Dass er auch ohne die Flimmerversionen seiner Bücher wenigstens unsterblicher wäre als die meisten seiner Kollegen, aber auch.

Ich kenne nur einen einzigen Krimi, der wirklich so verfilmt wurde, wie er geschrieben ist, ohne von seinen Qualitäten zu verlieren: Hammetts „Thin Man“. Wenn ich das Buch lese, sehe ich den Film, wenn ich den Film lese, sehe ich das Buch. Das macht Spaß. Ist aber der Ausnahmefall.

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Autorentreff

Heut ist zwar Feiertag und damit eigentlich Blogruhe, aber das ist nun doch zu putzig: Kollege Jan Zweyer lädt den Kollegen Marcus Starck nach Koblenz →zum Bier ein. Dabei unterhalten sie sich über die „dunklen Niederungen“, sprich die bösen Blogs, die so viel Theoretisches ablassen und nicht in Jubelstürme ausbrechen, wenn auch nur ein deutscher Krimiautor eine deutsche Krimiseite schreibt. Und schließen damit, den vergangenen Zeiten nachzutrauern, als man noch Postkutsche fuhr und die Rezensionen einmal im Jahr eintrafen und allesamt positiv waren und natürlich völlig kritiklos und die Perücken noch gepudert wurden und überhaupt. Prost! Ein Beitrag zum großen Thema „Kitzel den Autor, bevor er einschläft“.