Krimischreiben ist Turnen auf dem Schwebebalken. Eleganten Schritts über dem Abgrund, tut man so, als sei alles ganz einfach und hält doch nur mit Mühe die Balance. Und als sei das nicht schwer genug, macht man allerhand akrobatische Verrenkungen, düpiert für Momente die Schwerkraft und fürchtet sich vor dem Abgang auf den Boden der Tatsachen. Der geht nicht selten schief, vor allem, wenn man etwas riskiert.
Kerstin Rech gehört zu den AutorInnen, die etwas riskieren. Ihre Krimis wachsen aus dem Mystisch-Übersinnlichen, dem unsicheren Grund von Sagen und Legenden, da gibt es manchen Salto – auch manchen Wackler -, als Leser zittert man mit, glaubt manchmal, jetzt passiere der brutale Absturz – und atmet auf, wenn sich die Autorin fängt. „Schenselo“ macht hier keine Ausnahme.
Die Geschichte spielt im unweit vom Speyer gelegenen kleinen Ort Neuweiler, einem Kaff, in das sich nicht einmal die Sonne verirrt. Einst gab es hier ein Kloster, auch einen Grafen, den titelgebenden „Schenselo“, das ist lange her, doch die alte Zeit lebt weiter im Geraune der Bewohner. Wir lernen einen kleinen Jungen kennen, der seinen verstorbenen Vater vermisst und seine Mutter hasst. Dann begegnen uns der Chef eines Garten- und Landschaftsbauunternehmens, der seinen Vater fürchtet, und seine Schwester, Berit Schock, die diesem Vater zu sehr ähnelt und sich in eine andere, eine neutrale Vergangenheit geflüchtet hat. Sie leitet das Heimatmuseum von Neuweiler.
Als die Gartenbaufirma den kleinen Park saniert, stößt der Bagger auf eine Kiste. Darin ein Schenkungsvertrag aus dem 16. Jahrhundert, der aber eine Transaktion des Schenselo aus dem 14. fixiert. Ein willkommenes Exponat für Berit Schocks Heimatmuseum, doch lange kann sie sich nicht daran erfreuen, das wertvolle Stück wird ihr gestohlen, der Dieb ist ein Angestellter der Firma, das findet man schnell heraus, doch den Bösewicht selbst findet man tot, die Hände ans Bett genagelt. Kommissar Hoppe ermittelt.
Bald ist die Rede von einem Schatz, von den Tempelrittern und der Wiederkehr einer längst versunkenen Bruderschaft, tja, und damit könnte auch der Roman irgendwo zwischen Fantasy und Dan Brown versinken, würde er denn weiter an der Oberfläche geplottet werden. Aber Kerstin Rech hat von Anfang an eine andere Ebene im Visier. Wo wir glauben, die Autorin beschwöre die Vergangenheit, tun die Personen das genaue Gegenteil. Sie flüchten vor dem Vergangenen in teils anrührende, teils bizarre Phantasie- und Wahnwelten. Der kleine Junge zum Beispiel, der seinen Vater vermisst, erschafft ihn sich im Traum neu. Berit Schock widmet sich der Heimatkunde, um die Zeit zu vergessen, da sie ihr Vater mental zu erdrücken schien. Ihr Bruder hat diesen Fluchtpunkt nicht; er stolpert in die Psychose. Und auch im Leben des Kommissars gibt es eine, mit der Geschichte eng verzahnte Begebenheit aus dem Vergangenen, die er verdrängen muss – und doch nicht kann.
Es sind also im Grunde zwei Geschichten, die hier parallel laufen und doch einander brauchen ein „Täterkrimi“ und ein „Opferkrimi“. Dafür benötigt Kerstin Rech nicht einmal 200 Seiten, für einen „total überraschenden Schluss“ auch , der, hätte man die zweite, die innere Geschichte eher in den Blick bekommen, so überraschend nicht gewesen wäre. Man mag nun einwenden, die Athletin auf dem Schwebebalken übertreibe es ein wenig mit den Kunststückchen. Das ist richtig. Die Einbeziehung des Kommissars ins dramatische Szenario kommt ein wenig zu gewollt daher, obwohl sie für die Schlussszene gebraucht wird, die wiederum auf die Eröffnungsszene zurückweist. Ohne diesen zusätzlichen Abgrund bekäme man die anderen Tiefen etwas besser in den Blick.
Aber abstürzen tut die Autorin nicht. Sie hat ein intelligent geplottetes Buch vorgelegt, in dem mehr angedeutet als ausgeplappert wird, was für die Wertschätzung spricht, die Kerstin Rech der Leserintelligenz entgegenbringt. Hoffen wir, dass diese LeserInnen es zu honorieren wissen.
Kerstin Rech: Schenselo.
Conte 2007. 186 Seiten. 19,90 €