Ein Serienheld erzählt

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Hallo. Sie kennen mich. Oder nicht? Kevin Puffendorf, der Krimiserienheld. Na sehen Sie. Gewiss erinnern Sie sich noch, wie ich den vergrabenen Nazischatz aufgespürt und dabei die latente Pogromstimmung hierzulande gleich mit ausgebuddelt habe. „Kevin Puffendorf“, haben Sie ausgerufen, „Kevin Puffendorf ist schwer in Ordnung. Der bricht die Tabus, der ist einer von uns!“

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John Burdett: Bangkok 8

Britischer Humor, buddhistische Philosophie und thailändische Sexkultur, das ist der Mix für John Burdetts „Bangkok 8“. Sonchai Jitpleecheep ist Polizist in Bangkok. Der Sohn einer thailändischen Prostituierten und eines ihm unbekannten Amerikaners ist Buddhist und erzählt uns, den Weißen, den Farangs seine Geschichte.

Gemeinsam mit seinem Partner und langjährigen Freund verfolgt er einen schwarzen Amerikaner durch Bangkok. Der Amerikaner geht im Verkehrschaos verloren und als sie ihn wiederfinden, versucht eine Kobra vergeblich dessen Kopf zu verschlingen. Beim Versuch ihn zu retten, verstirbt auch Sonchais Freund und Partner an einem Schlangenbiss. Zusammen mit einer Mitarbeiterin vom FBI, die aus den USA kommt, macht Sonchai sich auf die Suche nach dem Verantwortlichen.

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Dann gnade uns Gott

Jede Woche fällt eine weitere Provinz Nigerias an die Scharia, jede Woche erscheint ein neuer Text im deutschen Feuilleton, der den religiös grundierten Werte-Unterricht preist. So unterschiedliche ältere Bewegungen wie westliches Eso-Trotteltum, afrikanischer und asiatischer Befreiungsnationalismus, ethnischer Separatismus unterschiedlicher Provenienz, amerikanisches Hinterwäldlertum und lateinamerikanischer Synkretismus verwandeln sich in neue, oft globale, mindestens aber internationale, religiös gefärbte Strukturen, die den reaktionären Impuls nicht mehr an Ethnie und Scholle binden, sondern an aggressive Glaubenssysteme.

Diedrich Diederichsen in der taz über → Globale Gläubigkeit und was uns nach der Bundestagswahl erwartet.

Summer Camp -11-

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Der richtige Zeitpunkt. Irgendwann, nicht zu früh, nicht zu spät, sollte man das Skelett eines Gedankenprojekts in die Sonne stellen, es etliche Male umkreisen und sich vorstellen, wie das Fleisch der Wörter um die Knochen wuchert und ein Text zu leben beginnt. Tut er es überhaupt? Ebenmäßig? Mit allen lebensnotwendigen Organen versehen? Kein Frankenstein, der außer Kontrolle geraten ist?

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Noch eine Spur nach Island

Viktor Arnar Ingólfsson, dessen lesenswerter Krimi „Das Rätsel von Flatey“ →hier besprochen wurde, macht seine Leser in seinem →Tagebuch auf eben diese Besprechung aufmerksam:

„28.07.2005 Flateyjargáta datt út af þýska sölulistanum í síðustu viku en kíkti svo inn á hann aftur í þessari viku í 49. sæti. Svo fann ég fína umsögn á vefnum.“

Auf Deutsch: „Jetzt hat mich auch das legendäre Hinternet in seinem noch viel legendäreren Krimiblog besprochen! Das hat nicht mal Björk geschafft!“

Sommerkrimi -3-

Wir waren in Russland, wir waren auf Island. Jetzt lassen wir die Sau raus. Mit Modesty Blaise in den Pazifik, viel Sonne, viel Sex, viel Zynismus, viel Spaß.

Hotel „Zum hemmungslosen lustvollen Lesen“, die Peter-O’Donnell-Luxussuite. Comictapete an den Wänden, aber alles sehr geschmackvoll. Eine Frau mit Signalmund und Traumkörper, böse Action: Haie werden per Nasenstüber zurechtgewiesen, revolverschwingende Pfarrer mitten in die Stirn genagelt, Nymphomaninnen greifen wahllos in die männliche Statisterie, ein größenwahnsinniger Millionär bekommt seinen Minderwertigkeitskomplex präsentiert. Latenter Sex, latenter Zynismus. Modesty Blaise.

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Jon Dee Graham: First Bear On The Moon

Als er im Mai 2005 mit den Resentments auf Europa-Tournee war, schien er ein wenig verschlossen und muffig. Spielte aber auf Gitarren, Dobro und lap-steel gewohnt meisterhaft und mit großem Enthusiasmus, sang seine Lieder mit Inbrunst und Leidenschaft. In den Zwischenansagen erwähnte Graham den Zwist mit seiner (amerikanischen) Plattenfirma, die sein angestrebtes neues Plattenprojekt verworfen hatte. Der Singer/Songwriter mit der kräftigen, dabei brüchig wirkenden Stimme (Tom Waits lässt grüßen!) reagierte prompt und veröffentlichte – offenbar auf eigene Kosten – einen Radiomitschnitt, ergänzt durch drei Stücke, die er noch im April, kurz vor Beginn besagter Tour, in einem kleinen Studio im heimischen Austin (Texas) aufgenommen hatte.

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Carl von Holtei: Schwarzwaldau

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Ich habe selten mit solch wachsendem Zorn und Unverständnis ein Buch gelesen wie Carl von Holteis „Schwarzwaldau“ – und das lag nicht an dem Buch, vielmehr daran, dass es ein Buch „Schwarzwaldau“ im handfest papiernen Sinne gar nicht gibt.

Seit seinem Erscheinen 1856 dürfte „Schwarzwaldau“ nicht mehr veröffentlicht worden sein; ein Kleinod der deutschen Kriminalliteratur, dessen man nur dank der vorbildlichen Arbeit der „Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser“ als →PDF-Datei habhaft werden kann, ein Kleinod, sage ich, das die uns gemeinhin als „Perlen der deutschen Kriminalliteratur im 19. Jahrhundert“ empfohlenen Werke à la „Judenbuche“ oder „Unterm Birnbaum“ als das erkennen lässt, was sie in Wirklichkeit sind: nette Petitessen, moralgetränkte, bestenfalls mit Küchenpsychologie gesäuerte Nebenarbeiten ihrer Schöpfer.

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Die Spur führt nach Island

Wem vom vielen Indridason-Lesen ganz Isländisch ums Herz geworden ist, dem sei die Zeitschrift →„Islenska“ an das selbige gelegt. Es gibt sie als Print- und E-Book-Ausgabe, das neue Heft enthält u.a. ein Interview mit Colette Bürling, der Indridason-Übersetzerin. Eine →Besprechung von des Letzteren Roman „Engelsstimme“ kann man gleich (mit aktueller Acrobat-Reader-Version) an Ort und Stelle lesen.

Iain Levison: Betriebsbedingt gekündigt

Das Hinternet ist stolz auf sich. Ein hochkarätiger Gastkritiker bespricht für uns exklusiv Iain Levisons Roman „Betriebsbedingt gekündigt“. Und Vinzenz Wehrlin, arbeitsmarkt- und sozialpolitischer Sprecher des „Wahlbündnisses Schwarzer September“ (der Zusammenschluss aller im Bundestag vertretenen demokratischen Parteien zur Abwehr der roten Gefahr), zeigt sich schwer beeindruckt. Aber lesen sie halt selbst.

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Iggy Pop: A Million In Prizes & Live At Avenue B

Iggy Pop hat sich in seiner fast 40jährigen Karriere nie geschont. Seine Bühnenshow und seine exzessive Art sind legendär und sein Name steht wie kein anderer für die schlechten, aber verlockenden Seiten des Rock’n’Roll. Wenn man den knapp 60jährigen heute ankuckt, weiß man nicht, ob ‚durchtrainiert‘ oder ‚mumifiziert‘ der richtige Ausdruck ist, aber er scheint von seiner Energie nichts verloren zu haben.
Hört man die Songs der jetzt vorliegenden Anthology, stellt man schnell fest, wie sehr ein wildes Drumherum auch die Vorstellung der Songs prägt. Gerade in den Anfangstagen waren The Stooges aus heutiger Sicht gesehen musikalisch relativ zahm, aber 1969 hatte „I Wanna Be Your Dog“ alles am Start um die Leute zu erschrecken.

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Nora Kelly: Old wounds

(Diese Rezension hätte auch in unserer aktuellen Sommerkrimi-Rubrik ihren berechtigten Platz. Cozy, meint der Rezensent – und nickt zustimmend.)

Krimis beschwören gerne die Geister der Vergangenheit und betonen die Verwurzelung von Verbrechen in der Vorzeit. Auch hierin offenbaren sie, in unserer zunehmend beschleunigenden Zeit, ihren im Kern eher konservativen Geist. So lebt dann auch Nora Kellys „Old Wounds“ von dem Wechselspiel zwischen den Erinnerungen Gillian Adams‘ an ihre Jugendzeit und der Gegenwart, die diesen Erinnerungen nur noch teilweise entspricht.

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Wissenswertes über Burda

Nach der Lektüre dieses → Artikels von Juliaan B. Schnitter fragt man sich: wer gehört eigentlich noch dem Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) an?
Gerade ist die Verlagsgruppe Milchstrasse (Cinema, TV Spielfilm) ausgetreten, um ihre Mitarbeiter weiter untertariflich entlohnen zu können, der Heinrich Bauer Verlag ist auch schon weg und der Präsident des VDZ gibt zwar viele Zeitschriften heraus, die aber alle selbst nicht im VDZ organisiert sind.
[via medienrauschen]