Ray Wilson: Live

Bei Ray Wilson beschleicht mich manchmal das Gefühl, dass schon der Nachlassverwalter das Regiment übernommen hat. Bei den meisten Tätigkeiten des schottischen Sängers steht ein ‚Ex‘ davor und so zeigt er gerne auf Live-Platten, was er schon so alles gemacht hat.Nach dem super Akustikalbum „Live And Acoustic“ folgt jetzt ein randvoll gepackter Doppeldecker mit 32 Songs in Bandbesetzung, die alle Phasen seines Schaffens abdecken. Stiltskin, Cut, seine Soloplatten und natürlich auch Erinnerungen an seine kurze Zeit als Sänger von Genesis. Dabei sieht Wilson das Genesis-Repertoire als ‚All you can sing‘-Büffet und bedient sich nicht nur bei der „Calling All Stations“-Phase, sondern wildert auch noch in alten Zeiten.

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T. Jefferson Parker: Silent Joe

„Mouth shut, Eyes open“, unter dieser Maxime wurde Joe von seinem Vater ausgebildet. Abends ist Joe als Leibwächter, Bote und Fahrer seines Vaters unterwegs, tagsüber arbeitet er als Polizist, zuletzt als Aufseher im Staatsgefängnis. Im Alter von fünf Jahren wurde er von seinen jetzigen Eltern adoptiert und wuchs in einem sehr wohlhabenden Elternhaus mit engen Kontakt zu den sogenannten Eliten auf.

Zu Anfang des Buches begleitet Joe seinen Vater, einen hohen Aufsichtsbeamten des Orange County, auf einer seiner dubiosen nächtlichen Touren. Geheimnisvolle Unterhaltungen finden statt, kurze Worte werden ins Telefon gesprochen, viel, sehr viel Geld wechselt den Besitzer und ein etwa zwölfjähriges Mädchen wird im Auto mitgenommen – am Ende ist der Vater tot, erschossen. Joe fühlt sich schuldig und versucht zu rekonstruieren, was er jener Nacht nicht verstand, was sein Vater beabsichtigte und welches Geheimnis dieser vor ihm, seinem Sohn verbarg.

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Union Youth: The Boring Years

Union Youth – wer es nicht wusste: das sind vier deutsche Jungs namens Maze, Orion, Bowy und Nosse – befinden sich mit ihrem neuen Album „The Boring Days“ mehr denn je auf den Pfaden des Post-Grunge und damit des Alternative Rock. Zwei in diesem bestimmten Genre nicht ganz unwichtige Namen springen einem da in den Sinn: Nirvana und Foo Fighters. Das sind Referenzen der obersten Kategorie. Union Youth haben deren Schaffen gut studiert, nicht jedoch kopiert. Ihre Songs haben Schmackes (gleich: Druck) und strotzen nur so vor Energie. Bestes Beispiel dafür ist die Singleauskopplung „Sweet Song“. Ein Kracher.

Aber keine Sorge: Union Youth haben nicht nur diesen in petto. An der Albumproduktion beteiligt war übrigens ein gewisser Pelle Gunnerfeldt, bekannt von Fireside. Jetzt ist aber Schluss mit Querverweisen. Rock on!

Union Youth
The Boring Years
Eat The Beat/Roadrunner/Universal
VÖ: 6.6.2005

Bloodsimple: A Cruel World

Hoppla, da kehren zwei Musiker zurück, mit denen wir gar nicht mehr gerechnet hatten. Sänger Tim Williams und Gitarrist Mike Kennedy hatten vor Jahren mit einer begnadeten Band namens Vision Of Disorder die Hardcore-Szene New Yorks mit progressiven, teils verkopften Tönen aufgemischt.Seit dem jähen Ende von VOD fragte man sich, was aus Williams & Co. wohl geworden ist. Nun wissen wir eine Antwort: Bloodsimple – zwei Mal Ex-VOD, ein Mal Ex-Downset, ein Mal unbekannte Herkunft plus ein Mal Ex-Skrew. Aus Hardcore – wie sollte es anders sein – wurde zwischenzeitlich Metalcore, respektive Metaledge. Insofern darf Kennedy mehr Mosh-Parts denn je einstreuen, während Williams wie gewohnt seine Stimmbänder aufs Extremste strapaziert und alles aus ihnen herausholt. Im Gegensatz zu früher geizt er mit melodiösen Passagen und konzentriert sich aufs Schreien. Gerade das kann er ja perfekt. Große Platte! Insbesondere der Song „What If I Lost It“.

Bloodsimple
A Cruel World
Warner
VÖ: 23.5.2005

Kurze Sätze für die Unsterblichkeit

Man lebt so lange, wie man zitiert wird. Nachzulesen bei Hallgrimur Helgason und Arno Schmidt. Alas, dann aber ranhalten!
„Wer liest, sollte nach drei Dingen nicht suchen: der Wahrheit, der Botschaft, dem Nutzen.“

(kurzer Satz, anlässlich einiger Vorüberlegungen zur „Schule der Rezensenten“ gedacht und für tiefschürfend befunden, 7 Kohleschaufeln auf der Zehnerskala)

dpr

Summer Camp -8-

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Zeit für eine kleine Ablaufdramaturgie. Sie wird uns später hoffentlich gute Dienste bei der Feinarbeit der Personenzeichnung und dem Aufbau der Spannungsbögen leisten.

Ganz grob habe ich schon die Kameraführung („Erzählperspektiven“) erwähnt, dieses Zoomen aus der Totalen des Erzählers zu den handelnden fünf Personen und gewissermaßen in sie hinein. Wir können jetzt, bezogen auf die Handlung, weiter differenzieren.

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Thirteen Senses: The Invitation

„Stadionpop im Widescreen-Format à la Radiohead gepaart mit Coldplay-Melodien“. Ergo: „Brillant-schönen Melodien“. Das sind „vom Piano geführte Chartstürmer“. Was hat die britische Presse nicht schon alles an Lob über Thirteen Senses ausgeschüttet.

Die Band um den gerade mal 21-jährigen Songschreiber Will South ist dabei, sich für längere Zeit im Pop-Gedächtnis einzunisten. Ihre Melodien gehören fürwahr in die Stadien. Sie sind auch wunderschön und erinnern tatsächlich an Coldplay & Co. Die vier jungen Burschen aus der Gegend von Cornwall zelebrieren melancholischen Edel-Britpop, wie ihn Coldplay und auch Keane bekannt gemacht haben. Piano, Akustikgitarre und die Kopfstimme von South – das sind die Markenzeichen dieser vielversprechenden Band, die wahrscheinlich bald aus dem Schatten ihrer Vorgänger treten wird. Zu schön, um wahr zu sein.

Thirteen Senses: The Invitation
Mercury/Universal
VÖ: 15.3.2005

Vargas, Stein, Rezension(3)

Vorweg: Liest man „Der vierzehnte Stein“ als herkömmlichen Krimi, fokussiert auf Handlungsführung und Plausibilität auf, funktioniert er wie die übliche Dutzendware aus Autorenwillkür und Unlogik.

Zwei Beispiele: Während eines Lehrgangs in Kanada lernt Adamsberg ein junges, etwas seltsames Mädchen kennen und schläft mit ihm. Einige Tage darauf ist das Mädchen tot, erstochen mit einem Dreizack, der Mordwaffe des diabolischen Richters. Er ist, so die einzige logische Folgerung, Adamsberg nach Kanada gefolgt, und hat das Mädchen getötet, um Adamsberg zu belasten.

Logisch? Also ich weiß nicht. Woher wusste er, dass Adamsberg ein Mädchen kennenlernen würde? Warum setzt er sich überhaupt der Gefahr aus, den Kommissar auf diese Weise auszuschalten? Weil er ihm auf der Spur wäre? Ist er doch gar nicht! Keiner glaubt ihm!

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Das unterirdische Zitat

… stammt heute aus einer →Mitteilung der „Sisters In Crime“ zur Wahl ihrer neuen Präsidentin, Beatrix Kramlovsky, und lautet:

Tatsache ist, dass Autorinnen trotz einzelner Ausnahmen nicht so oft rezensiert werden wie ihre männlichen Kollegen. So empfiehlt die KrimiWelt-Bestenliste von Welt und Arte TV im Juli von acht Titeln nur einen Kriminalroman von einer Frau; in den Vormonaten sah das ähnlich aus.

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Übersetzungsfeinheiten

In den Sat.1 Nachtnachrichten konnte man sehen, wie sich Condoleezza Rice in der britischen Botschaft in Washington in eine Kondolenzbuch eintrug. Obwohl sie bestimmt in der Schule nie eine 1 in Schrift hatte war ihr Text klar zu erkennen:

„They will not have died in vain“

und Sat.1 übersetzte gleich für uns:

„Ihr Tod wird nicht ungesühnt bleiben“.

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Ein Interview mit dem ugandischen Journalisten Andrew Mwenda über Live8 und Schuldenerlass: Bitte helft uns nicht!

Für euch ist Afrika ein wunderbarer Markt. Die Hilfsindustrie setzt im Jahr 60 Milliarden Dollar um. Zigtausende Europäer und Amerikaner werden davon bezahlt. Die sind alle daran interessiert, dass das extravagante und verrückte System bestehen bleibt. Als die Briten Uganda 1962 verlassen haben, gab es 70 Verwaltungsbeamte. Heute arbeiten hier mehr als 5000 Hilfsexperten. Man könnte fast meinen, dass wir als Kolonie unabhängiger waren als heute.