Chartskritik 18.11.2002

So ´ne Chartskolumne ist was Feines, denn sie macht das Leben aufregender. Die ganze Woche bin ich schon gespannt, was sich tut. Es ist fast wie ran-Gucken. Und ich werde furchtbar böse, wenn der Chefredakteur aus den Top Ten zitiert, bevor ich sie geguckt hab. Denn ich spar mich ja bis sonntags auf. Dann sitz ich mit Schwitzehändchen vorm Fernseher und hoffe, dass Jeanette endlich Nummer 1 wird. Oder dass Christina Aguilera von Sechs auf Hundert fällt. Und dass mal kein Lied mit Techno-Bass und hochgepitchten Stimmen zu hören ist.

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Kettcar: Du und wieviel von deinen Freunden

Das waren noch Zeiten, als man mit 16, 17 Jahren mal locker anhand von einem Album eine komplette Weltanschauung definierte. Mit missionarischem Eifer wurde die Schallplatte dann jedem unter die Nase gerieben und so oft umgedreht, bis sogar meine Mutter die Texte konnte. Auch wenn sich diese pubertäre Begeisterung mit den Jahren gelegt hat – „Du und wieviel von deinen Freunden“ ist ein Album, das nicht nur „gut“ oder „super“ ist, sondern bei dem ich das Gefühl habe, es könnte sogar wichtig sein. Das Hamburger Quintett gibt Antworten auf Fragen, die du nicht gestellt hast, und fragt Dinge, für die es keine Lösung gibt. Du verstehst und wirst verstanden.

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Hallgrimur Helgason – 101 Reykjavik

Gehst du in ein Reykjaviker Café, stößt du mit ziemlicher Sicherheit auf einen vor seinem Notebook sinnierenden Menschen, der gerade dabei ist, einen Roman zu schreiben. Dieser Mensch ist zumeist männlich, jung und übernächtigt, verbringt die Tage im Bett oder Café, die Nächte ebenfalls, nur in umgekehrter Reihenfolge.

Wir wissen nicht, wie Hallgrimur Helgason seinen Roman 101 Reykjavik geschrieben hat. Aber wohl so ähnlich. Und sein Held verbringt die Tage im Bett oder im Café, guckt Pornos, hört Pop und – „Hi Fidelity“ läßt grüßen – führt Listen, in denen er Frauen nach ihrem Marktwert taxiert. Er trifft auf Lesben, Schwangere, kaputte Typen, reichlich viel Schrott und Plunder – aber ich kenne kaum einen zeitgenössischen isländischen Roman, in dem das nicht so wäre.

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Add N To (X): Loud Like Nature

Ohne lang um den heißen Brei zu reden: „Loud Like Nature“ ist in wenig enttäuschend. Da fehlt ein Hit wie „Plug Me In“ – ganz zu schweigen von der Pornoversion des dazugehörigen Videos. Das Album wirkt überhastet zusammengeklaubt. Einige Ideen wurden ohne einem roten Faden miteinander verknüpft. Alles in allem klingt es zu pseudo-trashig, wobei aber nicht alles an „Loud Like Nature“ schlecht ist.

(4 Fritten)

Add N To (X): Loud Like Nature
(Mute/Virgin)

Blackmore’s Night: Past Times With Good Company

Über Alben von Blackmore’s Night herzufallen ist wahrlich eine leichte Übung, sie gut zu finden ist dann schon eine etwas schwierigere Erfahrung. Als mir das Doppel-Live-Album „Past Times With Good Company“ ins Haus geflattert ist, hatte ich mich eigentlich schon auf einen Verriss gefreut und muss jetzt –mich verwundert am Kopf kratzend–gestehen, dass es mir gut gefällt.

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Aynsley Lister: Everything I Need

Cool, endlich ein neues Album von Blues-Youngster Aynsley Lister. Moment, neu? Leider nicht wirklich, 6 der 11 Tracks waren auch schon auf seinem selbstbetitelten Album von 1999. Obwohl in leicht veränderten Fassungen komplett neu eingespielt, hinterlässt sowas immer etwas Frust beim Konsumenten. Auf der anderen Seite ist es ein Track wie „Angel O‘ Mine“ wert, mehrmals aufgenommen zu werden. Wer Aynsley Lister noch nicht kennt, kann also gleich mit dem neuen Album anfangen.

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Schandmaul: Narrenkönig

Rund ein Jahr nach ihrem Debüt-Album sind die Happy-Schergen von Schandmaul mit einem neuen Werk zurück. Grundsätzlich ist alles beim Alten geblieben, es fällt nur auf, dass der Gesang nicht so deutlich im Vordergrund steht wie beim Vorgänger „Von Spitzbuben und anderen Halunken“, was zu Gunsten eines etwas raueren Gesamtklanges geht. Ohne den düsteren Mittelalter-Max zu machen oder sich anderen seltsamen Peinlichkeiten hinzugeben, macht das Sextett genau das, was Gaukler und Spielleute tun – unterhalten.

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Electricity 2002

Das kleinste Bundesland ist außerhalb seiner Landesgrenzen nicht bekannt dafür, eine nennenswerte Elektro-Szene sein Eigen nennen zu dürfen. Elektronische Musik ist nicht das Steckenpferd der Saarländer. Um so erstaunlicher war es als die Landesregierung vor einigen Monaten mitteilte, sie wolle in der Landeshauptstadt ein Festival für elektronische Musik organisieren. Mit internationalem Flair und großen Einzugsbereich versteht sich.

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Libertines: Up The Bracket

Extrem heftig sollen sie es auf Tour treiben, denn just kündigte ihr erfahrener Tourmanager. Er hatte die Schnauze voll von den Exzessen der Musiker. Frauen, Alkohol und Drogen – wie immer eben. Der aktuelle Über-Hype aus Großbritannien nennt sich The Libertines und könnte als Übersee-Gegenstück zu den Strokes durchgehen. So zumindest der erste Eindruck des Debüts („Vertigo“, „Death On The Stairs“).

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The Datsuns: The Datsuns

Neuseeland ist wirklich nicht das Epizentrum der Rockmusik und von daher verwundert es nicht weiter, dass die Ur-Ur-Enkel der Rotzrockwelle aus diesem entlegenen Winkel kommen. Mit ihrem Statement „Don’t believe the hype“ spielen sie augenzwinkernd die Erwartungshaltung runter und fallen hauptsächlich dadurch auf, dass sie rocken als hätte es die skandinavische Retro-Rock-Welle noch gar nicht gegeben.

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Electricity-Festival – Drum’n’Bass-Nacht

E-Werk Saarbrücken, 9.11.2002

Mit: DJ Kabuki, Philipp Maiburg, MC Glacius, MC Ronin, DJ Storm, Adam F, MC MC, Doc Scott, Bassface Sascha, MC Killa Bee u.a.

Gerade noch rechtzeitig angekommen, um das Gewinnspiel der AOK mitzuerleben, war für mich der erste Act DJ Kabuki, der, unterstützt von den MCs Glacius und Ronin, back-to-back mit dem Vertreter der Düsseldorfer Phoneheads Philipp Maiburg auflegte. Zu dieser relativ frühen Stunde, ungefähr um halb elf, war das E-Werk noch wenig besucht, auch die Stimmung der Anwesenden liess erst einmal ein Abwarten vermuten. Vielleicht lag dies auch daran, dass die Trommelfelle noch nicht allzu überstrapaziert wurden, respektive die Lautstärke erst später erhöht wurde. Der aus Hanau stammende Kabuki wusste dennoch zu überzeugen, so war sein Set geprägt von einem Drum’n’Bass der smootheren, für den Wahl-Tokioter jedoch recht typischen Gangart.

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