Bei uns ging’s eigentlich nie um Jugendlichkeit

Ein Gespräch mit Dirk von Lowtzow (Tocotronic)

Hinter-Net!: Tournee-Zeit heißt auch Interview-Zeit. Seid Ihr schon gestreßt?

Dirk: Nö, eigentlich nicht. Natürlich machen wir ’ne Menge Interviews, und oft sind es immer wieder dieselben Fragen. Eine gewisse Routine hat das schon. Daher kommt es auch selten vor, daß wir zu dritt ein Interview machen, meist geht nur Einer von uns hin. Da kann die Frage noch so gut sein, irgendwann hast du sie doch schon mal gehört, und wenn dann Einer von uns loslegt mit der Antwort, dann sitzen die beiden anderen rum und können nicht mehr zuhören, weil wir das untereinander alles schon mal gehört haben.

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Mike Grier: Shaken not stirred

Dieser Mann ist Kanadier,. Was an sich ja nichts Ehrenrühriges ist. Er könnte aber genausogut Japaner sein. Wenn es um die Kunst des Imitierens geht legt Grier nämlich eine Kunstfertigkeit an den Tag, die ihresgleichen sucht. Vielleicht hat er aber auch nur ein Identitätsproblem.

Vor einem halben Jahr veröffentlichte er mit seiner Band THE HOOBLERS eine CD, die als gelungene NEIL YOUNG & CRAZY HORSE Kopie durchging. Auch seine erste – nach dem James Bond Motto betitelte – CD beginnt er wieder als Neil „Gott“ Young-Imitat. Nicht die heftig rockende Crazy Horse Phase auch wenn er zwischendurch gerne mal in die Seiten brettert.

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Guided By (female) Voices

Ein Telefoninterview mit Hindernissen

Vielbeschäftigter Hinternet-Mitarbeiter

Hinter-Net! Mitarbeiter sind vielbeschäftigte Menschen und die Redaktion mangels spendabler Sponsoren (haaallloo! hört uns jemand da draußen?!) arm wie eine Kirchenmaus. Das heißt u.a. grüner Tee (Iiigitt! die Red.) und Salzstangen statt Champagner und Kaviar bei den Redaktionssitzungen. Und natürlich keine Flugtickets zu Interviewterminen in München, Hamburg oder London. Wenn der zu interviewende Berg nicht zu uns kommt, bleibt als letzte Möglichkeit meist nur noch ein Telefoninterview

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Glen Cook – Die Rätsel von Karenta

Bd. 6: Heisses Eisen
Bd. 7: Spitze Buben

Es war wieder einer der ganz speziellen Tage. Eigentlich wollte Garrett – seines Zeichens Privater Ermittler – nur auf ein Bier in Morpheus Ahrms Freudenhöhle vorbeischauen, aber just in diesem Augenblick taucht dort eine äußerst attraktive junge Dame auf und Garretts Hormone tanzen Salsa. Leider erscheinen die obligatorischen Fieslinge und vertreiben die Dame, doch nicht ohne ihm vorher die Möglichkeit zu geben, den Helden zu spielen. Am nächsten Tag klopft es an seiner Tür und Captain Wart Block bittet ihn um seine Hilfe in einer Reihe abgedrehter Morde. Natürlich verschließt sich unser Held nicht diesem Ansinnen und steckt binnen Kürze in einem widerwärtigen Fall. Blut, Magie, Horror, Sex. Ein böser Geist aus grauer Vorzeit. Bissige Schmetterlinge…

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Krücken nach Babylon

Wenn Jagger zum Mikro greift, Richards und Wood ihre Gitarren schrubben und Watts stoisch den Takt angibt, dann erst ist alles ganz vertraut, dann können rüstige Senioren sich zurücklehnen und erleichtert sein, daß es in einer Welt voller Laptops, Tamagotchis und Maggi Fix Produkten noch etwas gibt, woran man sich festhalten kann

Marlon Wilhelm auf SR2 Kulturradio über die neue Rolling Stones-CD „Bridges to Babylon“

Timo Wuerz/Niki Kopp: XCT 2

Was ist das für ein Gefühl, als einzige zu wissen, daß ein Stadion nicht nur mit 25.000 hippen Kids vollgestopft ist, die sich ein Megakonzert anhören wollen, sondern auch mit munter tickernden Sprengsätzen, die ihrer digitalen Fernzündung freudig entgegensehen? Ein Scheißgefühl, vor allem wenn man glaubt, noch eine verschwindend geringe Chance zu haben, die Sache aufzuhalten.
Mit diesem Attentat versucht ein Erzschurke Corky, ein Powergirly wie es im Comic steht, zu erpressen, um ihr die Information über ein Waffenlager zu entlocken, das sie vor Jahren entdeckt hat. Angesichts der Tatsache, daß im jungen 21. Jahrhundert kein Mensch mehr Waffen besitzt, stellt diese Information eine ähnliche Bedrohung dar wie die Sprengungdes Stadions. Sonnige Alternativen tun sich da auf, und ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

Niki Kopp und Timo Wuerz legen sich auch mit dem zweiten und letzten Band von XCT wieder mächtig ins Zeug. Statt sich orwellschen Visionen zu verschreiben projizieren sie die gegenwärtige Jugendszene in die nahe Zukunft. Statt auf SF-Versatzstücke wie den Cyberspace zurückzugreifen entwerfen sie ein dekadentes Szenario, das alle Elemente der Gegenwart von der Netzkultur übers Pillenschlucken und Technocult verarbeitet und sich aus der Masse der zukunftsnahen Comics heraushebt, die derzeit wie Pilze aus dem Boden schießen. Dieser Eindruck wird nicht zuletzt durch das für Comics ungewöhnliche Artwork unterstrichen: Montagen, harte szenische Schnitte, halt alles, was das MTV-geschulte Auge so liebt. XCT liest sich wie im Endorphinrausch.

Timo Wuerz/Niki Kopp
XCT - band zwei
Carlsen Verlag 16,90 DM
ISBN 3-551-72892-5

Martin Frei: Gregor Ka im 21. Jahrhundert

Ein wiedervereinigtes Deutschland hätte auch anders aussehen können. Wirtschaftskonzerne hätten die Macht übernehmen können und ein Schattenkabinett hätte den demokratischen Schein nach außenhin gewahrt. Für Zucht und Ordnung hätte eine Volkspolizei gesorgt und statt einer innerdeutschen Mauer wären die Grenzen zum Ausland dichtgemacht worden.

Ein solches Szenario hat Martin Frei entworfen und – wen überraschts – in der (zu) nahen Zukunft, im Jahr 2005 angesiedelt.

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E.L.Doctorow – Billy Bathgate

Jede Zeit bringt ihre eigenen Idole hervor. In der trostlosen Bronx zur Zeit der Depression orientiert sich die Jugend an ganz speziellen Vorbildern. Eines davon ist Dutch Schultz, respektierter Boss eines florierenden Verbrechenunternehmens. Wie viele seiner gleichaltrigen Kumpanen träumt auch Billy Bathgate von dem aufregenden Leben eines Gangsters, nicht nur weil es ach so aufregend erscheint. Wohlorganisiertes Verbrechen ist schlicht und ergreifend ein verlockender Weg, den Dreck der Hinterhöfe hinter sich zu lassen.

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Die Aeronauten – Schuldigung

Neben den beiden Hits „Schuldigung“ und „Countrymusik“ vom 97er Album „Jetzt Musik“ sind 4 weitere Tracks (2 aus dem 95er Album „Gegen Alles“, einer aus der Maxi-CD „Bettina“, einer aus dem Album „1:72“) auf der Maxi. Man erhält hier also einen günstigen Einblick in das Schaffen der Band. Schön sind vor allem die Bläser bei den beiden Hits und früher oder später fängt man sowieso an sich für Countrymusik zu interessieren! (6-Track-Maxi, Laufzeit 19:40)

Dragon Ball 1 – Das Geheimnis der Drachenkugeln

Kulturredaktionen sind für gewöhnlich schnell zu schockieren. Kaum sind hundert Jahre vergangen, fordern irgendwelche modernistischen Wirrköpfe auch schon eine Anpassung der Rechtschreibung an die gegebenen Verhältnisse, ohne zu ahnen, daß sie damit alles tun, um die abendländische Kultur vom Rand der Scheibe zu schubsen. Und als ob das noch nicht genug wäre, bringt der Carlsen-Verlag jetzt den ersten naturbelassenen Manga im orignal japanischen Layout auf den deutschen Markt. Geradeso als ob sich ein Manga nicht vollständig eindeutschen ließe. Akira Toriyamas „Dragon Ball“ kommt im Taschenbuchformat daher und wird von hinten nach vorn und von rechts nach links gelesen. Marketing-Gag eines Comic-Verlags, um ein eher mäßiges Manga zu verkaufen oder das i-Tüpfelchen auf einem erstklassigen Manga-Genuß?

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Morrissey – Maladjusted

Der Exzentriker, Lyriker und Popmusiker Morrissey zeigt sich mal wieder von seiner besten, das heißt leidvollsten Seite. „Maladjusted“, unangepaßt, entfremdet – der Titel ist Programm. Morrissey aus dem grauen Manchester bringt es auf seinem sechsten regulären Sololongplayer fertig – wie immer in seinen guten Momenten – Pathos mit Leidenschaft, Zynismus mit Humor und Intelligenz mit Unterhaltung zu verknüpfen. Sei es die mit Ironie hoch drei gewürzte Geschichte eines scharfen Fensterputzers („Roy’s Keen“), sei es ein gefällig-abgründiges Seele/Leib-Drama (die Single-Auskopplung „Alma Matters“) – der homoerotisch-asketisch-neurotische Morrissey findet diesmal fast immer die richtigen Ausgänge aus seinen Wahnvorstellungen.

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Kaleef: 53rd State of Mind

„Golden Brown“ beschert den Stranglers 1982 ein wohlverdientes Stück vom Big-business-Kuchen. Eine grossartige Band tut das Unerwartete und bringt einen verträumten Popsong mit subtil-ironischem Text heraus. Die Stranglers werden zum Hausnamen für unzählige Dumpfbacken-DJs, die ansonsten lieber Stock-Aitken-Waterman-Zeugs in Serie abnudeln.

Als Kaleef 15 Jahre später ihre Version von „Golden Brown“ auf den Markt bringen, gibt es keine Überraschungen. Die Recycle-Welle war und ist in vollem Gange, und Leichenfledderei wurde schon weitaus intelligenter betrieben. „You’re talking nonsense“, die Anfangszeile der Kaleef-Version, trifft die Sache ziemlich gut. Einen weiteren pseudo-motivierten Rap über böse Drogen und fiese Dealer, wer braucht das?

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Luna: ihop

Unnötiger Kauf weil zu gut! Unverständlich? Wer sich die Maxi kauft muß die Platte („Pup Tent“) danach sowieso haben, weil Luna schlichtweg phantastisch sind (vgl. Album Kritik). Da aber die 3-Track-Maxi zwei Titel enthält, die auf dem Album drauf sind, kauft man sich die Maxi nur wegen eines Titels (wie gesagt das Album kauft ihr danach sowieso)! Wie auch immer, ein gutes Werk tut ihr auf jeden Fall.

Luna: ihop
(Beggars Banquet)
(Laufzeit 15:49)

Hinternet-Radio 09/97

Montag 22. September 1997, 18.00Uhr
(Offener Kanal Saar, UKW 103,7 und 105,0)

Das Musikprogramm:

  • 16 HORSEPOWER: „My narrow mind“
    CD „Low Estate“ (A&M)
  • LAMBCHOP: „My face your ass“
    CD „Thriller“ (City Slang/Efa)
  • RAINRAVENS: „Empty“
    CD „Diamond Blur“ (Blue Rose/Rough Trade)
  • TIM ISFORT ORCHESTER: „Houston Sauerland“
    CD „Tim Isfort Orchester“ (Moll/EfA)
  • PIZZICATO FIVE: „Porno 3003“
    CD „Happy end of the world“ (Matador/Rough Trade)
  • LEE PERRY & THE UPSETTERS: „Dub revolution (pt.1)“
    CD „Arkology“ (Island)
  • LEE PERRY: „Roast fish & cornbread“
    CD „Arkology“ (Island)
  • ATTWENGER: „Ged wer“
    CD „Song“ (Trikont/Indigo)
  • LOTTE OHM: „Wenn sie wirklich will (Rockers Hifi-Mix)“
    MCD „Wenn sie wirklich will“ (WEA)

Moderation: Walter Mitty

Mitwirkende: Kai Martin und Ben Grimm.


Hinter-Net! Radio kommt wieder am 27. Oktober, 18.00Uhr