Tag 9

Halbwegs umweltbewußt einzukaufen ist gar nicht so einfach. Da war meinereiner im Baumarkt meines minderen Mißtrauens auf der Suche nach nichts als einem neuen Duschkopf. Der für akzeptabel befundene sollte €16,95 kosten. Etwas weiter fand ich ein – mit gewaltig viel Plastik verpacktes – Bundle aus einem identischen Duschkopf, einem Duschschlauch und einem „Duschradio“ – alles zusammen für €10. Wie hättet Ihr Euch entschieden? ich bin jetzt jedenfalls im Besitz eines Ersatzduschschlauchs. Und eines Duschradios.
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Exposé für einen sehr deutschen Thriller

Liebe Gesine!
Ich darf Sie doch so nennen, meine hochverehrte Lektorin? Jedenfalls hat es mich sehr gefreut, dass Sie meine IDEE, ach was: meinen HAUCH von einer Idee für einen wirklich realitätshaltigen Thriller gewissermaßen auf Südafrika-Wirklichkeitsniveau nicht sogleich in Bausch und Bogen verworfen haben, wie es leider Ihre Kolleginnen und Kollegen anderer großer Verlagshäuser getan haben. Sie haben noch Mut zum Neuen! Sie sind noch innovativ! Aber genug des Lobes. Ich erdreiste mich, Ihnen anbei ein kleines Exposé zu übersenden, das heißt, ich möchte Ihnen zunächst einmal ganz zwanglos den PLOT meines Romanes umreißen. Es wird ein dicker Roman. Hardcover? 500 Seiten mindestens, also 19,90 €!

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Tag 8

Das bislang kleinste künftige Ex-Exponat führt ins Jahr 1988. Ich war damals frisch beim Radio und die Plattenfirmen hatten noch Geld für allerlei Promomaterial, Gimmicks und Firlefanz. Gängige Giveaways waren T-Shirts, Tassen, Feuerzeuge, Mützen, Tragetaschen oder Badges. (Wirklich wichtige Menschen bekamen auch kostbarere Präsente. Ich nicht.) Denkbar preiswert dürfte der Werbeartikel zur „Life’s Too Good“-LP von den Sugarcubes gewesen sein:
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Kommentarlos

Dass es hier Probleme mit den Kommentaren gibt, ich nach wie vor mit Spam zugemüllt werde – es dürfte euch nicht entgangen sein. Und jetzt komm ich dahinter, dass RICHTIGE Kommentare ganz rigoros gar nicht erst diesen Blog zu erreichen scheinen. Oder irgendwohin verschwinden, wo ich sie niemals vermuten würde. Dachte schon, ihr mögt mich nicht mehr… Würdet ihr mal ein paar Kommentare schreiben und mitteilen, wie toll oder beknackt wtd ist oder ob es bei euch gerade regnet, stürmt und schneit? Ich versuche dann mal, die unerforschlichen Wege der Kommentare zu verfolgen. Es ist ein Jammer…

Tag 6

Mit einem Kind im Haus lässt er sich kaum vermeiden: der jahreszeitbedingte Tannenbaum. Ich persönlich hab´s ja nicht so mit der Natur im Haus. Und ich hab´s nicht so mit Weihnachten. Und so werden der Weihnachtsbaum und ich auch keine Freunde. Erst muss man sich von ihm – beim Nachhausetransport – immer wieder aufs Neue pieksen lassen, dann wehrt er zuverlässig die ersten Versuche ab, ihn halbwegs gerade aufzustellen und schränkt danach die Bewegungsfreiheit im Raum nachhaltig ein. Und allerspätestens ab Silvester heißt es nur noch: ↑Erna, der Baum nadelt!

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Tag 4

Sie kommen mit einem Blumenstrauß, einer Teegeschenkpackung (Grüntee Sencha Pina Colada oder die „FDP-3-Königs-Mischung“ mit Myrrhe und Stinkmorchel) oder als Auffüllung zu mager geratener Präsentkörbe. Plötzlich sind sie da, wo man sie nicht will und wo sie niemals hin wollten: kitschige Tonmännchen

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Tag 3

„Unter dem Firmen- und Markennamen Letraset wurden, besonders vor der heutigen Verbreitung von Computern, Anreibebuchstaben verkauft. Diese stellten bis in die 1980er Jahre eine bei professionellen Grafikdesignern, Ingenieurbüros oder Layoutern bis hin zur Kindergarten-Bastelstube populäre Möglichkeit dar, ordentlich aussehende Schriften auf Flächen aufzubringen.“

So steht´s in der deutschen Wikipedia unter dem Stichwort ↑“Letraset„.
Meine Kindergarten-Bastelgruppe der anfänglichen 80er Jahre hieß “wartungsfrei” und war ein Kassettenlabel.

Photoshop war noch nicht erfunden und Computer hiessen für uns C64 und waren zum Daddeln von „Jumpman“ oder „Attack of the mutant camels“ da. Schicke Schriften oder andere grafische Elemente musste man von den gar nicht mal so günstigen Folien der Firma Letraset runterrubbeln.

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Tag 2

Fast zwei Jahrzehnte leistete mir meine Brille treue Dienste. Was alles hätte ich ohne sie nicht gesehen: das Holstentor, den Golden Pudel Club, das Weimarer Stadtschloss, Griechenland (vor der Krise) und die Steueroase Luxemburg, Notre Dame und Pariser Schuhläden, den Mont St. Michel und das Teetassenkarussel in Eurodisney, das schwarze Quadrat von Malewitsch und Fettflecken von Beuys, den Schriftzug „Feldzug 1870/71“, den Bademantel des Dude, den Kimono von Bill Murray und die Sauerei, die mein Sohn bei seiner Geburt verursachte.

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Matthias Wittekindt: Schneeschwestern

wittekindt.jpg Reden wir über Kitsch. Was ist das? Kitsch ist die Nachahmung des Originellen, das Errichten potemkinscher Fassaden vielzimmriger Worthäuser, aber eben nur die Fassaden, ein Täuschungsmanöver für flüchtige Augen. Im Kitsch offenbart sich falsches, weil oberflächliches Lesen. Alles etwa, was heutzutage „romantisch“ daherkommt, hat Romantik nie wirklich verstanden, ahmt den Ton nach, trifft ihn aber nicht. Kitsch will mehr sein, Kitsch will Kunst sein, unbedingt, Kitsch strebt nach dem Höheren und löst sich doch nie von seinem traurigen Ausgangspunkt: dem Unvermögen zur originellen schöpferischen Leistung.
Kitsch zu erkennen, ist nicht immer leicht, denn entgegen der landläufigen Meinung steckt er nicht nur in „Lore“-Romanen und schwülstigen TV-Arztserien. Er verbirgt sich in Worthülsen, ist Modeschmuck, Talmi, er schwingt sich zu Gedanken auf, die einen in Ehrfurcht erstarren lassen, große Gedanken über die Menschen und die Welt und die Moral und überhaupt. Das beeindruckt, wenn man es beim ersten Blick und der wie mit Kanonen verschossenen Botschaft belässt. Und die Claqueure tun, was Claqueure nun mal tun: sie applaudieren. Bis irgendwann die Klatschhändchen erlahmen, weil die Zeit (nein, nicht die Wochenzeitung, die nicht) einen bösen Verdacht mit sich gebracht hat: Das ist alles Kitsch. Das ist das gute daran: Irgendwann entlarvt sich Kitsch von selbst, mal früher, mal später.

Wir hegen also die begründete Hoffnung, dass es auch einmal MatthiasWittekindts „Schneeschwestern“ erwischen wird. Der Inhalt des Buches kann lapidar in wenigen Sätzen zusammengefasst werden: Ein Mädchen wird ermordet. Und hätte die Polizei von Anfang an ihre Arbeit vernünftig getan, wäre der Fall nach 80 Seiten gelöst gewesen. Hätte sie zum Beispiel nach der Tatwaffe gesucht anstatt Polizistinnen „den Mond anschreien“, sie durch den Schnee stolpern und viele tiefgründelnde Flachheiten vom Stapel hauen zu lassen. Aber auch die potentiellen Täter sind nicht besser. Was sind sie eigentlich? Weiß man nicht so genau. Irgendwie Getriebene, die sich nicht im Griff haben oder ständig beim Pfarrer Dinge beichten wollen, die sie nicht getan haben. Und die Opfer? Jugendliche halt. Als potentiell dreidimensionale Wesen in der Handlung abgeladen und dort von der Sprachwalze des Autors kundig platitüdiert. Das Ganze spielt übrigens in Lothringen, unweit der deutschen Grenze, auch in Saarbrücken wird mal ermittelt.

Aber am schlimmsten sind die Polizisten. Der eine hat ein Problem mit seiner Freundin, der andere damit, keine zu haben. Eine Polizistin (die den Mond angeschrieen hat) findet zwar einen Freund, aber es ist irgendwie nicht der richtige. Ginge ja alles in Ordnung, würden die Leutchen nur ihren Job richtig machen und sich nicht ständig daran erinnern, dass sie sich gerade an etwas nicht erinnern, das aber natürlich höchst wichtig ist…

Nein, Korrektur: Am schlimmsten sind doch nicht die Polizisten, am schlimmsten ist die Sprache, denn die ist Kitsch pur. Wir erinnern uns: Kitsch ist die Nachahmung des Originellen etc. Also eine Sentenz wie diese etwa:

„Die Straße. Weiß. Sein BMW. Schwarz. Noch immer eine kleine Freude, der Anblick. Roland Colbert steigt ein, startet den Motor, schaltet das Licht ein. Blau. Die Tachobeleuchtung ist blau. Roland Colbert achtet nicht darauf. Es geht jetzt um Wichtigeres.“

Um Missverständnisse zu vermeiden: Nicht die Sprache an sich ist hier kitschig und der Rezensent ist auch nicht der letzte Ritter dudenkonformer vollständiger Sätze. Sprache ist überhaupt selten kitschig, viel mehr sind es die Absichten dahinter. Und die Absicht hinter diesen Sätzen lautet: Literatur. Weder dienen hier die Ein-/Zweiwortsätze dazu, einen bestimmten physischen (Eile) oder psychologischen ( sich vergewissern) Zustand zu unterstreichen. Noch wird hier ein Erzählduktus konsequent durchgehalten. Nein, es ist viel simpler: Jemand setzt sich in sein Auto und fährt weg. Es einfach hinschreiben? ZU einfach. Denn Wittekindt möchte Literatur herstellen, leider hat er vergessen, dass die nicht nur darin besteht, ein paar halbtiefe Gedanken (gerne auch mit Schopenhauer-Erwähnung) in einer Untiefe aus sprachlicher Pseudoartistik zu baden, um sie schön manieriert zum Trocknen aufzuhängen. Stimmt ja. „Die Straße. Weiß. Sein BMW. Schwarz“: Das klingt nicht nach Schulaufsatzdeutsch, das klingt nach „mehr“.

Dieses „Mehr“ treibt gelegentlich in aberwitzige Sphären, so wie der Wind den Schnee auf einer Wehe. „Es schneit keine dicken Flocken, sondern mitteldicke. Und sie fallen natürlich auch nicht von oben, sie bewegen sich schräg.“ Aha. Was schräg runterfällt, fällt nicht von oben? Good to know.

Nun denn. Kitsch ist, wenn die Sprache ein eitles Eigenleben führt, eine Königin ohne Land, ohne Bezug zum Inhalt. Was bleibt übrig? Ein reichlich überflüssiger und wirrer Krimi, der 350 Seiten benötigt, um nichts zu erzählen.

dpr

Matthias Wittekindt: Schneeschwestern. 
Nautilus 2011. 349 Seiten. 18 €

Tag 1

Los geht unsere neue Reihe eher unspektakulär mit – alten Zeitungen. Damit ist nicht das regionale Käseblatt vom Vortag gemeint, sondern für interessant befundene Stellen aus den unterschiedlichsten “Qualitäts”-Tageszeitungen. Bevorzugt Süddeutsche (Feuilleton!), aber auch FAZ und Zeit. “Könnte man mal brauchen” oder “klingt interessant, sollte ich mal lesen” sind so die üblichen Argumente, die für erhöhte Altpapierberge im Haushalt sorgen.
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