Äpfel, Birnen, Vielfruchtmarmelade

„Ein wenig verblüffend mutet die Nominierung des Krimiautors Wolf Haas („Der Brenner und der liebe Gott“) an – hier liegt der häufig bemühte Apfel-und-Birnen-Vergleich nahe.“

Es geht um die „Longlist“ zum Deutschen Buchpreis, die bildungsbürgerliche Variante von „Deutschland sucht den Superstar“, eine scheinbar unfehlbare Methode, pünktlich zur Buchmesse die Kassen klingeln zu lassen, das Feuilleton kritisch zu beleben und bei Parties intellektuell höherstehender Schichten für Gesprächsstoff zu sorgen.

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Rex Miller: Im Blutrausch

Dass die Romane Rex Millers wahre Schlachtfeste sind, hat sich inzwischen herumgesprochen. Nichts für Zartbesaitete und Ästheten – aber hier stock ich schon. Denn andererseits steckt hinter dem groben Gemetzel eine filigrane Ästhetik, der Feingeist splattert sozusagen, der Intellekt (von dem der Volksmund mutmaßt, er sei eher „blutleer“) badet in Strömen von Blut, die Literatur (sofern man ihr zubilligt, am Rande auch etwas mit Sprache zu tun zu haben) watet durch den Morast des Ekligen. Na schön. „Im Blutrausch“ eignet sich kaum als das ideale Geschenk für Eltern vierzehnjähriger Töchter. Ein Geschenk bleibt es dennoch.

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Abbruchsieger

Pardon, lieber Unionsverlag, aber du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich Petra Ivanovs Roman „Fremde Hände“ bis zur bitteren Neige verkoste? „Die 443 Seiten sind im Nu verschlungen“, so jedenfalls behauptet es die Neue Zürcher Zeitung auf der Cover-Rückseite. Und wer bin ich, einem solch ehrwürdigen Blatt zu widersprechen? Die letzten 300 Seiten jedenfalls hab ich in geschätzten zehn Minuten – nun ja, nicht verschlungen, aber sehr genervt durchgeblättert. Nachdem ich die ersten ca. 140 mit wachsender Befremdung zur Kenntnis genommen habe. Das ist Unionsverlag? Das ist metro?

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Was soll das, Suhrkamp?

Es ist skandalös. Bei seinem Versuch, mit Krimis Geld zu verdienen (darf man das überhaupt?), schreckt der Suhrkamp Verlag selbst vor den übelsten Methoden nicht zurück. So hat er jetzt die kleine und verdienstvolle Edition Phantasia genötigt (Geld? Blanke Gewalt?), folgenden Dialog in Rex Millers „Im Blutrausch“ einzuschmuggeln:

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Vamba Sherif: Geheimauftrag in Wologizi

Kriminalliteratur kann eine ganze Menge. Unter anderem fliegen. Irgendwo zwischen dem schmutzigen, konkreten Boden der Wirklichkeit und jenen übergeordneten Sphären aus Tradition, Denkweisen und jeder Form von tröstender Religion. Genau eingestellt, schafft es diese Kriminalliteratur sogar, sich in der Region aufzuhalten, wo der Dreck des Alltags und das Unfassbare seines Überbaus transzendieren. Vamba Sherifs „Geheimauftrag in Wologizi“ hat genau diese richtige Höhe.

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Krimileseleben -4-

Krimileserinnen und -leser sind mehr als ökonomische Manövriermasse von Verlagen oder diffuses Zielpublikum von Krimischaffenden aller Art. Sie haben eine Geschichte und gute Gründe, Krimis zu lesen. Die Serie „Krimileseleben“ möchte ein wenig von dieser Geschichte und diesen Gründen erzählen. Diesmal die ersten vier Stimmen von erfreulich vielen, die sich nach einer Einladung auf der Krimi-Couch bereiterklärten, mir auf vier Fragen zu antworten. Das nächste Viererpäckchen folgt bald. (→Folge 1 – →Folge 2 – →Folge 3)

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Iain McDowall: Gleich bist du tot

In drei Büchern hat uns Iain McDowall bisher mit diversen Fällen für sein Ermittlerduo Jacobson und Kerr durchaus entzückt. Rasante Krimis mit einem Blick für die soziale Wirklichkeit, die Polizeiprotagonisten, obwohl nicht frei von Problemen, dezent im Hintergrund, manch dramaturgische Extravaganz als Zugabe. Könnte eigentlich so weitergehen. Tut es aber im vierten Buch, „Gleich bist du tot“, nur bedingt.

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Gerissener Gummizug

„Bei Gelegenheitsjobs braucht man nicht nachzudenken“, sagte ich und schwieg einen Moment. „Wenn man so was lange genug macht, können sogar die Jahre allmählich verschwimmen.“
„Mein Gott, Adam.“
„Du hast kein Recht, über mich zu urteilen, Robin. Wir haben beide unsere Entscheidungen getroffen. Ich musste mit deinen leben. Es ist nicht fair, dass du mich für meine verurteilst.“
„Du hast recht. Es tut mir leid.“

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Crumley im Archiv

Damit hat Jochen „hardboiled“ König nicht gerechnet: Ein vermummter Mensch in seinem nächtlichen Arbeitszimmer, „a Luger in his hand“, wie der Sänger singt. „Rück ihn raus“, zischt der Mann. „Ja, wen denn?“ wispert Jochen. „Deinen James-Crumley-Nachruf natürlich.“

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Dr. Jekyll und Mister Krimi

„Writing under his own name, Banville manages around 100 sweated-over, teased, honed and polished words a day; but as Benjamin Black, he can manage a couple of thousand.“

So, jetzt haben die Engländer auch ihre →„Gartenklamotten“-Affäre. Wir erinnern uns: Der Autor Matthias Altenburg hatte bekannt, zum Schreiben von Kriminalromanen unter dem Namen Jan Seghers die „Gartenklamotten“ anzuziehen. Sprich: Bei Krimis wirft man sich nicht in den feinen Sprach- und Stilzwirn, sondern schreibt mehr oder weniger drauf los. Der Booker-Prize-Gewinner John Banville siehts wohl ähnlich. Als Hochliterat schafft er gerade einmal 100 polierte Wörter, als Krimiautor Benjamin Black haut er sie hingegen nur so in die Tasten (die ganze Geschichte gibt’s bei →Sarah Weinman).

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Werde Krimiautor!

Wie schreibt man einen Krimi? Man überlegt sich eine spannende Geschichte, nimmt seinen Jahresurlaub, mietet sich ein stilles Häuschen in Südfrankreich oder – wenn’s ein Großstadtkrimi werden soll – ein Hotelzimmer auf Mallorca. Und schreibt. Wenn der Krimi dann fertig ist, schickt man ihn an einen Verlag, der ihn veröffentlicht. Den Rest seines Lebens verbringt man nun in Talkshows und auf ausgiebigen, von erotischen Abenteuern aller Art versüßten Lesereisen.

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Feindbild Krimi-Couch

Was? Du schreibst jetzt für die Krimi-Couch? Hallo? Geht’s noch? Ja, es geht. Sehr gut sogar. Man hat es mit netten und offenen Menschen zu tun (etwas, das ich in letzter Zeit sehr zu schätzen gelernt habe), es gibt keine andere Vorgabe als die, qualitativ gute Arbeit abzuliefern, es ist eine Herausforderung. Nun sammeln sich in meinem elektronischen Briefkasten nicht nur die eher besorgten Stimmen. Es gibt auch andere, die meinen Schritt begrüßen. Dennoch: Ein Blogger, der in den Jahren seines virtuellen Schaffens nicht selten mit der Hirnrissigkeit des Marktes, seiner Bestücker und Abverkäufer ins Gericht ging, schreibt jetzt ausgerechnet für die Krimi-Couch? Das ist doch –

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Fototermin

„Verdammt“, knurrt Markus, Layouter und Fotograf des Conte Verlags, „du siehst einfach zu gut aus für einen Krimiautor. Wie der junge Jean-Paul Belmondo oder dieser andere da, dieser Ami.“ Ja, ich nicke betrübt, das ist mein Schicksal. Und sehe traurig zu, wie Markus via PhotoShop mein edles Porträt „auf alt und verwittert“ trimmt. Und das Ganze dann auch noch in Schwarzweiß, von wegen „Gut und Böse“, muss sein, Krimi halt. Kann man nichts machen, there’s no business like Krimibusiness.

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Versionen des Fiktiven

Aus gegebenem Anlass (schauen Sie mal →hier ins Inhaltsverzeichnis) habe ich am Wochenende in der neuesten und 101. Ausgabe der ehrwürdigen „Saarbrücker Hefte“ geblättert und bin an einem Artikel hängengeblieben. Hans Horch rollt in seinem Beitrag „Antiskepsis oder: Vom Zweifel am Zweifel. Nachbetrachtungen zum Saarbrücker Kinderschänderprozeß“ noch einmal die Geschichte des Mordes an Pascal auf, jenes Jungen, der von einem „Kinderschänderring“ brutal vergewaltigt und ermordet worden sein soll. Die Leiche wurde bis heute nicht gefunden.

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