Krimijahr 2008: ein Rückblick

1. Der Mimikrymi

Welch erhebender Moment! So müssen sich die großen Entdecker gefühlt haben, als sie zum ersten Male ihre Füße auf noch nicht erforschten Boden setzten! – Vor Monaten schon hat wtd eine Expedition ausgerüstet und auf die Suche nach neuen kriminalliterarischen Kontinenten und Subgenres geschickt. Jetzt ist die Mannschaft, entkräftet aber glücklich, zurückgekehrt und präsentiert stolz die Frucht ihres unermüdlichen Forschens in einer rauen und lebensfeindlichen Umwelt: den Mimikrymi!

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Keine Zeit

Endspurt Krimijahrbuch. Natürlich wieder mit Karacho übers Seitenlimit. Alles schnell, schnell, aber sehr präzise. Bloß keine Fehler machen. Irgend etwas muss raus. Was? Keine Ahnung. Das und das fehlt noch. Kommt bis Sonntag? Weiß kein Mensch. Kürzen. Haben wir doch schon. Mehr kürzen? Ach Gott, ach Gott… Heute und morgen mit Noller den Jahresrückblick machen. Einfach losschreiben, wird schon werden, wird doch immer. Vorwort? Ich? Also dann… Hoffentlich bringen wir nichts durcheinander. Erstversion, korrigierte Versionen, Endversionen. Horror. Zwischendurch für den Großen Sklaventreiber rezensieren. Alte Krimis Korrektur lesen. Bloggen. Bloggen? Nö. Heute nicht. Also.

Langer Anlauf

Wenn unsereiner die 150-Seiten-Marke glücklich überschritten hat, weiß er: Es ist an der Zeit, den Sack zuzumachen. Andere machen ihn da erst auf. Val McDermid beispielsweise, dessen neuestes Opus „Schleichendes Gift“ mir gerade beim Einschlafen hilft. Na schön: Wer an die 540 Seiten zu füllen hat, muss es langsam angehen. Soll auch keine Verdammung der dickleibigen Bücher sein, aber überlegenswert ist es doch, wie sich hier zwei Auffassungen gegenüberstehen: Opulenz versus Askese.

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Ein Verbrechergenie

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Ein Buchhändler, der nebenbei auch Krimis schreibt, kommt in der Liste der Abscheulichkeiten gleich nach dem Serienkiller, der jeden Freitag zum Blutspenden geht. Bei Ernst Moser, dem krimischreibenden Buchhändler aus Königsberg (Kaliningrad), wollen wir aber gnädig sein. Der Fall ist nämlich längst verjährt. In der →„Criminalbibliothek des 19. und frühen 20. Jahrhunderts“ kann man nun Mosers „Ein Verbrechergenie“ von 1908 aus dem Regal ziehen. Und lesen. Klar.

Winterkrimisamstag

Messieurs, wir erheben uns… Michael Crichton ist gestorben. Schon ein paar Tage her, aber gutes Nachrufen braucht seine Zeit. Lesen wir also, was Chefkriminalist Wörtche über →Crichton zu sagen hat. Na so ein Zufall. →„Schneemann“ heißt der neue Krimi von Jo Nesbø. Judith Hammer hält ihn für einen… genau. Und der Detektiv heißt Harry Hole und säuft wie ein solches. Merklich gelangweilter dagegen ist Miss Krimijahrbuch Beate Mainka von José Maria Guelbenzus →„Stört den Mörder nicht“. Na, da wollen wir nicht weiter stören. Sondern wenden uns dem obligatorischen →Krimigedicht zu, diesmal simultan zusammengereimt von Hans Arp und Walter Serner: „Der serbische Olymp oder der schlecht ermordete Detektiv“. Pfusch allenthalben.

Julian Barnes: Arthur & George

Einmal in seinem Leben hat Arthur Conan Doyle selbst Sherlock Holmes gespielt. Der Anwalt George Edalji, Sohn eines aus Indien stammenden, in der englischen Provinz für das Seelenheil verantwortlichen Pfarrers, war wegen Tierquälerei und anderer Delikte (u.a. soll er Drohbriefe an sich selbst geschrieben haben) zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilt worden. Wirkliche Beweise gab es nicht, dafür eine Menge Manipulation, Dummheit und Rassismus. Ein Skandal also, und Arthur macht sich daran, George Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

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Pieke wird ausfallend

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„Nutte! Hitler-Sau! Kartoffelkopf!“ Nanu, was ist denn das für eine Begrüßung? Ach so: Es ist bloß der Titel von Pieke Biermanns neuer Kriminalreportage, die am Freitag, 21. November 2008 im RBB-Inforadio 93,1 um 10:27 und 13:27 Uhr zu hören und am Sonnabend, 22. November 2008 in DER TAGESSPIEGEL zu lesen sein wird. Oder, per Klick aufs Radio, von der Quelle abzurufen. Die Zeiten werden rauer und die Umgangsformen auch.

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Bastard!

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Nanu? Seit wann beliefert mich denn der Bastei Verlag mit seinen Heftchen? — Ach so: Das heißt „Bastard“. Namensirritationen sind wohl erwünscht. Auch sonst: Ganz wie Jerry Cotton und Co. Bis auf den Inhalt. Über den schreibt Herausgeber Franz Dobler: „Also ein Bastard von einem Pulp Magazin, oder ein Bastard von einem Literaturmagazin, in jeder Hinsicht das Gegenteil von glanzvoll aufgemachtem, teuren Quatsch.“

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Wenn die Blase platzt

Platzt nach der IT-Blase und der Finanzblase bald auch die Krimiblase? Oder doch zuerst die Kreditkartenblase? Vom baldigen Ende des vielbeschworenen „Krimibooms“ raunt man in der Szene schon lange, seit einiger Zeit lauter als sonst. Logisch: Der Crash ist überfällig, Heulen & Zähneklappern werden schon im stillen Kämmerlein geprobt, Forderungen nach „Staatsbürgschaften“ formuliert. Andererseits: Ist die Branche nicht gewappnet? Ja, besser als sonst in ihrer Geschichte?

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So, Noller, jetzt reicht’s!

Ist ja in Ordnung, wenn Ulrich Noller, Mitherausgeber eines obskuren „Krimijahrbuchs“, seinen Kollegen →Thomas Wörtche lobt. Hab ich schließlich auch getan. Aber muss Noller seine ziemlich windige Kolumne mit den Worten „Endlich wieder ein Buch, das man lesen MUSS!“ schließen? Weiß er nicht, was er damit anrichtet? – Ich weiß es! Bislang rangierten die „Menschenfreunde“ locker ein paar hunderttausend Ränge vor „Das Mörderische neben dem Leben“. Und jetzt? – Hat einer das Wörtche-Bändlein bei Amazon käuflich erworben, und damit ist „Menschenfreunde“ wieder böse in Rückstand geraten! Also, treue wtd-LeserInnen: Sofort →„Menschenfreunde“ erwerben (gerne auch als Zweit- oder Drittexemplar, Weihnachten steht vor der Tür! – Aber nicht die Billigheimer, nur das offizielle Angebot!), um den Status Quo herzustellen! WIrd’s bald?! Wenn bis morgen die Welt nicht wieder in Ordnung ist, wird eine Woche lang nur noch dummes Zeug gebloggt!

Ja, Anobella, machs!

„Tausende Menschen erkranken in der Pfalz an einem mysteriösen Virus. Sämtliche Anti-Virus Medikamente sind wirkungslos. Die gesamte Vorderpfalz wird unter Quarantäne gestellt. Eine Massenhysterie droht auszubrechen. Daniel Langer, ein Viren-Experte vom Mainzer Umweltministerium versucht dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Daniel und die attraktive Journalistin Jasmin kommen einem unglaublichen Skandal auf die Spur und geraten dabei in tödliche Gefahr…“

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Ein Grundriß der Geschichte der frühen deutschen Kriminalliteratur

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Als mich der Verleger Peter Faecke bat, ich möge doch für die →Edition Köln zehn „alte Krimis“ auswählen und herausgeberisch betreuen, habe ich – nach spontaner Zusage – für einen Moment mein voreiliges Ja bereut. Nicht weil ich dem Projekt generell mißtraut hätte – ganz im Gegenteil. Eine „Criminalbibliothek 1850 – 1933“ ist nach Lage der Dinge bitter notwendiges Desiderat. Ich zweifelte auch keine Sekunde an der Qualität der Titel, die in einer solchen Bibliothek ihren Platz finden würden. Gutes, zu Unrecht Vergessenes gibt es genug. Nur: Welche Texte sollten es sein? „Die besten“? Das ist ein großes Wort und ein unseriöses obendrein, denn es ignoriert, dass die Bedeutung von Literatur immer aus verschiedenen Blickwinkeln fixiert werden sollte. Die „wegweisendsten Krimis“? Nun, die gibt es nicht. Zu einer bewusst wahrgenommenen Tradition hat es bei der deutschen Kriminalliteratur nämlich nie gereicht, mithin führt kein erkennbarer, ausgekundschafteter Weg aus der Vergangenheit in die Gegenwart.

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Whodunit?

„Ein kleines großes Werk ergo, diese in feiner Gestalt ins 21. Jahrhundert hinübergeretteten Gaunerstückchen“ – so lobte ich im März 2007 →„Die Gauner“ (1836) von Adelbert von Chamisso, eine erst 1989 zufällig wiederentdeckte Sammlung allerliebster Gaunerporträts des Romantikers, von Gerd Schäfer im Verlag Matthes & Seitz herausgegeben. In akkurat jenem Verlag, der jetzt mit „Der wilde Europäer“ von Beatrix Langner eine Biografie Chamissos veröffentlicht hat. So. Und nun wird es höchst seltsam…

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Gilbert Adair: Und dann gab’s keinen mehr

Ist das der Krimitrend 2008? Autoren, die in ihre Bücher springen, Personen, die aus diesen Bücher heraushüpfen? Irgendwie metaeben, irgendwie dekonstruktivistisch, irgendwie, genau: postmodern. Zuletzt die türkische Autorin →Pinar Kür mit „Mordsfakultät“ – da ists eher schiefgegangen. Jetzt Gilbert Adair mit „Und dann gab’s keinen mehr“ – schon besser. Mit einer klitzekleinen Einschränkung.

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Krimi, kein Krimi

Was ist Krimi? Achtung! Jetzt folgt eine definitive Definition! Vor dem Lesen bitte anschnallen und das Köpferauchen einstellen!
Auf geht’s: Krimi ist all das, was man als Krimi liest. Nichtkrimi das, was man nicht als Krimi liest. Logisch, ja? Das heißt auch: Manchmal sind Nichtkrimis Krimis und Krimis Nichtkrimis. Beispiele aus den jüngsten Lektüreerfahrungen.

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