Enough is enough!

Es reicht, Georg ist fällig. Aus diesem Grund gibts jetzt ein Ratespiel: Wer zuerst unter den Beitrag postet, wer der Autor des folgenden Absatzes ist, in dem in so BEFREIENDER Weise mit dem Apostroph umgegangen wird (die nicht das Schriftbild zerreißt und kaputtmacht), der gewinnt ein Hinternet-T-Shirt. So was gibts, schön schwarzweiß, Zeichnung von Raphael Wünsch drauf, die Redaktion schickts.

Weiterlesen

Kapitel XIV

wickius_forts_cover_2.jpg

Was bisher geschah: Wickius, der mehrere Mordfälle und den merkwürdigen Exidus deutscher Krimischaffender aufklären möchte, befindet sich auf IDIOT, einer künstlichen Insel, die in der Südsee als Trainingszentrum für die aus Deutschland verschwundenen Autorinnen und Autoren dient. Eingerichtet wurde sie von der KRIMILOGE, einem seit der Mitte des 19. Jahrhunderts existierenden Verein zur Förderung der deutschen Kriminalliteratur. So jedenfalls hat es ihm ein kauziger alter Mann erzählt. Aber ob das auch stimmt? Lesen wir mit Kommissarin Anne Beller weiter in den Papieren, welche Wickius per Flaschenpost geschickt hat…

Weiterlesen

Michael Marshall: Engel des Todes

Ganz sicher: Michael Marshall ist Fan der Lindenstraße. Jedes Kapitel wird mit großen Spannungsaugen beendet und in einen neuen Handlungsstrang geführt, damit Mutti auch ja nicht mit dem Gucken aufhört.
In der Spannungsliteratur gehört dieses Modell schon seit ein paar Jahren ins
Museum, aber das scheint Marshall nicht zu kümmern. Nicht, dass → „Der zweite Schöpfer“ die Krimi-Welt aus den Angeln gehoben hätte, aber die trockene, angedeutete Erzählweise hatte ihren Reiz.

Weiterlesen

Pentti Kirstilä: Klirrender Frost

So allmählich geht es einem mit Pentti Kirstilä wie mit Reginald Hill. Man liest ihre Bücher und ist sauer, sie wieder nicht bei einer Schwäche erwischt zu haben. Dabei segeln sie ja manchmal durchaus in vorgeblichen Untiefen, aber anstatt ihre Schifflein auf Grund laufen zu lassen, manövrieren sie sie auch noch aus der größten Banalität, dem vorhersehbarsten Plot. Sehr souverän und überlegt, was die Sache noch ärgerlicher macht.

Weiterlesen

Gewalt

gewalt.gif

„Selbst von der Toten ließ er nicht ab. Schnitt mit seinem Messer in ihren Körper. Schnitt ihr die Scham heraus. (…) Seine Erregung ließ nicht nach, als er ihre Scham in seinen Händen hielt, das Stück herausgeschnittenes Fleisch. Daran roch. Daran leckte. Daran kaute, sich die Scham über sein eigenes Glied stülpte, sich so vorstellte, nun endlich in sie eindringen zu können. Endlich in sie eindringen. Zuletzt legte er der Toten das Stück Fleisch auf das Gesicht. ‚Da, leck an dir selbst, friss dich selbst, Schlampe!’“

(Andrea Maria Schenkel, „Kalteis“, S. 121 f)

Weiterlesen

Allan Guthrie: Hard Man

Wie der Mongolensturm über Europa, wie Katrina über die Golfküste, wie Feuersbrünste in den Städten nach Bombenangriffen. „Hard Man“ fegt über den Leser hinweg. Das Buch inszeniert Gewalt, wie es nur selten ein Buch tut. Gewalt so real und unscheinbar wie Gewalt nur sein kann, die in den Vorstädten vorkommt und die so leicht in der Zeitung zu überblättern ist. Keine Gewalt, die sich, zum gedeihlichen Pläsier des Wohlstandbürgers, aus dem Wahn eines Menschen Bahn bricht und keine dieser schicken Grauslichkeiten, mit denen Gerichtsmedizinerinnen die Welt unterhalten.

Weiterlesen

Kapitel XIII

wickius_forts_cover_2.jpg

Was bisher geschah: Ein toter Krimiblogger, eine kryptische Liste, Mordversuche und schwerstgetötete schwule Friseure, KrimiAutorinnen, die plötzlich verschwinden und auf einer künstlichen Insel in der Südsee wieder auftauchen. Mittendrin: Wickius. Wickius, aus den Klauen der Beller in die Klauen eines mächtigen Feindes geraten. Wickius, der eine Flaschenpost geschickt hat, in der er seine Abenteuer auf der künstlichen Insel reportiert. Die Fortsetzung seines Berichts.

Weiterlesen

Gabriele Wolff: Im Dickicht

Ich bin ja immer zu spät mit allem, also auch mit der 64 Seiten und Schluss!– Reihe des Nautilus-Verlags, aber das Buch von Gabriele Wolff habe ich eben in einem Zug gelesen. Kann sein, dass es daran liegt, dass die Protagonistin mit einer Zaunwinde kämpft, die alle anderen Pflanzen im Garten ersticken will und die ich auch im Garten habe. Kann aber auch sein, das es daran liegt, dass die Geschichte in Neuruppin spielt, und dass das das Fontaneland (und Schinkelland) ist, dass ich so liebe und gar nicht genug drüber lesen kann. Kann schließlich noch sein, weil die Autorin sich mit Würstchen auskennt und die Wiener den Bratwürsten (grob, fett, grauenhaft; Anmerkung von Anobella) vorzieht.

Jedenfalls hat mir das Büchlein gut gefallen und ich habe es in einem Stündchen ausgelesen. Die Perspektiven wechseln zwischen einer Frau (der Zaunwindenbekämpferin) und dem Ermittler (Ich-Erzähler) ab. Viele schöne Beobachtungen werden geteilt, zum Beispiel das Unbehagen einer Mutter an ihrem halbwüchsigen Sohn: „Als sie die Haustür öffnete, stand ihr Sohn bereits davor. Nein, er stand nicht, er kippelte auf seinem Skateboard hin und her, wobei er, den Kopf gesenkt, in einer der vielen Taschen seiner unförmigen Hose kramte. Er trug einen Helm, Knieschützer und das Trikot der deutschen Nationalmannschaft“ oder dies: „Es tat gut, Dinge anzusehen. Zuckerschoten, Paprika, Weintrauben. Eingelegte Weinblätter, Oliven, Schafskäse, Lammkoteletts, Wildschweinleberwurst und Roastbeef.“

Genau. Wenn man in Neuruppin ist – einem grandios verschlafenen, hübsch klassizistischen Provinzstädtchen in Brandenburg – dann schaut man sich nach sowas die Augen aus.

Suspense ist es, Suspense mit einem Ermittler.

Der Quellcode

(Ein erster, noch nicht überarbeiteter Versuch, Derek Raymond und den Noir-Roman in den Griff zu bekommen. Oder, besser: sich ihm zu nähern. Seien Sie wie ich auf das Endergebnis gespannt. Die Monografie „Derek Raymond – the Man in Noir“, von der wir noch gar nichts wissen, außer dass sie ab sofort →hier subskribiert werden kann.)

Weiterlesen

Andrea Maria Schenkel: Kalteis

Vergessen wir den „Tannöd“-Hype. In einem Land, dessen Bevölkerung zu Millionen vor den Fernsehern sitzt und chemisch abgefüllten Pedaleuren zujubelt, kann ein Buch nur mit Hilfe der üblichen Hochleistungs-Medienzuckungen zu Hunderttausenden verkauft werden. Vergessen wir das Reizwort „authentischer Fall“. Das interessiert mich, wenn ich einen Roman zur Hand nehme, nicht im mindesten.
Vergessen wir vollständig die Plagiats-Farce, die eigentlich nichts weiter ist als Teil des Hypes. Vergessen wir die enttäuschten Zurufe düpierter KäuferInnen, die wegen dieses Hypes zugriffen und danach den „komischen Schreibstil“ ebenso geißelten wie die Preisgestaltung des Nautilus Verlags. Ihnen ist in diesem Leben nicht mehr zu helfen und in einem anderen werde ich hoffentlich anderswo sein als sie.

Vergessen wir die Sprache. Wie schon „Tannöd“ kommt auch „Kalteis“ als ins Hochdeutsche massakrierter Dialekt daher, syntaktisch zwischen verdreht-verzwirbelt und naiv-niedlich. Das ist Andrea Maria Schenkel, das darf sie, dafür kann man sie schelten oder bejubeln oder man kann es hinnehmen als den legitimen Versuch einer Autorin, zu einem eigenen Stil zu finden. Sie inszeniert, sie hat, auch wenn wieder viele Stimmen aus Protokollen und Zeugenbefragungen reden, nur eine Perspektive, die ihre nämlich.

Vergessen wir die historische Zeit. Kalteis, das „Monster“, mordet, während der Staat das viel größere Morden vorbereitet. Der Analogschluss, nach dem uns Schenkel hier im Kleinen vorführt, was im Großen bevorsteht, ist natürlich zulässig. Aber kein Verdienst der Autorin, sondern ein automatisch gereichtes der schrecklichen Epoche.

Vergessen wir den Mörder Kalteis. Um ihn geht es hier nicht. Weder um die Umstände seiner Offenbarungen – im Dritten Reich oft genug unter der Folter gemacht – noch um die Hintergründe seiner schrecklichen Taten. Andrea Maria Schenkel lässt Kalteis bekennen, lässt ihn leugnen, lässt ihn abschweifen – er ist aber nur Mittel zum Zweck, „das Böse“ eben, nichts von dem was er sagt überrascht.

Vergessen wir die Euphorie, bei „Kalteis“ handele es sich wie schon bei „Tannöd“ um etwas „Neues“. Was auch bei einem Zweitwerk merkwürdig klänge, das in seiner Machart an den Vorgänger gemahnt, also schon deshalb nicht „neu“ sein kann. „Tannöd“, nur zur Erinnerung, weist über die Zwischenstation „Kritischer Heimatroman“ geradewegs zurück ins 19. Jahrhundert, was man wüsste, wüsste man etwas über Krimis im 19. Jahrhundert. Aber für diese Euphorie kann Frau Schenkel ja auch nichts. Sie hat gezeigt, dass inmitten der inzwischen unerträglichen Krimi-Stanzereien auch ein Roman Erfolg haben kann, der gegen den Trend läuft, der nicht die wenigstens 200 Seiten Standardthrill abspult, keine Detektive beim Ermitteln zeigt oder, noch schlimmer, beim Inspizieren ihrer Kühlschrankinhalte zum Zwecke des „realistischen Schreibens“.

So, haben wir jetzt alles Wichtige vergessen? Dann kommen wir endlich zu „Kalteis“, das Buch mit dem etwas zu sprechenden Namen. Aber, wie schon gesagt, um Kalteis geht es nicht. Es geht um Kathie, ein junges Mädchen vom Land, das nach München kommt, weil man es daheim nicht mehr haben will. Kathie will Arbeit finden, Kathie will eine Dame in schönen Kleidern werden. Aber Kathie wird zunächst einmal eine Gelegenheitsprostituierte, und irgendwann schneiden sich die Lebenswege von ihr und Kalteis, und was da rauskommt, das ahnen wir von Anfang an, das beschreibt uns die Autorin an den Vorgängeropfern.

Und das ist schön und überlegt gemacht. Während Kathie ihrem Schicksal entgegenlebt, während wir schon wissen, dass wir da eine Verlorene auf ihrem letzten Stück Weg begleiten, seziert Andrea Maria Schenkel das grauenvolle Ende an Stellvertreterinnen-Objekten, und wir sehen die lebendige Kathie immer auch schon als tote Kathie.

Das hat sie in „Tannöd“ nicht gemacht (wir vergessen jetzt, dass wir „Tannöd“ eigentlich vergessen wollten). Dort hat sie eine ländliches Soziogramm inszeniert (dieses „inszeniert“ ist entscheidend), hier schickt sie ein armes Hascherl durch den Rest seines erbärmlichen irdischen Daseins. Punkt, fertig.

Ist das jetzt zu wenig oder vielleicht schon zu viel? Ich weiß es nicht. „Kalteis“ hat mich nicht gepackt, es hat mich trotz der gelungenen Dramaturgie – ein wenig kalt gelassen, was aber nicht am Text selber liegt, sondern natürlich an mir, der ich eben das Vergessen predige, aber nicht wirklich vergessen kann. – Oder es liegt gerade an der gelungenen Dramaturgie, weil man sie sofort als gelungene Dramaturgie erkennen kann. Wie auch immer: „Kalteis“ ist ein nettes Buch, und hätte Andrea Maria Schenkel damit debütiert, wäre sie ähnlich gelobt worden wie für „Tannöd“. Aber weil dem nicht so ist, lobt man es als das Buch, das „Tannöd“ überwinden sollte, aber noch nicht überwunden hat.

Das ist nun einmal der Fluch von Zweitlingen, die zwar eine Weiterentwicklung zeigen, aber noch zu sehr an der großen Blaupause hängen. Doch selbst das kann man der Autorin nicht anlasten. Sie ist dabei, sich freizuschreiben, hoffentlich auch formal, denn noch einmal möchte man ein Buch von ihr nicht mit „Tannöd“ vergleichen müssen oder darauf bestehen, es zu vergessen. Enttäuscht sein von „Kalteis“ kann nur, wer „Tannöd“ reloaded will oder überhaupt kein „Tannöd“. Alle anderen haben kein schlechtes Buch gelesen und warten auf ein anderes.

Andrea Maria Schenkel: Kalteis. 
Edition Nautilus 2007. 155 Seiten. 12,90 €

Alligator-Dauerdienst: das Allerletzte

Natürlich: „Kalteis“. Einmal Andreas Ammer, →hier zu hören. Das ermuntert den →Herrn Linder zu einem Zitat. Und dann: nochmal „Kalteis“. Diesmal im nicht online-seienden „Bielefelder“. Auch hier Zitat: „Einziger Schwachpunkt: die etwas schlichte Psychologie der lüsternen Kerle und lieben Frauen“. Auch rezensiert: „Drei Irre unterm Flachdach“. Kein Krimi, aber passt irgendwie.