Historische Krimis? Das sind doch die Dinger, in denen bevorzugt Köche ermitteln und man neben „historischen Fakten“ auch noch „historische Rezepte“ hingeknallt bekommt. Alles „sauber recherchiert“, versteht sich, dabei ist man schon froh, dass der römische Gladiator oder napoleonische Soldat nicht dauernd auf die Armbanduhr schaut, die er leider beim Kostümwechsel abzulegen vergessen hat.
WeiterlesenAereogramme: My heart has a wish that you would not go
„The Beauty and the Beast“- es war einmal: Bärtige, normannisch anmutende Männer aus Glasgow/Schottland, die auf den ersten Blick für viele nicht gerade „Vertrauen erweckende“, ja eher sogar „beängstigende“ Musik machten und deren äußerer Schein vielleicht sogar eben solches unterstreichen vermochte.
WeiterlesenAlkaline Trio: Remains
Zum Wegschmeißen zu schade, muss sich Bandkopf Matt Skiba gedacht haben, aber nennt die musikalischen Reste seiner Band trotzdem nur bescheiden „Remains“. Was sich bei vielen Bands zum simplen Straßenverkauf entwickelt, erreicht bei Alkaline Trio fast die Qualität eines regulären Albums.
WeiterlesenDavid Judson Clemmons & The Fullbliss: Yes Sir
Irgendwie hat man bei David Judson Clemmons immer das Gefühl, dass er noch extrem großartige Alben rausbringen kann. Betrachtet man die vergangenen beiden Werke haben sich allerdings Großtaten und Ausfälle die Waage gehalten. Jetzt erscheint mit „Yes Sir“ ein neues Album, das zwar keine Überflieger bereit hält, aber mit einer durchgängigen Qualität überzeugt.
WeiterlesenPieke randaliert

Nein, man möchte wirklich nicht neben ihr auf der Tribüne stehen. Sie guckt einen von der Seite an. Fragt dann: „Sag mal, hörst du eigentlich meine Kriminalreportagen?“ Man murmelt: „Äh, ich hab doch nur so’n altes Kofferradio, da krieg ich nur Europawelle Saar rein“ – und zack, hat sie schon ausgeholt, einem den Siegelring auf die Backe gedrückt, auf der nun für alle Zeiten wie ein Brandzeichen steht: „RBBinfoRADIO 93,1“. Oder (sie hat nämlich zwei Ringe zur Auswahl): „Tagesspiegel“. „Am Sonnabend,17.Februar 2007“, sagt die Biermann dann lakonisch, „kannste meine neue Reportage ‚Vorbeugen statt keilen‘ um 11 Uhr 45 hören. Oder die Wiederholungen um 19:45 und in der folgenden Nacht um 0:45 und 05:45. Und im ‚Tagesspiegel‘ kannste sie lesen. Es geht natürlich um Fußball, aber das hast du dir schon gedacht.“ Dann sollte man beflissen nicken und fragen, worum es denn diesmal geht.
WeiterlesenPaul Freeman: Die Legenden von Ophir
Ein Krimi aus Zimbabwe – da assoziiert man unwillkürlich Blettenberg und Blaudez, also den Blick von außen auf einen turbulenten Kontinent, zumal auch der Autor von „Die Legenden von Ophir“, Paul Freemann, kein Einheimischer ist, sondern Engländer, der als Lehrer im Lande tätig gewesen war. Ein Krimi mit einer gehörigen Portion Erste-Welt-Kritik also, noch dazu aus einem Staat, der als Musterbeispiel für das Wüten eines autokratischen Herrschers gelten kann. Aber nein: „Die Legenden von Ophir“ entstand noch in der Zeit der demokratischen Hoffnung Mitte der neunziger Jahre und entwickelt sich rasch zu einem geradezu klassischen Whodunnit.
WeiterlesenCharlie Huston: Der Prügelknabe
„Ich, mein anderes Ich und meine Katze“ (Charlie Huston, „Der Prügelknabe“, S. 300)
Hier ist er: der seltene Fall, dass ein deutscher Titel – fast – besser ist als das Original. Denn Henry „Hank“ Thompson ist genau das, zumindest zu Beginn des Romans, was auf dem deutschen Buchdeckel prangt: ein Prügelknabe. Aus unerfindlichen Gründen heftig malträtiert, verliert er eine Niere, wird erneut bedroht, zusammen geschlagen, gefoltert und steht immer wieder auf. Genau wie Bud, der Kater, mit dem alles anfing. Zumindest dieser Teil der Geschichte. Denn Charlie Huston ist so klug zu wissen, dass es DEN Anfang gar nicht gibt.
WeiterlesenLinksliberal
Man wäre ja schon gerne dabei, wenn es am 9. und 10. März 2007 in →Schloss Genshagen nahe Berlin wieder einmal heißt: „Krimis in Deutschland, Frankreich und Polen – Spiegelbild der Gesellschaft?“. Eins der Themen: „Die großen Geschichten der kleinen Leute. Wessen Geschichte erzählen Krimis?“ Darunter aber unvermittelt noch eine zweite Frage: „Die Leser von Krimis: das linke Bildungsbürgertum?“ Und gleich eine dritte: „Gibt es noch Krimis fürs ‚Volk'“? Ich gestehe, von Frage zu Frage verwirrter zu werden.
WeiterlesenPaul Levine: Solomon vs. Lord
Der 12jährige Bobby ist nur eine Nebenfigur in Paul Levines „Solomon vs. Lord “, aber dennoch eine der tragenden Figuren des Buches. Er hat eine Inselbegabung (Savantsyndrom). Eine sehr seltenen Kombination – die Kinogänger werden es dank „Rain Man“ wissen –von Defiziten, meistens im emotionalen Bereich, und singulären Hochbegabungen in einzelnen intellektuellen Bereichen.
WeiterlesenLiterarische Krimis – eine Reise ins Herz der Finsternis (5)

Fassen wir bündig zusammen. Von „literarischen Krimis“ spricht, wer Entwicklungen ignoriert, einen unvollständigen Literaturbegriff hat, keine große Faktenkenntnis oder sich darin gefällt, „Krimi“ und „Literatur“ gegeneinander auszuspielen. Was literarisch sein soll, möge sich gefälligst vom Genre entfernen. Vergessen wollen wir aber bei alledem nicht die Wohlmeinenden, denen es um das Ansehen des Kriminalromans zu tun ist, welches unter allen Umständen – und seien es solche fragwürdiger Herkunft – befördert werden soll.
WeiterlesenWider die Gleichmacherei
aus einem Beitrag in der Wochenendausgabe der Süddeutschen von Dirk Stempel, im Hanser-Verlag für Rechte und Lizenzen zuständig, zum aktuellen „Übersetzerstreit“:
Die Höhe des Seitenhonorars. Es war bisher frei verhandelbar zwischen Übersetzer und Auftraggeber und wird bestimmt unter anderem durch das Medium, für das übersetzt wird (Hardcover, Taschenbuch, Presse, Funk…), durch die Qualität der Geschäftsbeziehung und natürlich durch den Text selbst. Denn es wird auch zukünftig ein Unterschied sein zwischen einem Text von Celan und einem Kriminalroman.
Literarische Krimis – eine Reise ins Herz der Finsternis (4)
Weiterlesen„Als er abends im Bett lag und versuchte einzuschlafen, dachte er, so ist das Leben, eine Unmenge von Rolltreppen, die niemals anhalten, und niemand weiß, von wo und von wem sie gesteuert werden, sicher ist nur, dass es ohne das geringste Mitgefühl, ohne Logik oder gar Absicht geschieht. Manchmal führen sie in die richtige Richtung und wir sind eine Zeit lang glücklich.“
Tokyo Police Club: A Lesson In Crime
Okay, die Musik ist nicht mehr neu, sprich eben dieser hippe Dancepunk, der uns schon seit einigen Monaten auf Trab hält. Dennoch darf man sich über dieses Album freuen, denn der Tokyo Police Club bringt frischen Wind in dieses fast schon etwas überstrapazierte Genre und fegt mit frischem Besen den ersten Staub sogleich wieder hinfort.
WeiterlesenChris & Carla: Fly High Brave Dreamers
Die kreative Zelle ‚Walkabouts‘ ist ja sehr teilungsfreudig. In rasanter Geschwindigkeit gibt es neue Konstellationen, Abspaltungen, Projekte und nichts, aber auch gar nichts, scheint überflüssig. Verhältnismäßig lange hat es aber gedauert, bis die beiden Hauptakteure Carla Torgerson und Chris Eckman wieder zur Duo-Form Chris & Carla zurückgekehrt sind.
WeiterlesenLadyfinger (ne): Heavy Hands
Saddle-Creek – das ist das Vielspürerlabel aus Omaha, das zwischen Rotwein und Innovation mittlerweile zum Pflichtprogramm eines gut sortierten Plattenschranks gehört. Keine Ahnung, wie sich Ladyfinger (ne) in dieses Labelraster verirrt haben, aber „Heavy Hands“ ist genau das Gegenteil dessen, was man von Saddle Creek erwartet.
WeiterlesenSteve Skaith Band: Imaginary Friend
Es ist wahrscheinlich unmöglich eine Kritik über Steve Skaith zu schreiben, ohne unermüdlich auf seine ehemalige Band Latin Quarter hinzuweisen.
Auf der vor kurzem erschienenen und sehr lohnenswerten DVD „Live At Full House Rock Show“ zeigt allein der bedrückende Schlusstitel „America For Beginners“ die zeitlose Qualität der Band. Obwohl mehr als zwanzig Jahre alt, ist der Text treffender und spitzer als die meisten aktuellen Tiraden in Richtung USA.
WeiterlesenNoch drei Temmes
Der Mann hat viel geschrieben, so viel können wir gar nicht hochladen. Aber mit drei Erzählungen aus der „Gartenlaube“ zwischen 1858 und 1868 bleiben wir ihm wenigstens auf den Fersen, dem guten J.D.H. Temme. Und wir haben schon noch einiges in petto. Natürlich für die →„Criminalbibliothek des 19. Jahrhunderts“.
Nury Vittachi: Shanghai Dinner
Wer schon einmal einen weißen Elefanten durch Shanghai gerollt hat, weiß, was ihn bei Nury Vittachis „Shanghai Dinner“ erwartet. Wer eines der früheren Abenteuer des Fengshui-Detektivs C.F. Wong und seiner flippigen Teenie-Assistentin Joyce kennt, freut sich zudem auf neuen spaßigen clash of cultures. Ja, ganz recht: Das ist alles sehr witzig. Aber eben nicht alles.
WeiterlesenThe Shins: Wincing The Night Away
„Sea Legs“, verehrter Leser, hochgeehrte Leserin, ist ein Übersong!
Wer -wie ich- obsessiver Perlentaucher in der allzu oft allzu stillen See des gefühligen Indiepops ist, der wird auf „Wincing The Night Away“ durchaus fündig. Er darf nach schon sehr kurzem Tauchgang verzückt den Opener „Sleeping Lessons“ aufsammeln, er darf die erste Single des dritten Albums der Shins, „Phantom Limb“ behutsam in seinen Hüftbeutel tun, er darf am naiv-schönen „Red Rabbits“ nicht vorbei schweben, er greift bei „Turn On Me“ ebenso lustvoll zu wie bei der Indie-Akustikballade „A Comet Appears“ oder bei „Black Wave“, „Split Needles“ und „Girl Sailor“. Überhaupt hat das Album nur zwei Perlen, die dem hohen „Best Of“-Anspruch des erfahrenen Indiepopperlentauchers nicht ganz genügen: „Australia“ und „Pam Berry“ sind dennoch zwei Songs, die ein Stück über dem Durchschnitt liegen und daher weit weg von „unhörbar“ sind.
Brand New: The Devil And God Are Raging Inside Me
Platte fertig – Mund offen. Aus dem Konflikt zwischen Gut und Böse und der Schlucht zwischen Kraft und Stille haben Brand New ein großartiges Album geschaffen. Wollte man die Platte beleidigen, würde man Emo dazu sagen, aber das traut man sich ja bei Bands wie The Promise Ring oder Sunny Day Real Estate auch nicht mehr.
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