Man stelle sich vor, eine Garagerock-Band wie die Stooges rockt und scheppert so richtig los, als plötzlich Aretha Franklin zu Besuch kommt, Iggy Pop mit einem „Fuck you!“ das Mikro abnimmt und alle an die Wand singt. Oder: Dead Moon schrammeln gerade ihre Punkrock-Songs mit Janis Joplin als neuer Frontfrau. BellRays-Sängerin Lisa Kekaula ist berechtigterweise genervt von solchen Vergleichen, denn die Band aus Los Angeles braucht sich mit ihrem (in eigenen Worten) „Maximum Rock & Soul“-Sound nicht hinter großen Namen zu verstecken.
WeiterlesenJohnny Dowd: The Pawnbroker’s Wife
Johnny Dowd, Möbelpacker und Songschreiber, hat eine ganz besondere Religion: Rock’n’Roll. „The Pawnbroker’s Wife“ klingt verrucht, dreckig, roh und unheimlich. Sie dürfte insbesondere Fans von Beasts Of Bourbon gefallen. Die Reise ins Dunkel der Seele endet mit „Sleeping In The Grass“, geschrieben von Lee Hazelwood.
(7 Fritten)
Johnny Dowd: The Pawnbroker's Wife
Glitterhouse/Indigo
The Flipsides: Clever One
Sabrina Stewart bringt die Würze in das flotte Punk’n’Roll-Gemisch des kalifornischen Trios. Revolutionär sind die Songs des Debüt-Albums nicht wirklich. Dafür kurzweilig und bestens zum Mitsingen geeignet.
(6 Fritten)
The Flipsides: Clever One
Pink & Black/SPV
Herr Mankell und der Schwedenkrimi
Im 30jährigen Krieg kredenzte man den SCHWEDENTRUNK: eine Labsal, die dem, der sie genoss, nur selten mundete. Das Zwanzigste Jahrhundert amüsierte uns nur mäßig mit SCHWEDENRÄTSELN und SCHWEDENPORNOS und, schon etwas kurzweiliger, SCHWEDENPOP. Als hartnäckigster von all diesen SCHWEDENHAPPEN indes erwies sich der SCHWEDENKRIMI. In den Sechzigern und Siebzigern durch die Romane des Duos Sjöwall/Wallöö erfolgreich nach Deutschland exportiert, ist der Schwedenkrimi Anfang des neuen Jahrtausends in Gestalt der Bücher von Henning Mankell umjubelt zurückgekehrt. Keine Bücherbestenliste, auf der nicht die Geschichten um Kommissar Kurt Wallander penetrant auf Spitzenplätzen liegen, und manche biedere Sekretärin – ein Berufsstand, der ansonsten eher im Hera-Lind-Fieber agonisiert – sah ich schon weltentrückt in Eisenbahnabteilen über „Die fünfte Frau“ gebeugt, Mankells, so viel sei gesagt, bestem Roman.
Kurt Wallander löst seine Fälle im südschwedischen Ystad, wo er ein Team der Mordkommission leitet. Er ist Pessimist und nagt an seinen Depressionen wie weiland Sherlock Holmes an seiner Unterlippe, wenn es galt, komplizierte Sachverhalte zu erhellen. Im Grunde folgen alle Romane dem gleichen Strickmuster: (Mindestens) ein Mord geschieht und stellt Wallander und die Seinen vor Rätsel, die es nach und nach zu lösen gilt. Zwischen den Kapiteln, die sich minutiös mit dem Weg der Aufklärung beschäftigen, gibt es immer wieder andere, die ein Psychogramm des Täters, der Täterin zu zeichnen versuchen. Lustiges Mörderraten wie bei Agatha Christie gibt es bei Mankell nämlich nicht. Das Motiv interessiert ihn und eben der Weg zum Ziel.
Daneben natürlich noch das Seelen- und Familienleben des Helden selbst. Er ist, wie gesagt, reichlich depressiv und leidet vor allem am Zustand der Welt im Allgemeinen und der schwedischen Gesellschaft im Besonderen. Die Mörder werden immer brutaler, die Menschen immer rücksichtsloser, die Polizisten immer inkompetenter und korrupter.
Hm…. spätestens hier aber müssen wir nun doch auf die erste Welle der Schwedenkrimis zurückkommen, auf Sjöwall/Wallöö und ihren Kommissar Martin Beck. Denn eigentlich könnte ich eine alte Rezension dieser Romane hervor kramen und durch bloßen Namenstausch zu einer Rezension der Mankell-Romane machen.
Es war alles schon einmal da: Ein zur Depression neigender Kommissar mit Ess- und Eheproblemen, ein Team aus verschiedensten Charakteren und Temperamenten, vor allem aber: die Sozialkritik. In den Sechzigern und Siebzigern noch galt Schweden als der paradiesische Hort aller Menschenrechte und -gerechtigkeiten. Da tat es gut, eine andere, kritische Stimme zu hören, die das Unmenschliche der Situation heraus arbeitete und darlegte, wie die einstige Vision von der besten aller Welten degenerierte.
Auch die Strickmuster ähneln sich frappant: Ein Mord geschieht (oder auch gleich neun auf einmal wie in Sjöwall/Wallöös „Endstation für neun“), Rätselberge türmen sich auf und werden allmählich abgetragen. Was Mankell von seinem Vorgängerduo indes unterscheidet: Brauchten die gerade einmal 200 Seiten zur Klärung des Falles, können es bei ihm auch schon mal leicht über 500 werden. Das funktioniert dort, wo es die Story hergibt, in der „Fünften Frau“ etwa oder, mit leichten Abstrichen, in „Die falsche Fährte“. Andere Romane, vor allem „Der Mann der lächelte“ oder „Mörder ohne Gesicht“, sind, obgleich nicht ganz so umfangreich, im Grunde nur aufgeblasene Gebilde aus Versatzstücken, wo man bei der Lösung auch Kommissar Zufall oder Kommissar Brechstange bemühen muß.
Wie alle Serienkrimis setzen die Wallander-Romane natürlich auf die Kontinuität der Lebensläufe des Stammpersonals. Das war auch schon bei Martin Beck und seinen Kollegen so. Nachsichtig lächelnd nahm der getreue Leser zur Kenntnis, dass Kollbergs Frau Gun hieß und etwas von Sexualakrobatik verstand. Auch Becks Vorliebe für Schiffsmodelle mußte man Stücker dreißigmal zur Kenntnis nehmen – aber es waren nur kurze Erwähnungen, sie störten nicht weiter.
Anders bei Wallander, der sich etwa fünfmal pro Roman über die hohen Preise für Wurstbrote ärgert, etwa zehnmal seinen Vater erwähnt, der als Maler von Sonnenuntergängen und Auerhähnen sein Geld verdiente, bis ihn der Tod dahin raffte, etwa zwanzig Mal gar begegnen wir dem inzwischen auch schon toten Kollegen Rydberg und überlegen uns mit Wallander, was der wohl in dieser Situation gemacht hätte. Und so weiter. Das nervt.
Schlimmer noch: Es gibt keinen Roman Mankells, in dem der Held nicht etwa Entscheidendes übersieht, nicht weiß, WAS er übersehen hat, aber weiß, DASS er etwas übersehen hat. Und sich wenigstens zehnmal im weiteren Verlauf erinnert, irgendwann etwas Entscheidendes übersehen zu haben, aber nicht zu wissen was. Das nervt ganz arg.
Bei allen déjà vu (oder besser: déjà lu)-Momenten, die der Kenner und Liebhaber der zehn Beck-Romane bei der Lektüre der Mankell-Bücher hat, vermißt er aber eins: den Humor von Sjöwall/Wallöö. Der wird von Roman zu Roman skurriler und erreicht gelegentlich Slapstickniveau. Manchmal basiert sogar die komplette Handlung (vor allem bei „Verschlossen und verriegelt“) auf einem gigantischen Witz, dessen Pointe am Ende offengelegt wird. Nichts von alledem bei Mankell. Die Welt ist trostlos, aber scheinbar noch nicht trostlos genug, um sich darüber lustig machen zu können.
Fassen wir zusammen: Mankells Romane übernehmen viel – nicht selten zu viel – von Sjöwall/Wallöö und fallen häufig hinter den Standard der Originale zurück. Sjöwall/Wallöö sind schneller, präziser, weniger redundant. Sie vermögen es, interessante Charakterstudien zu zeichnen, besonders von den anderen Mitarbeitern des Kriminalteams, während diese bei Mankell seltsam blass bleiben. Letzterer hat seine stärksten Momente immer dann, wenn er nach den Motiven für eine Tat sucht. Dies allein macht aus „Die fünfte Frau“ und „Die falsche Fährte“ lesenswerte Romane. Wo dies indes versagt, bleibt am Ende nur heiße Luft.
Also, Freunde: So ihr die Romane von Sjöwall/Wallöö nicht kennt: Lest sie. Es gibt sie wohlfeil in jeder Buchhandlung. Empfehlenswert sind außer den bereits genannten: „Mord am Götakanal“, „Die Polizistenmörder“ und „Terroristen“, wieder so ein großer Witz mit toller Pointe. Danach werdet ihr in der Lage sein, Mankell vernünftig einzuordnen: Kein Überautor, aber partiell nicht ohne Gewinn zu lesen.
Enchant: Blink Of An Eye
Während ein Teil des Prog-Genres im selbst geschnürten Korsett erstarrt, winden sich Enchant von Album zu Album mehr, um diese Umklammerung zu lockern. Die Entwicklung von „Juggling 9 Or Dropping 10“ setzt sich hier weiter fort; der Sound ist deutlich entschlackt und an vielen Stellen um einiges härter als in der Vergangenheit. Auch wenn das neue Material mehr in Richtung klassische Rockband tendiert, reihen Enchant die Songperlen auf wie an einer Schnur. „Blink Of An Eye“ verändert sich wirklich mit jedem Li(e)dschlag -sanft dahingleitende Melodien und vertrackte Rhythmen folgen den verschlungenen Wegen der Arrangements.
WeiterlesenEarthlings?: Disco Marching Kraft EP
Eine neue EP vom Kollektiv, das aus dem Kyuss-Umfeld entstand und in dem schon so ziemlich jeder mitgespielt hat, der in den Neunzigern in der Alternative-Ecke ein Instrument bedienen konnte. Nach zwei Longplayern, die durchaus auch gerne mal bis zur Schmerzgrenze „Hippie-Scheisse“ sein konnten, haben Sie die Sache jetzt aber mal ordentlich in den Griff bekommen.
WeiterlesenCrooked – The Original Score

HipHop mal ganz anders: Underground, non-commercial, deep, technisch höchst anspruchsvoll, vertrackt, furztrocken, mit viel Kopf (manchmal zu viel), nah am Rande zu anderen Gewässern, die man am ehesten mit Elektro in Verbindung bringen würde. Und dann ist besagte Scheibe sogar noch ein Soundtrack. Oder, The Original Score, wie es im Kaugummi-Englisch heißt. Nicht zu verwechseln mit dem Album „Crooked: The Movie & Soundtrack“. Das war zwar die gleiche Baustelle, doch unter der Aufsicht eines anderen Architekten.
WeiterlesenDubblestandart: Streets of Dub
Die Herren aus Wien haben ja schon mit jedem grossen Namen aus Jamaica zusammen gearbeitet, der noch nicht erschossen worden ist. Lee Perry oder Dillinger, zum Beispiel. Im Geschäft sind sie auch schon zehn Jahre. Da hat sich einiges an Erfahrung angesammelt. Man könnte also grosses erwarten. Allerdings dümpelt Dubblestandart leider im seichten Fahrwasser der mittlerweile zu Stars gewordenen Kollegen aus der Heimatstadt.
WeiterlesenPlanet X: MoonBabies
Das Debütalbum von Planet X hat mich seinerzeit mächtig gegruselt. Das Gehexe der drei Großmeister hat manchmal fast selbstbefriedigende Züge. Auf dem zweiten Album wird zwar auch wieder heftig geschwurbelt, aber obwohl die Band stärker improvisiert, wirken die meisten der zehn Songs strukturierter und durchdachter als beim Debüt.
WeiterlesenReto Burrell: Shaking Off Monkeys
Der Schweizer Reto Burrell ist so eine Art Happy-Extrakt aus Tom Petty, Ian McNabb, Jacob Dylan (The Wallflowers) und Todd Thibaud. Gut gelaunt drischt er in die Saiten des amerikanischen Gitarrenrock. Er ist dabei nicht sonderlich innovativ, aber mit der Güte seiner Songs steckt er einige große Namen in den Sack.
WeiterlesenVan Morrison: Down The Road
Das Album-Cover von „Down The Road“ ist zwar sowas von plakativ, führt den Hörer aber gleich auf die richtige Spur. Vom ersten bis zum letzten Ton klingt das neue Album von Van Morrison, als hätte er sich durch alle alten Platten eines Second Hand Ladens gewühlt, um wieder einmal mit einer expliziten Mischung aus Celtic, Soul, Jazz und Rythm’N’Blues aufzukreuzen.
Vanderhoof: A Blur In Time
„Zeitlos“ ist ja oft so eine Hilfsvokabel für „unmodern“, muss aber nicht zwangsläufig eine Beleidigung sein. Bei mir hat es drei oder vier Durchläufe gebraucht, bis ich überhaupt Gefallen an der Platte von Kurdt Vanderhoof (Gitarrist von Metal Church) gefunden habe.
WeiterlesenModaji: Pre-Sets
Die Gesetze der Bewegung müssen nicht unbedingt neu definiert werden. Wer einmal ein Ohr in das Album von Modaji riskiert, der wird allerdings kaum noch stillhalten können. Man könnte an dieser Stelle viele abgelatschte Klischees aus der Mottenkiste kramen und von heißen Rhythmen und südamerikanischem Flair sprechen. Wenn es ganz hart käme, fallen wahrscheinlich gar Metaphern wie „nicht unähnlich der Barcadi- oder Bounty-Werbung“. Igitt.
WeiterlesenDie Welttraumforscher: Die Zivilisation der Farben
Wenn Paul McCartney zuviel gehascht hat, dann hat er wahrscheinlich solche Musik komponiert: fröhliche Psychedelic-Liedchen. Leider hatte er immer Menschen an seiner Seite, die verhindert haben, dass allzuviel davon auf Platte kam: erst der genialische Lennon, dann die langweiligen Wings. Aber gottseidank gibt es ja die Welttraumforscher.
WeiterlesenHamlet: Hamlet
Mir bislang völlig unbekannt, haben die spanischen Rocker von Hamlet mit dem gleichnamigen Album bereits ihre sechste Langrille am Start. Wer sich in der Radau-Ecke zwischen Fear Factory und Machine Head heimisch fühlt, sollte das hier auf alle Fälle mal antesten.
WeiterlesenGallop: How Much Is The World?

Martin Gallop ist Kanadier, lebt in Oldenburg und hat mit „How Much Is The World?“ schon zu Beginn des Jahres sein Debüt auf den Markt geschmissen. Stimmlich zwischen dem Knödel-Timbre Dave Matthews‘ und der belegten Stimme von Peter Gabriel ist Martin Gallop nicht nur ein ausdrucksstarker Sänger, sondern in erster Linie ein famoser Songwriter. Alle zehn Songs sind in diversen Studios und Küchen aufgenommen und den wenigsten liegt ein Bandgefüge zugrunde.
WeiterlesenFelix Culpa: Baggage
Viel verändert hat sich nicht im Hause Felix Culpa. Fette Gitarre, Proberaumsound und für eine absolute Undergroundband überdurchschnittliches Songwriting. Ihre Hausaufgaben haben die Jungs aus dem Kreis Cloppenburg ordentlich gemacht und geben beim huldigen ihrer Vorbilder eine gute Figur ab.
WeiterlesenCracker: Hello, Cleveland! Live From The Metro
Irgendwie haben Cracker fast schon was Altmodisches – die Songs sind traditionell und melodiebetont, aber verschroben und vielseitig genug, um von jeher als „Indie“ durchzugehen. Nach dem formidablen diesjährigen Studioalbum „Forever“ legen Label und Band jetzt einen Live-Mitschnitt von 1999 vor, der sowohl in Sachen Klang als auch Songauswahl keine Wünsche offen lässt.
WeiterlesenMunitionsvernichtungsschießen
Verschiedenen Schulwechseln sei Dank, werde ich jetzt alle Nase lang zu diversen Klassentreffen gebeten. Und da erfuhr ich von einem ehemaligen Schulkameraden (sehr deutsches Wort), dass es bei der Bundeswehr Munitionsvernichtungsschießen gibt. Ich war auf Anhieb begeistert! Während ich als Zivi Amputationsstümpfe mit Melkfett eingerieben habe oder mir -in den Backen gesammelte- Leberwurstbrote ins Gesicht genießt wurden, hatten die Y-Jungs die ehrenvolle Aufgabe Munition in die Luft zu ballern. Könnt‘ ja schlecht werden, war ja auch erst kurz nach dem Kalten Krieg. Was wäre denn gewesen, wenn der Iwan das mit Glasnost doch nicht so ernst gemeint hätte?! Oder hatte hier nur jemand keine Lust auf Inventur? Eines weiß ich jetzt sicher: Ich hätte all die alten Männer nicht wegen ihrer ausgeprägten Verdauung bedauern müssen. Das war Taktik – Windelvernichtungssch….

