The Free Design: Cosmic Peekaboo

Eigentlich unglaublich: da klopft das deutsche Filigran-Pop-Label „Marina“ mal auf Verdacht bei der längst aufgelösten New Yorker Sixties-Kapelle The Free Design (1967-1973) an, ob die Herren-Damen nicht einen Song zu einem Brian Wilson-Tribute Album beisteuern wollen – und wenn die Band anschließend womöglich mal wieder ein Album einzuspielen gedächte, würde man sich bei Marina im übrigen freuen, es zu veröffentlichen. Fragen kostet schließlich nichts… et voilà! Auf „Cosmic Peekaboo“ präsentiert sich das Quartett nahezu in Originalbesetzung.

Weiterlesen

Superpunk: Wasser Marsch

„Ich habe keinen Hass auf die Reichen, ich möchte ihnen nur etwas gleichen. Ich bin nicht böse gebor´n…“ …der Rest des Liedes handelt von erpresserischem Menschenraub aus niederen Beweggründen, aber allein in drei Zeilen drehen Superpunk verständliche Aufstiegswünsche der Unterschicht und die Gutmenschen-Schafsköpfigkeit der 68er durch den Wolf. Solcherart „Rollenpoesie“ zieht sich auch durch die übrigen Texte des Hamburger-Münchner Quintetts: festnageln lässt sich die Gruppe nicht, aber die Mischung aus Agit-Pop und purer Skurrilität ist apart (und erinnert etwas an Rocko Schamoni).

Weiterlesen

Vanden Plas: Beyond Daylight

Bisher gingen die deutschen Vorzeige-Progger nicht so wirklich an mich ran, aber was das Quintett hier präsentiert ist allerfeinstes Futter. Härtetechnisch eher im Mittelfeld angesiedelt, überzeugen die Pfälzer in erster Linie mit erhebenden Gesangslinien. Obwohl „Beyond Daylight“ von einem gewissen Wiedererkennungswert umspült wird, hütet sich die Band davor, abgegriffene Melodien zu präsentieren.

Weiterlesen

Dominique Horwitz: Singt Jacques Brel


Singende Schauspieler sind, genauso wie schauspielernde Sänger, eher selten ein Genuss. Wenn sich dann aber einer wie Dominique Horwitz hinters Mikro stellt, kann man schon erahnen, dass hier keine Pop-Plattitüden ins Volk geschleudert werden. Er präsentierte schon in den 80er Jahren Jacques Brel-Abende und frönt dieser Liebe noch heute. Vorliegende CD ist ein Mitschnitt aus den Hamburger Kammerspielen im September 1997.

Weiterlesen

Lektion 21: Der Speicher

Neulich, als ich auf dem Dachboden meiner tessiner Zweitvilla nach meinem alten Teddybären suchte, weil mein neuer, mit dem ich meine Nächte zu verbringen pflege, unauffindbar war, neulich also auf dem Dachboden, da dachte ich so für mich: Das ist ja komisch. Eine anständige tessiner Villa und ein anständiger Computer mögen nicht viel gemeinsam haben, aber eines doch: den Speicher. Woher kommt das? Wohin geht das? Und warum, um nicht zu fragen: wieso?

Weiterlesen

Refluxus (2)

Mitropa ist nicht nur eine Kaffeemaschine…

Nein, es ist auch das freundliche Team, das uns bei Bahnfahrten in den Zügen der Deutschen Bundesbahn AG begrüßt. Besonders freundlich begrüßt werde ich immer von den Herren, die mit dem Service-Wagen (?) durch die zweite Klasse fahren. Egal, ob ich nach Hamburg, Berlin oder München fahre, es ist immer der Selbe. Oder es ist eine große Familie. Ursprünglich aus dem Land, in dem die Winnetou-Filme gedreht wurden. Da wird nicht lange gefackelt:

Weiterlesen

Sand 11: s/t

Ein Label, das stets mit elektronischem Intelligenzpop zu überzeugen wußte, hier mit keiner Ausnahme. Schon die Namen der Mitglieder des Duos, Jimi Siebels (Ego Express) und Pascal Fuhlsbrügge (Kolossale Jugend – und Lage Dor-Mitbegründer), sind vorbelastet, so dass man enttäuscht wäre, wenn die Herangehensweise an poppige Housemusik so platt wäre, dass die zwölf Stücke nicht auch Platz für einen Diskurs über leichte Kost im Kühlregal des Popallerlei bieten würde. Kein House für die Großraumdisko, aber dennoch mit Massenappeal. Das Urteil verhält sich wie Obstgarten zu überzuckerten Puddings: Leicht und nicht zu süß; ja man kann diese Platte oft genießen, ohne daß sie einem wegen zu penetranter catchyness nach mehrmaligen Hören anödet.

Weiterlesen

Q and not You: No Kill No Beep Beep

Mehr aus Neugierde als gezielt Ausschau haltend hörte ich in diesen Dischord Release (schon der einhundertdreiundzwanzigste) rein und ohne irgendwas Großartiges zu erwarten bekam ich die Schublade vor lauter Frische nicht mehr zu. Wie ein Fisherman´s Friend die Atemwege putzt, so putzt mir dieses schwarze Scheibchen schon seit Tagen den Dreck aus dem Gehörgang, den so mancher halbgarer Kompromiss, den man hört, weil es ja mal wieder an der Zeit wäre sich was Neues zu kaufen, hinterlassen hat. In besagten Fällen ist dann lediglich die Verpackungen neu, der Inhalt…naja.

Weiterlesen

Kreidler: Kreidler

Die Band, die mich bei Erscheinen ihres Debuts „Weekend“ an eine rockigere, deutsche Version von Chicagoer Postrockern wie Tortoise erinnerte, wirkt auf ihrem dritten Album melodienselig und verspielter denn je, fast so als ob Sensorama ihr Album „Love“ nocheinmal mit Band eingespielt hätten.
Was Kreidler als Band ausmacht ist der Einsatz eines Schlagzeugs und eines Basses, die beide sehr stoisch und patternorientiert das rhythmische Grundgerüst für allerlei flächige, zärtliche und intim-anheimelnde Sounds bereitstellen. Hier wird nicht mit Muskeln geprotzt, sondern stets versucht, den Zuhörer mit Detailsuche zu konfrontieren. Schon gar nicht kann von einer gewissen Improvisierfreude gesprochen werden, wie es zum Beispiel bei Tortoise der Fall ist.

Weiterlesen

Leben im Kühlschrank

Wie geht es einem, der sich über Mode wundert?

Es ist schon seltsam, welchen Wandlungen der Zeitgeist unterliegt. Aus Underground wird Mainstream, political correctness ist sowieso gesellschaftsfähig, heut noch rocken wir in der Garage, morgen rocken wir die Charts. Dass Metallica mainstreamig geworden ist, lässt mich kalt und geht soweit auch in Ordnung. Dass mittlerweile Roni Size/Reprazent auf MTV zu sehen ist, macht mich als „Fan“(?) doch nachdenklich.

Weiterlesen

Boards Of Canada: In A Beautiful Place Out In The Country

Schon seit ihrem Debüt auf Skam 1996 verbreitet das schottische Duo Boards Of Canada diese unheimlichen Untertöne, wie Schleifen, Rauschen, Kinderstimmen, um ihren gläsernen Eispalästen von Tönen den Geist eines zugefrorenen Sees in der Tundra einzuhauchen. Auch optisch wird auf den Covern diese schön-schaurige Stille einer Landschaft oder einer verwackelten Momentaufnahme von seltsamen Eindrücken oder Traumsequenzen verbreitet; so zum Beispiel auf meinem Lieblingscover einer Warp – Platte ever, der Doppel – LP „Music has the Right To Children“. Darauf ist eine Familie – der Mode nach aus den Siebzigern – wie unter Seewasser im Schleier von schwimmenden Partikeln abgebildet, deren Mitglieder ohne Gesichter an einer Mauer stehen oder lehnen.

Weiterlesen