„Soul Makeover“ hieß der erste Streich der Soul-Sängerin Nicole Willis. Nicht nur wegen des bezaubernden Äußeren der jungen Dame lagen ihr die Kritiker zu Füssen. An dieser Stelle sollte man wissen, dass Willis nicht dem reinrassigen Soul frönt. Sie mag Experimente und mischt Pop, vertrackte Elektronik und Jazz in ihre Songs. Das von Jimi Tenor mitproduzierte und -geschriebene „Sunday Nite (Don’t Hold Back)“ erinnert mehr an Chaka Khan, denn an Aretha Franklin.
WeiterlesenKategorie: Musik
Josh Martinez: Buck Up Princess
Vor kurzem in unserer kleinen Stadt – auf der Suche nach dem Soundtrack für den Sommer. Und da fällt mir kurz vor Redaktionsschluss dieses kleine ruhige Album von Josh Martinez mit dem Namen „Buck Up Princess“ in die Hände. Weit ab von dem amerikanischen Blockbuster-Hitcharts erinnert mich dieses Album aus Vancouver B.C., Westküste Kanadas, eher an z.B. Souls Of Mischief oder Pharcyde.
WeiterlesenDavid Grubbs: A Guess At The Riddle
David Grubbs ist viel rumgekommen. Er war Mitglied bei The Happy Cadavers, Squirrel Bait, Bastro, Gastro Del Sol und The Red Krayola. Gastauftritte hatte er u.a. bei Will Oldham, Palace Music, Royal Trux und Matmos. Selbst solo war er seit 1997 untätig. Er veröffentlichte in regelmäßigen Abständen EPs und vorrangig Alben. Sein neuestes Werk heißt „A Guess At The Riddle“ und beginnt nicht als das eines Singer/Songwriters im Indie-Kontext – sprich: rein gar nicht folkig. Grubbs wird von einer Band begleitet. Am Schlagzeug wechseln sich Adam Pierce von Mice Parade und Thomas Belhom (ABBC) ab. Am Cello taucht zwischendurch Niko Veliotis auf, der Mitglied des London Impro-visers Orchestra war.
WeiterlesenBeastie Boys: To The 5 Boroughs
Ein halbes Jahr nach den Terroranschlägen vom 11. September haben Adam Yauch, Mike D und Adam Horovitz mit den Arbeiten am längst überfälligen „Hello Nasty“-Nachfolger begonnen. Dazwischen lagen ereignisreiche Jahre. Ein Gouverneur von Texas zog unter fragwürdigen Umständen ins Weiße Haus ein. Zwischenzeitlich erlebten die Beastie Boys ihre persönlichen Hochs und Tiefs. Für ihr Label Grand Royal verpflichteten sie At The Drive-In und veröffentlichten deren Meisterwerk „Relationship Of Command“. Das verkaufte sich wie geschnitten Brot; das Label jedoch ging Pleite. Das Trio brach seine Zelte in Los Angeles ab und kehrte in seine Geburtstadt New York zurück.
„To The 5 Boroughs“ ist den fünf Stadtbezirken Manhattan, Bronx, Brooklyn, Queens und Staten Island gewidmet. Die Beastie Boys blieben also trotz Zwischenstation in Kalifornien in ihren Herzen New Yorker: „We can’t say enough about all you do. ‚Cause in the city we’re ourselves and electric too. (…) Since 9/11 we’re still livin‘ and lovin‘ life we’ve been given“ (aus „An Open Letter To New York“). Dass sie keine Party-Rapper mehr sind, dürfte seitdem Yauch Benefizkonzerte für Tibet organisiert bekannt sein. Aktuell erregt sie George W. Bushs Präsidentschaft. „We’ve got a president we didn’t elect / the Kyoto treaty he decided to neglect“, heißt es in „It Takes Time To Build“.
„To The 5 Boroughs“ geht zurück zu ihren (musikalischen) Wurzeln. In den Songs wummern heftigst die Beats, die eine Herausfor-derung für jede Bassmem-bran sind. Die Old School-Samples stammen von LL Cool J, Chuck D, Run DMC, Marley Marl (Begründer von Cold Chillin‘ Records) und der Sugarhill Gang.
Wer die Messlatte nicht zu hoch legt und nicht von den Beastie Boys verlangt, sich neu zu erfinden und Gefallen am HipHop der alten Schule findet, der wird „To The 5 Boroughs“ in sein Herz schließen können. Vielleicht nicht auf Anhieb.
Beastie Boys: To The 5 Boroughs
Capitol/EMI
VÖ: 14.6.2004
The Bees: Free The Bees
Als vor über zwei Jahren Paul Butler und Aaron Fletcher unter dem Bandnamen The Bees ihr Debütalbum „Sunshine Hit Me“ veröffentlichten, kassierten sie dafür jede Menge Lob und eine Nominierung für den „Mercury Music Award“. Trotz all der Lorbeeren sollte das Duo mit seinem zweifelsohne gewöhnungsbedürftigen und zugleich experimentellen Mix aus Pop, Reggae, Folk und Rock hierzulande nicht den Erfolg wie in der britischen Heimat erlangen. Mit „Free The Bees“ hat sich eine befreiende Leichtigkeit bei den Herren von der Isle Of Wight breit gemacht, die den Bekanntheitsgrad der „Bienen“ auch bei uns steigern müsste. Ein neues Label, ein anderes Studio, Abbey Road nämlich, eine richtige Band und das Essentiellste: ein neuer, positiv überraschender Sound.
WeiterlesenThe Datsuns: Outta Sight/Outta Mind
Ich bin total baff, wie sich The Datsuns seit ihrem Debüt weiterentwickelt haben. Oberflächlich gehört ist es immer noch die selbe Mucke, aber die vier jungen Hüpfer haben es geschafft sich von der Konkurrenz deutlich abzuheben. Klar ist das hier auch nur ein Verneigen vor Thin Lizzy und Led Zeppelin, aber bei The Datsuns sitzt jeder Handgriff.
WeiterlesenEric Fish: Live – Auge in Auge
Um alle Bedenken zu Beginn auszuräumen: Man muss Subway To Sally nicht gut finden, um Eric Fishs Solodebüt zu mögen. Auf die vokale Kraftmeierei, die Subway Alben manchmal etwas anstrengend macht, verzichtet er hier nahezu komplett und untermauert seinen Ruf als Bühnencharismatiker.
WeiterlesenNeurosis: The Eye Of Every Storm
20 Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Bedenkt man, wie eintönig vor sich hin alternde Bands à la AC/DC oder NOFX mit den Jahren geworden sind, kann man es Neurosis nicht hoch genug anrechnen, dass sie im zwanzigsten Jahr mit Steve Albini ihr bestes Album seit langem eingespielt haben.
WeiterlesenKings Of Convenience – Riot On An Empty Street
Jeder kennt das Problem der Prä-Walkman-Ära bei Familienausflügen einen gemeinsamen Nenner für das Autoradio zu finden war nahezu unmöglich. Auch bei uns war das Kassettenfach heiß umkämpft und als Sieger der Konsensfindung ging meist „Best Of Simon & Garfunkel“ hervor. So was versaut fürs ganze Leben im Positiven.
WeiterlesenGluecifer: Automatic Thrill

Nur nicht übermütig werden. Gluecifer haben erst mal die Experimentierfreude beiseite gelegt und mit „Automatic Thrill“ wieder kraftvoll zugepackt. Wer Sorge hatte, Gluecifer wollten sich mit ihrem letzten Album „Basement Apes“ aufs weich rockende Altenteil zurückziehen, kann jetzt schon mal für „Automatic Thrill“ in den nächsten abgesifften Rockschuppen pilgern.
WeiterlesenLive: UK Subs/Vibrators
Bielefeld, Kamp, 08.07.04.
Große Namen lockten ins Kamp: zwei Punk-Bands der alten Garde, die UK Subs seit 27 Jahren auf Tour, erstaunlicherweise fast in ihrer ursprünglichen Besetzung. Angeführt werden sie von Charlie Harper, dem selbst ernannten „Godfather of UK Punk“… meint jedenfalls das Presseinfo. Naja. Auch seit den 1970ern existieren die Vibrators, die bereits mit den Sex Pistols oder Iggy Pop unterwegs waren. Das muss ja einfach gut werden! Oder?
WeiterlesenKelly Family: Homerun
Vorurteile sind hässlich. Nicht selten begegnen sie Popstars mit einer jungen Gefolgschaft, die die musikalische Pubertät hinter sich lassen wollen. Die Friedhöfe der Popmusik sind randvoll mit Teenie-Acts, die erwachsen werden wollen und an der Abkehr des Stammpublikums scheitern. Die New Kids On The Block landeten ebenso auf dem Bauch und in der Ramschkiste wie die Backstreet Boys.
In den 90ern hat es George Michael geschafft, einst Wham-Schönling, heute die graue Eminenz gepflegten Besserverdiener-Pops. Aber auch er nannte ein Album nicht ohne Grund „Listen Without Prejudice“ – dieses Zuhören ohne Vor-urteile wünscht sich auch die Kelly Family. „Homerun“ nennt sich ihr Doppel-Album, dessen Cover-Art die neue Reife signalisieren will: dunkle Bilder aus dem Studio, wo komponiert und hart gearbeitet wird. Die Band bemüht sich um Vielseitigkeit: Folk-Pop, Reggae, Rock, Gospel und ein bisschen Rap. Originell wird es aber nicht, und eine Ballade wie „Street Kid (Gucci Shit)“ geht in ihrer moralisierenden Banalität zügig an die Nerven.
Weit spannender ist die Frage, ob die Band ihr Altkleidersammlungs-Image verändern kann. Das könnte, wenn überhaupt, höchstens mit einem genialen Album gelingen, das „Homerun“ nicht ist.
Kelly Family Homerun Polydor/Universal
V.A.: Vienna Scientists IV
„5 years of solid Grooves“ lautet der Untertitel des vierten Teils aus dieser Serie. Die Wiener mal wieder. Lange nichts von ihnen gehört und gedacht, ihre Gemütlichkeit wäre ihnen zum Verhängnis geworden. Und aus heiterem Himmel dann diese Scheibe. Zurückhaltung kann an dieser Stelle nicht garantiert werden. Der Rezensent ist überglücklich.
WeiterlesenBad Religion – The Empire Strikes First
Irgendwann muss man sich entscheiden, ob man Bad Religion mag oder nicht. Auch wenn die Band Variationen über ein bekanntes Thema perfekt beherrschen, sind ihre Songs einfach nicht unterschiedlich genug, um jedes Mal mit Großtaten rechnen zu können. Der Schwung von Brett Gurewitz‘ Rückkehr ist raus und „The Empire Strikes First“ wäre auch in den „Epic-Years“ nicht entscheidend aufgefallen.
Aber wie gesagt, wenn man die Band mag, macht das immer noch eine Menge Spaß. Ruckzuck sind drei, vier Lieblingssongs entdeckt und allein das Studium des Textbuches lohnt die Anschaffung der CD. Wobei mich Bandkopf Greg Graffin zusehends an Reinhard Mey erinnert alle paar Jahre steckt er den Kopf aus dem Loch und gibt Kommentare zur Lage der Welt. Parallelen zum musikalischen Korsett zu ziehen, scheint aber sogar mir zu weit hergeholt… 🙂
Bad Religion - The Empire Strikes First
Epitaph
VÖ: 7.6.2004
Link: www.badreligion.com
TOC: Loss Angeles
Meinen die das Ernst? Ich glaube schon. Irgendwo zwischen Dream Theater und einer Bombast-Metal-Band hauen TOC auf „Loss Angeles“ elf druckvoll produzierte Metal-Songs unters Volk.
WeiterlesenDas Bo: Best of III alleine
5 Sterne Deluxe und Der Tobi & das Bo besitzen ja einen im Hip Hop Business ungewöhnlichen Charme: Selbstironie, das eigene Mackertum nicht ganz ernst nehmen, Rap-Klischees veralbern, … Alles mit viel Wortwitz und einem dicken Schuss Coolness. Letzteres ist das einzige, was von dieser ungewöhnlichen Mischung auf Bos neuem Soloalbum übrig geblieben ist, was es wieder zu einem recht gewöhnlichen Kopfnicker-Futter macht, für Szeneoutsider also uninteressant.
WeiterlesenEagles Of Death Metal: Peace Love Death Metal
Eins kann man Josh Homme nicht vorwerfen: Er vertrödelt nicht viel Zeit. Erst nahm er mit den Queens Of The Stone Age das dritte Album auf, dann organisierte er die Desert Sessions Numero neun und zehn, um kurz danach – während ihm zwei QOTSA-Mitglieder den Rücken kehrten (namentlich: Nick Olivieri und Mark Lanegan) – mit den Eagles Of Death Metal das nächste Projekt folgen zu lassen. Jenes macht seinem Namen keine Ehre und ist kein direkter Konkurrent von Dave Grohls Metal-Baby Probot.
WeiterlesenAdem: Homesongs
Der Klappstuhl auf dem Cover macht alles kaputt. Hätt‘ ja mal ein Schaukelstuhl sein können, dann hätte ich die Assoziation von Schaukelstuhl, Veranda, Stoppelbart und Whiskey in die Runde geschmissen. Aber gut, wenn Adem beim Aufnehmen seiner „Homesongs“ auf einem Klappstuhl saß, hat es der Qualität seiner Musik nicht geschadet.
WeiterlesenHenry McCullough: Unfinished Business
Es hat ein Weilchen gedauert, bis good old Henry (im vergangenen Jahr 60 Jahre jung geworden!) die Aufnahmen für diese CD so im Kasten hatte, wie ers wollte. Dank der Finanzspritze seines ehemaligen Arbeitgebers Paul McCartney konnte Henry einheimische Sessionmusiker verpflichten und sich auch ein ordentliches Studio leisten.
WeiterlesenLive: Chris Eckman
Bielefeld, Forum. 20. 5. 2004.
Kürzlich durfte ich ein intimes Konzert eines von mir durchaus geschätzten Künstlers besuchen, der es doch tatsächlich schaffte, in Bielefeld ca. 40-50 Leute anzulocken, während z.B. in Frankfurt keine 10 Gäste kamen. Dafür, dass ich von der geringen Zahl der Zuschauer überrascht war, lief es also noch ziemlich gut. Alles weitere überlasse ich meiner Begleiterin an jenem Abend, die folgendes zu berichten weiß:
Chris Eckman ein Konzertbericht
Unter dem pathetischen, protzigen und peinlichen Titel Mastermind of the Walkabouts wurde für den Solo-Auftritt Eckmanns geworben. Gut, er war von Anfang an dabei und schreibt die meisten Stücke, aber der Rest der Band ist ja wohl kaum als bloßes Anhängsel Eckmanns zu verachten.
Er spielte auf der kleinen Bühne, was diesem anmaßend klingendem Titel widersprach, denn auf den Walkabouts-Konzerten in Bielefeld war in den letzten Jahren immer recht viel los.
Als Chris Eckmann aus dem Backstagebereich auftauchte, lief er allerdings mit dem Gutes verheißenden fiesen Gesichtsausdruck herum, denn offenbar hat er mit Bob Dylan eines gemeinsam: je miesepetriger er herumläuft, desto besser sind seine Konzerte.
Als er nach dem unspektakulären und etwas unsicheren Andy White loslegte, wurde jeder fiese Gedanke über das schlechte Plakat (hoffen wir mal, dass es nicht Eckmanns Idee war) vom Tisch gefegt.
Er begann mit dem in der Walkaboutsversion rockigen Song The Stopping-Off-Place, den er in einer ruhigen, ja fast zarten Version spielte, die mich und wie´s aussah den Rest des Publikums auch in seinen Bann schlug, der den Rest des Konzertes anhalten sollte (nur ab und zu gestört vom Gelärme der Forumsmannschaft an der Theke).
Das zweite Stück Up in the Graveyard leitete Eckmann mit der Äußerung ein, er habe es im ersten Golfkrieg geschrieben, dann setzte er selbstironisch dazu, dass das natürlich sehr pathetisch sei, das jetzt so zu sagen, und machte mit diesem leisen Humor deutlich, dass er eigentlich nicht dazu neigt, sich zu überschätzen.
Er beglückte uns (DAS klingt jetzt auch pathetisch, ist aber in diesem Falle einfach wahr) mit vielen seiner wunderbaren Songs:
Mit dem von der portugiesischen Fado – Musik inspirierten Fadista – meiner Ansicht nach das Artischockenherz seines Soloalbums A Janela.
Mit dem kaum wieder zu erkennenden Grand Theft Auto. Man kennt es ja von den Walkabouts: selbst bei zwei Konzerten der gleichen Tour hört man kaum ein Lied identisch wiederholt. So unterscheiden sich die krachigere Studiowalkaboutsversion von Grand Theft Auto von der Chris und Carla live in Llubljana – Variante mehr von einander als bei anderen Bands die einzelnen Lieder und Covers vom Original. Ich übertreibe nicht, wenn ich schreibe, dass es diesmal kaum wieder zu erkennen war: tatsächlich war ich mir erst sicher, als der Text einsetzte. Diesmal setzte Eckmann ganz selbstverständlich die zur Verfügung stehende Technik ein, nicht um der Technik Willen, nein, er benutzte sie zur Kreation der Musik, nur als Mittel zum Zweck, indem er auf geniale Art und Weise sein eigenes Intro sampelte und loopte, um darauf das Solo zu spielen, was ihm so bruchlos gelang, dass ich im ersten Moment dachte: Hört sich an, als würde er vierhändig spielen, wie macht er das nur?
Auch die mir bisher unbekannten Songs von seinem neuen Soloalbum The Black Field spielte Eckmann mitreißend, insbesondere das umwerfend klagende Restless, in dem dem lyrischen Ich (natürlich wäre es Eckmann zuzutrauen, dass der Song autobiographisch ist, muss ja aber nicht sein) vorgeworfen wird, dass es rastlos sei, als es sich gerade wünscht, es wäre tot.
Doch es waren nicht nur die sagenhaft poetischen Texte Eckmanns, die bezauberten: manchmal musste man nur die Augen schließen und Chris Eckmann schuf mit seiner Gitarre das ganze Universum neu wie beim kleinen Zauberer, der den Tieren die ganze Welt zaubert, nachdem sie hinter den geschlossenen Augenlidern verschwunden ist – und seine Stimme legte sich auf diese Klanglandschaft wie Morgentau.
Mit seinem sympathisch trockenem Humor sparte er allerdings auch weniger als sonst: Als er mit John, der die Platten verkaufte, die Go-Betweens coverte (es ist so angenehm, dass Eckmann trotz seines Dylanschen Sauertopfgesichts nicht wirklich Starallüren hat, sondern vor und nach dem Konzert im Publikum rumläuft und Lieder mit dem Merchandisingmann spielt), erzählte er vom Abend zuvor, an dem er in Fulda gewesen sei. Auf dem Konzert seien nur neun Leute gewesen, deshalb habe er begonnen Songs zu spielen, die er selbst nicht kannte einer davon dieser. Fulda sei ein schwarzes Loch und die Hölle. Er riet uns niemals dort hinzugehen, selbst wenn wir unbedingt müssten.
Als er sich kurz darauf bei uns bedankte und sagte, wir seien ein großartiges Publikum, rief ein Mann vor uns, sie seien aus Fulda gekommen. Eckmann erzählte sofort cool, dass sie sich noch eben im Auto darüber unterhalten hätten, wie schön es in Fulda gewesen sei, vor allem ihr Zimmer dort…
Er coverte Girls just wanna have fun. Bei einem Lied erzählte er, hätten ihn in Griechenland Leute angesprochen, welcher griechische Philosoph den Text geschrieben hätte, und es stellte sich heraus, dass der Song von den Buzzcocks war.
Nur am Ende, bei der etwa tausendsten Zugabe ich dachte noch: von mir aus könnte er die ganze Nacht weiterspielen – erlitt ich eine persönliche Enttäuschung. Zum krönenden Abschluß spielte Chris Eckmann so sauer, wie ich ihn selten auf der Bühne erlebt habe, A glad nation’s death song. In meiner vertrauensseeligen Gutgläubigkeit hatte ich dieses Lied immer für ein antinationalistisches, gar antinationales Lied gehalten. Leider leitete Eckmann es mit den Worten ein: Fuck George Bush, fuck Donald Rumsfeld! Man kann einwenden, dass Eckmann als Amerikaner (auch wenn er wohl gerade in Llubljana wohnt) das darf: der Hauptfeind ist das eigene Land. Aber diese Form der Personalisierung, die im einig antiamerikanischen Deutschland auf billige Art Stimmung produziert, ist hier mehr als platt, denn sie kommt schnell einem Schulterschluss mit den deutschen Nationalistischen und den SPD-Anhängern, die sich auf Old Europe einen runterholen, gleich. Zumal Eckmann schon als es um den Feiertag ging eine naiv idealistische Vorstellung von Europa gezeigt hatte, da er meinte, es sei sehr europäisch, wenn viele an dem Tag zwischen Feiertag und Wochenende auch frei hätten: als wenn irgendwo auf der Welt so ein Arbeitsfetischismus zelebriert würde wie in Deutschland.
So ist das eben oft mit Künstlern: manchmal wissen sie wohl nicht was sie tun, wenn sie Lieder schreiben, die etwas revolutionärer sind als die Künstler. Und wenn sie sie dann vor einen politischen Wagen spannen wollen, geht’s steil bergab. Schade um diesen Gülletropfen in einem großartigen Konzert.
Links:
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www.thewalkabouts.com
